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Otfried Jarren, Matthias Künzler u.a. (Hrsg.): Medienwandel oder Medienkrise?

Cover Otfried Jarren, Matthias Künzler, Manuel Puppis (Hrsg.): Medienwandel oder Medienkrise? Folgen für Medienstrukturen und ihre Erforschung. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2012. 229 Seiten. ISBN 978-3-8329-6664-5. 34,00 EUR.

Reihe: Medienstrukturen - Band 1.
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Thema

Ob es sich lediglich um einen Wandel der Medien selbst oder um eine mehr als durch technologische Innovationen und marktförmige Vereinnahmung der nicht nur klassischen Medien induzierte Krise handelt, wird im größeren Analysehorizont von Mediensystemen und -strukturen und nicht zuletzt Medienpolitik auf nationaler wie europäischer Ebene behandelt. Aus Sicht der Macher, angesichts der Schließung von Korrespondentenbüros und teils dramatischen Einschrumpfungen von Redaktionen nicht nur im Bereich der Tagespresse, handelt es sich um eine vor allem konjunkturelle wie strukturelle Krise, was von Verlegern und Managern eher als ‚Gesundschrumpfung‘ gesehen und mit dem Argument gekontert wird, mit weniger Ressourcen resp. Manpower sei unter dem Strich mehr zu leisten, weshalb auch keine negativen Folgen solchen eher Wandels für die Demokratie zu befürchten seien. Mit dieser kontroversen Einschätzung eröffnen die Herausgeber ihren Sammelband mit Beiträgen von fünfzehn AutorInnen, die alle um relevante Detailfragen kreisen.

Aufbau und Inhalt

Nach dem „Auftakt“ ist der Band in drei Teile gegliedert. Unter diesen Auftakt fällt die Einleitung über die Frage zu Medienkrise oder Medienwandel wie des Weiteren nach einer Krise des Journalismus und korrespondierend einer der Demokratie. Bereits im zweiten Beitrag des Auftakts ist vorformuliert, was alle anderen Beiträge leitfadenhaft durchzieht: Wir befänden uns in einer „Übergangszeit“ und ob „die Bewältigung der analogen Kommunikationskrise durch den Prozess der Digitalisierung wirklich gelingen“ könne, wisse der Autor nicht, auch wenn er es „für wahrscheinlich halte.“ (Norbert Schneider, S. 32)

Gleich zu Beginn wird demgegenüber im ersten Beitrag des ersten Teils über die Krise des Journalismus Skepsis laut: „Zu allergrößten Hoffnungen besteht wenig Anlass, denn auch weiterhin werden die geldwerten Mittel definieren, welchen Journalismus eine Gesellschaft bekommt. Und Organisationen sind in kapitalistischen Gesellschaften immer geldabhängig.“ (Klaus-Dieter Altmeppen, S. 51) Hier bedürfe es eines Diskurses über „Medienethik“, der „journalistische Ethik“ erhält und befördert, was, wie Barbara Thomaß annimmt, so kommen wird, weil es bislang so war: „Dies lässt sich auch für die Krise der Ethik, die durch die ökonomische Krise gegeben ist, vermuten.“ (S. 81) Da wir uns jedoch in einer „Übergangszeit“ befinden, könnten im „Zuge der Digitalisierung“ neue Öffentlichkeiten entstehen (Schneider, S. 32), die über Diskurse einer tragfähigen Ethik in den Sattel helfen. Denkbar sei, „dass in Social Media in erheblichem Maße und auf ähnlichem Niveau Berichterstattung betrieben wird wie im professionellen Journalismus“ – aber eben nur denkbar. Mehr spricht dafür, dass „Laienkommunikatoren“ sich lediglich an Themen und Beiträgen des professionellen Journalismus abarbeiten, damit „Anschlusskommunikation“ eröffnen, die „sich aber kaum als journalistische Leistung interpretieren“ ließe. (Christoph Neuberger, S. 71 f) Diesen ersten Teil schließt Josef Seethaler mit einem Kommentar zum Handlungsbedarf für Politik, Medienunternehmen und Journalisten angesichts der Krise des Journalismus ab und rät Reflexion darüber an, wie sich der gegenwärtige Umbruch in der Medienlandschaft auf das Berufsbild des Journalisten auswirken wird und welche Folgen dies für den Prozess der öffentlichen Meinungs- und Willensbildung haben könnte.

Für diese noch ungewisse Zukunft nimmt zu Beginn des zweiten Teils Hans J. Kleinsteuber einen stiftungsfinanzierten Journalismus in den Blick, dessen Problematik aus Abhängigkeit von Stiftern er sieht, mit dem er aber gleichwohl liebäugelt, ermutigt durch Erfahrungen aus den USA. Ganz im Sinne Kleinsteubers, der ein Freund des guten alten Dampfradios war und in der „low power Community-Radiostation“ ein bedeutsames Potential sah (Otfried Jarren, S. 5), diskutiert Helmut Peissl den dritten Rundfunksektor, die Community Medien. Er erkennt in diesem „Public Service von unten“, der „explizit auf die gesellschaftliche Diversität“ eingeht, einen Adressaten für öffentliche Finanzierung, was unter der Voraussetzung der Wahrung von Qualitätsstandards „eine demokratiepolitisch mehr als lohnende Investition“ wäre. (S. 124) Gerade in der „sprachlich und kulturell aufgeteilten und politisch föderalistisch aufgebauten Schweiz spielt die Regionalberichterstattung eine zentrale Rolle“, betont Werner A. Meier. Ausgehend von seiner These, „dass Qualitätsjournalismus von Leitmedien immer weniger über Werbung finanziert werden kann“, sich dieses Problem für lokale Nachrichtenmedien verschärft stelle, wirft er u.a. die Frage auf, ob „sich nicht neue Organisationsmodelle denken und abklären“ ließen, „die beides können und wollen, nämlich sich genossenschaftlich zu organisieren, professionellen und Bürgerjournalismus zu verbinden (…) und ein gemischtes Finanzierungsregime von zivilgesellschaftlicher, öffentlicher und staatlicher Finanzierung aufzuziehen?“ (S. 141) Enzensbergers „Baukasten zu einer Theorie der Medien“ nimmt hier erste – schwache – Gestalt an; aber auch seine Kritik hallt andeutungsweise bei Wolfgang Seufert nach, der sich mit den Auswirkungen des Medienwandels auf die Struktur des marktfinanzierten Medienangebots beschäftigt. Er zieht in Zweifel, dass, sofern „kein erfolgreiches Modell für eine Entgeltfinanzierung im Internet gefunden wird“, „die heutige Breite des redaktionell erstellten Online-Angebotes durch eine Marktfinanzierung auf Dauer aufrechterhalten werden kann.“ (S. 162) Es geht ums liebe Geld – bereits im ersten Teil des Bandes war davon zu lesen. Auch dieser zweite Teil kreist mit dem Kommentar von Otfried Jarren unter der Frage nach Medienkrise oder Tageszeitungsfinanzierungskrise ums leidige Geld. Gebührenfinanzierung sei bekanntlich eine höchst umstrittene Angelegenheit, die Festlegung des auf die Mediennutzer entfallenden Obulus habe aber darüber hinaus auch eine „gesamtgesellschaftliche Bedeutung: Die jeweiligen Debatten über die Gebühren zeigen an, zu welchen Preisen die Gesellschaft bereit ist, Publizistik und damit auch (Qualitäts-)Journalismus zu ermöglichen“, und er fordert, diese Debatte „systematischer und allgemeinöffentlicher“ zu führen. (S. 170 f)

Nur folgerichtig, dass die Beiträge des dritten Teils über ‚Politik‘ handeln, wobei – wie auch anders – ‚Europa‘ im Fokus liegt. Ein durch Richtlinien auf den Weg gebrachtes und gefördertes, grenzüberschreitendes Fernsehen mit europäischen Inhalten klappt nicht so recht, weil sich die meisten Angebote doch nach dem Geschmack des nationalen Publikums (aus-)richten, hält Susanne Nikoltchev u.a. fest. Thomas Schneider, der in einer Fußnote meint betonen zu müssen, dass seine Aussagen nicht die Meinung des Bundesamtes für Kommunikation oder des Europarates wiedergeben (er ist dort tätig), baut auf den neuen Medienbegriff des Europarates und dessen Konzept einer kohärenten Medienpolitik auch unter Berücksichtigung „weitreichender Veränderungen im Medienökosystem“. Überzeugungsarbeit sei zu leisten und die Regierungen zu veranlassen, „ihre Regulierungsnormen danach auszurichten“. (S. 204) Deutlicher wird Wolfgang Schulz im letzten Kommentar zu Machtverschiebungen im Mehr-Ebenen-System, in dem er darauf hinweist, dass die Europäisierung des Rechts nicht nur im Medienbereich mit einer stärkeren Politisierung einher geht, sondern es sich letztlich um einen „Aushandlungsprozess“ handelt, „inwieweit beispielsweise eine Gebührenfinanzierung bestimmter Inhalte als Ausnahmen im System des Europäischen Beihilferechts akzeptabel ist.“ (S. 224 – Im Original steht „Beilhilferechts“, was ganz gewiss ein Druckfehler und kein versteckter Kommentar über Form und Inhalt des ‚Aushandelns‘ ist.) Wenngleich Telekommunikationsregulierung auch den Rundfunkbereich beeinflusse, scheine „die Regulierungsintensität in vielen für den Rundfunk relevanten Bereichen derzeit nachzulassen“, stellt Pascal Schumacher im Beitrag davor fest. Wenn auch „andere audiovisuelle Angebote“ neben dem klassischen Funk und Fernsehen „teilweise nicht den pluralitätssichernden Vorschriften“ unterfielen, sieht er das „grundlegende Problem (…) weniger im Bereich der materiellen Vorgaben. Kopfzerbrechen bereiten vielmehr die zersplitterten Aufsichtsstrukturen.“ (S. 218)

Fazit

Aufsicht und Kontrolle tun für den Zweck Not, dass der Prozess der Demokratisierung von Gesellschaft(en) durch unabhängigen Journalismus gewährleistet bleibt. Was dabei alles zu beachten ist, wird in diesem Sammelband eindrucksvoll umfassend dargestellt. Wohl nicht umsonst beenden die Herausgeber Manuel Puppis, Matthias Künzler und Otfried Jarren ihre Einleitung damit, dass ein „Widerstand von Medienunternehmen“ gegen Reformen „vorprogrammiert“ sei, „die von der jetzigen Situation profitieren“. Reform würde bedeuten, auch mit öffentlicher Finanzierung eine vielfältige „Medienlandschaft mit qualitativ hochwertigen journalistischen Leistungen“ über die Grenzen hinweg zu sichern. Kurzum: Business und guter, unabhängiger Journalismus bis an den Bereich des mutig investigativen scheinen nur schlecht miteinander zu verschwistern zu sein. Aber so neu ist das nicht. Karl Bücher, Nestor der Zeitungswissenschaft, er gründete 1916 das erste Institut für Zeitungskunde in Deutschland, meinte lapidar: „Die Zeitung hat den Charakter einer Unternehmung, die Anzeigenraum als Ware produziert, die nur durch den redaktionellen Teil absetzbar wird.“ Wie der redaktionelle Teil davon affiziert wird, auch davon weiß man inzwischen ein leidiges Lied zu singen. Und schließlich fügte Paul Sethe, der den Berufsstand des Journalisten als „Gewissen der Nation“ verstanden wissen wollte, 1965 hinzu: „Pressefreiheit ist die Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten“, wobei er immerhin noch Oasen ausmachte, „in denen noch die Luft der Freiheit weht“ – Oasen, die es nach wie vor gibt, die aber zu versanden drohen. Diese beiden Merksätze, wohl immer noch Handgepäck jedes und jeder Publizistikstudierenden, sind den Herausgebern wohlbekannt, wie man etwa Jarrens älteren Schriften entnehmen kann. Daran darf man getrost und wiederholt erinnern. Der Wind, der aus solchen Zitaten weht, hat inzwischen für eine ‚Abstimmung mit den Füßen gesorgt‘. Nicht nur der Vormarsch der digitalen Medien wird es sein, der die Abonnentenzahlen der Tageszeitungen bis hinter die Grenze der Überlebensfähigkeit schrumpfen lässt, der Radio und vielleicht auch zunehmend das Fernsehen in den Rang eines ‚Begleitmediums‘ herabstuft. Das ist für das „Gewissen der Nation“ ebenso prekär wie es für die Rezipienten entmündigend zu werden droht. Darum sind die Fragen und Antworten um „Medienkrise und Medienwandel“, wie sie im Band vorgestellt werden, nicht nur von hohem Informationswert, sondern durch diesen Wert und die zur Diskussion gestellten Argumente ein Rüstzeug, das jedem, der Demokratie und ihre tragenden Institutionen als streitbare versteht, zu empfehlen ist.


Rezensent
Arnold Schmieder
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Zitiervorschlag
Arnold Schmieder. Rezension vom 28.11.2012 zu: Otfried Jarren, Matthias Künzler, Manuel Puppis (Hrsg.): Medienwandel oder Medienkrise? Folgen für Medienstrukturen und ihre Erforschung. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2012. ISBN 978-3-8329-6664-5. Reihe: Medienstrukturen - Band 1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/13941.php, Datum des Zugriffs 30.05.2016.


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