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Heinz von Foerster, Bernhard Pörksen: Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners

Cover Heinz von Foerster, Bernhard Pörksen: Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners. Gespräche für Skeptiker. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2006. 7. Auflage. 166 Seiten. ISBN 978-3-89670-214-2. 19,90 EUR.
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„Die Magie der Sprache und die Sprache der Magie“

Manchmal wird aus ersten, zögerlichen, zurückhaltenden Kontakten ein Gespräch, und es blitzen auf Gedanken als Kontroversen und Übereinstimmungen. Dann wird deutlich, was Aristoteles meinte, wenn er den anthrôpos, den Menschen, im Gegensatz zu den Tieren, als ein vernunft- ,sprachbegabtes, zur Bildung von Allgemeinurteilen fähiges, ein „gutes Leben“ anstrebendes, sozial in Gemeinschaft existierendes und auf die Zukunft hin orientiertes Lebewesen bezeichnete (Ottfried Höffe, Aristoteles-Lexikon, Stuttgart 2005, 640 S.). Die Suche nach einer Ethik für das menschliche Dasein, lokal und global, bestimmt ja das philosophische, alltägliche und gesellschaftliche Denken, seit Menschen ihre Gedanken, Programmatiken und Lehren in Worte fassen, aufschreiben und öffentlich machen. „Gesprächs“- Bücher gehören, wenn sie nicht Banales und Unbedeutsames zu Papier bringen, zu jener Form der Literatur, die Unterhaltsames und Lehrsames zusammen bringen. Anlässe, Gespräche und Interviews auch einem größeren Leserkreis und Hörerkreis zugänglich zu machen, bieten sich vielfach dann, wenn gesellschaftlich Veränderungen anstehen. Ein Beispiel dafür sind der Abdruck der Gespräche, die Klaus Töpfer und Ranga Yogeshwar über die gesellschaftlichen, ökonomischen und ökologischen Entwicklungen für die Ära des Nach-Atomzeitalters geführt haben (Unsere Zukunft. Ein Gespräch über die Welt nach Fukushima, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12442.php), oder das Interview, das die Journalistin Sandra Maischberger mit dem older Statesman Hans-Jochen Vogel geführt hat (Wie wollen wir leben? Was unser Land in Zukunft zusammenhält, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12983.php).

Entstehungshintergrund und Autoren

Der österreichisch-US-amerikanische Physiker und Philosoph Heinz von Foerster (1911 – 2002) war als Vertreter des radikalen Konstruktivismus ein gefragter Experte und Vortragender. Foerster hielt beim 14. Weltkongress für soziale Psychiatrie im Frühjahr 1994 in Hamburg den Eröffnungsvortrag, den er, in Anlehnung an das Kongressthema „Abschied von Babylon“ den Titel gab: „Die Magie der Sprache und die Sprache der Magie“. Der junge Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen interviewte von Foerster im Auftrag des Hamburger Abendblatts. Die Ergebnisse des Gesprächs Pörksens mit von Foerster erscheinen mit dem Titel: „Ich versuche einen Tanz mit der Welt“. Der Carl-Auer-Systeme Verlag in Heidelberg schlägt daraufhin vor, das Gespräch 1997 am Wohnort von Foerster in Kalifornien fortzusetzen. Daraus entsteht 1998 die erste Auflage des Buches. Wenn nun, 2012, die neunte Auflage erscheint, lässt sich vermuten, dass die Gesprächsergebnisse nicht nur Aufmerksamkeit beim Fachpublikum, sondern auch bei einem breiteren Leserinnen- und Leserkreis findet. Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass, wie Bernhard Pörksen als Herausgeber der Reihe „Systemische Horizonte – Theorie der Praxis“ im Carl-Auer-Verlag feststellt: „Die wilden Jahren des Konstruktivismus und der Systemtheorie sind vorbei. Inzwischen ist das konstruktivistische und systemische Denken auf dem Weg zum etablierten Paradigma und zur normal sciense“. Die Provokationen der Anfangsjahre des Konstruktivismus, wie sie u. a. Heinz von Foerster beförderte, seien, so Pörksen, zu Gewissheiten von heute geworden.

Dass der am 2. Oktober 2002 in Pescadero, Kalifornien verstorbene Heinz von Foerster uns auch heute noch eine Menge zu sagen hat, wird nicht zuletzt dadurch deutlich, dass Deutschlandradio Kultur am 6. 10. 2012 ein Feature von Mareike Maage zum Thema „Der Physiker Heinz von Foerster und die Realität“ bringt und dabei im Untertitel den von ihm bekannten Ausspruch formuliert: „Wahrheit ist die Erfindung einer Lüge“. Foerster, der Mitbegründer der Kybernetik als Grundlage der modernen Computerwissenschaft, war ein vielseitiger Mensch, als Wissenschaftler, Bergsteiger, Zauberer. Er liebte das Spiel mit Wahrnehmungen und Erkenntnissen und ging davon aus, dass es eine objektive Wahrheit nicht gibt, sondern Wahrnehmung nur subjektive Beobachtung ist.

Der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen und die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Medienwissenschaften , Hanne Detel, stellen fest: „Das digitale Zeitalter hat seine eigene Schönheit und seinen eigenen Schrecken“. In dieser Ambivalenz zeigt sich ein „Kontrollverlust im digitalen Zeitalter …, wenn die Komplexität der Interaktion von Informationen die Vorstellungsfähigkeiten eines Subjektes übersteigt“ (Bernhard Pörksen / Hanne Detel, Der entfesselte Skandal. Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13302.php).

Aufbau und Inhalt

Das „Rätsel der Erkenntnis“ (Lawrence LeShan, Das Rätsel der Erkenntnis. Wie Realität entsteht, 2012) stellt sich in vielfältigen Formen des Wirklichen und der Schaustellung des Angeblichen dar. Dabei gibt es einen Merkpunkt, der gewissermaßen als Anker des (angeblich) Wirklichen dienen kann: Es sind die Veränderungsprozesse, die (menschliches) Leben bestimmen (Daniel N. Stern, u.a. , Veränderungsprozesse. Ein integratives Paradigma, 2012); je gelungener, freiwillig veranlasster oder ideologisch und egoistisch erzwungener sich Wandlungen im individuellen und gesellschaftlichen Leben vollziehen, um so deutlicher zeigen sich tatsächliche oder gespielte Wahrheiten und die Wahrnehmungen von Wirklichkeiten.

Die Gesprächspartner gliedern ihren Diskurs in fünf Bereiche, orientiert an den Paradigmen „Erfindung – Magie – Gespräch“.

Im ersten Teil geht es um „Bilder des Wirklichen“, um die Frage, wie Umwelt- und Sinneswahrnehmungen in unserem Denkapparat, dem Nervensystem, entstehen. Allen Eindrücken, die uns veranlassen, zu denken und zu handeln, ist gemeinsam, dass alles fließt, in Bewegung ist und von einer Einheit zur Vielfalt sich entwickelt, wie Heraklit dies bereits mit seiner bekannten Erkenntnis formuliert hat: Man sieht und erlebt nie dasselbe. Nimmt man diese Einsicht ernst, wird schnell deutlich, dass z. B. in der Unterscheidung von Realität und Utopie Verhaltensweisen wie Anpassung, Widerstand und Bemühungen zur Wahrheitsfindung immer relativ sind: „Wahrheit bedeutet Krieg“, weil sich Wahrheit und Unwahrheit einander bedingen. Da sind wir schon bei den aktuellen und immer wieder neu aufgelegten Bemühungen, Wahrheiten zu verkünden, sie als Dogmen zu postulieren und damit diejenigen zu verteufeln, die diesen Postulaten nicht zustimmen wollen. Aber: Der Teufel ist ein großer Vereinfacher! Hingegen wird mit dem „ethischen Imperativ“ des Heinz von Foerster deutlich: „Handle stets so, dass die Anzahl der Möglichkeiten wächst“. Und siehe da, wir begreifen, dass man einen Tango nicht alleine tanzen kann! Angewandt auf die ganz konstruktivistisch formulierte Frage: „Wie gehen wir mit unserer (Um-)Welt um?“, lässt sich ethisch und realistisch antworten: „So, wie wir sie geschaffen haben!“. Die Unterscheidung von trivialen und nichttrivialen Denk- und Verhaltensweisen führt zu erstaunlichen und interessanten Erkenntnissen; etwa der: „Der Mensch erscheint aus dieser Perspektive (der Mensch als nichttriviale Maschine, JS) als ein Möglichkeitswesen, dessen Reaktionen und Verhaltensweisen prinzipiell unvorhersehbar sind“ – eine grausliche Vorstellung für Sicherheitsfanatiker.

Im zweiten Teil diskutieren die Gesprächspartner die spannenden Fragen, wie sie sich als „Perspektiven der Praxis“ ergeben, in der familialen, schulischen und außerschulischen Bildung und Erziehung, etwa der alles um sich greifenden Testeritis und der Überzeugung, dass Bildungsvermittlung in erster Linie die Anhäufung von kognitivem Wissen sei, mit der Vernachlässigung und Minderwertung des sozialen und emotionalen Lernens; mit dem Plädoyer, dass Lehrer und Schüler forschend lernen und nicht den Nürnberger Trichter als Maßstab für Intelligenz betrachten sollten. Also mehr fragen und weniger pauken, mehr sich gemeinsam um Antworten bemühen als ex cathedra zu verkünden, auch in der Hochschule, der Psychotherapie, im Management und in der Kommunikation überhaupt: „Verstehen und Begreifen entstehen in Form einer Wechselwirkung zwischen dem, was gesagt wird, und dem, was jemand bereits – aufgrund seiner besonderen Kultur oder Herkunft – weiß, kennt und erwartet“.

Der dritte Teil handelt von dem, was der Kybernetiker Heinz von Foerster dachte, forschte und ausdrückte. Es ist die komplizierte Frage, die Peter Bichsel mit seiner Kurzgeschichte „Ein Tisch ist ein Tisch“ stellt – und sie wird entwaffnend und verwirrend zugleich beantwortet. Denn Kybernetik ist nicht etwas einmalig und allgemeingültig Definierbares: „Kybernetisches Denken ist … die Idee der Zirkularität“, und damit verschieben sich objektive und subjektive Eindrücke: „Wir sehen nicht, dass wir nicht sehen“.

Das vierte Kapitel wird in einem biographischen Exkurs die Frage ausgebreitet: „Wie wir wurden, was wir sind“ (Bernt Engelmann), und damit die Persönlichkeit, der Werdegang und die wissenschaftliche Entwicklung des Heinz von Foerster dargelegt; der Einfluss Ludwig Wittgensteins auf ihn, seine Wiener Erlebnisse und Erfahrungen als Zauberer, die Kriegsjahre in Österreich und Deutschland, in der Nachkriegszeit als Radiomacher in Berlin, seine Ankunft und Arbeit in den USA. Hier wird sein Ringen deutlich, mit dem er, immer eingebunden in inter- und überdisziplinäres Denken und Forschen, danach suchte, das Ganze in seinen Teilen zu erkennen und „Er-Wissen“ praktizierbar und erlebbar zu gestalten. Seine Unterscheidung zwischen science und systemics, als zwei differenzierte Formen der Wahrnehmung, haben kybernetisches Denken befruchtet.

Im Untertitel formulieren die Diskutanten: „Gespräche für Skeptiker“. Damit sind nicht jene gemeint, die das Negieren, das Fatalisieren oder gar das Besserwissen zum Lebensmotto erheben; vielmehr haben sich Foerster und Pörksen in ihrem Dialog auf die Suche nach „Erkenntnis und Ethik“ gemacht, wie dies im fünften Kapitel überschrieben ist; im übrigen eine immanent aktuelle und nicht wenige sagen, menschheitsexistenzbewahrende Frage: Wie verhalten wir uns zur Entwicklung in der (Einen?) Welt? Wie kann es gelingen, eine wirklich tragfähige globale Verantwortungsethik in die Köpfe und das Handeln der Menschen zu bringen? Mit dem Bild der „Seilschaft“ verweist der ehemalige Bergsteiger Heinz von Foerster auf die unterschiedlichen Vorstellungen von Ethik und Moral und empfiehlt, „gemeinsam Am-Seil-Gehen“ als eine existentielle Notwendigkeit zu begreifen, humane Veränderungen mit zu tragen!

Fazit

Heinz von Foerster formuliert seinen ethischen Imperativ, indem er das „Handle stets so, dass die Anzahl der Möglichkeiten wächst“ spezifiziert als: „Heinz, handle stets so, dass die Anzahl der Möglichkeiten wächst“. Damit verweist er auf ein fundamentales Prinzip kybernetischen Denkens: Zirkularität und nicht Gleichklang oder gar konformes, auferlegtes Denken. Man wird zwar nicht den Literaturwissenschaftler Karl-Heinz Bohrer als einen Kybernetiker bezeichnen können; doch auch er verweist in seinen Arbeiten darauf, dass es gilt, selbst zu denken und nicht denken zu lassen (Karl Heinz Bohrer, Selbstdenker und Systemdenker. Über agonales Denken, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12903.php; vgl. auch: Ijoma Mangold, Der Brite unter den Deutschen, in: DIE ZEIT, Nr. 39 vom 20. 9. 2012, S. 50), und die Kulturzeitschrift MERKUR, deren Herausgeber Bohrer lange Jahre war, setzt sich im Heft 9/10/2011 sehr dezidiert mit der Problematik auseinander, dass die Wahrheit eine Form des risikoreichen Lebens ist (Peter Brüger / Jörg Lau, Hrsg., Sag die Wahrheit! Warum jeder ein Nonkonformist sein will, aber nur wenige es sind, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12494.php).

Der in neunter Auflage erschienene Gesprächsmitschnitt zwischen dem Physiker, Philosophen und Kybernetiker Heinz von Foerster (+) und den Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen kann ein belebendes und aufschlussreiches Lehrmaterial für OberstufenschülerInnen und Studierende sein, aber auch für dich und mich, die sich dafür interessieren, was die Welt zusammen hält – außer Geld, Gier und Ökonomie!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 09.10.2012 zu: Heinz von Foerster, Bernhard Pörksen: Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners. Gespräche für Skeptiker. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2006. 7. Auflage. ISBN 978-3-89670-214-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/13980.php, Datum des Zugriffs 01.07.2016.


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