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Nadine Rose: Migration als Bildungsherausforderung

Cover Nadine Rose: Migration als Bildungsherausforderung. Subjektivierung und Diskriminierung im Spiegel von Migrationsbiographien. transcript (Bielefeld) 2012. 473 Seiten. ISBN 978-3-8376-2135-8. D: 35,80 EUR, A: 36,80 EUR.

Reihe: Theorie Bilden - Band 29.
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Diskurstheoretisches Verständnis von Subjektkonstitutionsprozessen

Über Migration als freiwillige wie erzwungene Wanderungsbewegungen von Menschen gibt es vielfältige Zugänge: anthropologische, ethnologische, politische, moralische, inter- und transkulturelle… Die wichtigste Literatur dazu wird bei www.socialnet.de/rezensionen rezensiert. Die Stichworte dazu reichen von A wie Assimilation bis Z wie Zuwanderungspolitik. Migrationspolitik umfasst dabei lokale wie globale Herausforderungen. Als 1994 sechzig Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler das Manifest „Deutschland und die Einwanderung“ veröffentlichten, da trieb sie die Sorge um, dass „vor dem Hintergrund der fremdenfeindlichen Ausschreitungen ( ) sich die Diskussion in Deutschland vorwiegend auf Fragen der Schadensbegrenzung und in der Sache auf die Themen Gewalt, Jugend, Medien und mögliche Konflikte in einer multikulturellen Gesellschaft (konzentriert)“, und die wesentlich bedeutsameren Fragestellungen in den Hintergrund geraden, dass „Deutschlands Zukunft ( ) auch von einer Migrations- und Integrationspolitik mit Vernunft und Augenmaß (abhängt)“ (Klaus J. Bade, Hrsg., Das Manifest der 60. Deutschland und die Einwanderung, München 1994, 231 S.). Die politischen und wissenschaftlichen Fragestellungen und Antworten werden bislang eher verhalten unter den Aspekten der interkulturellen Kommunikation und den Fragen nach einer Interkulturalität in der Einen Welt diskutiert (Jürgen Beneke / Francis Jarman, Hrsg., Interkulturalität in Wissenschaft und Praxis, Hildesheimer Universitätsschriften, Bd. 15, 2005, 273 S.).

Ein Aspekt der Migrationsthematik, der bildungs- und erziehungswissenschaftliche, ist zwar seit den Ergebnissen der internationalen und nationalen Schulvergleichsuntersuchungen (PISA, u.a.), stärker in den Blickpunkt geraten; etwa der Frage, wie Migrationsphänomene im pädagogischen Diskurs Eingang finden (Paul Mecheril / Mario do Mar Castro Varela / Inci Dirim / Annita Kalpaka / Claus Melter, Migrationspädagogik, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/9383.php), doch die Zusammenhänge von „Migration und Psyche“ (Sigrid Scheifele, Hrsg., Migration und Psyche. Aufbrüche und Erschütterungen, 2008, www.socialnet.de/rezensionen/6112.php) finden bisher wenig Aufmerksamkeit und Forschungsanlass.

Entstehungshintergrund und Autorin

In der europäischen Identitätsstudie, in der über zehn Jahre die personalen, sozialen und familiären Identitäten von Kindern und Jugendlichen aus zehn europäischen Ländern untersucht wurden, lassen sich für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund eine Reihe von Entwicklungen erkennen, die sich etwa in der Bildung von Parallelgesellschaften, aber auch der Bereitschaft zur Integration und Identifikation zum Zuwanderungsland darstellen (Ulrich Schmidt-Denter, Die Deutschen und ihre Migration. Ergebnisse der europäischen Identitätsstudie, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12676.php). Auf dieses Gebiet begibt sich auch Nadine Rose, die an der Universität Hamburg ihre Dissertation zu Fragen der „Subjektivierung und Diskriminierung im Spiegel von Migrationsbiographien“ vorlegt. Sie nimmt den Gedanken auf, der sich in der Biographieforschung als Zusammenhang von Bildung und Biographie darstellt (Thorsten Fuchs, Bildung und Biographie. Eine Reformulierung der bildungstheoretisch orientierten Biographieforschung, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11821.php), jedoch fokussiert auf Subjektivierungs- und Diskriminierungsaspekte von Kindern mit Migrationshintergrund. Ihr Anliegen ist, „Bildungsprozesse und Fremdheitserfahrungen“ (Hans-Christoph Koller, u.a., Hrsg., Bildungsprozesse und Fremdheitserfahrung. Beiträge zu einer Theorie transformatorischer Bildungsprozesse, 2007, www.socialnet.de/rezensionen/6179.php) durch biographische Anamnesen deutlicher sichtbarer zu machen. Mit ihrer These, dass Bildung als grundlegende Kompetenz für individuelle, gesellschaftliche und soziale Chancengerechtigkeit eine unverzichtbare Voraussetzung für eine demokratische und freie Gesellschaft darstellt, begibt sie sich auf das Feld eines „neuen Aufbruchs“, in dem Begriffe wie „Bildungsgerechtigkeit“ (Ingo Kramer, Herausforderung Bildungsgerechtigkeit, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11185.php), „Partizipation“ (Benedikt Widmayer / Frank Nonnenmacher, Hrsg., Partizipation als Bildungsziel, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12104.php) und die Besinnung darauf, dass paidaia, also Bildung und Erziehung etwas zu tun haben mit dem Streben des Menschen, die eigenen Anlagen so zu entwickeln, dass das Individuum als gleichberechtigtes, intellektuell, moralisch denkendes und handelndes Lebewesen in der menschlichen Gemeinschaft leben kann (Michael Maaser / Gerrit Walther, Hrsg., Bildung. Ziele und Formen, Traditionen und Systeme, Medien und Akteure, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11295.php). Denn die Bestandsaufnahmen und Anrufe „Bildung tut not – Bildung in Not!“ (Eberhard Straub, Deutschland Deine Bildung!. Essays zur Idee und Geschichte, 2008, www.socialnet.de/rezensionen/8681.php) drängen danach, in der sich immer interdependenter, entgrenzender und globalisierender entwickelnden (Einen?) Welt die interkulturelle Vielfalt der Menschen als Chance für die humane Weiterentwicklung der Menschheit, lokal und global zu begreifen.

Aufbau und Inhalt

Die Autorin gliedert ihre Forschungsarbeit, neben der Einleitung, in einen theoretischen und einen praktischen Teil.

Im ersteren formuliert sie die in der wissenschaftlichen Literatur und Forschung vorliegenden Begründungsdiskurse und Ergebnisse zur Bildungsbe(nach)teiligung von „Jugendlichen mit Migrationshintergrund“ (vgl. dazu auch: Nilüfer Keskin, Probleme der Integration türkischer Migranten der zweiten und dritten Generation, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/6090.php) und diskutiert die relevanten migrationswissenschaftlichen Positionen und der Migrationsforschung, orientiert an Theorien wie sie z. B. Steward Hall zu Diskriminierungs- und Rassismuskonzepten vorgelegt hat.

Mit Judith Butlers Subjekttheorie verbindet sie nunmehr die diskurstheoretischen Überlegungen zu Subjektivierung, Bildung und Rassismus miteinander und kommt zu den vier Thesen, die ihre Forschungsarbeiten leiten:

  1. Rassismusrelevante Anrufungen setzen Subjektivierungsprozesse in Kraft, indem sie die Subjekte in ihre soziale Existenz hineinrufen und performativ die Unterwerfung des Subjekts unter die Normen der Gesellschaft vollziehen.
  2. Rassismusrelevante Anrufungen werden von Subjekten lediglich aktualisiert und weitergeleitet. Die Verantwortung für solches Sprachen obliegt dem Subjekt damit im Sinne einer Aktualisierung der Konvention, aber nicht einer Urheberschaft.
  3. Rassismusrelevante Anrufungen greifen auf Konventionen, auf ein historisches Reservoire von Wissensbeständen, Worten und Bildern zurück und wären ohne diese nicht denkbar, verdecken aber zugleich ihre Konventionalität und Historizität.
  4. Rassismusrelevante Anrufungen sind wie jeder Sprechakt immer der Möglichkeit des Misslingens ausgesetzt und lassen sich dagegen nie vollständig absichern.

Im zweiten, empirischen Teil benutzt sie die erziehungswissenschaftliche Biographieforschung und verdeutlicht an zwei Fallstudien, wie sich die „(Re-)Konstruktion einer Lebensgeschichte aus der jeweils aktuellen Perspektive des Erzählers“ verdeutlichen lässt. Mit Hilfe von narrativen biographischen Interviews erkundet die Autorin die Schilderungen von zwei Personen, die in ihrer biographischen Entwicklung ganz unterschiedliche Erlebnisse und Erfahrungen ausweisen. Da ist zum einen der von kurdischen Eltern aus der Türkei abstammende Junge, der mit seiner Familie im Einwanderungsland Deutschland aufwächst, zum anderen das in Kasachstan geborene Kind, das mit den Eltern im Rahmen der Spätaussiedlerprogramme nach Deutschland kommt. Obwohl beide Kinder im Alter von sechs Jahren nach Deutschland kommen, gestaltet sich ihre Entwicklung als „Kinder mit Migrationshintergrund“ unterschiedlich. Zwar haben beide, bei Schuleintritt in Deutschland, erhebliche Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache und sind dadurch erheblichen Anwürfen und Vorurteilen ausgesetzt; doch die rechtlichen Positionen – hier von vornherein deutsche Staatsangehörigkeit, dort der Status als politisch verfolgte Flüchtlinge – bewirken im Leben der Kinder und Jugendlichen unterschiedliche Erfahrungen als „Andere“ und „Fremde“. In beiden Fällen aber zeigt sich die „Verkörperung des Prekären, die den ‚Anderen‘ letztlich doch als ‚Andere‘ kenntlich und erkennbar macht“.

Mit der Metapher, dass beide „einen Teil vom Kuchen“ abhaben wollen, indem sie beanspruchen, als gleichberechtigte Bürger in dem Einwanderungsland Deutschland zu leben, und zwar sowohl materiell als auch ideell, artikuliert die Autorin die unterschiedlichen Erwartungshaltungen und Verhaltensweisen der Inverviewten, was zu durchaus verschiedenen Anpassungstendenzen und Integrationsanstrengungen führt.

Fazit

Das Wort von der „Bereicherung“ in einer (Einwanderungs-)Gesellschaft wird als Hau-Ruck bezeichnet, in einer kollektiven Lebensgemeinschaft, wie etwa in einem Land, einem Kontinent und Einer Welt, in „kreativer Vielfalt“ zusammen zu leben und eine „globale Ethik“ auf der Grundlage der Menschenrechte zu entwickeln (Deutsche UNESCO-Kommission, Unsere kreative Vielfalt. Bericht der Weltkommission „Kultur und Entwicklung“, 2., erweit. Ausgabe, Bonn 1997, 76 S.). Dass dabei Bildung und Erziehung die unverzichtbar notwendigen Voraussetzungen schaffen müssen, kann heute als Tautologie bezeichnet werden. Die Bemühungen freilich, Migration als Bildungsherausforderung wirksam werden zu lassen, theoretisch und praktisch, vollziehen sich allzu zögerlich und ethnozentrisch. „Ausländer“ und „Inländer“ stellen nach wie vor Grenzziehungen und Diskriminierungsanlässe dar, wie dies in den von der Autorin ausgewiesenen Fallbeispielen deutlich wird. Die Bildungsherausforderung richtet sich dabei sowohl an die Menschen mit Migrationshintergrund (die „Angerufenen“), als auch an die Mehrheitsbevölkerung (die „Anrufenden“). Im Sinne einer neu formulierten „Anrufungspraxis“ beim Umgang der Menschen verschiedener Herkunft in einer Gesellschaft wird mit der Forschungsarbeit von Nadine Rose deutlich, „dass aus dieser existentiellen Abhängigkeit auch eine Verantwortlichkeit für das eigene und institutionelle Sprechen und Handeln erwächst“, denn als soziale, mit Menschenwürde ausgestattete, mit Vernunft begabte und nach einem „guten Leben“ strebende Lebewesen (Aristoteles) sind wir „Anrufende und Angerufene“.

Nadine Roses Arbeit fügt sich ein in die mittlerweile immerhin wachsenden Bemühungen in den Bildungs- und Erziehungswissenschaften, den Aspekten der Subjektivierung und Diskriminierung bei den Migrations- und Integrationsprozessen in der EINEN WELT Aufmerksamkeit zu widmen. Hilfreich ist dabei ohne Zweifel auch, das Bewusstsein in die Köpfe und Herzen der Menschen zu bringen: „Wir haben wesentlich mehr Gemeinsames als Unterschiedliches“ (Mehmet Gürcan Daimagüler, Kein schöner Land in dieser Zeit. Das Märchen von der gescheiterten Integration, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12723.php), wie auch die mittlerweile selbstbewusst artikulierten Signale der Menschen mit Migrationshintergrund an die Mehrheitsbevölkerung (Zafer Senocak, Deutschsein. Eine Aufklärungsschrift, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/10870.php). Und zum Schluss dazu eine weitere Erkenntnis: „Fremd ist nicht einfach nur das Andere“ (Anna Caroline Cöster / Max Matter, Hrsg., Fremdheit und Migration. Kulturwissenschaftliche Perspektiven für Europa, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12023.php).


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 10.10.2012 zu: Nadine Rose: Migration als Bildungsherausforderung. Subjektivierung und Diskriminierung im Spiegel von Migrationsbiographien. transcript (Bielefeld) 2012. ISBN 978-3-8376-2135-8. Reihe: Theorie Bilden - Band 29. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/13933.php, Datum des Zugriffs 25.06.2016.


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