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Thomas Giernalczyk, Mathias Lohmer (Hrsg.): Das Unbewusste im Unternehmen

Cover Thomas Giernalczyk, Mathias Lohmer (Hrsg.): Das Unbewusste im Unternehmen. Psychodynamik von Führung, Beratung und Change Management. Schäffer-Poeschel Verlag für Wirtschaft · Steuern · Recht GmbH (Stuttgart) 2012. 239 Seiten. ISBN 978-3-7910-3213-9. 49,95 EUR.

Reihe: Systemisches Management.
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Thema und Reihe

Das tiefenpsychologisch-psychodynamische Verständnis von Arbeitsprozessen und die mit Bezug auf Unternehmen angewandte Psychoanalyse sind Perspektiven, die die Betriebswirtschaftslehre, die Arbeitssoziologie und vor allem die Organisations- und Wirtschaftspsychologie bereichern. Auf der Grundlage des Tavistock-Beratungsmodells werden in diesem Sammelband Führungs-, Beratungs- und Veränderungsvorgänge systematisch analysiert und praxisorientiert diskutiert.

In der berühmten Reihe „Systemisches Management“, leicht erkennbar an dem blauen Cover, erscheinen Dauerseller und nationale wie internationale Standardwerke wie Morgans „Bilder der Organisation“, Königswieser/Exners „Systemische Intervention“, Senges „Die fünfte Disziplin“ oder Argyris/Schöns „Die lernende Organisation“.

Herausgeber und Autoren

Als Herausgeber zeichnen Thomas Giernalczek und Mathias Lohmer verantwortlich, Mitbegründer und Gesellschafter des Instituts für psychodynamische Organisationsberatung München (IPOM). Der Diplom-Psychologe Giernalczyk lehrt neben seiner Beratungstätigkeit als Honorarprofessor für psychologisch-therapeutische Interventionen an der Fakultät für Pädagogik der Universität der Bundeswehr, München. Lohmer, ebenfalls Dipl.-Psych., ist als selbstständiger Supervisor, Psychotherapeut, Organisationsberater und Coach tätig. Beide sind Psychoanalytiker und in nationale und internationale berufsständische Organisationen eingebunden.

Entstehungshintergrund

Die Autoren stellen das Handbuch in eine Reihe mit ihren vorherigen Einführungswerken „Psychodynamische Organisationsberatung“ (Lohmer 2005) und „Supervision und Organisationsberatung. Institutionen bewahren durch Veränderung“ (Giernalczyk 2002). In dem aktuellen Werk versuchen sie zusätzlich, veränderte unternehmerische und gesellschaftliche Rahmenentwicklungen aufzugreifen. Sie sehen die psychodynamisch orientiere Beratung neben der systemischen Beratung als ebenso etabliert und zunehmend nachgefragt.

Aufbau

In den drei Teilen werden zuerst (auf 30 Seiten) „Grundlagen“ dargestellt. Teil 2 thematisiert dann „Führung und Coaching“ (auf 84 Seiten). Der dritte Teil behandelt (auf 105 Seiten) „Team- und Organisationsentwicklung“. Ein Sachregister und ein Autorenverzeichnis ergänzen den Text.

Zu Teil 1: Grundlagen

  • Die Herausgeber stellen anfangs grundlegende psychodynamische Konzepte vor: Beispielsweise wird geklärt, was das Unbewusste in Unternehmen ist und wie Übertragung und Gegenübertragung wirken. Weitere Begriffe, z.B. Spiegelphänomen und Parallelprozess werden geklärt.
  • Im zweiten Beitrag behandeln Thomas Giernalczyk, Ross A. Lazar und Carla Albrecht „Die Rolle der Führungskraft und des Beraters als Container“. Sie wenden damit das Container-Contained-Modell von Bion an und zeigen förderliche Bedingungen für den Einsatz dieser haltenden, verstehenden und entwicklungsfördernden Grundhaltung.

Zu Teil 2: Führung und Coaching

  • Thomas Giernalczyk, Mathias Lohmer, Claudia Heimer und Carla Albrecht stellen „Führung aus psychodynamischer Perspektive“ dar.
  • Dieselben sowie Martin Engelberg und Julia Weiß gehen dann auf acht „psychodynamische Führungsstile“ ein, von der Begrifflichkeit psychoanalytisch-psychiatrisch geprägt.
  • Giernalczyk und Albrecht erläutern das „Psychodynamische Coaching“, bei dem Methoden aus der psychodynamischen Therapie auf den Coachingprozess übertragen werden, anhand eines Praxisbeispiels.
  • Weniger methodenorientiert sind die Beiträge von Heidi Möller und Mathias Lohmer, ersterer zum Thema Frauen im Management unter dem Titel „Sie kamen, sahen und siegten – der lange Marsch der Frauen in Organisationen“, letzterer zu Burn-out „[…] im Spannungsfeld von Persönlichkeit und Organisation“. Besonders die von Möller gedeuteten Aspekte Macht, Scham, Aggression sowie Mutter- und Vaterbindung zeigen den Mehrwert der psychodynamischen Sicht.

Zu Teil 3: Team- und Organisationsentwicklung

  • Der von den Herausgebern stammende Einführungsartikel „Organisationsberatung aus psychodynamischeer Perspektive“ erläutert anhand eines Beispiels aus der Klink-Beratung exemplarisch einzelne Beratungsstufen vom Erstkontakt über die Diagnose bis hin zur Intervention.
  • Isabella Deuerlein zeichnet den Weg „Von der Organisationskultur zur -diagnose“ u.a. anhand eines Fallbeispiels eines süddeutschen Maschinenbauunternehmens.
  • Das Thema „Psychodynamik interkultureller Zusammenarbeit“ wird von Claudia Heimer aufgegriffen und mit vielen kleinen Fallbeispielen anschaulich gemacht.
  • Die Arbeit in Teams spielt sowohl in dem Beitrag von Csilla Körmendy und Andreas Herrmann über „Psychodynamische Teamsupervision in Profit- und Non-Profit-Organisationen“ als auch in dem Beitrag von Veronika Dalheimer eine zentrale Rolle.
  • Dalheimer thematisiert die „Teamentwicklung im und als Veränderungsprozess“, wobei – wie die Herausgeber betonen – Change Management als Bedingung von Führung und Beratung eigentlich in allen Kapiteln präsent sei, hier durch Dalheimer aber am Beispiel einer Beratung explizit dargestellt wird.
  • Im abschließenden Kapitel „Psychodynamische Strategieentwicklung: Theorie und Praxis“ von Claudia Nagel wird auf betriebswirtschaftliche „Hard Facts“ eingegangen, also auf die Entwicklung von Strukturen und Strategien – ungewöhnlich nur für Leser, die unter Beratung allein die Beschäftigung mit sogenannten „weichen“ Faktoren erwarten.

Kurzdiskussion und Fazit

Hat es Sinn, dem psychologiefernen Manager oder der rein betriebswirtschaftlich denkenden Beraterin psychoanalytisches Handwerkszeug anzudienen, das er/sie ohne eigene Therapieerfahrung nur oberflächlich begreift? Wahrscheinlich nicht, denn eine gewisse Affinität zu tiefenpsychologischen Deutungen der Organisationswirklichkeit ist schon erforderlich, um an die Wirksamkeit des psychodynamischen Ansatzes zu glauben.

Eine entsprechend sensibilisierte Human Resource Managerin beispielsweise oder ein auch durch Selbsterfahrung ausgebildeter Berater mit Selbsterfahrungshintergrund werden dagegen die Arbeit mit unbewussten Prozessen schätzen. Projektionen, Abwehr und Emotionalität sind Themen, die jede berufliche Interaktion beeinflussen. Es sind also eigentlich keine „neuen Perspektiven für Praktiker“, wie uns der Klappentext des Buches weißmachen will.

Es gibt allerdings nur wenig Anthologien, die den speziell psychoanalytischen Blickwinkel derart prägnant und konkret thematisieren, praxisorientiert und fundiert – da ist dem Klappentext zuzustimmen.


Rezensent
Prof. Dr. Anton Hahne
Professor für Verhaltenswissenschaften
Hochschule Wismar, Fakultät für Wirtschaftswissenschaften
Homepage www.antonhahne.de


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Zitiervorschlag
Anton Hahne. Rezension vom 22.04.2013 zu: Thomas Giernalczyk, Mathias Lohmer (Hrsg.): Das Unbewusste im Unternehmen. Psychodynamik von Führung, Beratung und Change Management. Schäffer-Poeschel Verlag für Wirtschaft · Steuern · Recht GmbH (Stuttgart) 2012. ISBN 978-3-7910-3213-9. Reihe: Systemisches Management. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/14263.php, Datum des Zugriffs 24.05.2016.


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