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Johannes Gruntz-Stoll: Erzählte Behinderung

Cover Johannes Gruntz-Stoll: Erzählte Behinderung. Grundlagen und Beispiele narrativer Heilpädagogik. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2012. 203 Seiten. ISBN 978-3-258-07663-8. D: 36,90 EUR, A: 29,30 EUR, CH: 36,90 sFr.

Reihe: Lernen ermöglichen - Entwicklung fördern - Band 6.
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Thema

Aus der Geschichte der Heilpädagogik, verstanden als „Praxis und Theorie von Bildung und Erziehung unter erschwerten Bedingungen“, leuchtet immer wieder ein Grundsatz auf, der mit Blick auf die „Erzählte Behinderung“ einfach an den Anfang gestellt werden muss: „Erst Verstehen, dann Handeln“. Doch das Verstehen braucht neben dem „Elementaren“ in der Diktion von Klafki, das eigentlich schon ein Reflektieren und Erklären ist, auch das „Fundamentale“, d.h. einen „lebendig leidenschaftlichen“, Sinn erschließenden Zugang, der sich in „doppelter Negation“ am „Exemplarischen“ oder Beispielhaften quasi von selbst aufhebt oder synthetisiert.

Die vorliegende „erkundende“ Studie, entstanden „im Grenzbereich zwischen Heil- und Sonderpädagogik“ sowie „Literaturwissenschaft und Geschichtsphilosophie“ vertieft und erweitert die Möglichkeiten des Verstehens eines Phänomens, das jeden Menschen betreffen kann und alltäglich immer wieder betrifft: der Behinderung. Dabei ist Behinderung nicht so sehr als Merkmal einer Person oder einer Personengruppe aufzufassen, sondern eher als Ausdruck einer Situation, die „Menschen mit Beeinträchtigungen Lebensmöglichkeiten nimmt, begrenzt oder erschwert“ (Forum behinderter Juristinnen und Juristen).

Aufbau, Inhalt und Diskussion

Die Studie „Erzählte Behinderung“ basiert auf der Erfassung der Daten von 234 literarischen Texten (Stand 2010) über „Erfahrungen von Menschen mit Behinderung“. Diese Texte werden „erschlossen und verortet“, indem Schritt um Schritt Kategorien gebildet werden, die als Kriterien für die Auswahl und Aufnahme von literarischen Texten in die erstellte Datenbank angesehen werden können. Jeder Titel der den Abschluss der Studie bildenden Bibliografie wird daher „mit Angaben zu drei Kategorien der Datenbank annotiert und kommentiert“: Textadressaten, Erzählmotiv und Erzählperson.

Die objektivierenden Befunde „auf dem Wege vom Buchtext zur Datenbank“ und zu „verschiedenen Lesarten der Texte“, in denen u.a. auch reichlich Zahlen, Tabellen und Diagramme vorkommen, damit auch quantitative Zusammenhänge zwischen den Kategorien zur Darstellung gebracht werden können, werden auf hermeneutisch anspruchsvolle Weise durch das exemplarische „Erlesen und Verstehen“ der Texte von Georg Paulmichl, Urs Faes und Ursula Eggli kontrakariert. Dabei geht der Autor mittels der von ihm sogenannten focued reading Interpretationsweise vertieft auf die Erzählmotive der oben genannten Autoren ein: „Identität und Narration“, „Personen und Perspektiven“ und „Empathie und Reflexion“.

Der Leser kann also immer wieder entscheiden, wie er sich die insgesamt (nicht nummerierten) 10 Kapitel erlesen möchte; über die Grundlagen, die Beispiele oder die Bibliografie.

Die Studie endet mit einem entwicklungsoffenen Ausblick, der insbesondere die Frage nach der Wirkung und „didaktischen Vermittlung“ der aus dem Lesen und Verstehen der Erzählungen gewonnenen Einsichten aufwirft. Für den Autor werden die interessierten Leser an dieser Stelle zu willkommenen Akteuren und sehen sich zur Mitarbeit eingeladen und herausgefordert.

Zielgruppen

Von Behinderung direkt und mittelbar Betroffene als kompetente Gespächs- und Kooperationspartner; Lehrende und Studierende sozial- und heilpädagogischer Studiengänge, die sich mit den Innenperspektiven von Behinderung , Krankheit, aber auch Exklusion und Inklusion befassen möchten und dazu eine systematisierende Einführung brauchen.

Fazit

Der vorliegenden Studie gelingt es auf eingängige und nachvollziehbare Weise, die „Übungszone“ (Sloterdijk) „lösungs-, ressourcen- und systemorientierter Heilpädagogik“ um die verstehende, konkret menschliche Dimension zu erweitern. Kunst gerät so zur „Zone der nächsten Entwicklung“ (Wygotski) von Wissenschaft. „Erzählte Wirklichkeiten“ werden zu Möglichkeiten, ja Notwendigkeiten der Veränderung fachlicher und gesellschaftlicher Normalität, wobei „Raum geschaffen (wird) für andere Normalitäten“. Der Mut zur Lücke, auf den der Autor immer wieder Bezug nimmt, hat sich gelohnt.


Rezensent
Prof. Dr. Manfred Jödecke
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Zitiervorschlag
Manfred Jödecke. Rezension vom 28.08.2013 zu: Johannes Gruntz-Stoll: Erzählte Behinderung. Grundlagen und Beispiele narrativer Heilpädagogik. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2012. ISBN 978-3-258-07663-8. Reihe: Lernen ermöglichen - Entwicklung fördern - Band 6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/13956.php, Datum des Zugriffs 28.08.2016.


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