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Heinz Buschkowsky: Neukölln ist überall

Cover Heinz Buschkowsky: Neukölln ist überall. Ullstein Verlag (München) 2012. 397 Seiten. ISBN 978-3-550-08011-1. D: 19,99 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.
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Thema

Segregationsprozesse vornehmlich im bundesdeutschen Großstadtkontext sind mit all den unterschiedlichen Phänomenen ein seit Jahren sowohl politisch als auch wissenschaftlich durchaus unterschiedlich gewichteter Diskurs, insbesondere wenn es neben der reinen Beschreibung von Veränderungen um Analysen möglicher Ursachen und der Entwicklung entsprechender Interventionen geht. Am Beispiel des ca. 300.000 Einwohner_innen starken Berliner Bezirkes Neukölln versucht der dortig langjährig amtierende Bezirksbürgermeister die Auswirkungen der gesellschaftlichen Entwicklungen zu beschreiben und zu analysieren. Neuköllns Beispiel soll als Folie für gesellschaftliche Entwicklungen auch in anderen bundesdeutschen Großstädten dienen. Der Fokus der Analyse liegt dabei sehr deutlich auf der Thematik der Integration von Menschen sogenannter nichtdeutscher Herkunft bzw. mit sogenanntem Migrationshintergrund. „Über die Integration und all ihre Nebenthemen gibt es in Deutschland keinen Erkenntnismangel. Wir haben ein Handlungsdefizit“ (S.11). Daher finden sich neben viel kritischer Betrachtung auf „die aufgeschriebene Wirklichkeit an einem bestimmten Ort in der Bundesrepublik Deutschland“ (S.9) durchaus vorgelegte Konzeptideen für Veränderungen in einem politischen Kontext.

Autor

Der Autor Heinz Buschkowsky, Jahrgang 1948, ist seit vierzig Jahren Mitglied der SPD. Seit 12 Jahren leitet er als Bezirksbürgermeister kontinuierlich das Neuköllner Rathaus. Bemerkenswert erscheint, dass er bereits seit 1989 in diesem Bezirk als hauptamtlicher Kommunalpolitiker in verschiedenen gestaltenden Funktionen (Finanzstadtrat, Jugendstadtrat, Gesundheitsstadtrat etc.) tätig gewesen ist und bereits von 1991-1992 als Bezirksbürgermeister fungiert hat. So verwundert es in keiner Weise, wenn das Buch mit den Worten startet: „Vor Ihnen liegt ein politisches Buch, keine wissenschaftliche Expertise“ (S.9). Diese deutliche Klärung dient zur Orientierung bei der Lektüre und sollte durchaus bei der möglichen Rezeption der Inhalte reflektiert werden: eine Abgrenzung zu wissenschaftlichen Expertisen.

Aufbau und Inhalt

Das umfangreiche Buch ist neben einem Vorwort und einem Anhang in sechzehn Kapitel strukturiert. Zunächst wird historisch in den Berliner Bezirk eingeführt und die aktuelle Situation der Lebenslagen der dort lebenden Menschen im Grundsatz beschrieben. So haben von der Neuköllner Bevölkerung „41% einen Migrationshintergrund“ (S.34). Es wird darauf verwiesen, dass in den „1990er Jahren fast 69% der Industriearbeitsplätze“ (S.38) weggefallen sind bzw. dass an einigen Schulen Neuköllns eine Lernmittelbefreiungsquote von „über 90%“ (S.43) besteht, die ein Indikator für die ökonomische relative Armut darstellt. Im Folgenden wird schwerpunktmäßig die Thematik der Einwanderung, Migration, religiöser und sogenannt kultureller Hintergründe und deren Einfluss auf Veränderungen im Stadtbezirk fokussiert. Die dabei zugrunde gelegten Kategorien der Wirklichkeitskonstruktion fallen ausgesprochen vielfältig aus. „Imbisse mit bei den Ur-Berlinern beliebten Produkten gibt es in weiten Teilen der Neuköllner Innenstadt so gut wie kaum noch“ (S.40), ist bspw. eine Wahrnehmungsbeschreibung. Das Verschwinden von traditionellen Sportvereinen (S.56), der Aufbau sogenannter Parallelgesellschaften, die Stellung der Frauen in Familie und Gesellschaft und viele weitere Aspekte werden „als ein riesiger Schritt zurück zu Fred Feuerstein“ (S.58) beschrieben.

Daran schließen sich verschieden argumentierte Ausführungen zum politischen Diskurs, zur Entstehung von „Islamophobie und Überfremdungsangst“ (S.114) sowie eine gedankliche Rekonstruktion eines Gespräches des Autors mit seinem Berliner Parteigenossen Thilo Sarrazin, bei der er sich durchaus inhaltlich von dessen Argumentationslinie offensiv distanziert, „Was nutzt mir die sorgfältigste Analyse, wenn mein Lösungsansatz nicht zur Behebung des Problems führt, sondern selbst zum Problem wird?“ (S.139).

Nun folgt ein Blick auf internationale Ausgangslagen und Vorgehensweisen, da der Autor diesbezüglich im Rahmen seiner politischen Amtsfunktion einige Auslandsexkursion durchgeführt hat. „Der Demographiehammer“ (S.200) dient im Nachfolgenden maßgeblich der Argumentation, dass sich die Politik und die Gesellschaft mit der Thematik der Zukunftsgestaltung der nachwachsenden Generation intensiv befassen müssen.

Nach einem Exkurs zur Kriminalität fokussiert Heinz Buschkowsky folglich stark auf die Bildungssysteme Kindertagesstätte und Schule. Die letzten gut sechzig Seiten des Buches befassen sich damit, „was zu tun ist“ (S.329). Hier findet sich ein argumentatives Potpourri vom Fordern und Fördern hin zur Verknüpfung von Transferleistungen an Verpflichtungen, zur Steuerung der Einwanderung, der Bevölkerungsentwicklung sowie maßgeblich der Bildungs- und Ausbildungspolitik. Das Buch endet mit der politischen Überzeugung des Autors „beim Idealbild der integrierten Gesellschaft und ich habe mir dafür den Ansatzpunkt bei den Kindern ausgesucht“ (S.382).

Diskussion

Das umfangreiche und durch die benannten Kapitel vermeintlich strukturierte Buch lässt sich gerade im Wissen, dass es sich um ein politisch intendiertes und kein wissenschaftlich ausgearbeitetes Buch handelt, aus Sicht des Rezensenten nicht besonders geschmeidig und flüssig lesen. Einerseits ist dies bedingt durch ein rhetorisches Mittel. Der Autor verweist an mehreren Stellen des Buches auf die Notwendigkeit hin, dass Verallgemeinerungen in keiner Weise hilfreich sind und die Realität nicht abbilden. Zugleich vollzieht er dann im nächsten Schritt genau diese die Komplexität des Alltags reduzierenden Verallgemeinerungen. So bleibt es dem Lesenden überlassen, ob die Voranstellung schlicht die Funktion einer Absicherung hat, das Benannte stets als ein Missverständnis darstellen zu können. Andererseits verwundert es an vielen Stellen durchaus, dass ein Politiker in dieser Funktion anscheinend so wenig Gestaltungsspielraum zu haben scheint, zumal er diese Funktion wie beschrieben seit vielen Jahren inne hat. Im schlimmsten Fall kann dies bei Lesenden dazu führen, die Funktionsfähigkeit des demokratischen Systems in Frage zu stellen. Dies wäre jedoch ausgesprochen reduziert.

Die neoliberale Deregulierung, die nicht vom Himmel gefallen ist, sondern das Resultat politischen Willens und entsprechender gesetzlicher Ableitungen, führt zu deutlichen Konsequenzen gerade auf kommunalpolitischer Ebene durch die massiv veränderten Lebenslagen und Lebenswelten der Bevölkerung. Dies zumindest in der politischen Betrachtung zu haben, wäre einem Bundesparteiratsmitglied anzuraten. Um es abschließend deutlich zu benennen: die Argumentationsmotivation des Autors erscheint in der Tat nicht durch die ihm in Teilen vorgeworfene Fremdenfeindlichkeit oder ähnliches bedingt. Ihm liegt das demokratische Gemeinwesen durchaus überzeugt am Herzen. Seine inhaltliche Argumentationslogik hingegen erschwert den Zugang deutlich, da er bereits in seinen Wahrnehmungskonstruktionen eher kulturalistische und differenzerzeugende Indikatoren nutzt, die zudem in eine ironische, teilweise zynische bzw. diffamierende Rhetorik mündet. Dies mag in einer kommunalpolitischen Bütt durchaus unterhaltsamen Charakter haben. In der politischen Verantwortung eines über mehrere Jahrzehnte aktiven und hauptamtlichen Kommunalpolitikers erscheint dies nicht angemessen. Er baut damit keine konstruktiv ausgerichtete Dialogstruktur auf. Dies jedoch bildet die Grundlage für ein demokratisches Gemeinwesen.

Fazit

Es handelt sich um ein durchweg politisches Buch ohne einen für die wissenschaftlich fundierte Fach- und Praxisdebatte erkennbaren neuen Erkenntnisgewinn vorzuweisen. Es mangelt eben nicht an wissenschaftlichen Erkenntnissen bspw. zur Gestaltung von die Chancengerechtigkeit und Teilhabeermöglichungen fördernden Bildungsprozessen, sondern an der konsequenten politischen Rahmung dieser Erkenntnisse. Riskant wird eine Argumentation, wenn dafür die Betroffenen von Exklusionsprozessen maßgeblich in Verantwortung gezogenen werden und nicht die politischen Gestalter_innen, zu denen der Autor eben selbst gehört.


Rezensent
Prof. Dr. Stefan Bestmann
Seit 2009 Gastprofessor (halbes Deputat) für Soziale Arbeit an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin und seit 2000 in freier Praxis als Sozialarbeitsforscher, Praxisberater und Trainer tätig. Schwerpunkte: Sozialraumorientierte Soziale Arbeit, Gesundheitsförderung von Kindern und Jugendlichen, Lösungsfokussierter Beratungsansatz, Inklusion, Partizipation, Organisationsentwicklung, Personalentwicklungsmaßnahmen in Organisationen Sozialer Arbeit, Gestaltung von Qualitätsmanagementprozessen, Praxisforschungen und Evaluationen.
Homepage www.eins-berlin.de
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Zitiervorschlag
Stefan Bestmann. Rezension vom 06.02.2013 zu: Heinz Buschkowsky: Neukölln ist überall. Ullstein Verlag (München) 2012. ISBN 978-3-550-08011-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/13965.php, Datum des Zugriffs 01.10.2016.


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