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Richard Sennett: Zusammenarbeit. Was unsere Gesellschaft zusammenhält

Cover Richard Sennett: Zusammenarbeit. Was unsere Gesellschaft zusammenhält. Hanser Verlag (München) 2012. 414 Seiten. ISBN 978-3-446-24035-3. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,90 sFr.
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Homo faber: Der Mensch erschafft sich durch denkendes Tun

Schaffendes, handwerkliches Wirken subsumiert Herstellung eines materiellen Gegenstandes, Intelligenz, Ästhetik und Veränderung in sich – sonst ist es Pfusch! In der philosophischen Anthropologie, also des Nachdenkens über den Menschen als homo sapiens, kommt dem anthrôpos als vernunft-, sprachbegabtem, zur Bildung von Allgemeinurteilen fähigem, nach einem ‚guten Leben‘ strebendem und auf menschliche Gemeinschaft angewiesenem Lebewesen (Aristoteles), eine jahrtausendlange Aufmerksamkeit zu.

Autor und Entstehungshintergrund

Der 1943 in Chicago geborene, in einer ethnisch-gemischten Enklave interkulturell aufgewachsene, spätere Soziologe und Kulturphilosoph Richard Sennett gilt in den USA und weit darüber hinaus als ein Sezierer der Zeitläufte und des gesellschaftlichen Zusammen- (und Gegeneinander-)lebens der Menschen in den verschiedenen Lebensumständen und -räumen. Viele seiner Werke sind in deutscher Sprache erschienen, sind Bestseller geworden (wie etwa „Der flexible Mensch , 1998) und wurden vielfach beachtet und gelobt ob der Fähigkeit, den Finger in die Wunden der Menschheit zu legen (z. B.: Richard Sennett, Respekt im Zeitalter der Ungleichheit, 2004, www.socialnet.de/rezensionen/1692.php). Sennett lehrt an der London School of Economics und an der New York University.

Wissenschaftliche Theoriebildungen und philosophisches Reflektieren sind das eine intellektuelle Standbein von Richard Sennett; das andere, gleichwertige ist das Nachdenken darüber, was wir Menschen mit den materiellen Dingen tun, die uns umgeben, die wir haben wollen, meinen, haben zu müssen, benutzen: „Ich habe das Gefühl, dass wir angesichts der mit physischen Gegenständen vollgestopften Welt nicht recht wissen, wie wir von materiellen Objekten und Maschinen guten Gebrauch machen können“. In diesem Unbehagen steckt auch etwas, was wir mittlerweile als Gesellschafts-, Kultur- und Lebenskritik formulieren: Soll der Mensch alles machen (dürfen), was er kann (oder zu können glaubt)?

Dieses Nachdenken subsummiert er in einem Denk- und Schreibvorhaben, das er das „Homo-Faber-Projekt“ bezeichnet; es „kreist um die ethische Frage, in welchem Maße wir Herren unserer selbst werden können“, und darum zu begreifen, dass „der Mensch sein Leben und sich selbst durch konkretes praktisches Handeln erschafft“. Im ersten Band geht es um die Überzeugung, dass wir Menschen „das materielle Leben humaner gestalten (können), wenn wir das Herstellen von Dingen besser verstehen lernen“ (Richard Sennett, Handwerk, 2008, Die Berliner Literaturkritik vom 15. 8. 2008).

Aufbau und Inhalt

Der zweite Band nimmt das handwerkliche Tun auf, indem Sennett Kooperation als handwerkliche Kunst benennt. Der englische Originaltitel des Buches, das ebenfalls 2012 erschien, lautet: „Together. The Rituals, Pleasures and Politics of Cooperation“. Das Problem, das nicht nur den Autor umtreibt, sondern offensichtlich Bestandteil des (heimlichen und offen gezeigten) Denkens und Handelns vieler Gesellschaften in der Welt ist, die offiziell das Motto der „Vielfalt als Einheit und Reichtum“ der Menschheit ausgibt, insgeheim aber individuell und viel zu oft kollektiv das der Egoismen und Gegensätzlichkeiten praktiziert, drückt der Autor so aus: „Tribalismus verbindet Solidarität gegenüber solchen, die einem ähnlich sind, mit Aggressionen gegen solche, die anders sind“.

Um dieses Dilemma geht es – und um die Hoffnung, dass eine humane Kooperation und Empathie es schaffen könnten, die Menschheit zu einen. Der Autor gliedert das Buch in drei Teile.

Im ersten Teil geht es im ersten Kapitel geht es darum, wie es gelingen kann, „Kooperation (zu) gestalten“. Mit einer Replik beginnt Sennett mit dem, was sich spätestens mit der beginnenden Industrialisierung und der Aufgliederung von Arbeit in entfremdete und eigenständige Tätigkeiten als „soziale Frage“ stellte und sich in der Zweiteilung von Sozialität und Solidarität zeigt. Die Entfremdungen, die er an Beispielen von Ausstellungsobjekten der Pariser Weltausstellung von 1900 aufzeigt und aus der historischen Entwicklung in Europa und Amerika ableitet, seien, so der Autor, am wenigsten sichtbar in der „Werkstatt“ und am deutlichsten erlebbar in den Fabrikhallen. Aktive Kooperationen ließen sich in der durch „Hand“-Arbeit bestimmten Werkstatt am besten ermöglichen.

Dass in diesem Idealbild ein Element fehlt, nämlich das der Konkurrenz, zeigt Sennett im zweiten Kapitel mit dem Titel „Das fragile Gleichgewicht“ auf. Er verweist darauf, dass Konkurrenz und Kooperation sich als instabile Phänomene bei tierischem Verhalten darstellen. Beim Menschen zeigen sich Unterschiede, etwa, wenn es um altruistisches Verhalten, also vom Geben bestimmten Einstellungen oder um win-win-Situationen, vom Geben und Nehmen ausbalancierten Verhaltensweisen geht. Bedeutsam für die jeweiligen Aktivitäten sind dabei ohne Zweifel die in den Einstellungs- und Verhaltenssituationen etwa durch kulturelle Normengebung geprägten oder durch sittliche, moralische oder politisch-rechtliche Vorgaben bestimmten Rituale. Dabei legt er drei Voraussetzungen zugrunde, damit Rituale verhaltenswirksam werden können: Sie müssen wiederholbar sein und damit gewissermaßen zur Gewohnheit bei bestimmten Situationen werden; sie müssen sich zu Symbolen entwickeln, die vom Gegenüber erkannt und anerkannt werden; und sie müssen schließlich zur Dramaturgie werden, was bedeutet, dass der dramatische Ausdruck und die Ausübung eines Rituals ernst- und glaubhaft werden. Die Bedeutsamzeit von rituellen Verhaltensweisen zeigt sich besonders dann, wenn es gelingt, die drei Aspekte des Rituals in ein Gleichgewicht zu bringen ( vgl. zur neueren Diskussion um „neue“ Rituale: Janina Karolewski / Nadja Miczek / Christof Zotter, Hg., Ritualdesign. Zur kultur- und ritualwissenschaftlichen Analyse „neuer“ Rituale, transcript Verlag, Bielefeld 2012, Pb., 356 S., 32,80 Euro, ISBN 978-3-8376-1739-9, Reihe: Kultur- und Medientheorie ).

Im dritten Kapitel verdeutlicht der Autor dieses „rituelle Gleichgewicht“ am Beispiel der Reformation. Es sind die religiösen Rituale, die die „große Unruhe“ brachten, und es sind die Veränderungsprozesse, wie sie sich im Mittelalter durch das von den Zünften organisierte und bestimmte Handwerkswesen und der Bedeutung der Werkstätten als Arbeits-, Schöpfungs- und Kooperationsorte etablierte, aber sich auch in ökonomischen Veränderungsprozessen darstellte (vgl. dazu auch: Jacques Le Goff, Geld im Mittelalter, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/13533.php).

Im zweiten Teil werden Formen diskutiert, die sich als „geschwächte Kooperation“ zeigen; zuerst natürlich die Grundfrage der gesellschaftlichen und sozialen Fragen: Ungleichheit. Wie nicht anders zu erwarten und gewissermaßen auch programmatisch und individuell vorbestimmt, wird in der Auseinandersetzung um ökonomische und gesellschaftliche Ungerechtigkeiten deutlich, dass die deutsch-amerikanische Historikerin und politische Philosophin Hannah Arendt akademische Lehrerin Sennets war. Die Kapitalismus- und Neoliberalismuskritik, wie sie sich mittlerweile in vielfältiger Form äußert (und deren Aussagen in Socialnet dargestellt werden) und die der Autor in Kooperations- und Produktionsbeispielen aufnimmt, erinnert ja mittlerweile auch auf die Bedeutung des Gemeinguts für ein kooperatives, gerechtes und humanes Zusammenleben der Menschen (Elinor Ostrom, Was mehr wird, wenn wir teilen. Vom gesellschaftlichen Wert der Gemeingüter, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11224.php; sowie: Silke Helfrich / Heinrich-Böll-Stiftung, Hrsg., Commons. Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13482.php).

Wenn Norbert Blüm in seinem Buch nach „ehrlicher Arbeit“ ruft und seinen Angriff auf den Finanzkapitalismus und seine Raffgier startet (2011, www.socialnet.de/rezensionen/11382.php), befindet er sich im Einklang mit Richard Sennett, der mit dem weiteren Argument die „Erosion der sozialen Beziehungen in der Arbeitswelt“ anprangert und an das „soziale Dreieck“ erinnert, das mit den Eckpunkten – Autorität/Macht, Vertrauen, Kooperation – in den neuen, globalisierten und entmenschlichten Ökonomien völlig aus dem Gleichgewicht geraten und zerfallen ist (vgl. dazu auch: Christophe Dejours, Hrsg., Klinische Studien zur Psychopathologie der Arbeit, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13188.php; Martin Hartmann, Die Praxis des Vertrauens, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12878.php; Harald Heinrichs / Katina Kuhn / Jens Newig, Hrsg., Nachhaltige Gesellschaft. Welche Rolle für Partizipation und Kooperation? 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11955.php).

„Das unkooperative Ich“ bezeichnet der Autor das nächste Argument bei der Suche nach den Defiziten und Knackpunkten von fehlender oder gescheiterter Zusammenarbeit. Es sind die Rückzugstendenzen, die das Individuum zum Egoisten werden lässt, aber auch zum Narzissten, etwa aus Angst vor den Anforderungen, denen es nicht gewachsen ist, vor Abstieg, Versagen und Ausgesondertwerden (vgl. dazu auch: Steffen Mau, Lebenschancen. Wohin driftet die Mittelschicht? Berlin 2012, 274 S., siehe Rezension in Socialnet).

Im dritten Teil wird dem Scheitern das Gelingen gegenüber gestellt: „Gestärkte Kooperation“. Der Werkzeugkasten dafür und die Werkstatt werden mit der Aufforderung zum Herstellen und Reparieren bereit gestellt, um etwa mit den Arbeitsmethoden und Einstellungen die richtigen Rhythmen und Rituale zu finden, um die Gesten einzusetzen, die eine gelingende Zusammenarbeit ermöglichen, um die Widerstände zu bearbeiten, eine diagnostische Reparatur von Fehlentwicklungen durchführen zu können, mit einer „Alltagsdiplomatie“, bei der Sprach- und Überzeugungskraft wirksam werden, das richtige Werkzeug benutzen, wenn es um Konfliktmanagement geht.

Der Mensch ist ein auf Gemeinschaft angewiesenes Lebewesen, er vermag zwar auf einer einsamen Insel als Robinson überleben, aber nicht leben. Diese Grundlage menschlichen Daseins muss immer wieder in das Bewusstsein der Menschheit gerückt werden. Daraus leitet sich ab, dass eine gelingende Zusammenarbeit ohne individuelles und gesellschaftliches Engagement und Partizipation nicht zu haben ist.

Fazit

Die tiefgehenden Reflexionen des Autors, die komplizierten und einfachen Fragen und ein paar Antworten, die sich wiederum in Frage stellen lassen, münden in Beweisen, dass „Kooperation die Qualität des sozialen Lebens verbessert“. Direkt erfahrbar werden solche Erfahrungen in lokalen Gemeinschaften, die als Grundlage für größere dienen können. Darin steckt der einfache Gedanke: Global denken, lokal handeln. So lässt sich Gemeinschaft als ein „Prozess des In-die-Welt-Kommens vorstellen, in dem die Menschen den Wert direkter persönlicher Beziehungen und die Grenzen solcher Beziehungen herausarbeiten“.

„Kooperation ist Austausch, von dem alle Beteiligten profitieren“. Auf der Grundlage dieser positiven und optimistischen Überzeugung begründet Richard Sennett seine Reflexionen zur „Zusammenarbeit“. Indem er den Werkzeugkasten bereit stellt und die Werkstatt ausgestattet hat, um mit den intellektuellen und profanen Denk- und Handlungswerkzeugen selbst zu denken (vgl. dazu auch: Karl Heinz Bohrer, Selbstdenker und Systemdenker. Über agonales Denken, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12903.php), bietet er für den homo faber, also für dich und mich die Chance, Kooperationen anzustreben und die win-win-Erfahrungen zu erleben.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 06.12.2012 zu: Richard Sennett: Zusammenarbeit. Was unsere Gesellschaft zusammenhält. Hanser Verlag (München) 2012. ISBN 978-3-446-24035-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/14034.php, Datum des Zugriffs 25.05.2016.


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