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Kerstin Bindel: InA. Inanspruchnahme [...] Angehörige von Menschen mit Demenz

Cover Kerstin Bindel: InA. Inanspruchnahme von Unterstützungsangeboten für versorgende Angehörige von Menschen mit Demenz. Logos Verlag (Berlin) 2012. 137 Seiten. ISBN 978-3-8325-3132-4. D: 34,50 EUR, A: 35,50 EUR, CH: 61,40 sFr.

Reihe: Psychosoziale Interventionen zur Prävention und Therapie der Demenz - Band 8.
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Thema

Angehörige, die demenzkranke Menschen Zuhause versorgen, nehmen selten psychosoziale Unterstützungsangebote an. Das ist umso erstaunlicher, da eine hohe psychische Beanspruche gerade in der Versorgung dementer Menschen vermutet werden kann. Dieses Phänomen will die Autorin in ihrer empirischen Arbeit nachgehen und empirisch gestützte Erklärungsversuche anbieten, die die Grundlage für weitere Forschungsarbeit bieten kann.

Autorin

Das Buch bietet keine näheren Angaben zu seiner Autorin an. Das Internet hat jedoch ein paar Informationen zur Person von Kerstin Bindel zu tage gefördert. Sie hat ihr Psychologiestudium 2011 an der Goethe Universität Frankfurt abgeschlossen und arbeitet heute in der Forschungsgruppe EMMA am Institut für Sozialpädagogik und Erwachsenenbildung. Sie ist dort am Projekt "Förderung der Einwilligungsfähigkeit in medizinischen Maßnahmen bei Demenz durch ressourcenorientierte Kommunikation" beteiligt.

Entstehungshintergrund

Dieses Buch ist die Veröffentlichung einer Diplomarbeit, die die Autorin in den Jahren 2010 und 2011 als Diplomandin am Institut für Allgemeinmedizin an der Goethe Universität Frankfurt erstellt hat. Das es sich um eine Qualifikationsarbeit handelt, die ohne umfangreichere redaktionelle Bearbeitung veröffentlicht wurde, merkt man dem Buch an.

Aufbau

Das Buch ist den Erfordernissen einer Diplomarbeit entsprechend aufgebaut. Daher ist der Aufbau schnell dargestellt. Nach einer Darstellung der theoretischen Grundlagen zum Forschungsvorhaben folgen einige methodische Hinweise zum empirischen Vorgehen. Daran schließen sich die Ergebnisdarstellung und -diskussion an. Auf 106 Seiten stellt die Autorin ihre Arbeit dar.

Das Buch endet mit einem Literaturverzeichnis sowie der Wiedergabe des in der Arbeit verwendeten Fragebogens.

Inhalt

Im ersten theoretischen Teil stellt die Autorin zunächst die Situation Angehöriger von Menschen mit Demenz auf dem Hintergrund der aktuellen Forschungslage dar. Insbesondere wird der Frage nach der Effektivität von psychosozialen Interventionen nachgegangen. Dabei wird den Problemen und Grenzen solcher Interventionen breiter Raum eingeräumt. Sehr detailliert wird dem Phänomen der Nicht-Inanspruchnahme von Unterstützungsangeboten nachgegangen. Insbesondere wählt die Autorin anhand der Literatur die Typisierung von Angehörigen hinsichtlich der Inanspruchnahme bzw. Nicht-Inanspruchnahme als Ausgangpunkt für eine Forschung.

Da in dieser Rezension das Buch nicht als Diplomarbeit begutachtet werden soll, das überlasse ich lieber den damaligen Gutachtern, sollen die dem empirischen Charakter des Buches geschuldeten methodologischen und statistischen Überlegungen übersprungen werden.

Interessante Aspekte der Ergebnisdiskussion (ab Seite 73) sind:

Eine Typologisierung der Angehörigen, die nicht an Unterstützungsangeboten teilnehmen, kann wie folgt aussehen:

  • Angehörigen ohne Bedarf: Sie zeichnen sich durch eine hohe Lebensorientierung und positive Gesundheitseinschätzung aus.
  • Angehörige mit mittlerem Bedarf: Ihre Einschätzung der eigenen Gesundheit fällt leicht unterdurchschnittlich aus. Dagegen wurden ihre sozialen Kompetenzen als leicht überdurchschnittlich beurteilt. Gleiches gilt für ihre Lebensorientierung.
  • Angehörige mit hohem Bedarf: Sie zeichnen sich durch eine unterdurchschnittliche eigene Gesundheitsbeurteilung aus. Ihnen fehlt ein geeignetes soziales Netzwerk. Ihre Belastung empfinden sie als hoch.

Wichtige Unterscheidungsmerkmale für diese Gruppen sind: Sinnerleben, Kohärenzgefühl, soziale Kompetenz und die subjektive Gesundheitseinschätzung.

Ein weiterer wichtiger Aspekt der Ergebnisse ist, dass Erfahrungen der Angehörigen mit Unterstützungsangeboten (hier aus dem Modellprojekt Quadem) keine Auswirkung auf eine nachfolgende Inanspruchnahme haben. Allerdings konnte die Studie zeigen, dass bei sogenannten erfahrene Studienteilnehmer mehr Wünsche nach weiteren Unterstützungsangeboten hatten.

Die Autorin schließt ihre Ergebnisdiskussion mit einigen Ausführungen zu den Implikationen der Arbeit für die Forschung und die Praxis. Sie stellt für das Thema noch einen weiteren Forschungsbedarf zur Gruppen der "Nicht-Teilnehmer" fest und weist auf die eingeschränkte Interpretierbarkeit und Generalisierbarkeit ihrer Ergebnisse hin. Insofern müssen die Ergebnisse in einem angemessenen Licht hinsichtlich ihrer Aussagekraft (insbesondere für die Praxis) gesehen werden. Trotzdem gibt sie eine Reihe von Hinweisen für die Praxis, die hier nur stichpunktartig wiedergegeben werden:

  • Flexibilität in der Inanspruchnahme von Unterstützungsangeboten
  • Angebote als Mulitkomponentenangebote entwickeln
  • Zielgruppenspezifische Rekrutierung von Teilnehmern
  • Bedarf nach Beratungsleistungen ist feststellbar
  • Internetbasierte Angebote entwickeln
  • Verstärkte Aufklärung der breiten Öffentlichkeit
  • Angehörigentypus entsprechende Angebote entwickeln.

Zielgruppen

Auf dem Hintergrund der Entstehung des Buches kann das Buch für Diplomanden interessant sein, da sie eine sicherlich gut bewertete Arbeit als Maßstab für ihr eigenes Schaffen nehmen können. Des Weiteren bietet das Buch gute Anregungen für all jene, die die Nachfrageseite in der Dementenarbeit näher kennenlernen wollen und sich immer wieder fragen, warum ein an sich gutes Unterstützungsangebot von den versorgenden Angehörigen nicht angenommen wird.

Diskussion

Es ist lobenswert, dass sich die Autorin an dieses Thema herangewagt und sich der nicht ganz einfachen Frage gestellt hat, warum Unterstützungsangebote nicht angenommen werden. Ihre empirische Arbeit stellt sie gut dar und die Ergebnisse sind transparent. Sicherlich ist die Frage erlaubt, ob die praktischen Schlüsse, die sie im Buch vorstellt, ausreichend empirisch abgesichert sind. Sie erwecken eher den Eindruck neuer Hypothesen als klarer faktenbasierter Schlussfolgerungen.

Nichtsdestotrotz sind es die Ergebnisse wert, dass sie einer breiten Fachöffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Ich frage mich nur, ob dazu eine eigene Buchpublikation notwendig war oder ob man die Ergebnisse nicht besser in Form eines Aufsatzes veröffentlicht hätte. Leider konnte ich weder die Diplomarbeit noch einen Hinweis auf eine Aufsatzveröffentlichung der Autorin im Internet finden. So bleibt dem interessierten Leser wohl doch nur der Griff zum Buch übrig.

Fazit

Für wissenschaftlich interessierte Leser bietet das Buch eine gute Darstellung der empirischen Arbeit. Das hätte allerdings die Diplomarbeit als solche auch schon erreichen können. Sie hätte als PDF-Datei im Download im Internet einem breiten Fachpublikum den gleichen Dienst erweisen können. Ihr gegenüber bietet das Buch keinen Mehrwert. Den praktisch interessierten Servicedesignern gibt das Buch interessante Hinweise, jedoch nur auf den letzen zehn Seiten. Insofern stehen Nutzen und Umfang des Buches in keinem guten Verhältnis.


Rezensent
Dipl.-Kfm. Werner Thomas
Krankenpfleger, Diakon
Homepage www.adservio.de
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Zitiervorschlag
Werner Thomas. Rezension vom 28.02.2013 zu: Kerstin Bindel: InA. Inanspruchnahme von Unterstützungsangeboten für versorgende Angehörige von Menschen mit Demenz. Logos Verlag (Berlin) 2012. ISBN 978-3-8325-3132-4. Reihe: Psychosoziale Interventionen zur Prävention und Therapie der Demenz - Band 8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/14165.php, Datum des Zugriffs 05.12.2016.


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