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Katharina Hohmann: Lebensqualität im Altenheim

Cover Katharina Hohmann: Lebensqualität im Altenheim. Zur Bedeutung tiergestützter Dienstleistungen. Monsenstein und Vannerdat (Münster) 2012. 152 Seiten. ISBN 978-3-86991-513-5. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR.

Reihe: MV Wissenschaft.
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Thema

Alte Menschen, die stark pflegebedürftig sind, leben oft im Pflegeheim, weil ihr soziales Netzwerk die nötige Unterstützung zuhause nicht mehr leisten konnte oder weil eine fortgeschrittene dementielle Erkrankung ihren Alltag zu sehr erschwerte. Diese beiden Faktoren erhöhen aber auch im Heim die Gefahr für Isolation und Einsamkeit. Hinzu kommen in den Einrichtungen eine knappe Personaldecke und geringe Ressourcen zur Anregung und Förderung der Lebensqualität der BewohnerInnen. Die Chance zur Begegnung mit Tieren bietet hier Möglichkeiten, die zwar schon recht verbreitet, aber nur wenig wissenschaftlich evaluiert sind.

Autorin und Entstehungshintergrund

Die Autorin Katharina Hohmann, die selbst mit ihrem Therapiehund in einem Pflegeheim tiergestützte Dienstleistungen erbracht hat, hat diese wissenschaftlich fundiert evaluiert, als empirische Abschlussarbeit an der Universität Gießen eingereicht und anschließend publiziert.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in einen ca. ein Drittel umfassenden theoretischen und einen deutlich längeren empirischen Teil gegliedert. Im Theorieteil gibt das erste Kapitel einen knappen Überblick über die demografische Entwicklung unter besonderer Berücksichtigung der zunehmenden Zahl an Demenz erkrankter Menschen.

Das zweite Kapitel dient der Klärung und Abgrenzung des Begriffes „Tiergestützte Therapie“. Dabei diskutiert die Autorin verschiedene Definitionen, die seit den 1960er Jahren in den USA und erst in jüngster Zeit auch in Deutschland entwickelt wurden. Besonders die Delta-Society (inzwischen anders als noch im Buch unter www.petpartners.org zu finden) hat die Unterscheidung zwischen tiergestützten Aktivitäten (AAA-animal assisted actvities) und tiergestützter Therapie (AAT – animal assisted therapy) erstmals explizit formuliert. Davon wird außerdem die tiergestützte Pädagogik abgegrenzt, auch wenn es erhebliche Überschneidungen bei verschiedenen Autoren gibt. Nachdem auch der Begriff der Dienstleistung eingeführt und seine soziale Dimension herausgearbeitet ist, wird für das vorliegende Buch die tiergestützte Dienstleistung als „zielgerichtete, betreuende und beschäftigende Leistungen, die von einem Mensch-Tier-Team professionalisiert ausgeführt und dokumentiert werden“ definiert (S.31).

Im folgenden Kapitel wird das zugrundeliegende Verständnis von Lebensqualität im Pflegeheim verdeutlicht, das sich u. a. an den Dimensionen des sehr anerkannten und differenzierten „Heidelberger Instrumentes zur Erfassung von Lebensqualität bei Demenz“ (HILDE) orientiert. Das letzte Theoriekapitel ist dem Stand der Forschung zur Wirkung von Mensch-Tier-Interaktionen unter besonderer Berücksichtigung von Menschen mit Demenz gewidmet. Zusammengefasst zeigen sich die Effekte nachweislich u. a. in sozial-emotionaler, physisch-physiologischer, mentaler und präventiver Hinsicht.

In der Schlussfolgerung am Ende des Theorieteils wird das große Potenzial tiergestützter Dienstleistungen herausgestellt, die in einem interdisziplinären Feld verortet werden. Wichtig sei allerdings eine Professionalisierung und bessere wissenschaftliche Evaluierung, zu der die empirische Untersuchung beitragen will.

Der empirische Teil beginnt mit einer Reflexion der Voraussetzungen auf Seiten der Pflegeeinrichtung hinsichtlich der Offenheit und Kooperationsbereitschaft einerseits und des Mensch-Hund-Teams (Ausbildung, Erfahrung, Vorwissen) andererseits. Das überzeugende Design und die Methode der qualitativen Untersuchung werden sorgfältig transparent gemacht und die einbezogenen BewohnerInnen vorgestellt.

In dem mit „Darstellung der Zwischenergebnisse“ überschriebenen Kapitel wird die Sorgfalt und Qualität der Durchführung der Untersuchung dann hervorragend deutlich: Detailliert werden Verlauf und Entwicklungen der Begegnungen mit sieben BewohnerInnen im Laufe von 17 Monaten beschrieben, in denen das „Mensch-Hund-Team“ zweiwöchentlich Einsätze in der Einrichtung durchführte. Dies ermöglicht den LeserInnen, sich Treffen für Treffen ein eigenes Bild von den Wirkungen der tiergestützten Dienstleistung zu machen. Ergänzend werden auch die Beobachtungsergebnisse von weiteren, unregelmäßigen Treffen mit anderen BewohnerInnen dargestellt.

Die Ergebnisdarstellung in nächsten Abschnitt ist entlang der fallspezifischen Codes formuliert, die bei der Interviewauswertung gewonnen wurden. Sie werden am Schluss zusammengeführt, so dass positive wie negative Facetten in eine zeitliche Ordnung gebracht werden können. Daraus wird ersichtlich, dass zu Beginn („Vorgeschichte“) bereits wichtige Emotionen wirksam sind, die beachtet werden müssen, damit es bei der Interaktion („Hauptgeschichte“) tatsächlich zu Kommunikation , Beziehung, Körperkontakt kommt, was wiederum Voraussetzung dafür ist, dass Wirkungen („Endgeschichte“) wie gesundheitliche Effekte oder das Gefühl von Wertgeschätzt-werden erzielt werden.

Diskussion

Das Buch gibt im Theorieteil einen aktuellen Überblick über den Stand der Forschung zu tiergestützten Interventionen im Setting Pflegeheim. Seine wirkliche Stärke liegt jedoch in den detailgenauer und bei aller Sachlichkeit sehr einfühlsamen Schilderungen der Interaktionen der alten Menschen mit dem sog. Mensch-Hund-Team, die man sich bei manch anderer wissenschaftlicher Beobachtung von Interaktionen in Pflegeheimen wünschen würde. Dass die Autorin dabei auch ihre eigenen Aktivitäten darstellt, macht wie im Brennglas sichtbar, dass es keineswegs darum geht, den BewohnerInnen „nur“ ein Streicheltier zur Verfügung zu stellen, sondern dass mit großer Professionalität und Geduld durch tiergestützte Dienstleistungen bei ganz unterschiedlichen alten Menschen Entwicklungen angestoßen und Erfahrungen ermöglicht werden, die sichtlich ihre (Er-)Lebensqualität verbessern.

Fazit

Das Buch ist eine theoretische und praktische Fundgrube für alle, die in der Praxis der Altenhilfe tätig sind und sich über die Potenziale, aber auch die notwendigen Voraussetzungen und Anforderungen an tiergestützte Interventionen informieren wollen, die tatsächlich zur Verbesserung der Lebensqualität von alten Menschen beitragen können.


Rezensentin
Prof. Dr. Josefine Heusinger
Dipl. Soz., Professorin für Soziale Arbeit und Generationenbeziehungen, Vorstand des Instituts für gerontologische Forschung e. V.
Homepage www.igfberlin.de
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Zitiervorschlag
Josefine Heusinger. Rezension vom 09.09.2013 zu: Katharina Hohmann: Lebensqualität im Altenheim. Zur Bedeutung tiergestützter Dienstleistungen. Monsenstein und Vannerdat (Münster) 2012. ISBN 978-3-86991-513-5. Reihe: MV Wissenschaft. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/13952.php, Datum des Zugriffs 06.12.2016.


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