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Nicole von Langsdorff: Mädchen auf ihrem Weg in die Jugendhilfe

Cover Nicole von Langsdorff: Mädchen auf ihrem Weg in die Jugendhilfe. Intersektionale Wirkprozesse im Lebensverlauf. Budrich UniPress (Opladen, Berlin, Toronto) 2012. 227 Seiten. ISBN 978-3-86388-015-6. D: 26,90 EUR, A: 30,80 EUR.
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Thema

Die Forschung und Berichterstattung zu Hilfen zur Erziehung kann seit langem immer wieder aufs Neue aufzeigen, dass und in welchem Ausmaß Mädchen und junge Frauen weniger an Hilfen partizipieren. Sie erhalten in der Regel später als Jungen eine Hilfe, sind häufiger Selbstmelderinnen, die Hilfen sind kürzer und gehen über Krisenintervention selten hinaus. Bei Mädchen und jungen Frauen mit Migrationsgeschichte potenziert sich dies noch. Es gibt zwar Annahmen, womit die Zugangsungerechtigkeit und die damit verbundenen Prozesse zusammen hängen, jedoch ist es bis heute keineswegs eindeutig geklärt.

Nicole von Langsdorff geht in der vorliegenden empirischen Untersuchung der Frage nach dem Verhältnis von gesellschaftsstrukturellen Konstellationen und der Entstehung sowie Bearbeitung von jugendhilferelevanten Konfliktlagen bei Mädchen und ihren Familien nach. Dabei wird weiter danach gefragt, inwiefern intersektionale Wechselwirkungen auf dem Weg in die Jugendhilfe relevant sind, welche Bewältigungsmuster Mädchen vor dem Hintergrund ihrer soziostrukturellen und soziokulturellen Reproduktionsbedingungen entwickeln, wie sich Zugänge zur Jugendhilfe aus der Perspektive intersektionaler Verweisungszusammenhänge gestalten und wie sich die Migrationsgeschichte darin auswirkt (S.28).

Entstehungshintergrund und Autorin

Bei der Veröffentlichung handelt es sich um eine Qualifikationsarbeit, die 2012 als Dissertation an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz zur Erlangung des Doktors der Philosophie angenommen und von Michael May und Franz Hamburger betreut wurde. Nicole von Langsdorff arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Evangelischen Hochschule Darmstadt im Fachbereich und Studiengang Soziale Arbeit.

Aufbau und Inhalt

Der Aufbau der Veröffentlichung folgt der Systematik einer Dissertation. Zunächst werden im Rahmen von zwei Kapiteln der Forschungsstand zur Fragestellung und die theoretischen Hintergrundfolien entfaltet.

In Kapitel 1 wird die Unterrepräsentanz von Mädchen in den Hilfen zur Erziehung mit neueren und älteren empirischen Arbeiten belegt, um dann die Zugänge zu Hilfen auf der Folie der Differenzkategorie Migration aus den Perspektiven stereotyper Geschlechterkonstruktionen, interkultureller Öffnung Sozialer Dienste und ethnisierender Wahrnehmung von Fachkräften aufzuzeigen. Am Ende des 1. Kapitels werden Ergebnisse aus einschlägigen adressatenorientierten Forschungsarbeiten referiert.

In Kapitel 2 werden die theoretischen Hintergrundfolien Intersektionalität und soziale Ungleichheit in Verknüpfung mit Theorie des Habitus und migrationstheoretischen Elementen entfaltet.

Im dritten Kapitel wird die methodische Anlage dieser Arbeit beschrieben. Das Sample besteht aus 10 Interviews mit Mädchen und jungen Frauen zwischen 13- und 18 Jahren, die sich zum Zeitpunkt des narrativen Interviews in stationären Jugendhilfeeinrichtungen mit unterschiedlichen Konzepten befanden. Eingeführt werden die Mehrebenenanalyse, das Konzept der Verweisungszusammenhänge und die acht Analyseschritte, mit denen das empirische Material bearbeitet wird.

Kapitel 4 stellt drei Fallrekonstruktionen – Editha, Leyla und Alexa – als Ankerfälle vor.

Im 5. Kapitel werden die Ankerfälle kontrastiert, um die bisherigen Analyseergebnisse vom Einzelfall zu lösen und auf Verallgemeinerungen hin zu prüfen. Von besonderem Interesse sind dabei die Überschneidungen der Differenzkategorien sowie die gegenseitige Beeinflussung der Ebenen „Soziale Strukturen“, „Symbolische Repräsentationen“ und „Identitätskonstruktionen“. Dabei werden Konfliktentstehung, Konfliktbewältigung und Zugänge zur Jugendhilfe analytisch in den Kontexten von Klasse, Geschlecht und Migration bearbeitet sowie die neu herausgearbeiteten Differenzkategorien „Körper“ und „Alter“ bezogen auf Konfliktentstehung, -bewältigung, Zugänge zu Hilfen sowie zu den Differenzkategorien ins Verhältnis gesetzt.

Im 6. Kapitel werden die Ergebnisse aus Kapitel 5 nochmals verdichtet und herausgearbeitet, welche bisherigen Befunden sich mit der aktuellen Studie bestätigen lassen, was zu differenzieren und was neu zu ergänzen ist.

In Kapitel 7 leitet die Autorin Aufgaben für die Jugendhilfe entlang von 5 Ansatzpunkten ab.

Diskussion

Die Arbeit von Nicole von Langsdorff – mit der ihr zugrunde liegenden Erhebung aus den Jahren 2008 bis 2010 – stellt einen wichtigen Beitrag dazu da, mehr Wissen darüber zu erhalten, wie Mädchen zu Hilfen kommen, welche Bewältigungsformen sie gegenüber Belastungen wählen, wie diese und damit einher gehende Konfliktlagen von institutionellen Angeboten verstanden und ausschließende Differenzkategorien ggf. aufgebrochen werden konnten. Bestätigt werden können Befunde aus älteren Arbeiten wonach Lebenswelten von Mädchen, die Erzieherische Hilfen wahrnehmen, von Gewalterfahrungen und diskontinuierlichen Beziehungserfahrungen geprägt sind (Finkel) und Mädchenprobleme überwiegend als Familienprobleme (Hartwig) einzuordnen sind. Thesen wonach höhere familialistische Einstellungen von Migrantenfamilien oder Vorbehalte gegen christliche Einrichtungen eine Barriere für Heimaufenthalte darstellen und zu kürzeren Aufenthalten führen, lassen sich dagegen nicht bestätigen, vielmehr zeigen sich komplexere Zusammenhänge.

Die soziokulturellen Bedingungen, die bereits in den Studien von Bürger sowie in einer Studie des ism mit den Eckwerten Arbeitslosigkeit, Armut, Alleinerziehung, hohe Bevölkerungsdichte, Mobilität und knapper Wohnraum (Bürger 2005, ism 2007) benannt werden, können nach den Ergebnissen dieser Studie um die gesellschaftlichen Strukturkategorien Geschlecht, Herkunft/Ethnizität und Körper ergänzt werden. Darüber hinaus spielt die Migrationsgeschichte hinsichtlich der Veränderung soziostruktureller und symbolischer Bedingungen eine bedeutsame Rolle.

Die Studie zeigt bezogen auf das intersektionelle Vorgehen zudem auf, dass in der Regel die Bezüge zu einer oder zwei der Differenzkategorien dominieren. Besonders gravierend für die Entwicklung zum jugendhilferelevanten Konflikt scheint jedoch die Überschneidung mehrerer Differenzkategorien zu sein.

Ein zentraler Befund stellt zudem dar, dass sich Unterrepräsentanz, Abbrüche und Pendelbewegungen weniger auf dem Hintergrund von Vorbehalten der Familien als durch die Tatsache erklären lassen, dass nach ersten Kontakten zum Hilfesystem keine entsprechenden Angebote formuliert wurden, die als Unterstützung der Lebenswelt erlebt wurden. In mehreren Fällen gab es Kontakte zu anderen Institutionen des deutschen Hilfesystems wie Krankenhäuser, gesetzliche Betreuer, Familienhilfe oder Psychiatrie. Aufgrund der mangelnden Vernetzung mit dem Jugendhilfesystem kam es allerdings nicht zur Wahrnehmung der Konfliktlagen der Mädchen.

Fazit

Es ist ausgesprochen begrüßenswert, dass mit der Studie „Mädchen auf ihrem Weg in die Jugendhilfe“ eine neuere empirische Arbeit zu Zugangswegen von Mädchen und jungen Frauen in Erzieherische Hilfen vorliegt, die mit Hilfe einer Mehrebenenanalyse Bedeutungszusammenhänge verschiedener Differenzkategorien herausarbeitet und Hinweise für die Jugendhilfe daraus ableiten kann. Die sauber gearbeitete und gut durchdachte, anspruchsvolle Arbeit kann ohne Einschränkungen als ein Zugewinn für die qualitative Sozialforschung an der Schnittstelle von Jugendhilfe-, Geschlechter- und Migrationsforschung angesehen werden – und sollte damit gebührend aufgegriffen und rezipiert werden.

Das empirische Material wie auch die methodologische und methodische Anlage lässt sich nicht zuletzt gut in Ausbildungszusammenhängen verwenden.


Rezensentin
Dr. Claudia Daigler
Kommunalverband Jugend und Soziales Baden-Württemberg Organisationseinheit: Jugendhilfeplanung, Landesberichterstattung und Forschung
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Zitiervorschlag
Claudia Daigler. Rezension vom 09.07.2013 zu: Nicole von Langsdorff: Mädchen auf ihrem Weg in die Jugendhilfe. Intersektionale Wirkprozesse im Lebensverlauf. Budrich UniPress (Opladen, Berlin, Toronto) 2012. ISBN 978-3-86388-015-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/14305.php, Datum des Zugriffs 31.05.2016.


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