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Anne Häußler, Antje Tuckermann u.a.: Praxis TEACCH. Neue Materialien [...]

Cover Anne Häußler, Antje Tuckermann, Eva Lausmann: Praxis TEACCH. Neue Materialien zur Förderung der Sozialen Kompetenz. verlag modernes lernen borgmann publishing (Dortmund) 2011. 125 Seiten. ISBN 978-3-938187-80-7. 17,90 EUR, CH: 25,60 sFr.
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Thema

Das Buch enthält neue Materialien zur Förderung der sozialen Kompetenzen in der Förderung von Menschen mit Autismus. Der Leser findet praxiserprobte Anregungen, die so anschaulich dargestellt sind, dass sie direkt umgesetzt werden können.

Autorinnen

Antje Tuckermann, Anne Häußler und Eva Lausmann begleiten Kinder und Jugendliche aus dem autistischen Spektrum. Anne Häußler hat den TEACCH Ansatz in Deutschland bekannt gemacht, zahlreiche Bücher geschrieben bzw. aus dem Amerikanischen übersetzt. Sie leitet eine Therapie- und Beratungsstelle, die auf dem TEACCH-Konzept basiert arbeitet.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist 2. Teil der fünfteiligen Reihe Praxis TEACCH im borgmann media verlag. Alle Teile beschäftigen sich mit konkreten Anwendungsbereichen des TEACCH Ansatz und möglichen Fragestellungen aus der Praxis. Dieser Band versteht sich als Ergänzung zum Buch „SOKO Autismus“ (Häußler et al 2003).

Aufbau

Das Buch (Ringbindung) umfasst 8 Kapitel mit zahlreichen Checklisten, Beispielen und Fotos. Zur besseren Orientierung ist an jedem Seitenrand die jeweilige Kapitelüberschrift abgedruckt.

1. Einleitung

2. Starthilfen zum Aufbau einer SOKO-Gruppe

  • 2.1 Gestaltungselemente
  • 2.2 Strukturierungselemente

3. Ziel- und Förderplanung

4. Unsere neuen Spiele und Aktivitäten zur Förderung sozialer Kompetenzen

  • 4.1 Strukturierte Spiele
  • 4.2 Wir spielen Kaufladen – Ideen zur Strukturierung von Rollenspielen
  • 4.3 Wer spielt mit mir? Strategien zum Partner finden

5. Hilfen zur Gesprächsführung

  • 5.1 Sich gegenseitig kennen lernen – die Vorstellung
  • 5.2 Erzählthemen
  • 5.3 Interview und Leitfaden zum Berichten

6. Reflektieren und Verstehen sozialer Situationen

  • 6.1 Was nun – denken, sagen und tun?
  • 6.2 Was ist da wohl los?
  • 6.3 Körpervokabeln
  • 6.4 Klargestellt! – Der Dolmetscher zur Übersetzung sozialer Signale
  • 6.5 Social Stories©

7. Bezugsquellen und hilfreiche Materialien

  • 7.1 Spiele
  • 7.2 Bücher
  • 7.3 Materialien

8. Literatur

Inhalt

Das Inhaltsverzeichnis gibt einen guten Überblick über die behandelten Themen, Methoden und Materialien. Menschen mit Autismus haben Probleme in der sozialen Interaktion und Kommunikation. Ein Kernbereich der pädagogisch-therapeutischen Arbeit des TEACCH-Ansatz ist die Entwicklung sozialer Kompetenzen, unabhängig vom Grad der Beeinträchtigung der Zielgruppe. Vorgestellt werden zahlreiche Anregungen zur inhaltlichen Gestaltung gemeinsamer Aktivitäten und eine Fülle an praktischen Ideen zur gezielten Strukturierung sozialer Situationen.

Kapitel 2 befasst sich mit Starthilfen für SOKO Gruppen. Dabei handelt es sich nicht um ein vollständiges Konzept für ein Sozial-Training, vielmehr geht es darum, den interessierten Lesern, Anregungen für eigene Ideen zu geben.

Kapitel 3 stellt eine Ziel- und Förderplanung vor.

In Kapitel 4 findet man geeignete Spiele. In tabellarischer Struktur wird Material, Anleitung und Spielaufbau (Foto) konkret vorgestellt.

Kapitel 5 beschäftigt sich mit Hilfen zur Gesprächsführung.

Kapitel 6 befasst sich ausführlich mit sog. comic strips conversation und social stories©. Comic strips reflektieren und analysieren erlebte Situationen. Gespräche werden durch kleine Zeichnungen visualisiert, Denk- und Sprechblasen machen unsichtbare Informationen deutlich. Social stories wurden von Carol Gray entwickelt. Social stories sind kleine Geschichten, die die wichtigsten Informationen zum Verstehen einer Situation vermitteln. Eine social story besteht aus zwei Teilen „Beschreibung“ (beschreibende Sätze, Perspektivsätze, bekräftigende und /oder Kooperativsätze.)und „Instruktion“ (Direktive- und Kontrollsätze). Sie beruhen auf einer funktionalen Verhaltensanalyse. Jede Geschichte wird mit der Person entwickelt und verwendet nur positive Formulierungen. Die Erfahrung zeigt, dass die Geschichten dann gut wirken, wenn sie aus der Perspektive des Betroffenen geschrieben werden und sich stark an den Bedürfnissen der Person orientieren. Fertige Geschichten sollten in einer ruhigen Situation eingeführt und regelmäßig geübt werden. Die Motivation des Gebrauchs steigt, wenn sich an den Interessen der Person orientiert wird. Die Situationen sollten so gestaltet sein, dass der Spaß nicht zu kurz kommt. Diese Anregungen (Grundideen) müssen in der Begleitung individuell angepasst werden. Bezugsquellen und Literaturangaben runden das Thema ab.

Diskussion

93% der Alltagskommunikation wird nicht sprachlich transportiert, sondern aus der Art, wie etwas gesagt wird. 55% entfallen auf die Körpersprache, 38% auf den Tonfall (a.a. O. 74). Menschen mit Autismus haben Probleme, sich in andere hineinzuversetzen, aus der Mimik und Körpersprache des anderen wichtige Botschaften der Kommunikation zu lesen und adäquat zu reagieren. Soziale Situationen sind ein komplexes Geschehen, denn sie sind nicht allein durch eine Vielzahl von Regeln und Konventionen bestimmt. Auch Faktoren des Kontextes, in dem die Interaktion stattfindet und die Zuordnung der Rollen der Akteure sind zu berücksichtigen. Sie haben Einfluss auf die Beurteilung der Situation und der Auswahl passender Reaktionen. Es entsteht die Anforderung diese Vielzahl von zeitgleich ablaufenden Prozessen zu beherrschen. Das macht einen adäquaten Umgang schwer. Ein Problem ist der Aufwand von Zeit. Normalerweise (also bezogen auf „neurotyische (nicht autistische) Denkstrategien“ ist die Auswahl adäquater Reaktionen ein intuitiver Prozess, der mit wenig Zeitaufwand bewältigt wird. Autisten fehlt diese Intuition. Um dies zu kompensieren versuchen sie Situationen durch Logik zu analysieren und adäquate Reaktionen auszuwählen. Das braucht Zeit. So ist zu erklären, warum oft der Eindruck entsteht, dass Autisten zeitverzögert reagieren.

Soziale Situationen beinhalten die Elemente Denken-Sagen-Tun, d.h. man macht sich Gedanken und zieht Schlussfolgerungen, Relevantes wird ausgesprochen und es entstehen Handlungen. Die Methode „comic strip conversation“ visualisiert diese Vorgänge und hilft, die Komplexität einer Begebenheit zu verstehen. Einfache Hilfsmittel (wie Denk- und Sprechblasen) helfen beim Reflektieren. Das Buch gibt Anregungen (Grundideen), die in der eigenen Praxis (z.B. in Schule, am Arbeitsplatz, in Freizeitgruppen) individuell angepasst werden müssen. Social stories werden aufgeschrieben und dienen als Erinnerungshilfe.

In diesem Buch fehlen grundlegende Informationen zur Wahrnehmungsverarbeitung und zu Denkstrategien von Menschen aus dem autistischen Spektrum. Ohne dieses Wissen können keine individuell angepassten Strategien der Kommunikation und Interaktion entwickelt werden. Bei der Gestaltung von SOKO-Gruppen (d.h. soziale Kompetenzgruppen) wird auf das Buch von Anne Häußler aus dem Jahr 2003 hingewiesen. Die Darstellung des theoretischen Grundlagenwissens kommt entschieden zu kurz und es ist zu befürchten, dass sich dies negativ auf den TEACCH Ansatz auswirken könnte, was sicherlich nicht im Sinne der Autorinnen ist.

Fazit

Das Buch ist in praktischer Ringbindung Din A 5 aufgelegt. Es gibt zahlreiche Anregungen für die Arbeit mit Menschen aus dem autistischen Spektrum. Es ist ein Quell vieler anschaulicher Ideen und Bildmaterialien. Die Erfahrung zeigt: je passgenauer die Hilfe ist desto selbstständiger und unabhängiger kann der Mensch handeln. Vorgestellt werden einzelne Elemente aus dem heilpädagogisch-therapeutischen Ansatz TEACCH. TEACCH ist mittlerweile das gängigste und in weiten Teilen hilfreichste Konzept in der Förderung von Menschen mit Autismus. Der Schlüssel ist die Strukturierung und Visualisierung von Raum, Zeit und Aktivitäten/Aktionen. Der Leser erhält einen Eindruck, wie es durch den Einsatz von TEACCH gelingen kann, komplexe soziale Situationen mit einfachen Mitteln verstehbarer zu machen und handlungsfähiger zu werden.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 02.01.2013 zu: Anne Häußler, Antje Tuckermann, Eva Lausmann: Praxis TEACCH. Neue Materialien zur Förderung der Sozialen Kompetenz. verlag modernes lernen borgmann publishing (Dortmund) 2011. ISBN 978-3-938187-80-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/14236.php, Datum des Zugriffs 28.09.2016.


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