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Wolfgang Gründinger: Wir Zukunftssucher

Cover Wolfgang Gründinger: Wir Zukunftssucher. Wie Deutschland enkeltauglich wird. edition Körber-Stiftung (Hamburg) 2012. 223 Seiten. ISBN 978-3-89684-092-9. D: 16,00 EUR, A: 16,50 EUR.
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Von der Identitätskrise zum Halleluja?

„Die Zukunft hat schon begonnen“ (Robert Jungk, 1952) und „Nach uns die Zukunft“ (Hans A- Pestalozzi, 1979), „Zukunft war gestern“ (SRL e.V. u. Konrad-Adenauer-Stiftung „Stuttgart Mobil – Stadt und Mobilität, 2007), „Zukunft ist Cyberspace“, Sebastian Handke, Der Tagesspiegel, 2008), „Zukunft ist Glück“ (Der Rostocker Rapper Martteria mit seinem Soloalbum „Zum Glück in die Zukunft“, 2010) oder „Zukunft ist Katastrophe“ (Planet Erde: Katastrophe der Zukunft. GERMAN.DOKU.WS.dTV.XViD-MiSFiTS) – über Zukunft lässt sich trefflich sinnieren und spekulieren, sowohl seriös mit den Mitteln der Zukunftsforschung, als auch mit Kassandrarufen und esoterischen Mitteln. Betrachten wir die philosophischen Überlegungen, wie sie sich im Dreiklang von Vergangenem – Gegenwärtigem – Zukünftigem ergeben, landen wir zwangsläufig bei den Zeit- und Daseinsvorstellungen der griechischen Philosophen. Aristoteles unterscheidet zwischen dem „esomenon“, als etwas, was sein wird, und dem „mellon“, einem tendenziell Zukünftigem und zeigt auf, dass Vorhersagen für (mögliche) zukünftige Ereignisse „in der Gegenwart noch nicht wahr oder falsch sind, sondern sich erst in der Zukunft bewahrheiten oder als falsch erweisen werden“ (H. Weidemann, in: Otfried Höffe, Aristoteles-Lexikon, Stuttgart 2005, S. 341ff). Über die Zukunft nachdenken und reden zeigt sich also als ein gewagtes Unterfangen.

Entstehungshintergrund und Autor

Weil wir Menschen aber ohne Bewusstsein der Vergangenheit, der Wahrnehmung der Gegenwart und der Vision der Zukunft zu hohlen Gefäßen des Vegetierens werden, bedarf es eines intellektuellen und humanen Nachdenkens nicht nur darüber, „wie wir wurden, was wir sind“ (Bernt Engelmann, 1980), sondern auch des wagemutigen Abenteuers zu erkennen, dass Zukunft da und doch nicht greifbar ist ( vgl. dazu auch: Nora Nebel, Ideen von der Zeit. Zeitvorstellungen aus kulturphilosophischer Perspektive, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12020.php). So wie sich die Krise der Zeit in unser hektisches Leben der scheinbaren Machbarkeiten und Allmächtigkeiten einnistet, erleben wir mit den lokalen und globalen Zufälligkeiten und Gegenwärtigkeiten in der sich immer interdependenter, entgrenzender und vielfältiger entwickelnden (Einen?) Welt unsere Ohnmächte und Abhängigkeiten von den Haben-Mentalitäten (Harald Weinrich, Über das Haben. 33 Ansichten, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14000.php). Die Suche nach dem Sinn des Lebens wird immer deutlicher bestimmt von der Erkenntnis, dass „mehr wird, wenn wir teilen“ (Elinor Ostrom, Was mehr wird, wenn wir teilen. Vom gesellschaftlichen Wert der Gemeingüter, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11224.php); und die Frage nach der Zukunft der Menschheit erfährt eine neue Besinnung auf scheinbar so altmodische Begriffe wie „Solidarität“ und „Generationengerechtigkeit“. Die „demografische Zeitbombe“, die sich artikuliert in den Horrorszenarien, dass die Alten immer älter und die Jungen immer weniger werden, droht jede Zukunftsperspektive zu vernichten. In diese pessimistischen Stimmungen, die sich zu gigantischen und inhumanen Egoismen auszuwachsen drohen, mischen sich (immerhin) auch Stimmen, die sich als „junger Aufstand“ zeigen und nicht den ergebnislosen und egozentrischen Kampf der Jungen gegen die Alten ausfechten will, sondern „sozialmoralische Regeln ein(fordern), die für alle verbindlich sind und an die sich alle halten“.

Der 1984 im nordostbayerischen Tirschenreuth, nahe der tschechischen Grenze geborene Wolfgang Gründinger ist Politik- und Sozialwissenschaftler, Sprecher der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen und gehört zum Kreis der jungen Forscher des Club of Rome. Vor allem durch seine Veröffentlichungen („Aufstand der Jungen“, 2009, und „Lobbyismus im Klimaschutz“) ist er als „Anwalt der Jugend“ ( E. U. von Weizsäcker) hervorgetreten. In seinem neuen Buch „Wir Zukunftssucher“ nimmt er den Begriff „Gentrifizierung“ auf und fragt, wie sich der gesellschaftliche und soziologische Wandel vom Land in die Stadt und innerhalb der Zentren von Stadtteil zu Stadtteil vollzieht, zugunsten und zulasten von alten und jungen Menschen.

Aufbau und Inhalt

„Wohin ziehst du?“ – „Nach Berlin“ – „Halleluja!“; mit seiner persönlichen Demographie-Story beschreibt der bald 30jährige Gründinger die Entwicklung „zwischen Provinz und Szenekiez“. Die Stimmung in der Szene, wie auch seine ist so gar nicht orientiert an den althergebrachten Maßstäben der Alten; sie ist aber auch nicht bestimmt von Konkurrenz und Aufmüpfigkeit der Jungen gegen die Etablierten; vielmehr geht es um so konkrete und aktuelle Fragen, wie in der Boomtown eine bezahlbare Wohnung und ein Job zu finden ist, der mehr ist als ein zeitbefristetes „Praktikum“; bedeutsam auch die Aufmerksamkeiten der Jungen über die ökonomischen und gesellschaftlichen Entwicklungen („Die Reichen werden reicher, die Armen werden ärmer“), die sozialen Ungleichheiten ( Rolf-Dieter Hepp, Hrsg., Prekarisierung und Flexibilisierung = Precarity and flexibilisation, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13527.php), Bildungsmisere, zunehmende Egoismen und fehlende Integrationsbereitschaft, die gravierenden Tendenzen der Entprivatisierung (Bernhard Pörksen / Hanne Detel, Der entfesselte Skandal. Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13302.php), Schuldenpolitik (David Graeber, Schulden. Die ersten 5000 Jahre, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13486.php), und nicht zuletzt die gravierende Ausbeutung des Planeten Erde durch den Menschen. Viel weniger werden da Gedanken laut, wie: „Wie viel Rente bekomme ich mal, wenn ich alt bin?“. Das mag als Oberflächlichkeit diskriminiert werden; aber es sollte die Frage erlaubt und mit den Jungen zu diskutieren sein, „wie wir das Beste aus der demographischen Entwicklung machen und das Altern neu erfinden können“, in lokaler und planetarischer Verantwortung.

Die Benennungen, die die Alten den Jungen geben, von „Generation Golf“ bis zur „Generation Praktikum“, „Prekären Generation“ und „Generation Internet“ stammen aus einer Denke, die nicht selten das „Früher, ja früher…“ als Heilsbotschaft und die digitalisierten Netzwerke als Teufelszeug betrachten. Die Jungen beginnen allerdings, Politik neu zu definieren; nicht als die großen Würfe und ideologischen Gesten, sondern tatsächlich im Sinne der aristotelischen Philosophie, dass der Mensch als Ganzes und in seinem Ganzsein ein „zôon politikon“ ist, in den alltäglichen, existentiellen Verrichtungen und Aktivitäten.

Mit der Frage „Wie lange sollen wir noch warten?“ freilich richten sich die Forderungen der Jungen an die etablierten Alten: „Könnten künftige Generationen mit abstimmen, würde eine auf die Gegenwart ausgerichtete Politik keine Mehrheit mehr finden“. Es sind Forderungen, die auf die Agenda der Gesellschaft gehören, wie: „Schafft faire Arbeit! (vgl. immerhin dazu auch den „Alten“: Norbert Blüm, Ehrliche Arbeit. Ein Angriff auf den Finanzkapitalismus und seine Raffgier, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11382.php), „Macht Deutschland zur Bildungsrepublik! (Heinz Bude, Bildungspanik. Was unsere Gesellschaft spaltet, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/10494.php), „Macht die Rente wieder sicher!“, zuvorderst mit der Forderung nach dem Umbau der Sozialversicherungen, „Macht Deutschland familienfreundlich!“ (Oskar Negt, Der politische Mensch. Demokratie als Lebensform, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/11988.php), „Macht keine Schulden auf unsere Kosten!“, sondern vollzieht den Paradigmenwechsel, weg vom homo oeconomicus und hin zu einem neuen ökonomischen, nachhaltigen, politischen Denken und Handeln, „Lasst uns mitentscheiden!“, was bedeutet, dass demokratisches Bewusstsein als Grundelement menschlichen Daseins und nicht als „Vertreter-Bewusstsein“ verstanden wird.

„Liebe Alte: Wir brauchen euch!“, so die Quintessenz des Denkens der Jungen; nicht als Bettelei oder unterwürfige Bitte verstanden, sondern als eine selbstbewusste Forderung: „Wir müssen die Solidarität der Generationen neu entdecken. Generationengerechtigkeit ist keine Einbahnstraße“. Es kommt nicht darauf an, dass die Alten mit ihrer Macht gewissermaßen „die Enkel mitdenken“ (Kurt Biedenkopf), sondern die Macht zu teilen und gemeinsam zum Wohle der Gesellschaft auszuüben. „Wir brauchen eure offenen Ohren“ und damit die Öffnung für einen Dialog auf Augenhöhe. „Wir brauchen eure Zeit“, nicht euer Zurücklehnen und Aussitzen. „Wir brauchen euer Geld“, z. B. durch die Einführung eines „Zukunftssoli“, etwa durch eine faire Versteuerung der riesigen Privatvermögen, der Erhöhung der Erbschaftssteuer… Schließlich und vor allem: „Wir brauchen uns selbst“, als eine Generation der Zukünftigen, die auch alt werden und mit den zukünftigen Jungen dafür sorgen, dass die (Eine?) Welt gerechter, friedlicher, nachhaltiger und solidarischer wird.

Fazit

Der junge Wolfgang Gründinger liest uns Alten mit seinen Anfragen und Aussagen zur lokalen und globalen Lage der Welt (vgl. dazu auch die jährlich erscheinenden Berichte des New Yorker World Watch Institute: Zur Lage der Welt; Rezensionen in socialnet) nicht die Leviten, sondern er lässt uns mit einer bemerkenswert empathischen Art teilhaben an „Lebensgefühl und Haltung der Jungen“, wie Gesine Schwan in ihrem Nachwort zum Buch betont. Wenn ein Alter (der Rezensent ist 1934 in der Nähe von Gründingers nordostbayerischen Heimat, in Waldsassen in der Oberpfalz, geboren) das Buch von Wolfgang Gründinger „Wir Zukunftssucher“ bespricht und die Lektüre den Alten und den Jungen empfiehlt, möge dies als die Bereitschaft verstanden werden, gemeinsam Deutschland, aber auch Europa und die „Eine Welt“ enkel-, also zukunftstauglich, zu gestalten!

Dabei sollte, für Alte und Junge, die globale Ethik bestimmend sein, wie sie in der Präambel der von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 proklamierten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte formuliert wird: Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte bilden die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt. Und es ist die Herausforderung, wie sie die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ 1995 den Menschen ins Stammbuch schreibt: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“. Dazu bedarf es Utopien und Visionen, die nicht ab- und ausgebremst werden dürfen von einer „Machbarkeitspolitik“ und eines „Weiter so“, sondern eines Perspektivenwechsels, der nur gemeinsam von den Alten und Jungen in der Gesellschaft bewältigt werden kann.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 12.11.2012 zu: Wolfgang Gründinger: Wir Zukunftssucher. Wie Deutschland enkeltauglich wird. edition Körber-Stiftung (Hamburg) 2012. ISBN 978-3-89684-092-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/14240.php, Datum des Zugriffs 27.08.2016.


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