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Iris Weber: Gestörte Eltern - gestörte Jugendhilfe?

Cover Iris Weber: Gestörte Eltern - gestörte Jugendhilfe? Interaktion im Helfer-Klient-System mit Blick auf die professionellen Helfer. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2012. 291 Seiten. ISBN 978-3-7799-2251-3. D: 34,95 EUR, A: 36,00 EUR.
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Thema

In diesem Buch werden Probleme und Rahmenbedingungen sozialpädagogischer Arbeit mit psychisch kranken Eltern und deren Kindern aus der Sicht von SozialpädagogInnen, ErzieherInnen, PsychologInnen und HeilpädagogInnen aus dem Arbeitsfeld der Kinder- und Jugendhilfe untersucht.

Autorin und Entstehungshintergrund

Die Autorin, Jg. 1961, ist Soziologin, Physiotherapeutin und freie Unternehmensberaterin mit Schwerpunkten im Gesundheitswesen sowie im Praxismanagement. In ihrer vorliegenden Dissertation (Universität Augsburg) thematisiert die Autorin die besonderen Schwierigkeiten und Widersprüche, die sich aus dem Auftrag an die Jugendhilfe ergeben, für das Wohl von Kindern von psychisch kranken Eltern zu sorgen. Angeregt wurde diese Forschungsarbeit durch die Beteiligung der Autorin an einem Forschungsprojekt im Auftrag eines öffentlichen Jugendhilfeträgers.

Aufbau und Inhalte

Das insgesamt 290 Seiten umfassende Werk ist in 14 Kapitel gegliedert, wovon die ersten 5 Kapitel der theoretischen Aufarbeitung des Themas, die folgenden Kapitel einer eigenen empirischen Untersuchung gewidmet sind. Nach einer 6-seitigen Einleitung, in der die systemische Grundrichtung der Arbeit bereits angedeutet wird, folgen zunächst in Kapitel 2 umfangreiche und differenzierte Klärungen zu grundlegenden Konzepten der Sozialen Arbeit, zu ihrer Geschichte sowie zu ihren Arbeitsprinzipien wie Lebensweltorientierung und Systemorientierung.

In Kapitel 3 stehen die Klienten der Sozialen Arbeit im Mittelpunkt: Familien mit vielseitigen Problemen werden hinsichtlich prekärer Lebenslagen dargestellt. Im Schwerpunkt werden dann „interne Krisen“ von Familien mit besonderer Berücksichtigung psychischer Störungen in den Blick genommen. Auf letztere wird ausführlich eingegangen und dabei die Lage von Kindern in diesen Familien thematisiert.

Kapitel 4 thematisiert die Rolle der professionellen HelferInnen unter den Aspekten: Berufsbild, Motivation, Ausbildung und Kompetenzen bevor dann in Kapitel 5 die Kernfrage der Arbeit herausgestellt wird: Wie ist es möglich, dass unter den Bedingungen einer gestörten Kommunikation sozialpädagogische Hilfe geleistet werden kann? Der Hintergrund dieser Frage wird unter Hinweis auf die Systemtheorie von Luhmann aufgezeigt. Als Schlüsselbegriff dient die Kommunikation und ihre Bedeutung im Kontext einer gemeinsamen Sinnproduktion. „Wie stellen Helfer unter diesen Bedingungen Anschlussmöglichkeiten für Kommunikation her?“ (S. 97).

In Kapitel 6 werden der Untersuchungsansatz und die Forschungsmethode umfassend erläutert und begründet. Die Autorin arbeitet mit unterschiedlichen qualitativen Erhebungsmethoden wie etwa Einzel- und Gruppeninterviews. Insgesamt werden 30 professionelle Helfer aus den Arbeitsfeldern stationäre und ambulante Jugendhilfen, Psychiatrie und ASD mit in der Regel mindestens 10-jähriger Berufserfahrung in die Datenerhebung einbezogen. Die Datenauswertung erfolgt nach der Methode der „grounded theory“.

Das Kapitel 7 beginnt ziemlich genau in der Mitte des Buches mit der Auswertung und der Illustration des empirischen Interviewmaterials: Unter der Überschrift „Der Kontext der Interaktion“ werden Rahmenbedingungen und Einstellungen der befragten HelferInnen auf der Grundlage von zahlreichen Beispielen aus den Interviews erläutert. Dabei werden auch die Wirkungen von Diagnosen sowie die Haltungen der HelferInnen in der Sozialen Arbeit gegenüber der psychiatrischen Disziplin in den Blick genommen.

Thema des Kapitels 8 sind dann die institutionell geprägten Aufträge an die sozialpädagogischen Hilfen: Wachen über das Kindeswohl, Orientierung an der Lebenswelt der Familien, Herstellen von „Einsicht“ bei den Eltern sowie therapeutische Möglichkeiten. Im Anschluss an die Herausarbeitung von Widersprüchlichkeiten wird dann in Kapitel 9 die mögliche Arbeitsbeziehung zwischen Klienten und Helfern näher beschrieben. Dabei steht die „Gefühlsarbeit“ als wesentliches Prinzip der Beziehungsgestaltung im Mittelpunkt der Untersuchung. Unter Hinweis auf Ergebnisse der Psychotherapieforschung wird die Bedeutung dieses Kernelements der Arbeit mit psychisch Kranken herausgestellt.

In den folgenden drei Kapiteln 10, 11 und 12 wird der Frage nachgegangen, inwieweit die HelferInnen selbst durch diese Arbeit sowie durch ihre institutionellen Rahmenbedingungen „gestört“ werden bzw. „verstört“ sind bzw. werden. Unter extremen psychischen Belastungen sollen hilfreiche Beziehungen gestaltet, Störungen ausgehalten und Kinder in ihrem Wohl geschützt werden.

Als mögliche Wege werden in Kapitel 13 – weiterhin an Interviewbeispielen - Handlungsansätze aufgezeigt und diskutiert, bevor in Kapitel 14 die Ergebnisse insgesamt einem Resümee unterzogen werden.

Ein 16-seitiges Literaturverzeichnis schließt die Arbeit ab.

Diskussion

Die Untersuchung nimmt auf ein Arbeitsfeld Bezug, über welches bisher nur wenig praxisnahe Problemanalysen vorliegen: Die elementaren Widersprüche, mit denen die Helfer in der Arbeit mit psychisch kranken Eltern zu kämpfen haben, sind selten so intensiv und praxisnah untersucht und dargestellt worden. Dabei sind die Probleme nicht nur kommunikationstheoretischer, sondern auch institutioneller Natur. Diese aufgezeigt zu haben, darin liegt der besondere Wert dieses Buches. Es lässt ein breites Spektrum von sehr erfahrenen HelferInnen zu Wort kommen und macht deutlich, wie sie einerseits die Unmöglichkeit ihrer Aufgabe wahrnehmen, andererseits aber auch Wege suchen, um dem Dilemma zu entkommen. Die Forderung der Autorin ist deutlich: „Die Last und Bewältigung kann und darf nicht auf zahllose Schultern persönlich bis zur Erschöpfung engagierter (HelferInnen) gestapelt werden.“ (S. 270).

Leider fallen im Gesamtbild des Buches die ersten Kapitel zu den Grundlagen der Sozialen Arbeit sowie zur Psychiatrie etwas zu umfangreich aus. Dadurch leidet etwas die Schärfe von Fragestellung und auch Begriffsbildung. Auch hätte der Leser gern mehr Konkretes über das erarbeitete Kategoriensystem erfahren.

Fazit

Insgesamt liegt eine lesenswerte Arbeit vor, die vor allem für Leitungskräfte in den Erziehungshilfen wertvolle Einsichten enthält. Aber auch im Rahmen des Studiums der Sozialen Arbeit kann das Werk Grundlage weiterführender Seminare sein.


Rezensent
Prof. Dr. Matthias Moch
Duale Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart. Studiengangsleiter Erziehungshilfen 1
Vorsitzender der Fachkommission Sozialwesen
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Zitiervorschlag
Matthias Moch. Rezension vom 21.09.2013 zu: Iris Weber: Gestörte Eltern - gestörte Jugendhilfe? Interaktion im Helfer-Klient-System mit Blick auf die professionellen Helfer. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2012. ISBN 978-3-7799-2251-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/14116.php, Datum des Zugriffs 09.12.2016.


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