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Helga Amesberger, Katrin Auer u.a. (Hrsg.): Sexualisierte Gewalt

Cover Helga Amesberger, Katrin Auer, Brigitte Halbmayr (Hrsg.): Sexualisierte Gewalt. Weibliche Erfahrungen in NS-Konzentrationslagern. Mandelbaum (Wien) 2004. 359 Seiten. ISBN 978-3-85476-118-1. 24,90 EUR.
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Die Autorinnen

Helga Amesberger, Katrin Auer und Brigitte Halbmayr sind Sozialwissenschaftlerinnen und wissenschaftliche Mitarbeiterinnen am Institut für Konfliktforschung in Wien. Sie haben u. a. im "ZeitzeugInnen-Projekt Mauthausen" schon zusammen gearbeitet. Helga Amesberger und Brigitte Halbmayr haben zahlreiche Publikationen veröffentlicht u. a. "Schindlers Liste macht Schule", 1995 und "Vom Leben und Überleben. Wege nach Ravensbrück", 2001. Katrin Auer war auch Mitarbeiterin der Ausstellung "Wege nach Ravensbrück. Erinnerungen von österreichischen Überlebenden des Frauen-Konzentrationslagers", 1999. Alle drei Autorinnen sind Freundinnen und Mitglieder der österreichischen Lagergemeinschaft Ravensbrück.

Inhalt

Es war keine einfache und leichtfertige Entscheidung, sich dieses Themas anzunehmen, schreibt Erika Thurner im Vorwort des Buches. Die Autorinnen haben großen Mut bewiesen, dieses längst überfällige Thema zu bearbeiten. Der größte Mut allerdings und ein noch größerer Dank gebührt den überlebenden Frauen, die sich - auch stellvertretend für die Frauen, die auch heute noch nicht darüber in der Lage sind zu sprechen - den Tiefeninterviews der Autorinnen gestellt haben. Die Frauen haben zu dem alltäglichen Grauen, der stündlichen Todesangst in den Konzentrationslagern selbst sexualisierte Gewalt erlebt oder haben sie beobachten müssen und waren stetig davon bedroht. Im Zentrum der Analyse stehen lebensgeschichtliche und problemzentrierte Interviews mit 43 KZ - Überlebenden, vorwiegend aus dem Frauenkonzentrationslager Ravensbrück, die die Interviewerinnen mit viel Fingerspitzengefühl geführt haben.

Es ist erschütterlich, lesen zu müssen, welche Qualen auch heute noch zur Lebensrealität der Überlebenden gehört. Dass sexualisierte Gewalt in Konzentrationslagern vorkam, ist sicherlich relativ bekannt. Die Frauen wurden von den KZ Aufsehern auf das nackte Gesäß geprügelt, Nacktheit war ein zusätzliches Mittel der Demütigung, es kam zu Zwangssterilisationen, Belästigungen, Vergewaltigungen, Zwangssexarbeit in den Lagerbordellen. Aber dass die sexualisierte Gewalt in Form von Vergewaltigungen in den Lagerbordellen nicht nur von den KZ Aufsehern und SS Soldaten verübt wurde, sondern auch von Mitinhaftierten, ist kaum vorstellbar. So wundert es nicht, dass das vorliegende Buch eines der ganz wenigen Veröffentlichungen dazu ist.

Sehr detailliert wird von den Autorinnen auf die Vielfältigkeit der sexualisierten Gewalttaten und Demütigungen der Frauen hingewiesen und den Folgen für die Frauen nachgegangen. Sei es, dass die Frauen nach den Erlebnissen alles Vertrauen in andere Menschen - meist Männer - verloren haben, sei es, dass die Frauen, um Schutz zu erhalten, Männer geheiratet haben, die, wie eine Interviewte erzählt, deutlich älter waren: "Ich meine, sicher, im normalen Leben, wenn nicht des politische Geschehen gewesen wäre, hätte ich wahrscheinlich - ich nehme es nicht an, dass ich einen Mann, der um 20 Jahre älter war als ich, geheiratet hätte."

Das Buch bereichert das Thema sexualisierte Gewalt auch um die Sichtweise von Gruppenstrukturen und Gruppenerleben in Konzentrationslagern.

Es räumt auch auf mit dem Vorurteil und belegt dies sehr anschaulich, dass die Frauen keineswegs "freiwillig" in den Lagerbordellen als Prostituierten arbeiteten, wie häufig von - auch weiblichen - Mithäftlingen geglaubt und erzählt wird. Die SS versprach den Frauen, dass sie nach 6-monatigem "Dienst" freigelassen würden und darauf hin meldeten sich in ihrer Not tatsächlich einige Frauen. Diese Versprechen wurden allerdings niemals eingehalten. In der Randordnung der Lagerhierarchie standen die Frauen, die in den Lagerbordellen Zwangssexarbeit verrichteten (verrichten mussten), ganz unten.

Dass der Bordellbesuch von den politischen Häftlingen verpönt war, ist nur zum Teil richtig.

Aufbau

Das Buch ist in verschiedene Schwerpunkte gegliedert. Es werden u.a. Einführungen gegeben zu folgenden Themen:

  • Sexualisierter Gewalt und Trauma,
  • der Einsatz sexualisierter Gewalt gegen Frauen bei Gestapo-Verhören während der Aufnahme,
  • Gesetzgebung hinsichtlich Prostitution während des Nationalsozialismus,
  • Zwangsprostitution im Lagerbordell,
  • Beweggründe für sexuelle Beziehungen mit SS-Männer,
  • Häftlingskategorien und Nationalitäten,
  • Schwangerschaft,
  • Mutterschaft,
  • Verlust von Kindern,
  • Bedingungen für Gebärende,
  • Menstruation,
  • Bewältigungs- und Verarbeitungsstrategien der Frauen,
  • Auswirkungen von Verfolgung und sexualisierter Gewalt auf Partnerschaften, Heiratsmotive.

Zielgruppe

Durch die Erzählungen der Frauen wird ein großes Tabu in der deutschen Geschichte gebrochen, dadurch dass die Autorinnen ihnen Gehör schenken und ihnen mit dem Buch eine - ich hoffe sehr breite - Öffentlichkeit bieten. Daher ist die Lektüre jeder und jedem zu empfehlen, da es meiner Meinung nach die LeserInnen nicht umhin kommen lässt, die Überlebenden dieser speziellen Form von Gewalt zu würdigen, ihnen Mitgefühl und Solidarität und die Möglichkeit des (entlastenden) Erzählens zu geben.

Dies Buch ist durchaus auch als Fortbildungslektüre für ÄrztInnen aller Fachrichtungen - besonders die der GynäkologInnen, HausärztInnen, NeurologInnen und GeriaterInnen zu empfehlen. Genauso wichtig ist es für Pflegende, diese Hintergründe der heute alten Frauen zu kennen, damit sie retraumatisierende Pflegehandlungen unterlassen, Reaktionen der Frauen als solche erkennen und Ihnen dann entsprechende Unterstützung geben können. Ich wünsche mir dieses Buch als Standardliteratur an den Alten- und Krankenpflegeschulen und Weiterbildungseinrichtungen vorzufinden.

Lesbarkeit des Textes

Keine Frage, das Buch erschüttert und lässt die Leserin / den Leser nicht unberührt. Durch die detaillierte Auflistung der Themen, die Interviews und die verschiedensten Sichtweisen auf das Thema sexualisierte Gewalt in den Konzentrationslagern ist es aber immer wieder möglich, das Buch an den verschiedenen Stellen aufzuschlagen und weiter zu lesen. Bei aller Schwere, die dieses Thema hervorbringt, wird von den überlebenden Frauen auch sehr viel Stärke, Lebenskraft und Lebensmut vermittelt.

Fazit

Die Autorinnen stellen die Frage, ob die erlebten sexualisierten Gewaltformen zu dauerhaften Traumatisierungen führten, die aber nur teilweise beantwortet werden kann. "Angesichts der Allgegenwart von Todesgefahr und (sexualisierter) Gewalt in den Konzentrationslagern ist es im Nachhinein zum einen oftmals schwer das Traumaereignis festzumachen." Sie stellen aber fest, dass diese spezifische Form der Gewalt zu mehr oder weniger dauerhaften Formen der Traumatisierung geführt hat. Das Anliegen der Autorinnen, den Lebens- und Leidensgeschichten der Frauen gerecht zu werden und die Verbrechen, die an ihnen begangen wurden aufzuzeigen, ist ihnen überaus gelungen. Ich jedenfalls danke den Autorinnen und den überlebenden Frauen für die Veröffentlichung dieses Teil ihrer frauenspezifischen Geschichte.


Rezensentin
Martina Böhmer
Altenpflegerin für Geriatrische Rehabilitation, Referentin in der Altenhilfe
Fachbuchautorin von Erfahrungen sexualisierter Gewalt in der Lebensgeschichte alter Frauen, Mabuse Verlag, 2000
Homepage www.martinaboehmer.de


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Zitiervorschlag
Martina Böhmer. Rezension vom 13.07.2004 zu: Helga Amesberger, Katrin Auer, Brigitte Halbmayr (Hrsg.): Sexualisierte Gewalt. Weibliche Erfahrungen in NS-Konzentrationslagern. Mandelbaum (Wien) 2004. ISBN 978-3-85476-118-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/1415.php, Datum des Zugriffs 30.06.2016.


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