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Albert Lenz: Psychisch kranke Eltern und ihre Kinder

Cover Albert Lenz: Psychisch kranke Eltern und ihre Kinder. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2012. 140 Seiten. ISBN 978-3-88414-541-8. D: 16,95 EUR, A: 17,50 EUR.

Reihe: Basiswissen - 25.
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Thema

Die Kinder psychisch kranker Eltern galten lange Zeit als die vergessene Zielgruppe für psychosoziale Hilfen und Präventivangebote. Seit einigen Jahren nun beschäftigen sich Forschung und Praxis jedoch verstärkt mit den Bedürfnissen, Problemlagen und Ressourcen der Kinder psychisch kranker Eltern. Die Notwendigkeit adäquater Interventions- und Präventivangebote für psychisch kranke Eltern und deren Kinder ist mittlerweile anhand wissenschaftlicher Forschungsergebnisse klar belegbar. Neben der nicht unerheblichen Größe der Zielgruppe ist auch die in der Regel zumindest phasenweise hohe große Belastung für die Betroffenen ein Beleg dieser Notwendigkeit; wenn Mütter und Väter psychisch erkranken, werden eben auch die Kinder mit-betroffen. So konnten in den letzten Jahren viele Indikatoren von Belastungen durch wissenschaftliche Studien herausgearbeitet werden. Beispielweise sind viele psychisch erkrankte Eltern (zeitweise) mit der elterlichen Verantwortung überfordert. Auch ist häufig eine Rollenumkehr (Parentifizierung) zu beobachten, bei der das Kind Aufgaben und Verantwortung für den erkrankten Elternteil übernimmt, was zu einer dauerhaften Überforderung des Kindes führen kann. Alle bisher gewonnenen Erkenntnisse zu Entwicklungsrisiken, Belastungen und Ressourcen der betroffenen Kinder können dazu beitragen, ein differenziertes Bild zu zeichnen. Dadurch kann der individuelle Hilfebedarf bestimmt und entsprechend qualifiziert können dann auch psychosoziale und psychiatrische Hilfen angeboten werden.

Autor

Albert Lenz ist seit 1994 im Fachbereich Sozialwesen Professor für Klinische Psychologie und Sozialpsychologie an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen (KatHo NRW), Abteilung Paderborn. Gleichzeitig leitet er das hochschulinterne Institut für Gesundheitsforschung und Soziale Psychiatrie (igsp), welches praxisorientierte Forschung mit Schwerpunkten in den Bereichen Gesundheit, Sozialpsychiatrie und Gemeindepsychiatrie betreibt und somit insbesondere familiäre und soziale Kontextfaktoren für Gesundheit beziehungsweise Krankheit in besonderem Maße berücksichtigt. Seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte konzentrieren sich u.a. auf: Kinder psychisch kranker Eltern, Kooperation und Vernetzung in der psychosozialen Praxis sowie Evaluation und Qualitätssicherung psychosozialer Projekte. Professor Lenz leitete u.a. auch das DFG-geförderte Forschungsprojekt "Schizophrenie und Elternschaft". Er gilt als ausgewiesener Experte auf dem Gebiet der Sozialen Psychiatrie und insbesondere im Forschungsbereich „Familien mit psychisch kranken Menschen“. Seine Expertise zeigt sich u.a. an zahlreichen Veröffentlichungen und Vortragstätigkeiten in den o.g. Bereichen.

Entstehungshintergrund

Der Autor des Buches möchte nach eigenem Bekunden "… die Notwendigkeit der gezielten Hilfen für Kinder psychisch kranker Eltern und deren Familien verdeutlichen … [und] einen Beitrag zur Weiterentwicklung und Verbesserung der bestehenden Hilfen leisten".

Aufbau

Das Buch ist im Layout "Basiswissen" des Psychiatrie Verlags erschienen und der mittlerweile 23. Band dieser bewährten Reihe. Ziel der Buchreihe ist es, fundierte thematische Einführungen im (sozial-)psychiatrischen Handlungsfeld zu bieten. So ist auch die vorliegende Publikation von Albert Lenz eine prägnant gefasste und mit stichwortartigen Verweisen zwischen den Kapiteln sowie praxisorientierten Fallbeispielen und Merksätzen versehene Basiseinführung in das Themenfeld der psychosozialen Arbeit mit psychisch kranken Eltern und deren Kindern.

Inhalt

Der Autor begründet einführend die Notwendigkeit psychosozialer Hilfen u.a. die Belastungen und Entwicklungsrisiken der Kinder psychisch kranker Eltern sowie die Belastungen der betroffenen Eltern als PsychiatriepatientInnen. Außerdem skizziert er den aktuellen Stand der Resilienz- und Copingforschung. Lenz bietet einen praxisnahen Überblick über die vielfältigen Möglichkeiten der präventiven und intervenierenden Hilfen für die Zielgruppe an.

Das Buch ist nach einem kurzen einführenden Vorwort des Autors in insgesamt acht Abschnitte unterteilt.

Der erste AbschnittGrundlagen“ umreißt auf 21 Seiten neben einer knappen Darstellung der Prävalenz v.a. eine Zusammenschau bereits vorliegender Forschungsbefunde in Hinblick auf Risiken, Belastungsfaktoren, Resilienz und Coping für psychisch kranke Eltern und ihre Kinder.

Der zweite AbschnittDie Erfahrung des Familienlebens“ gibt durch die vom Autor auf insgesamt 12 Seiten eingebundenen kurzen Fallbeispiele, bei den die Betroffenen selbst zitiert werden, einen praxisnahen Einblick in das Familienleben. Auch führt Lenz dem Leser und der Leserin aus dem psychiatrischen Helfersystem vor Augen, wie wichtig es ist, den psychisch erkrankten Menschen auch in seiner Rolle als Elternteil wahrzunehmen. Hierzu hat er konkrete Fragen an erkrankte Eltern zu deren Kinder formuliert.

Der dritte AbschnittErkennen der Belastungen und Ressourcen“ präsentiert auf 13 Seiten praxisrelevante Möglichkeiten für professionell Tätige, um Belastungen und Ressourcen innerhalb der Familien zu eruieren. Beispielsweise verweist Lenz auf die Notwendigkeit, das psychiatrisch Tätige ein Screening-Instrument verwenden sollten, um so möglichst schnell Belastungen und Gefährdungen bei Kindern erkennen zu können. Auch formuliert er konkrete Fragen zur Ressourcenanalyse innerhalb der Familien, die professionelle HelferInnen in ihrer praktischen Arbeit unterstützen sollen.

Der vierte AbschnittHilfen für Kinder und ihre psychisch kranken Eltern“ gibt auf 35 Seiten einen Überblick über spezifische Behandlungs- und Hilfsangebote für die Zielgruppe. Der Autor lässt hierzu wiederum praxisnahe Fallbeispiele einfließen, um so z.B. Hilfen wie Patenschaften und Mutter-Kind-orientierte-Ansätze aufzuzeigen. Auch die Wichtigkeit aus Sicht des Autors, nämlich die Förderung von Lösungskompetenzen als psychosoziales Ziel wird der Leserschaft praktisch demonstriert und konkrete Handlungsleitfäden für psychiatrisch Tätige sind hierzu abgebildet.

Der fünfte AbschnittFamilienorientierte Hilfen“ fokussiert auf 28 Seiten die systemische Sichtweise. Hiermit folgt der Autor seiner Überzeugung, das familienorientierte Hilfen in den Vordergrund gestellt werden müssen, um überhaupt erst adäquat Hilfen für die Betroffenen leisten zu können (s. S. 12). Lenz gibt an dieser Stelle u.a. einen Überblick über verschiedene familienstärkende Programme wie z.B. "Triple P" oder "Starke Eltern – starke Kinder". Des Weiteren verweist er auf die Notwendigkeit, die innerfamiliäre Kommunikation zu analysieren und entsprechend positiv zu fördern. Hierzu werden Kommunikationsregeln konkret aufgeführt und kleine Übungen für ein Kommunikationstraining mit Familien präsentiert.

Der sechste AbschnittErwachsene Kinder psychisch kranker Eltern“ benennt auf 5 Seiten das Vorhandensein einer weiteren Zielgruppe, nämlich die der erwachsenen Kinder psychisch kranker Eltern. Durch kurze Fallbeispiele, in denen betroffene Erwachsene ihre schmerzlichen und zum Teil traumatisierenden Erfahrungen ansatzweise skizzieren, wird so die Notwendigkeit bewusst gemacht, als professionelle HelferIn diese etwaigen Erfahrungen mit in den Blick zu nehmen.

Der siebente AbschnittKooperation zwischen Hilfesystemen - Voraussetzung für wirksame Hilfen“ benennt die derzeit noch unzureichenden Kooperations- und Vernetzungsstrukturen. So werden u.a. die Problemlagen zwischen Jugendhilfe und Erwachsenenpsychiatrie durch ihre von Hause aus unterschiedlichen "Aufträge" beleuchtet. Lenz führt desweiteren Möglichkeiten auf, Defizite zu eliminieren, indem etwa bei ASD ein interner Zuständigkeitsbereich für das Thema "Kinder psychisch kranker Eltern" geschaffen werden könnte oder an anderen Stellen AnsprechpartnerInnen für die spezifischen Bedürfnisse der betroffenen psychisch erkrankten Eltern und deren Familien bereitgestellt werden und so auch interinstitutionelle Kooperationen vorangetrieben werden könnten.

Der achte AbschnittSchon erste kleine Schritte helfen“ ist die gut 2 Seiten umfassende Schlussbemerkung des Autors mit dem Ausblick auf wünschenswerte Ziele und will Mut machen, durch erste, wenn noch so kleine Schritte notwendige Veränderungen im Sinne der KlientInnen/PatientInnen anzustoßen.

Abschließend stellt der Autor noch eine gut 5-seitige Auflistung ausgewählter Literatur zum Themenkreis bereit.

Diskussion und Fazit

Dem Autor ist es gelungen, sein im Vorwort postuliertes Vorhaben umzusetzen, mit diesem Buch "die Notwendigkeit der gezielten Hilfen für Kinder psychisch kranker Eltern und deren Familien [zu] verdeutlichen … […] Das gut lesbare Buch dokumentiert neben der generellen Notwendigkeit der Hilfen vor allem auch konkrete Vorschläge zur Art der (Präventions-)Maßnahmen für den individuellen Hilfefall bis hin zum Aufbau gelingender interinstitutioneller Kooperationen. Insgesamt schreibt Lenz praxisnah, bietet viele praktische und gut verwertbare Hilfen für die psychosoziale und psychiatrische Arbeit mit der o.g. Zielgruppe. Der Aufbau des Buches lebt, wie insgesamt alle Veröffentlichungen in dieser Buchreihe, v.a. von der Einfachheit und Übersichtlichkeit, prägnanten Merksätzen und Querverweisen, die der Leserschaft praktisches Basiswissen zum entsprechenden Thema vermittelt. Somit richtet sich das Buch an all jene, die direkt im psychosozialen Bereich mit psychisch kranken Menschen und ihren Familien arbeiten und ein erstes Rüstzeug für den adäquaten Umgang mit den KlientInnen bzw. PatientInnen suchen oder sich einen ersten Überblick über Forschungsstand und bereits vorhandene Hilfen und Präventionsmaßnahmen schaffen wollen. Das Buch bietet seinen Leserinnen und Lesern die vom Autor im Vorwort erhofften "vielen Anregungen für die Arbeit mit Kindern psychisch erkrankter Eltern und ihren Familien" und darüber hinaus verschafft es einen ersten einführenden Blick in die bisher wissenschaftlich fundierten Erkenntnisse zum Themenkreis, ganz so, wie die Buchreihe Basiswissen des Psychiatrie Verlags es ankündigt.


Rezensentin
Dipl. Sozialpädagogin Christina K. Göttgens
Promoviert zurzeit zum Thema „Evaluation von präventiven Hilfen für Kinder psychisch kranker Eltern: Grundpositionen, Diskurse und Konzepte. Eine sozialpädagogische Analyse.“ Diese Dissertation wird an der Fakultät für Bildungswissenschaften der Universität Duisburg-Essen bearbeitet und betreut.
Homepage www.goettgens.bplaced.net
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Zitiervorschlag
Christina K. Göttgens. Rezension vom 02.04.2013 zu: Albert Lenz: Psychisch kranke Eltern und ihre Kinder. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2012. ISBN 978-3-88414-541-8. Reihe: Basiswissen - 25. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/14073.php, Datum des Zugriffs 28.09.2016.


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