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Eveline Hipeli: Netzguidance für Jugendliche

Cover Eveline Hipeli: Netzguidance für Jugendliche. Chancen und Grenzen der Internetkompetenzförderung und ihrer Vermittlung. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2012. 318 Seiten. ISBN 978-3-531-19205-5. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 50,00 sFr.

Reihe: Research.
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Thema

„Jugendlichen kann man in puncto Internet sowieso nichts mehr beibringen?“ - „Stimmt nicht!“ meint die Medienwissenschaftlerin Eveline Hipeli. Gerade weil die Heranwachsenden zu den so genannten „Digital Natives“ gehören, also der Generation, die ganz selbstverständlich mit dem Internet aufwächst, benötigen sie frühzeitig eine medienpädagogische Unterstützung und Orientierungshilfe. Mag diese Aussage noch weithin Zustimmung erfahren, so ist es jedoch wesentlich schwieriger zu sagen, wie effektive Maßnahmen aussehen und wer sie am besten mit den Jugendlichen durchführen soll. Um diese Leerstelle in der medienpädagogischen Diskussion zu füllen, hat die Zürcher Medienwissenschaftlerin Eveline Hipeli die Chancen und Grenzen von medienpädagogischer Maßnahmen aus Sicht von über eintausend Schweizer Jugendlichen im Alter zwischen 12 und 20 Jahren untersucht. Ausgehend von dem neu kreierten deutsch-englischen Mischbegriff der „Netzguidance“, unter dem die Autorin eine „Anleitung zu einer kompetenten Internetnutzung“ (s. 21) versteht, erforscht Hipeli, inwieweit sich verschiedene Faktoren wie Alter, Geschlecht oder Bildungsgang auf die Akzeptanz unterschiedlicher Vermittler und deren medienpädagogische Angebote auswirken.

Autorin

Eveline Hipeli ist ausgebildete Publizistikwissenschaftlerin und Medienwissenschaftlerin. Nach mehreren Tätigkeiten im journalistischen und PR-Bereich ist sie seit 2008 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW).

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch wurde von der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich im Wintersemester 2011 als Dissertation angenommen.

Aufbau und Inhalt

Die Untersuchung gliedert sich in acht Teile.

In der Einleitung, dem ersten Teil, skizziert die Autorin das Heranwachsen in virtuellen Lebenswelten und räumt mit dem Vorurteil auf, dass Jugendliche den Erwachsenen auf dem Gebiet der Internetkompetenz per se überlegen seien. Vielmehr stellt Hipeli die Notwendigkeit medienpädagogischer Orientierungshilfen heraus, um die Potentiale des Internets auszuschöpfen. Diese unter dem Begriff der „Netzguidance“ subsumierten medienpädagogischen Angebote (von Handreichungen bis zur Peer-Mediation) erläutert Hipeli einzeln, um anschließend das Ziel ihrer Arbeit abzustecken: Nämlich herauszufinden, welche Einstellung Jugendliche gegenüber unterschiedlichen Netzguidance-Maßnahmen und deren Vermittlern besitzen.

„Theoretischer Hintergrund“ wird von der Autorin im zweiten Teil geliefert: Dabei geht es um die sozialisatorischen, entwicklungs- und neuropsychologischen Besonderheiten des Jugendalters im Hinblick auf Nutzungstypologien und lebensalterspezifische Mediennutzung. Hipeli verschränkt unter anderem die Sozialisationsfunktion von Medien mit den ökologischen Zonen der Lebenswelt. Abschließend werden die Erträge einzelner Ansätze für die theoretische Fundierung der Arbeit zusammengefasst.

Um den „Stand der Forschung“ geht es dann im dritten Teil: Darin erläutert Hipeli die Ergebnisse von vier aktuellen, umfangreichen Studien zur Mediennutzung von Jugendlichen (in Deutschland und der EU), darunter die im deutschen Sprachraum sehr bekannte JIM-Studie. Mit Hilfe einer Synopse im Blick auf Netzguidance konturiert die Autorin Forschungsschwerpunkte für die eigene Studie.

Diese operationalisiert Hipeli in Teil vier, „Fragestellungen“, zu zwei Hauptforschungsfragen, nämlich:

  • ob und inwieweit die Faktoren: kritische und kreative Internetnutzung, Alter, Geschlecht, Bildungsniveau sowie Einschätzung der eigenen Kompetenz die Einstellung Jugendlicher gegenüber Netzguidance-Maßnahmen beeinflussen und
  • ob und inwieweit Alter, Geschlecht und Bildungsniveau einen Einfluss auf die Einstellung gegenüber deren Vermittlern (Lehrpersonen, Eltern und Peergroup) besitzen.

Hieran schließen sich zwölf Forschungsfragen an, die von der Autorin theoriegeleitet operationalisiert und zu Hypothesen ausformuliert werden.

Auf wenigen Seiten stellt Hipeli dann im fünften Teil die „Schriftliche Befragung im Kanton Zürich“, d.h. die Methodik, Stichprobenzusammensetzung der Jugendlichen nach unterschiedlichen Schultypen (Berufs- und Sekundarschüler, Gymniasasten) dar und skizziert das verwendete Erhebungsinstrument, den Fragebogen.

Die „Ergebnisse“, Teil sechs der Studie, nehmen dann den größten Raum ein. Es werden in einem deskriptiven Teil zunächst die Mediennutzungsgewohnheiten der befragten rund 1.100 Jugendlichen im Alter zwischen 12 und 20 Jahren dargestellt. Ausführlich wird dabei auch auf die Einschätzung der verschiedenen Netzguidance-Maßnahmen sowie deren Vermittler eingegangen. In einem anschließenden hypothesentestenden Teil werden die aufgestellten Hypothesen anhand der quantitativen Daten mittels unterschiedlicher statistischer Verfahren wie z.B. Varianzanalyse oder Korrelationskoeffizienten geprüft. Zusammengefasst lässt sich anhand der Daten sagen, dass Kreativität im Umgang mit dem Internet sowie das Geschlecht tendenziell einen Einfluss auf die Akzeptanz von Netzguidance Maßnahmen haben, alle anderen erhobenen Variablen wie Bildungsniveau, Alter, Kompetenz, Kritikfähigkeit nicht. Ähnlich sieht es für die Einschätzung der Vermittler aus: Mit zunehmendem Alter bewerten Jugendliche den Wert von Netzguidance-Maßnahmen höher, ebenso die Rolle der Peergroup als Vermittlungsinstanz. Insgesamt hat das Alter aber keinen signifikanten Einfluss auf die Bewertung von Lehrpersonen, Eltern und Peergroup als Vermittler.

Die „Diskussion“ der Ergebnisse findet dann in Teil sieben statt, wo die Ergebnisse zusammengefasst und interpretiert werden. Daraus zieht die Autorin anschließend Konsequenzen für die einzelnen medienpädagogischen Angebote und Vermittlungsinstanzen.

Ihre Arbeit beschließt Hipeli dann mit dem achten Teil: „Schlussfolgerungen und Ausblick“. Hier formuliert die Autorin noch einmal wesentliche Grundannahmen zukünftiger Medienarbeit mit Jugendlichen. Sie fordert u.a. neben altersangemessenen und geschlechtsspezifischen Angeboten auch eine Internetkompetenzförderung für Erwachsene und sieht in der Peergroup-Education ein großes Potential für zukünftige medienpädagogische Arbeit.

Diskussion

Wie im vorhergehenden Abschnitt „Aufbau und Inhalt“ bereits deutlich wurde, ist die vorliegende Veröffentlichung im Sinne einer empirischen Untersuchung stringent und strukturiert durchkomponiert: Ausgehend von der recht früh ins Spiel gebrachten Definition der „Netzguidance“ baut die Autorin ihre Argumentation unter Bezug auf mehrperspektivische Theoriemodelle nachvollziehbar auf. Die große Stichprobe von rund 1.100 Schülerinnen und Schülern sichert eine gewisse Repräsentativität der Ergebnisse.

Sorgfalt, Differenziertheit und Detailfreude lässt Hipeli auch bei der Ableitung von Forschungsfragen – welche schrittweise in Hypothesen operationalisiert werden – sowie der Ergebnisdarstellung und der Diskussion deutlich werden. Bei der Darstellung der Ergebnisse arbeitet die Autorin deskriptiv und quantitativ-hypothesenüberprüfend. Von den insgesamt 13 Hypothesen werden acht falsifiziert, d.h. es werden keine Einflüsse der angegebenen Faktoren nachgewiesen. Die übrigen fünf Hypothesen werden angenommen – genau genommen müsste es aus der Sicht der Testtheorie heißen: Sie konnten nicht falsifiziert werden.

Auch – oder gerade - an den Stellen, wo Hipeli der Nachweis von Effekten nicht gelingt, ist die Studie interessant: Widersprechen die Ergebnisse doch allzu oft zitierten Klischees: Etwa, dass Jugendliche mit höherem Bildungsgrad Netzguidance-Maßnahmen aufgeschlossener gegenüberstünden. Passend in diesem Zusammenhang finde ich auch die Beobachtung der Autorin, dass der Internetführerschein, quasi das „institutionalisierte“ Instrument der Netzguidance von den Jugendlichen auf den letzten Rang verwiesen wird – möglicherweise, weil Jugendliche es als nicht altersangemessen erleben.

Geradezu wie ein roter Faden zieht sich der Faktor Alter als wesentlicher Einfluss auf die Einstellung zu Maßnahmen durch die gesamte Studie. Allerdings würde ich bei der Betrachtung von Hypothese vier („Das Alter besitzt einen Einfluss auf die Einstellung Jugendlicher zu Netzguidance-Maßnahmenn.“) die Aussage der Autorin: „Das Alter der Jugendlichen erweist sich als großer Einflussfaktor auf die Einstellung Jugendlicher zu Netzguidance-Massnahmen“ (S. 252), etwas abmildern. Zwar sind etliche Korrelationen signifikant, jedoch erscheint mir die Höhe der signifikanten Koeffizienten von maximal -.167 recht niedrig.

Die Ergebnisdarstellungen zu den Forschungsfragen werden von der Autorin im Allgemeinen sehr detailliert vorgenommen: Daher wäre es aus meiner Sicht sinnvoll, auch das zentrale Untersuchungsinstrument, den Fragenbogen mit seinen 59 Items, dem Text beizufügen, gleichwohl sich vieles aus dem Zusammenhang erschließen lässt.

Insgesamt schafft es Hipeli mit ihrer Studie, allzu bequeme Klischees durch Fakten zu ersetzen: Es ist nicht der elitäre Bildungsgang, der die Einstellung zu medienpädagogischen Angeboten fördert. Auch werden Eltern und Lehrkräfte nicht per se in einer negativen Rolle gesehen (wenngleich die Peergroup medienpädagogisch gesehen mit zunehmendem Alter an Bedeutung gewinnt), noch ist der Internetführerschein die Netzguidance Maßnahme der Wahl bei Jugendlichen: Vielmehr besitzt er bei dieser Zielgruppe einen Status, der umgekehrt proportional zum Grad seiner landläufigen „medienpädagogischen Popularität“ stehen dürfte.

Aufgrund des mehrperspektivischen Theorierahmens und der differenzierten Forschungsfragen, die die Autorin an den Untersuchungsgegenstand richtet, werden neue Fragestellungen deutlich, die weiterführende Arbeiten anregen könnten.

Fazit

In ihrer empirischen Studie mit rund 1.100 befragten Jugendlichen im Alter von zwölf bis zwanzig Jahren aus unterschiedlichen Schultypen zeigt Eveline Hipeli ebenso facettenreich wie anschaulich, welche Maßnahmen zur Steigerung der Internetkompetenz und welche Vermittler von den Heranwachsenden als gewünscht, akzeptiert und als effektiv angesehen werden.


Rezensent
Dr. Stefan Anderssohn
Sonderschullehrer an einer Internatsschule für Körperbehinderte. In der Aus- und Fortbildung tätig. Weitere Informationen auf der Homepage.
Homepage www.anderssohn.info
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Zitiervorschlag
Stefan Anderssohn. Rezension vom 31.12.2012 zu: Eveline Hipeli: Netzguidance für Jugendliche. Chancen und Grenzen der Internetkompetenzförderung und ihrer Vermittlung. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2012. ISBN 978-3-531-19205-5. Reihe: Research. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/14090.php, Datum des Zugriffs 29.07.2016.


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