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Ute Ziegenhain (Hrsg.): Lernprogramm Baby-Lesen

Cover Ute Ziegenhain (Hrsg.): Lernprogramm Baby-Lesen. Übungsfilme für Hebammen, Kinderärzte, Kinderkrankenschwestern und Sozialberufe ; 3 Tabellen. Hippokrates Verlag c/o MVS Medizinverlage Stuttgart (Stuttgart) 2010. 56 Seiten. ISBN 978-3-8304-5482-3. 29,95 EUR, CH: 50,90 sFr.

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Thema

Das Manual „Übungsfilme Baby-Lesen“ wurde als Übungs- und Lernmaterial für Angehörige des Gesundheits- und Sozialwesens, die mit Eltern und ihren Säuglingen/Kleinkindern arbeiten sowie über kindliche Verhaltenszeichen und förderliche Eltern-Kind-Interaktionen informiert sein wollen, konzipiert. Das Manual vermittelt dem Leser grundlegende, verständliche und knapp gehaltene Informationen über förderliche und hemmende Einflüsse auf die frühkindliche Entwicklung sowie die Eltern- Kind-Interaktion. Umfangreiche Bild- und Videobeiträge unterstützen die Inhalte didaktisch und schulen die Beobachtung und Interpretation kindlicher Verhaltenssignale ebenso wie die Reflexion des elterlichen Erziehungsverhaltens.

Der grundlegende Gedanke des Manuals besteht darin, dass sich kindliche adaptive Kompetenzen zur Bewältigung von Entwicklungsaufgaben im Rahmen „gelingender Eltern-Kind-Interaktion“ entfalten und die Grundlage für eine gesunde kindliche Entwicklung bieten. Gelingende Eltern-Kind-Interaktionen umfassen passende, d.h. prompte, angemessene und feinfühlige elterliche Verhaltensreaktionen auf die Verhaltenssignale, welche beispielsweise Säuglinge über Feinzeichen von Offenheit und Belastbarkeit im autonomen System, im motorischen System, im System der Schlaf-Wachzustände und im System der kognitiven Aufmerksamkeit und sozialen Aufgeschlossenheit ausdrücken können.

Dem Heft ist eine Begleit-DVD mit 17 Interaktionsbeispielen zu unterschiedlichen Situationen und Entwicklungszeitpunkten beigelegt. Elf weitere Übungsfilme dienen der Überprüfung der eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen zur Beurteilung feinfühligen Elternverhaltens. Schließlich enthält die DVD auch vier Kommunikationsbeispiele zwischen einer Beraterin und Eltern.

Autorinnen und Autor

  • Prof. Dr. Ute Ziegenhain ist Professorin an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Ulm und leitet dort die Sektion Pädagogik, Jugendhilfe, Bindungsforschung und Entwicklungspsychopathologie.
  • Sigrid Gebauer ist Kinderkrankenschwester, Diplom-Psychologin und psychologische Psychotherapeutin in Pforzheim.
  • Birgit Ziesel ist als Diplom-Psychologin in einer Beratungsstelle im Landkreis Konstanz tätig.
  • Dr. Anne Katrin Künster ist leitende Psychologin in der Sektion Pädagogik, Jugendhilfe, Bindungsforschung und Entwicklungspsychopathologie der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Ulm.
  • Prof. Dr. Jörg M. Fegert ist ärztlicher Direktor der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Ulm.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in einen bündigen grundlegenden Teil zur „elterlichen Feinfühligkeit und Gesundheitsförderung“ und einen darauf aufbauenden umfangreicheren praxisorientierten Teil.

Im Kapitel elterliche Feinfühligkeit und Gesundheitsförderung wird die Bedeutung elterlicher Feinfühligkeit für eine gesunde kindliche Entwicklung einleitend auf vier Seiten behandelt. In Anlehnung an Sroufe (1996) wird feinfühliges Verhalten als „intuitive und kontinuierliche Unterstützung bei der Regulation der wechselnden Erregungsniveaus und emotionalen Befindlichkeiten des Säuglings“ (S. 1) definiert. Grundgedanken der Eltern-Kind-Interaktion und früher Regulationsprobleme werden beschrieben. Nachfolgend wird zusammengefasst, dass eine gelingende Eltern-Kind-Interaktion die Basis für die Entwicklung einer sicheren Bindungsrepräsentation darstellen kann, welche wiederum als „Vorläufer flexibler und kompetenter Bewältigungsstrategien und einer positiven Selbstentwicklung“ (S. 2) einen Entwicklungsvorteil im nachfolgenden Lebens- und Entwicklungsverlauf bedeuten kann. Dabei wird, mit einem Rückgriff auf Aitken & Trevarthem (1997), die Eltern-Kind-Interaktion als transaktionale „zwischenmenschliche Bewusstheit“ verstanden, in welche sowohl das Kind als auch die Eltern über Blickkontakt, Vokalisation, Kopfbewegungen und Arm- und Handbewegungen Verhaltensmuster zur Interaktionssteuerung hineingeben. Für Säuglinge in den ersten Lebensmonaten wird kurz die Bedeutung der Feinzeichen der Verhaltensregulation erläutert, anhand derer „abgelesen“ werden kann, „inwieweit das Kind in einer […] Interaktionssituation mit seinen Regulationskompetenzen allein zurechtkommt oder inwieweit es Hilfe und Unterstützung bei der Regulation seines Verhaltens und seiner Gefühle braucht“ (S. 3).

Das folgende Kapitel fokussiert Interaktionen zwischen Eltern und Kind zu verschiedenen Entwicklungszeitpunkten. In Anlehnung an die Zeitpunkte ärztlicher Früherkennungsuntersuchungen (U2 bis U7a) werden auf den Seiten 4-5 bedeutende Entwicklungsschritte und -kompetenzen der ersten 36 Lebensmonate skizziert, die jeweils mit bestimmten „(An-) Passungsanforderungen an Kind und Eltern“ einhergehen. Im Einzelnen werden herausgegriffen:

  • U2 (3.-10. Lebenstag): Kennenlernen und sich-aufeinander-einstellen
  • U3 (4.-6. Lebenswoche): Zeit der wechselnden Anpassung
  • U4 (3.-4. Lebensmonat): Spaß am Gespräch
  • U5 (6.-7. Lebensmonat): Freude am gemeinsamen Spiel
  • U6 (10.-12. Lebensmonat): Emotionale Sicherheit und die Welt entdecken
  • U7 (21.-24. Lebensmonat): Miteinander reden
  • U7a (34.-36. Lebensmonat): Kompromisse aushandeln und kooperieren

Es werden jeweils die besonderen Entwicklungsschritte der kindlichen Entwicklung (z.B. Verhaltensregulation, shared attention, soziales Lächeln, lautieren, motorische Entwicklung, social referencing, self-awareness und theory of mind) angerissen und mit den Anforderungen an das elterliche Verhalten (z.B. emotionale Imitation, Entwicklung dialogischer Gesprächsabfolgen, Aufmerksamkeitslenkung) in Zusammenhang gebracht. Veranschaulicht werden die Themenbereiche durch kurze Videosequenzen.

Praxisnahe Beispiele stehen im Zentrum des Kapitels Eltern und Kind im Dialog (S. 15-29), welches sich der Interaktion von Eltern und Kind widmet. Auf der Basis der Feinfühligkeitsskala nach Ainsworth, Bell und Stayton (1974) wird im ersten Abschnitt des Kapitels eine Kurzskala zur Beurteilung feinfühligen Verhaltens erläutert. Anhand der Komponenten „Signale des Kindes wahrnehmen“, „emotionales Ausdrucksverhalten auf kindliches Verhalten abstimmen“ und „emotional negativer Verhaltensausdruck“ kann elterliches Verhalten differenziert beschrieben und verschiedenen Kategorien zur Ausprägung elterlicher Feinfühligkeit (sehr – feinfühlig – feinfühlig – wenig feinfühlig – überhaupt nicht feinfühlig) zugeordnet werden. Die Feinfühligkeits-Ausprägungen werden anhand von Filmbeispielen verschiedener Interaktionssituationen zwischen einer Mutter und ihrem (durch eine Puppe ersetztem) Säugling dargestellt sowie im Text erläutert. Im zweiten Abschnitt dieses Kapitels werden die Feinzeichen von Offenheit und Belastung beim Säugling und Kleinkind beschrieben. Diese lassen sich nach Als (1982), Nugent und Brazelton (1995) sowie Derksen (2009) in ein „autonomes“, „motorisches“ sowie ein System der „Schlaf- und Wachzustände“ und der „kognitiven und sozialen Aufgeschlossenheit“ untergliedern. Beispielhafte Feinzeichen für Interaktionsbereitschaft, Belastung mit und Belastung ohne ausreichende Selbstregulation werden tabellarisch dargestellt und ebenfalls anhand von Videobespielen veranschaulicht.

Es folgt ein Kapitel mit Übungen zur Einschätzung des feinfühligen Verhaltens der Eltern. In diesem Unterkapitel werden elf Filmbeispiele zur Einschätzung feinfühligen Verhaltens präsentiert. Anhand einer beiliegenden Lösungsmatrix zum feinfühligen Verhalten können diese durch den Leser selbst im Hinblick darauf, „inwieweit es den Eltern gelingt, die Signale und Befindlichkeiten ihrer Kinder in ihrem Verhalten angemessen zu berücksichtigen“ (S. 35), eingeschätzt werden.

Einige Hinweise und Praxistipps für die Kommunikation mit Eltern werden im nächsten Kapitel gegeben. Thematisiert wird, wie man in der Kommunikation mit Eltern 1) Sympathie gewinnen und Kontakt aufnehmen, 2) im Gespräch bleiben, 3) Verhalten beschreiben , 4) Verhalten umdeuten und 5) Lösungen finden kann.

Daran anschließend finden sich im Kapitel Angebote für Familien mit Säuglingen und Kleinkindern steckbriefartige Kurzübersichten über die Aufgaben von und Zugangswege zu Institutionen Früher Hilfen, wie z.B. Kinder- und Jugendhilfe, Familienbildung, Erziehungs- und Familienberatung, sozialpädagogische Familienhilfe, Kinderschutz-Zentren, Gesundheitsämter, Frühförderung und Sozialpädiatrische Zentren.

Abschließend folgt ein Lösungsteil mit den Bewertungen der Übungsfilme, so dass der Leser des Manuals seine eigene Einschätzung der Filmbeispiele überprüfen kann.

Diskussion

Das vorliegende Manual ist keinesfalls als umfassendes Lehrbuch zur frühkindlichen Entwicklung, Bindungstheorie oder Eltern-Kind-Interaktion zu verstehen. Es handelt es sich vielmehr um eine knapp formulierte, aber durchaus wertvolle Lektüre, die sich zur Übung und als Schatzkiste für Fachpersonen aus dem Bereich der frühen Bildung, Frühförderung und des Gesundheitswesen (z.B. Hebammen und insbesondere Familienhebammen, Kinderkrankenschwestern, Erzieherinnen und Eltern-Säuglings-Kleinkindpsychotherapeuten) bestens eignet. Das Übungsprogramm kann insbesondere dabei helfen, das Verständnis für die Zusammenarbeit mit Säuglingen und Kleinkindern, das Erkennen kindlicher Verhaltenszeichen und elterlicher Reaktionen zu schärfen.

Die Texte des Manuals und die Übungs- und Demonstrationsfilme sind sinnvoll aufeinander abgestimmt. Die Filmbeispiele werden im Manual einleitend vorgestellt und anschließend im Hinblick auf die Kriterien feinfühligen Elternverhaltens beurteilt. Dort wo eine theoretische Fundierung angezeigt ist, erfolgt sie, wenn auch in sehr kurzer Ausführung. Somit ist das Buch tatsächlich als Übungsprogramm zu verstehen und liefert eine durchaus sinnvolle Ergänzung zu dem 2009 ebenfalls im Hippokrates Verlag erschienenen Buch „Baby-Lesen. Die Signale des Babys lesen und verstehen“ von Bärbel Derksen und Susanne Lohmann.

Fazit

Das Manual bietet insgesamt interessante Impulse zur Vorbereitung auf die Arbeit mit Eltern, welche durch verschiedenste eigene Belastungen besonders herausgefordert sind, die Signale ihres Kindes wahr- und aufzunehmen sowie angemessen, prompt und feinfühlig auf diese zu reagieren. Somit kann das Manual für Mitarbeiter der Frühförderung und Elternberatung genauso wichtige Anregungen geben, wie in der Betreuung psychisch kranker Eltern oder auch in der üblichen Hebammennachsorge bei Eltern, die Unsicherheiten im Umgang mit ihrem Säugling erleben. Die Filme bieten ebenfalls nützliches Lernmaterial für Studierende der Hebammenkunde, Kinderkrankenpflege, Entwicklungspsychologie und Pädiatrie, sowie für die Schulung und Weiterbildung.


Rezensentin
Prof. Dr. Nina Gawehn
Professorin für Psychologie (Entwicklungs- und Sozialpsychologie) Hochschule für Gesundheit Bochum


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Zitiervorschlag
Nina Gawehn. Rezension vom 14.11.2012 zu: Ute Ziegenhain (Hrsg.): Lernprogramm Baby-Lesen. Übungsfilme für Hebammen, Kinderärzte, Kinderkrankenschwestern und Sozialberufe ; 3 Tabellen. Hippokrates Verlag c/o MVS Medizinverlage Stuttgart (Stuttgart) 2010. ISBN 978-3-8304-5482-3. + DVD-Video. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/13962.php, Datum des Zugriffs 27.09.2016.


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