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Peter Loebell, Ernst Schuberth (Hrsg.): Menschlichkeit in Pädagogik und Erziehungswissenschaft

Cover Peter Loebell, Ernst Schuberth (Hrsg.): Menschlichkeit in Pädagogik und Erziehungswissenschaft. Eine Herausforderung. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2012. 240 Seiten. ISBN 978-3-7815-1877-3. D: 21,90 EUR, A: 22,60 EUR.
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Thema

Im Sammelband „Menschlichkeit in der Pädagogik und Erziehungswissenschaft. Eine Herausforderung“ werden Kernprobleme des Erziehungs- und Bildungswesen kritisch hinterfragt und diskutiert. Im Zentrum der Beiträge steht die Gefährdung des Menschseins sowohl durch die Mechanisierung der Gesellschaft als auch durch strikt kontrollierte und reglementierte Lernprozesse (S. 17). In den vielfältigen Beiträgen werden gesellschaftliche Mechanismen identifiziert und konzeptionelle Überlegungen für die grundsätzliche Gestaltung der Bildungs- und Sozialpolitik vorgestellt. Es werden Gestaltungsmöglichkeiten und positive Beispiele in der Lehrpraxis aufgezeigt, die Veränderungen - wenn diese gewollt sind - initialisieren können. Dabei wird stets die gesellschaftswissenschaftliche Bedeutung des Mensch-Seins in den Vordergrund gestellt.

Aufbau und Inhalt

  1. Im ersten Teil wird die Gefährdung der Menschlichkeit durch die rasante technische Entwicklung thematisiert.
  2. Im zweiten Teil des Buches wird die Einschränkung des Menschlichen in der Pädagogik und Wissenschaft unter Berücksichtigung pädagogischer Institutionen näher betrachtet.
  3. Die Suche nach der Menschlichkeit in der Pädagogik wird im dritten Teil anhand von Themenfeldern aus dem Bereich der Schule kritisch betrachtet. Die fortschreitende Formalisierung von Lernanforderung und dem damit verbundenen Kompetenzerwerb stehen dabei im Mittelpunkt der Beiträge. Anhand von Fallbeispielen, die vorrangig aus der Waldorfpädagogik stammen, werden neue Möglichkeiten der Unterrichtsgestaltung vorgestellt. Eingebettet in diesen Rahmen wird die „klare Trennung von technischen Problemen und deren Lösungen von den Bereichen menschlicher Verantwortung und Gestaltung“ (S.17) eingefordert.

Im ersten Teil thematisiert Edwin Hübner in seinem Beitrag „Den Menschen in der Technik finden“ die zunehmende Entwicklungsgeschwindigkeit der Gesellschaft unter Berücksichtigung technischer Komponenten. In diesen sieht er eine reale Gefährdung der Menschlichkeit durch technische Geräte, die ein stärkeres Eigenleben entwickeln und damit selbstständiger und unabhängiger von ihren Schöpfern werden (S. 22). Den Bezug des Menschen zur Technik betrachtet er unter der Berücksichtigung der Thesen von Gehlen und Portmann. Dabei stellt er fest, dass technische Entwicklungen der Neuzeit als Verdopplung leiblicher Fähigkeiten des Menschens angesehen werden können. Unter dieser Prämisse argumentiert Hübner, dass die Menschheit innerhalb virtueller Räume und künstlichen Welten das Bewusstsein ihrer selbst verliert. Eine Rückbesinnung auf die schöpferische Kraft des Menschen wird von Hübner als existenzielle Aufgabe hervorgehoben.

Die von Hüber beschriebene Problematik greift Bo Dahlin in „Our Posthuman Future: Digital Ghosts or Earth Angels?“ auf. Die Auffassungen des Transhumanismus, den Menschen mittels Implantaten zu verbessern und so Fähigkeiten und Fertigkeiten zu optimieren, werden von Dahlin verschiedenen spirituellen und religiösen Menschenbildern gegenübergestellt. In Bezug auf den Philosophen Spaemann, weist Dahlin darauf hin, dass die Gesellschaft vor der tiefgreifenden Entscheidung steht, den Menschen als spirituelles Wesen oder als komplexen biologischen Computer zu betrachten. Beide Sichtweisen beeinflussen nachhaltig die Wahrnehmung der weiteren gesellschaftlichen Entwicklung.

Horst Rumpf setzt sich in seinem Beitrag „Abschaffung oder Belebung des Menschlichen?“ mit den im Buch enthaltenen Texten von Hübner und Dahlin auseinander. Anhand des Bahnhofsprojektes ‚Stuttgart 21? thematisiert er die Lebensweltansprüche in Bezug auf die moderne Mobilität und auf die menschliche Erfahrung der Leibgebundenheit (S. 54.).

Ingrid Classen-Bauer weist in ihrem Beitrag „Wo bleibt der Mensch? Fehlende Lebensgestaltungsmöglichkeiten der Jugend im globalen Kontext“ auf die Bedrohung der Menschlichkeit bei Kindern und Jugendlichen in Entwicklungsländern hin. Am Fallbeispiel von José Manuel thematisiert sie die hohe Jugendarbeitslosigkeit und die daraus resultierenden fehlenden Lebensgestaltungsmöglichkeiten junger Menschen. Die Frage nach der Mitverantwortung der westlichen Industriegesellschaft und den daraus resultierenden globalen Wirtschaftsbeziehungen verbindet sie mit der Einforderung eines Bewusstseinswandels (S. 73) und der Schaffung eines ethischen Fundaments, bei der die Milleniumsziele als Minimalkonsens betrachtet werden (S.74).

Im zweiten Teil des Buches wird von Karl Garnitschnig „Die Eliminierung des Subjekts in der Erziehungswissenschaft“ diskutiert. Mittels eines historischen Abrisses wird der inhaltliche Subjektbegriff dargestellt. Garnitschnig untersucht zwölf Aufsätze aus der „Zeitschrift für Erziehungswissenschaft“ in Hinblick auf die Darstellung des Subjekts (S. 90). Anhand seiner interpretativen Analysen wird deutlich, dass Personen vorrangig über Funktionsmerkmale beschrieben werden. In diesem Beschreibungsdefizit sieht er die methodische Eliminierung des Subjekts in den Erziehungswissenschaften (S. 101).

Peter Loebell thematisiert in seinem Beitrag „Die alltägliche Bemühung um Menschlichkeit in der Pädagogik: Zur Vereinbarkeit von Lernkontrolle und Kompetenzerwerb“ die immer größer werdende Kluft zwischen Individualität der Lernenden und institutionalisierten Bildungswesen. Im Spannungsfeld der Messbarkeit von Leistungen und der optimalen Entfaltung individueller Fähigkeiten und Fertigkeiten entsteht ein immer größer werdendes Potential der Mechanisierung von Erziehung und Bildung, die subjektbezogenes Lernen be- und verhindert (S.105). Vor allem die Selektionsfunktion der Schule, der wachsende Konkurrenzdruck und die daraus resultierende „Negativspirale“ (S. 106) bei lernschwachen Kindern stehen im Fokus des Beitrages.

Über die prägende Wirkung der Schule, die mit der Einschulung zum Lebensmittelpunkt wird, schreibt Edeltraut Röbe in ihrem Beitrag „?… und da hat sie mich auf den Arm genommen? – Pädagogische Institutionen und Institutionalisierungen aus der Perspektive des Schulanfangs“. Der Ausgangspunkt des Beitrages ist die Fallgeschichte von Lena und ihrem erstem Klassenfoto (S. 119). Röbe betrachtet auf verschiedenen Ebenen die psychische Dynamik, die sich innerhalb der Fallgeschichte entwickelt und die Herausforderungen, die durch den Eintritt in die neue Lebensumwelt ‚Schule? an die Kinder gestellt wird. Es werden verschiedene Typen von Lern- und Bildungssituationen vorgestellt, die sehr unterschiedliche Entwicklungs- und Bildungschancen eröffnen können (S. 123).

Die Frage nach dem Unterrichtsgegenstand ‚Menschlichkeit‘ diskutiert Harm Paschen in seinem Artikel „Zur pädagogischen Förderung der Erfahrungsfähigkeit für eigene Unmenschlichkeit“. Da die Wertvermittlung von Menschlichkeit oder Unmenschlichkeit weder in der LehrerInnenausbildung noch im allgemeinen Bildungsplan enthalten sind, thematisiert Paschen anhand von zwei Beispielen aus dem schulischen Lernumfeld, wie man die Empathiefähigkeit von SchülerInnen methodisch fördern könnte (S. 150). Die Impulse, die er in seinem Beitrag über das Fördern von Empathiefähigkeit bei der Begegnung mit der eigenen Unmenschlichkeit benennt, können als Hinweise für eine Unterrichtsgestaltung verwendet werden.

Im dritten Teil des Buches wird die Suche nach der Menschlichkeit in der Pädagogik behandelt. Albert Schmelzer beschreibt in seinem Beitrag „Interkulturelle Pädagogik als Frieden stiftende Kraft“ das Konzept des Multikulturalismus am Beispiel der Einwanderungspolitik von Kanada. Dem gegenüber stellt er die Diskussion des Terminus ‚Leitkultur‘ in Deutschland (S. 159). In diesem Zusammenhang thematisiert er die Identitätsbildung durch Abwehr oder Integration des Fremden (S. 163). Nach der Beschreibung eines möglichen Kulturbegriffs stellt er am Fallbeispiel der 2003 gegründeten Freien Interkulturellen Waldorfschule in Mannheim-Neckarstadt die Integration von Migrantenkindern, z.B. mit dem Fach Begegnungssprache, in das deutsche Bildungssystem vor (S. 166).

Peter Buck und Markus Rehm behandeln die „Naturwissenschaftsdidaktik aus der 1st-person-perspective“. Der Ausgangspunkt des Textes ist das streng rationale Vorgehen in der modernen Naturwissenschaft und dem innewohnenden Anspruch alles Menschliche in den Ergebnissen zu eliminieren. Die Autoren betrachten das Menschliche – in Anlehnung an Dilthey – als eine qualitativ-deskriptive Kategorie (S. 174). Unter Berücksichtigung der KMK-Bildungsstandards von 2004 soll ein praktisches Erleben des Physik-Unterrichts im schulischen Unterricht eingebunden werden. Am Beispiel des Physik-Unterrichts kritisieren Buck und Rehm die doppelte Enge des physikalischen Aspekts (S.175), da durch die Idealisierung im Unterricht und in Lehrbüchern eine kontinuierliche Ausblendung zentraler Weltzusammenhänge erfolgt. Diese doppelte Verengung in der Naturwissenschaft soll im Unterricht bewusst gemacht werden, da das Knowledge-Wissen nicht automatisch auch ein Verstehen beinhaltet (S. 179).

Im Beitrag „Der Mathematikunterricht im Spannungsfeld zwischen Normierung und Individualisierung“ von Michael Toepell wird ebenfalls ein naturwissenschaftliches Unterrichtsfach behandelt. Toepell geht von den Befund aus, dass im Mathematikunterricht in der Grundschule die Unterrichtsqualität grundlegend von der Lehrerpersönlichkeit abhängt. Gleichzeitig befinden sich die Pädagogen zwischen dem Spannungsfeld einer individuellen Förderung jedes einzelnen Schülers und Verpflichtung allgemeiner Bildungsstandards. Unter Berücksichtigung der Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften und psychologisch-anthropologische Grundlagen diskutiert der Autor die Bedeutung von Bewegung und Emotion für mathematisches Lernen (S. 191). Am Beispiel des Unterrichtsfaches Eurhythmie in der Waldorfpädagogik betont er die Bedeutung von Gefühlen beim Lernen. Toepell schlägt eine Neuorientierung des Mathematikunterrichts vor, bei dem beispielsweise weniger das schriftliche Rechnen als das Problemlösen im Vordergrund steht.

In Peter Lutzkers Beitrag „The Recovery of Experience in Foreign Language Learning and Teaching“ steht die Didaktik des Fremdsprachenunterrichts für die Aus- und Weiterbildung von Sprachlehrern im Mittelpunkt. Lutzker berücksichtigt ein im Fremdsprachenerwerb wichtiges Problem: eine Reduktion relevanter Inhalte bei der Auswahl fremdsprachlicher Texte (S. 206). Dies führe wiederum zu einer intellektuellen Verarmung, denn allein die Konfrontation mit der Komplexität der Sprache ermöglicht ein Erlernen. Das Lernen soll als eine Kunst verstanden werden, welche er am Beispiel des Fremdsprachenunterrichts in Waldorfsschulen vorstellt. Bei der Beschreibung seines Konzeptes für die Ausbildung von LehrerInnen berücksichtigt er die Bezüge zur Theaterpädagogik und Improvisation, und deren Bedeutung für das Lernen fremdsprachlicher Texte (S. 214).

Tomáž Zdražil thematisiert in seinem Aufsatz die „Gefährdung und Schutz einer gesunden Kindheit durch die Schule“. Da Kinder und Jugendliche bis zu dreizehn Jahre die Institution Schule besuchen, hat dies einen wesentlichen Einfluss auf psychische Dispositionen und biographische Bildungs- und Reifeprozesse und damit einen Einfluss auf spätere allgemeine Krankheitsdispositionen. Zdražil weist auf spezielle Risiken wie sensomotorische oder psychomotorische Entwicklungsstörungen hin (S. 227ff.) und stellt die Waldorfpädagogik mit ihrem salutogenetischen Profil als mögliche Alternative vor. Die Häufigkeit psychosomatischer Beschwerden (u.a. Übelkeit, Händezittern, Schweißausbrüche usw.) in Regelschulen und Waldorfschulen vergleicht er in seiner Studie. Den Stellenwert der Schule als Schutzraum für das gesunde Aufwachsen und Reifen von Kindern und Jugendlichen hebt er in seiner Schlussbemerkung hervor

Fazit

Das Buch „Menschlichkeit in der Pädagogik und Erziehungswissenschaft. Eine Herausforderung“ stellt die beeindruckende Spannbreite von Menschlichkeit innerhalb der Fachdisziplinen dar. Die Beiträge thematisieren die Gefährdung von Menschlichkeit innerhalb der Gesellschaft, gleichwohl eröffnen die interdisziplinären Texte neue Impulse für zahlreiche Gestaltungs- und Entwicklungsmöglichkeiten, die der Entfaltung von Freiheit im menschlichen Handeln dienen. Die Freiräume des Individuums innerhalb unterschiedlicher Gesellschaftsstrukturen werden ausführlich thematisiert. Mit den daraus resultierenden strukturell notwendigen Korrekturen und Umgestaltungsmöglichkeiten innerhalb der Bildungs- und Sozialpolitik sowie in Gesellschaftsordnungen wird sich intensiv auseinandergesetzt. Zahlreiche didaktische Ansätze und Beispiele aus dem Unterricht werfen ein neues Licht auf die notwendige Umgestaltung von Lehr- und Lernprozessen.


Rezensentin
Dr. phil. Claudia Feger
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Technischen Universität Chemnitz


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Zitiervorschlag
Claudia Feger. Rezension vom 12.02.2013 zu: Peter Loebell, Ernst Schuberth (Hrsg.): Menschlichkeit in Pädagogik und Erziehungswissenschaft. Eine Herausforderung. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2012. ISBN 978-3-7815-1877-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/13976.php, Datum des Zugriffs 26.07.2016.


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