socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Francisca Loetz: Sexualisierte Gewalt 1500-1850

Cover Francisca Loetz: Sexualisierte Gewalt 1500-1850. Plädoyer für eine historische Gewaltforschung. Campus Verlag (Frankfurt) 2012. 350 Seiten. ISBN 978-3-593-39720-7. 29,90 EUR.

Reihe: Campus Historische Studien - 68.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Gewalt ist nicht nur ein essenzieller Bestandteil der Durchführung krimineller Handlungen oder bewaffneter Auseinandersetzungen, sondern auch ein regelmäßig auftauchendes Element von Interaktionskonflikten. Als „Handlungsfacette“, die für einen brachialen Repressionscharakter und für das Ausnutzen einer Machtasymmetrie steht, taucht Gewalt insbesondere im Rahmen sexualisierter Übergriffe auf. Die vorliegende Studie ist ein Versuch, den Diskurs über sexualisierte Gewalt am Beispiel historischer Akten und Protokolle des Stadtstaates Zürich aus der Zeit von 1500 bis 1850 zu historisieren. Anhand der Rekonstruktion von Fallgeschichten wird deutlich gemacht, dass es um die geschichtliche Einordnung eines sozialen und strukturellen „Körperphänomens“ geht, das juristische und politische Dimensionen ebenso einbezieht wie Fragen der Gender-Differenzierung, der individuellen Autonomie und der gesellschaftlichen Ordnung.

Autorin

Francisca Loetz ist Professorin für Geschichte der Neuzeit am Historischen Seminar der Universität Zürich.

Entstehungshintergrund

Das Buch verweist punktuell zurück auf frühere Studien der Verfasserin zu Grenzüberschreitungen im Bereich religiöser Normsetzungen und zur Rolle der Sprache in der Geschichtsschreibung. Es erscheint als Band 68 der Reihe „Historische Studien“.

Aufbau

Die drei Hauptkapitel der Studie -

  1. zu methodologischen Abklärungen,
  2. empirischen Befunden und
  3. pragmatischen Schlussfolgerungen –

werden durch tabellarische Darstellungen, ein Sachregister und ein Glossar ergänzt.

Inhalt

Gewalt soll hier „als eine Form sozialen Handelns von Individuen“, ja als „grundlegendes Element menschlicher Verhaltensweisen“ verstanden werden – jedoch in Abgrenzung zur spekulativen Motivforschung, heißt es zu Beginn (9 f., 15). Vielmehr gehe es um eine Historisierung auf Basis der Annahme, dass Gewalt(erfahrungen) immerzu ambivalent, durchaus ritualisiert, gesellschaftlich verwurzelt und doch keine universale Konstante sind (18 f.). Vor diesem Hintergrund folgt eine Aufarbeitung juristischer Quellen aus der Zeit ab 1500 – kein willkürlich gewähltes Datum, sondern der Zeitraum, von dem an die Aktenlage eine entsprechende Rekonstruktion überhaupt erst gestattet. Die Auswertung von 85.000 Seiten Material bietet faszinierende Einblicke in eine Zeit, als beispielsweise das Delikt der Vergewaltigung noch dermaßen undefiniert und strittig war, dass man glaubte, daraus könne keine Schwangerschaft entstehen, weil dafür auf Seiten der Frau gleichsam Lust und ein Orgasmus notwendig seien (30).

Die Unterlagen, die Loetz ausgewertet hat, sind zwar recht unterschiedlich aufgebaut (sodass „keine normative Beschreibung des Gerichtsverfahrens“ formuliert werden kann; 57), aber sie erzählen stets Geschichten der unmittelbaren Konfrontation von Tätern und Opfern, von Beschuldigten und Beschuldigern. Der analytische Blick kann dabei allein das rekonstruieren, was in der Wertung der Zeitgenossen als sozialer bzw. justiziabler Problemzusammenhang galt. Beispielsweise lässt sich der der Gedanke, dass sexualisierte Gewalt in Form von „Notzucht“ nicht primär die Person verletzt, sondern ein mit ihr verknüpftes Ehrkonzept, das seinerseits auf sozialen Normierungsprozessen basiert (73 f.), schwerlich mit dem Moral- und Rechtsverständnis der Gegenwart in Einklang bringen. Gleiches gilt für die zeitgenössische, bis in das 19. Jahrhundert hinein geltende Überzeugung, dass Prostituierte nicht als Opfer sexualisierter Gewalt behandelt werden können, weil dieser Status einem solch „ehrlosen“ Personenkreis nicht zusteht (202). Die dahinter stehenden Strategien der sozialen Befriedung bzw. der (Wieder-)Herstellung einer zwiespältigen Ordnungsvorstellung sind gleichwohl Entwicklungsstationen, die den Wandel hin zum heutigen status quo von Sexual- und Gewaltdiskursen mitgeprägt haben.

Das zweite Kapitel, bei weitem der umfangreichste Abschnitt, bietet zahlreiche, partiell auch ausführliche Beispiele für Verteidigungstaktiken und Entschuldigungsmanöver, mit denen Täter – meist mit defensivem Argumentationsstil – ihr Handeln abstreiten wollten oder zu legitimieren trachteten (131). Dazu gehört die Behauptung einer gewissermaßen anthropologisch bedingten „Sexualnot“, die in der Natur des Mannes liege und ihn zum Geschlechtsverkehr zwinge (100) oder die Vorstellung, dass auch Kinder in der Lage seien, durch erotische Reize zu verführen und den Täter so zum eigentlichen Opfer einer unausweichlichen Situation machen (90). Im Allgemeinen wurde die Motivfrage, elementarer Bestandteil einer auf Präventionsabsicht angelegten Rechtslogik, in der frühen Neuzeit jedoch kaum gestellt (145 f.). Was stattdessen zählte, waren, wie Loetz nachvollziehbar berichtet, Tatsachen, die kein Nachforschen in der Psyche der beteiligten Personen erforderten – wie beispielsweise Defloration, Schwangerschaft und sogar die Tränen des Opfers bei der Gerichtsverhandlung (164 f.). Subjektive Kategorien wie der Faktor Scham blieben hingegen bei der Erörterung der (zumal sozialen) Begleitumstände einer Tat und der Ahndungsoptionen weitgehend ausgespart (153), weil das symbolische Kapital der Ehre schwerer wog. Als Kollektivressource stand es für das Gemeinschaftswohl des gesamten sozialen Umfeldes. Dementsprechend gehörte zu den Hauptmotiven der untersuchten Prozesse, dass ein über die individuelle Person bzw. Opferrolle hinaus gehender Schaden kompensiert werden sollte – beispielsweise deshalb, weil nach der „Notzucht“ keine ordentliche Hochzeit (d. h. mit jungfräulicher Braut) mehr möglich war, was ökonomische wie symbolische Einbußen für die ganze Familie mit sich zu bringen drohte (129).

Erst allmählich setzte sich das Motiv der „präventive[n] Sozialpolitik“ durch Normen und Normdurchsetzungen durch (190). Die Aussage eines Staatsanwalts aus dem Jahr 1847, dass die Abwehr der sexualisierten Gewalt auch für den Kampf gegen die „moralische Vergiftung des Kindes“ steht, ist in diesem Sinne symptomatisch – denn noch kurze Zeit vorher war die Idee, dass es überhaupt so etwas wie eine schützenswerte Lebensphase wie die Kindheit gibt, für die Rechtspraxis im Stadtstaat Zürich offenkundig terra incognita (99).

Diskussion

Loetz' Untersuchungsgegenstand inkorporiert so etwas wie eine Art automatische Unschärfe, insofern die Dunkelziffer – jene Fälle sexualisierter Gewalt, die sich ereigneten, die aber nicht angezeigt oder nicht protokolliert wurden – durch das Raster fällt. Die übrig gebliebene Aktenlage ist also nur unter Vorbehalt repräsentativ, denn es muss unklar bleiben, welche informellen Beobachtungs- und Bewertungskriterien neben den schriftlich erhaltenen Unterlagen gestanden und diese beeinflusst haben. Die Autorin ist sich dieses Umstandes bewusst, weshalb sie auch nicht den Anspruch erhebt, einen systematischen Überblick zu bieten, sondern vielmehr Material zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der Historisierung von Gewalterfahrungen präsentiert. Die gebotenen Beispiele, gesteht sie ein, sind ohnehin „ungleich über unseren Untersuchungszeitraum verteilt und sehr disparat“ (166). So lassen sich zwar bestimmte Schwerpunktsetzungen forcieren, andererseits geht dadurch jedoch manches Mal der Überblick verloren. Eine diachronische Anordnung wäre womöglich die sinnvollere Alternative gewesen.

Die Arbeit mit alten Quellen bringt noch ein weiteres, diesmal eher „strukturelles“ Problem ins Spiel. Viele Sinndimensionen bleiben unklar und Antworten auf Fragen, die Leserinnen und Leser von heute sich stellen, könnten wenn überhaupt, dann nur spekulativ beantwortet werden. Das erklärt den recht häufigen Verweis auf vorliegende Uneindeutigkeiten, die nicht erhellt werden können. Darauf müssen sich Rezipienten, die das vorliegende Thema kompakt behandelt sehen wollen, einlassen. Die Ausgangslange wird allerdings durch den Umstand noch verstärkt, dass die Schrift- und Protokollsprache insbesondere des 16. und des 17. Jahrhunderts vor dem Hintergrund heutiger Lesegewohnheiten mitunter schwer verständlich ist. Hier hätten Übertragungen weiter helfen können.

Gewaltgeschichte, das macht Loetz' Untersuchung deutlich, ist (zumindest im vorliegenden Untersuchungszeitraum) vor allem Rechtsgeschichte, weil vorrangig das Rechtssystem Gewalterfahrungen festgeschrieben hat. Der Rückschluss auf die Lebenswelten der betroffenen Akteure muss daher über den „juristischen Blick“ verlaufen – und dies beeinflusst sukzessive auch die Leitfrage, wie breit früher das Spektrum der Gewalt im Vergleich zu heute gewesen ist (210). In formaler Hinsicht tauchen dann und wann kleinere Flüchtigkeits(tipp)fehler auf, die aber nicht ins Gewicht fallen und von den informativen Tabellen und dem Glossar am Ende mehr als ausgeglichen werden. Zudem kann die interessierte Öffentlichkeit beruhigt sein, wenn sie sich das Buch ins Regal stellt: Unter die Rubrik „pornografischer Voyeurismus“ fällt die Untersuchung nämlich nicht – wie die Autorin gleich am Anfang vorsichtshalber bekräftigt (22).

Fazit

Eine aufschlussreiche Materialsammlung, die Einblicke in die historische Verhandlungslogik eines ebenso kontroversen wie auch zeitlos aktuellen Themas bietet.


Rezensent
Dr. Thorsten Benkel
Universität Passau
E-Mail Mailformular


Alle 23 Rezensionen von Thorsten Benkel anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Thorsten Benkel. Rezension vom 27.12.2012 zu: Francisca Loetz: Sexualisierte Gewalt 1500-1850. Plädoyer für eine historische Gewaltforschung. Campus Verlag (Frankfurt) 2012. ISBN 978-3-593-39720-7. Reihe: Campus Historische Studien - 68. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/14064.php, Datum des Zugriffs 30.06.2016.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 12.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!