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Werner Thole, Meike Baader u.a. (Hrsg.): Sexualisierte Gewalt, Macht und Pädagogik

Cover Werner Thole, Meike Baader, Werner Helsper, Manfrede Kappeler, Marianne Leuzinger-Bohleber ... (Hrsg.): Sexualisierte Gewalt, Macht und Pädagogik. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2012. 331 Seiten. ISBN 978-3-8474-0046-2. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.

Reihe: Publikation der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft. Weitere HerausgeberInnen: Reh, Sabine; Sielert, Uwe; Thompson, Christiane.
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Thema

Sexualisierte Gewalt, Machtmissbrauch und Traumatisierung von Kindern und Jugendlichen stellen für die pädagogische Arbeit bedeutsame Felder dar, da die Opfer von Misshandlungen einen erhöhten Schutz- und Betreuungsbedarf haben und besondere erzieherische Fürsorge benötigen. Umso größer war der Schock, als sich heraus kristallisierte, dass es neben Missbrauchsvorfällen in christlichen Einrichtungen auch in reformpädagogischen Institutionen entsprechende Vorkommnisse gegeben hat. Damit haben sich gerade jene Rahmenstrukturen, die bis dahin für repressionsfreie Erziehung standen, in einen schwer wiegenden professionsethischen Selbstwiderspruch verstrickt. Die aufgedeckten Vorfälle provozieren die Frage, wie es tatsächlich um das Verhältnis von Gewalt, Macht und Pädagogik steht; und das vorliegende Buch versucht, darauf Antworten zu geben.

Herausgeber

Das Herausgeberkollektiv setzt sich aus acht HochschullehrerInnen für Erziehungswissenschaft, Didaktik bzw. Psychoanalyse zusammen, die an verschiedenen deutschen Universitäten tätig sind.

Entstehungshintergrund

Der Sammelband geht auf eine Tagung der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft im Februar 2011 in Berlin zurück.

Aufbau

Der Aufbau gliedert sich in fünf thematische Blöcke:

  1. Historische Vergewisserungen
  2. Theoretische und systematische Perspektiven
  3. Sexualwissenschaftliche und sexualpädagogische Perspektiven
  4. Wissen über sexualisierte Gewalt in pädagogischen Institutionen
  5. Professionstheoretische Konsequenzen und politische Diskurse.

Inhalt

Am Anfang steht die Selbstkritik des Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft und Mitherausgebers Werner Thole, dass der Verband in der Vergangenheit bisweilen zu zögerlich, ja geradezu ungläubig auf Vorwürfe gegen Mitglieder und gegen pädagogische Institutionen insgesamt reagiert hat (6). In der Tat ist heute sichtbar, was lange Zeit von vielen nicht gesehen werden wollte: dass auch die DGfE nicht gegen Tendenzen der „Professionsbündigkeit“ immun ist, in deren Gefolge Täterstrukturen gedeckt wurden und sich dadurch etablieren konnten. Entsprechende Einsichten sind, so der implizite Tenor des Sammelbandes, auf alle erzieherischen Kontexte zu richten, denn wo Erzieher und Erzogene in enger Nähe zu- und miteinander agieren, entstehen Situationen, in denen Täter die ihnen anvertrauten Kinder und Jugendliche zu Opfern machen können.

In pädagogischen Kontexten ist eine Machtdivergenz konstitutiv: Die Beteiligten begegnen sich nicht auf Augenhöhe, sondern über die mehr oder minder steile Kante einer asymmetrischen Beziehung, die für den Erziehungszusammenhang unerlässlich ist (18). Das war schon in den 1920er Jahren der Fall, als erstmals Missbrauchsvorfälle in reformpädagogischen Einrichtungen bekannt und verurteilt wurden (27 ff.).

In einem Text, der ein Musterbeispiel an akribischer Recherche und nachvollziehbarer Darstellung ist, zeichnet Jürgen Oelkers die Irrwege nach, denen – als ein prominenter Akteur unter vielen – der Leiter der „Freien Schulgemeinde Wickersdorf“, Gustav Wyneken, in seiner spezifischen Lesart des „pädagogischen Eros“ nachhing. Wyneken versuchte, auf körperlichen Wegen die Tatsache umzumünzen, dass „pädagogisches Handeln […] immer auch Unterwerfung [ist]“ (119). Im Zuge des vermeintlich befreienden „Eingehens“ auf die Liebe zwischen Lehrer und Schüler wollten er und andere Täter keinen Nachteil für ihre Opfer erkennen – eine Blindheit, die durch die rhetorische Veredelung des eigenen Begehrens bewusst in Kauf genommen wurde. Wyneken ist denn auch (neben Stefan George) jener Name, der im weiteren Verlauf des Sammelbandes noch häufiger als historische Referenz angeführt wird – wenn auch die heutige Missbrauchssituation natürlich nicht der Schatten eines personenbezogenen „Nachwirkens“ ist, sondern für das Ausnutzen von Gelegenheiten und Chancen durch Akteure mit „krimineller Intelligenz“ (196) steht, die von Systemgegebenheiten profitieren.

Die Entdeckung, dass beispielsweise die Odenwaldschule sich für viele Schülerinnen und Schüler als das „Herz der Finsternis“ (60) heraus gestellt hat, hat zu einer aufgeregten Debatte voller „Stereotype, Angstbilder und Beschwichtigungsversuche“ (223) geführt. Zu deren besonders unseligen Effekten gehört das Kaprizieren von Vertretern katholischer Einrichtungen darüber, dass folglich die „anderen“ nicht weniger schlimmer seien (63).

Der erwähnte „pädagogische Eros“, der – häufig mit Verweis auf das dialogische Prinzip des platonischen Mündigmachens – zu den, wie es früher hieß, „Verfehlungen“ (74) beigetragen hat (bzw. ihnen als Legitimationsgrundlage diente), war immer schon eine Angelegenheit mann-männlicher Sozialbeziehungen (85 ff.). Das wiederum hat dazu geführt, dass im Zuge der politischen Befreiungsschläge der Homosexuellen auch pädosexuelle Gruppen den Sprung auf die Bühne der öffentlichen Selbstdarstellung wagten, wie sich insbesondere für die frühen Jahre der Berliner „taz“ darstellen lässt (90). Überhaupt ist die Geschichte der Verharmlosung oder Ignoranz gegenüber sexualisierter Gewalt offenkundig auch eine Geschichte des Positionenwechsels, wie sich anhand der Einstellungen des Hamburger Sexualforschers Günther Amendt demonstrieren lässt: In den 1970er Jahren Pionier einer Befreiungsideologie, die kaum eine andere Unterdrückung als die der kindlichen Neugier durch konservative Moralwächter gelten lassen wollte, hat Amendt seinen Standpunkt in späteren Jahren deutlich verändert (93).

Zu betonen, dass angesichts der historischen Entwicklung die Vorgänge im Kloster Ettal, im Canisius-Kolleg und anderswo eine „Unglaublichkeit“ sind, ist problematisch, denn so wird die Alltäglichkeit, ja die Routine des Missbrauchs abgefedert und zur punktuellen Ausfallerscheinung deklariert (vgl. 119). Die Unfassbarkeit der Vorgänge korreliert mit der Sprachlosigkeit, die sie über die Opfer gebracht hat, und die von den Tätern sehr bewusst gepflegt wurde. Autoren wie Bodo Kirchhoff, prominenter Schriftsteller und als Kind selbst Missbrauchsopfer, stellen mit ihrer krassen Nacherzählung (und der dadurch wieder gewonnenen „Stimme“, die durch die Taten verstummte) eine Ausnahme dar (133).

Gewiss liegen Zuneigungsbekundungen, auch jene zwischen Erwachsenen und Kindern bzw. Jugendlichen, häufig Momente zugrunde, die sich schon bei geringer Situationsverschiebung als „sexuelle Schwingungen“ deuten lassen (142). Das ist allein schon nach dem über 100 Jahre alten Postulat der frühkindlichen Sexualität durch die Psychoanalyse nicht verwunderlich. Daraus folgt aber nicht, dass eine sexuelle Beziehung in der Konstellation Erwachsener/Kind „reziprok“ verlaufen kann (140). Der 1920 publizierte Aufruf an die Lehrerschaft: „Freie Bahn der erotischen Begabung!“ (153), durchdrungen vom Sendungsbewusstsein der frühen Reformpädagogik, wäre heute nicht mehr denkbar; aber nicht, weil die Zeiten verklemmter geworden sind, sondern weil die Sensibilität für Erziehungszusammenhänge eine andere ist. Als ethische Klammer für erotische Kontexte empfiehlt sich heutzutage eine „Moral von unten“, wie Gunter Schmidt schreibt: Ein entinstitutionalisierter, interaktionsorientierter Konsens der Beteiligten, die sich auf gleicher Höhe begegnen (166). Dazu wiederum gehört die Einsicht, dass jedes Intimitätserleben auch Intimitätsschranken aufweist – und dass, um mit Donald Winnicott zu sprechen, es im Kern jeder Person ein „incommunicado“ gibt, das sich wider Willen nicht offenbaren muss.

In praktischer Hinsicht vermittelt der Band einen Überblick über die Bandbreite von Präventionsprogrammen (21 f.) und über die zahlreichen Vulnerablitätsfaktoren, die sexualisierte Gewalt kennzeichnen (190 ff.). Auf Basis einer Meta-Studie wird außerdem dargestellt, von welchen Betroffenheitszahlen im Hinblick auf sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen ausgegangen werden muss. Demnach werden selbst bei der Orientierung an der geringsten Betroffenenquote in Deutschland 8% der Mädchen und 3% der Jungen zu Opfern; die tatsächlichen Zahlen dürften der Auswertung zufolge aber noch viel höher liegen.

Diskussion

Die Frage, wie überhaupt soziale Beziehungen, und somit auch Erziehungsverbindungen, außererotisch und asexuell gedacht werden können, ist ein heimliches Leitmotiv des Sammelbandes. Pädagogik lebt von dem Abstand, den ihre Protagonisten zueinander einnehmen und sukzessive einebnen, indem die Erzogenen sich in ihrem Bildungsgrad, ihrem Wissensgrad und mithin in ihrer Weltsicht den Maßstäben annähern, die ihnen vorgelebt und beigebracht werden. Der Lehr- ist zugleich ein Austauschprozess, ein Geben und Nehmen mit all den sozialen Ressourcen, die in die erzieherische Arbeit einfließen, etwa Vertrauen, Verständnis, Zuneigung, Verständnis, bisweilen aber auch Misstrauen, Verständnislosigkeit und Abneigung. Ein sexuelles Interesse an der Erziehungssituation ist im strengen Sinne eigentlich gar nicht möglich, da eine solche Bedeutungsaufladung – eine Sexualisierung – den Erziehungsrahmen aushebelt und durch eine ganz andere Ausgangssituation ersetzt. Gleichwohl machen die etablierten pädagogischen Strukturen, und offenkundig auch ihre reformorientierten Alternativmodelle, solche Sinnumwandlungen möglich. Nicht selten erfolgt dies in Form einer Subjekt-Objekt-Konstellation, bei welcher Täter geschickt ihre machtvolle Überblicksposition anzuwenden wissen und Opfer unter der „Mystifikation des Sexuellen“ (Volkmar Sigusch) leiden – also darunter, dass Sexualität generell und sexualisierte Gewalt im Besonderen zu häufig tabuisiert werden, und dass Betroffenen deshalb zu selten Gehör geschenkt wird (vgl. dazu schon www.socialnet.de/rezensionen/13199.php).

Die Erziehungswissenschaft steht vor der Aufgabe, das Problem des sexuellen Missbrauchs nicht nur weiterhin aus ihrer disziplinären Perspektive heraus zu analysieren, sondern die Analyse zugleich gegen sich selbst zu richten. Zur Aufarbeitung bestehender blinder Flecken ist mit dem vorliegenden Sammelband ein guter, weil dezidiert selbstreflexiver Baustein geliefert worden.

Fazit

Eine vielschichtige Darstellung über Missbrauch und Macht in pädagogischen Rahmungen mit gewinnbringenden Blicken auf Theorie und Empirie, auf Geschichte und Gegenwart.


Rezensent
Dr. Thorsten Benkel
Universität Passau
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Zitiervorschlag
Thorsten Benkel. Rezension vom 30.01.2013 zu: Werner Thole, Meike Baader, Werner Helsper, Manfrede Kappeler, Marianne Leuzinger-Bohleber ... (Hrsg.): Sexualisierte Gewalt, Macht und Pädagogik. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2012. ISBN 978-3-8474-0046-2. Reihe: Publikation der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft. Weitere HerausgeberInnen: Reh, Sabine; Sielert, Uwe; Thompson, Christiane. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/14312.php, Datum des Zugriffs 08.12.2016.


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