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Kathrin Hartmann: Wir müssen leider draussen bleiben

Cover Kathrin Hartmann: Wir müssen leider draussen bleiben. Die neue Armut in der Konsumgesellschaft. Karl Blessing Verlag (München) 2012. 415 Seiten. ISBN 978-3-89667-457-9. D: 18,95 EUR, A: 19,50 EUR.
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Autorin

Die Autorin Kathrin Hartmann arbeitete als Redakteurin für die Frankfurter Rundschau, taz und für Neon. Kürzlich erschien ihr zweites Buch „Wir müssen leider draußen bleiben – Die neue Armut in der Konsumgesellschaft“ im deutschen Blessing Verlag.

Entstehungshintergrund

Entsolidarisierung, die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, die Entwertung von Arbeit und Einkommen – all dies sind die großen Themen, an denen sich die Autorin in ihrem neuen Buch in akribisch recherchierten Fallbeispielen abarbeitet. Neben der (wachsenden) Armut in Deutschland, spielt die Beschäftigung mit globalen Strukturen von Armut und den damit einhergehenden sozialen Exklusionsprozessen durch das Diktat einer neoliberalen Ökonomie eine zentrale Rolle. Für die Entstehung des Buches besuchte die Autorin Tafeln in Deutschland, neue Wohnprojekte für Wohlhabende in Szenevierteln deutscher Städte und unternahm eine Reise nach Bangladesch für ihre Reportage über Mikrokredite.

Aufbau und Inhalt

Ohne Umschweife kommt die Autorin auf den ersten Seiten zum zentralen Thema des Buches: dem Auseinanderdriften der Lebenswelten von bildungsbürgerlicher Mittelschicht und sogenannter „Unterschicht“. Die Konsequenzen der sich stetig öffnenden Schere zwischen Arm und Reich werden in dem neun Kapitel umfassenden Buch Schritt für Schritt rekonstruiert:

  1. Kultivierter Hass: Warum die Konsumgesellschaft ihren Bestand durch Ausgrenzung sichert und die Mittelschicht sich nach oben orientiert, während sie nach unten tritt
  2. Dann sollen sie doch Kuchen essen! Überschuss für die Überflüssigen: Wie die Tafeln arbeiten und was sie bewirken
  3. Von der Gentrifizierung zur Gated Community: Wie in den Städten Arme durch Wohlhabende verdrängt werden und warum die Politik dies befördert
  4. Die Macht der Eliten: Warum sich die Reichen aus der Gesellschaft verabschiedet haben und wie sie um ihren Vorteil kämpfen
  5. Endlich sagt's mal einer! Wie das Feuilleton die Rechte der Etablierten verteidigt
  6. Das Ende der Solidarität: Wie die Politik zugunsten der Wirtschaft Arbeit zerstört und Menschen bricht
  7. Die Privatisierung der Weltrettung: Social Business oder Profite mit den Ärmsten
  8. Mikrokredite: Wahnsinn mit Methode. Eine Reportage aus Bangladesch
  9. Her mit dem schönen Leben! Warum nur wir als Gesellschaft für gerechten Wohlstand kämpfen können

(1) Die Tafelgesellschaft. Das erste Fallbeispiel widmet sich den Tafeln in Deutschland. Die Frage, ob die mittlerweile fast 900 Tafeln (tafel.de, 28.9.2012) zu Recht als große Hoffnung gegen die Bekämpfung von Armut und vor allem Hunger gelten können, steht im Mittelpunkt. Dabei erhält der/die LeserIn Einblick in den Tafel-Alltag, erfährt, welche Menschen zur Tafel gehen und auch die Gründe, die dazu geführt haben, dass der normale Supermarkteinkauf irgendwann zu teuer wurde. Dass ein Besuch beim Supermarkt für immer mehr Menschen zum Luxus wird, zeigt die Verdreifachung der Tafeln in Deutschland zwischen 2003 und 2009 (S. 39). Der Kreis der Personen, die von Armut betroffen sind, erweitert sich sukzessive - und damit auch die Klientel der Tafeln. Die Tafeln, so Hartmann, erfüllen jedoch nicht die Funktion der ursächlichen Armutsbekämpfung, sondern fungieren vielmehr als Umverteilungseinrichtungen in einer Überflussgesellschaft. Umverteilt wird nicht der Reichtum, sondern der von den NormalverbraucherInnen gerade nicht nachgefragte Rest an Konsumgütern. Die Funktion der Tafeln als Verteilungseinrichtung zur Beseitigung von „Armut und Überfluss“ (S. 52) wird von Hartmann kritisch reinterpretiert als Verteilung von „Überflüssige[m] an Überflüssige“ (ebd.). Jene, die die Waren abliefern, sind Unternehmen des Lebensmittelhandels, für die Tafeln zwei wichtige Funktionen erfüllen: die einer kostengünstigen Entsorgungsstelle und als Teil der CSR-Strategie. Denn ohne die überquellenden Regale der Supermärkte, wären Tafeln nicht denkbar. Sie sind es, in denen die übrig gebliebenen Reste entsorgt werden. Hartmann arbeitet anschaulich den Zynismus heraus, der der Tafelgesellschaft immanent ist: Ohne Überfluss keine Tafeln. „Indem Tafeln diesem Überschuss einen „Sinn“ verleihen, erhalten sie das System Konsumgesellschaft, dessen wesentlicher Motor die Verschwendung ist.“ (S. 73)

(2) Soziale Verdrängungsprozesse. Das zweite Fallbeispiel ist jenen sozialen Wandlungsprozessen in Städten gewidmet, die unter der Bezeichnung dere Gentrifizierung längst Eingang in den alltäglichen Sprachgebrauch. Am Beispiel eines Berliner Viertels räumt die Autorin neben den Gewinnern der städtischen Aufwertungsprozesse vor allem den Verlierern Platz ein, für die Gentrifizierung zu einem Verdrängungsprozess geworden ist. „Nur noch jeder fünfte Anwohner des Prenzlauer Bergs hat dort den Fall der Mauer erlebt – alle anderen sind später hinzugezogen: Die Einwohnerschaft hat sich zu 80 Prozent ausgetauscht. Nur mehr ein knappes Fünftel des [sic!] sind Alteingesessene. Die Anzahl der Bewohner mit Abitur hat sich seit 1990 verdoppelt, in den teuersten Gegenden rund um den Helmholtz- und Kollwitzplatz leben nun zu drei Vierteln Akademiker.“ (S. 115) Den schönen Bildern, mit dem die Presseabteilungen der Immobilienfirmen den Wunsch nach lebenswertem Wohnen in den „üblichen“ Vierteln bei der entsprechend liquiden Mittelschichtklientel anpreisen, stehen die Alltagskämpfe der alteingesessenen BewohnerInnen gegenüber, die sich die kontinuierlich erhöhenden Mieten nicht mehr leisten können. Auf sozialstruktureller Ebene wird der zunehmende Rückzug der öffentlichen Hand aus der Stadtplanung kritisiert, zu Gunsten privater Immobilienkonzernen, die naturgemäß keine sozialen Zielsetzungen, sondern privatwirtschaftlichen Gewinninteressen verfolgen. Die von sozialpolitischen Vorstellungen getragene Stadtentwicklung wird abgelöst durch zunehmende Privatisierung des öffentlichen Raums, z.B. in Form von „Gated Communities“, indem die Angehörigen der gehobenen Mittelschicht unter sich bleiben. „Kundenwünsche sind die neue städtische Bürgerbeteiligung, und wenn die Stadt zur Privatveranstaltung wird, dann erfolgt ihre Gestaltung auch nach Privatgeschmack.“ (S.136)

(3) Social Business und die Verfestigung globaler Ungleichheitsstrukturen. Der Armut als globalem Gesellschaftsproblem und den Möglichkeiten ihrer Beseitigung ist der letzte Teil des Buches gewidmet. Konkret beleuchtet die Autorin die Rolle der „Social Businesses“ bzw. des „Social Entrepreneurship“ in der globalen Armutsbekämpfung. Dahinter verbirgt sich die Idee, dass soziale Probleme, wie eben Armut, durch wirtschaftliche Handlungsformen gelöst werden und nicht mehr politisch, wie bspw. durch den Sozialstaat. Als ein prominenter Vertreter der „Social Business“-Idee gilt der bangladeschische Wirtschaftswissenschaftler und Banker Muhammad Yunus, der als Erfinder der Mikrokredite 2006 mit dem Friedensnobelpreis geehrt wurde. Doch ganz so friedlich sieht das die Autorin nicht – vielmehr kritisiert sie auf Basis von fundiertem Material (kritische Studien, Lokalaugenschein, Interviews) das Bild des altruistischen Armutsbekämpfers. Ihre These lautet: Yunus ist keineswegs ein Gegner der neoliberalen Marktwirtschaft, sondern vielmehr selbst Teil jener Elite, die der Idee einer neoliberalen Marktwirtschaft verhaftet ist. „Yunus erweckt den Eindruck, er sei besonders nahe an den Armen dran. (…) Tatsächlich aber stammt Yunus, Sohn eines Juweliers, aus der gehobenen Mittelschicht und studierte Wirtschaftswissenschaften in den USA. Sein Bild von Armut ist, wenn man genauer hinsieht, ebenso westlich geprägt wie seine Idee der ökonomisch rentablen Entwicklungshilfe. Weil er mit dem Habitus der westlichen Elite vertraut ist, nimmt diese ihn ernst.“ (S. 255f.) Yunus erfand mit seinen Mikrokrediten ein Geschäftsmodell, das auch jenen das Schuldenmachen ermöglicht, die kaum über Startkapital verfügen. Im Zuge ihres Lokalaugenscheins nimmt Hartmann die LeserInnen mit nach Bangladesch auf ihre Suche nach lokalen Vertriebsmitarbeiterinnen für das Joghurt eines Joint-Ventures von Danone und Grameen, des (Bank-)Konzerns von Yunus. An deren Ende steht allerdings keineswegs die Huldigung des in Deutschland von der Danone-Konzernzentrale als erfolgreich verkündeten Projekts gegen Armut. Vielmehr folgt die Gewissheit, dass die Selbstständigkeit der Unternehmerinnen, sprich der Danone-Grameen Vertriebsmitarbeiterinnen, primär der Kostenreduktion des Joint-Ventures dient, und als vorrangiges Ziel weniger deren Befreiung aus der Armut gilt als der Einführung eines neuen Premium-Joghurts auf dem bangladeschischen Markt. Das Risiko bei Nichtgelingen tragen zu großen Teilen die Vertriebsmitarbeiterinnen selbst. Neben dem Fallbeispiel des Danone-Grameen-Joint-Venture widmet sich die Autorin während ihres Lokalaugenscheins dem System der Mikrokredite. „Nirgendwo auf der Welt leben so viele Mikrokreditnehmerinnen wie in Bangladesch: 30 Millionen – ein Fünftel der Bevölkerung – haben im Schnitt je 60 Euro Schulden bei einem Institut.“ (S. 319) Ernüchternd sind die Erkenntnisse, zu denen Hartmann durch ihre investigative Vorgehensweise gelangt: So konstatiert sie einen Wandel der engmaschigen sozialen Netze der Dorfgemeinschaften zu Kontrollgemeinschaften, die die einzelnen Kreditnehmerinnen unter starken Druck setzen. „Früher unterstützten sich die Frauen gegenseitig, wenn die Familien in Not gerieten (…). Heute ist die gegenseitige „Unterstützung“ (…) zur Sippenhaft geworden: Als Kreditnehmerinnen bürgen sie füreinander. Das ist die wesentliche Sicherheit der Kreditgeber: Wer nicht zurückzahlen kann, der ist nicht nur den Pressionen der Bank ausgeliefert, sondern auch dem sozialen Druck der Mitglieder.“ (S. 320f.) Hartmann zitiert kritische Studien, denen zufolge lediglich 5 bis 10 % der Kreditnehmerinnen von den Mikrokrediten profitieren. Als Schlussfolgerung aus ihrer intensiven Beschäftigung mit dem Mikrokreditwesen in Bangladesch sieht Hartmann ihre Überzeugung bestätigt, dass Privatschulden kein geeignetes Instrument der Entwicklungshilfe darstellen (S. 330 ff.).

Diskussion

Von Beginn bis zum Schluss zieht sich die These der zunehmenden Entsolidarisierung der Mittelschicht mit den armen und armutsgefährdeten BürgerInnen der Unterschicht. Zur Illustration dieses Wandels wählt die Autorin ihre Beispiele geschickt aus. Anhand aktueller Fallbeispiele wird aufgezeigt, wie die vorherrschende Wirtschaftsform der neoliberalen Marktwirtschaft die Schere zwischen Arm und Reich aufgehen und darüber hinaus die gesellschaftliche Solidarität sukzessive erodieren lässt. Untermauert wird ihre Argumentation durch das Heranziehen einer Vielzahl von Quellenmaterial auf der einen Seite und dem gekonnten Einsatz investigativer Methoden auf der anderen Seite. Dieser Quellenreichtum ist es auch, der verhindert, dass die wütende Anklageschrift lediglich als Pamphlet abgetan werden kann. Kathrin Hartmann zeigt anhand jedes einzelnen Beispiels auf, wie sich die Entsolidarisierung zunehmend als (ungleicher) Kampf der Reichen gegen die Armen äußert. Individuelle Geschichten werden durch strukturelle Missstände erklärt. Geht es nach der Autorin, so sollte das Thematisieren dieses Zusammenhangs Aufgabe der Mittelschicht sein. Doch im Gegenteil geht es den Angehörigen der Mittelschicht weniger um empirisch fundiertes Faktenwissen als um Besitzstandswahrung. Das legt Hartmann ausführlich im vierten Kapitel zur „Macht der Eliten“ (S. 155ff.) dar, in dem sie den „skrupellosen Kampf der Reichen für „ihr“ Gymnasium schildert. Mit einer gehörigen Portion Wut und Zynismus rückt sie Klischees zu Leibe und entlarvt reihenweise Stereotype über „die Armen“ als realitätsverzerrende und trivialisierende Vorurteile. Dieses Ins-rechte-Licht-rücken kann folglich auch als deklariertes Ziel dieses Buches verstanden werden.

Fazit

Dass Krisenzeiten produktive Zeiten für KritikerInnen vorherrschender Sichtweisen sind, bestätigt Kathrin Hartmann durch die Vorlage dieses wütenden Buches. Die überaus gekonnte Verbindung von individuellen Geschichten bzw. Schicksalen mit wissenschaftlicher Empirie und Theorie macht das Buch zu einer empfehlenswerten Lektüre für all jene, die an (der) aktuellen Diskussion(en) zu sozialer Ungleichheit interessiert sind. Aber Hartmanns Buch ist nicht zuletzt auch für EinsteigerInnen lesenswert, die sich seit dem Aufkommen der „Occupy“-Bewegung mit Fragen der sozialen Gerechtigkeit auseinandersetzen und sich dabei nicht nur auf vermeintlich neutrale ExpertInnen verlassen wollen.


Rezensentin
Laura Sturzeis
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Zitiervorschlag
Laura Sturzeis. Rezension vom 26.10.2012 zu: Kathrin Hartmann: Wir müssen leider draussen bleiben. Die neue Armut in der Konsumgesellschaft. Karl Blessing Verlag (München) 2012. ISBN 978-3-89667-457-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/13972.php, Datum des Zugriffs 26.08.2016.


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