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Sandro Cattacin, Dagmar Domenig: Inseln transnationaler Mobilität

Cover Sandro Cattacin, Dagmar Domenig: Inseln transnationaler Mobilität. Freiwilliges Engagement in Vereinen mobiler Menschen in der Schweiz. Seismo-Verlag (Zürich) 2012. 132 Seiten. ISBN 978-3-03-777120-4. 21,00 EUR, CH: 28,00 sFr.

Reihe: Freiwilligkeit.
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Thema

Cattacin und Domenig fragen in ihrer Studie zum freiwilligen Engagement transnational mobiler Menschen nach deren Motiven, sich in Vereinen zu engagieren. Sie haben im urbanen Kontext (Zürich, Lausanne und Genf) mit Vereinsmitgliedern und Präsident/innen der Vereine mobiler Menschen Interviews geführt. Mobile Menschen bringt die Suche nach Anerkennung zwangsläufig in den Kreislauf der Gesellschaft. Sie wünschen sich Verständnis für ihre Verschiedenheit und suchen Kontakte, die sie auf der Suche nach neuen Chancen voranbringen. Mobile Menschen wenden sich aus ähnlichen Motiven den Vereinen zu, unabhängig vom Herkunftsland oder den Gründen der Einwanderung. Die Pluralisierung der Vereine hat zu neuen Organisationsformen geführt, die als Träger der Inklusion in der Gesellschaft betrachtet werden können.

Autor und Autorin

Sandro Cattacin ist Professor für Soziologie an der Universität Genf. Er forscht zu den Themen Stadt, Migration und Soziale Fragen und beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema Freiwilligkeit und Vereinswesen.

Dagmar Domenig ist Juristin und Sozialanthropologien. Sie ist Geschäftsführerin der Stiftung Arkadi, einer privaten Sozialinstitution in Olten. Seit Jahren engagiert sie sich als Expertin in Fragen des Umgangs mit Differenz im Gesundheits- und Sozialwesen.

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Studie wurde im Jahr 2006 in einem Seminar an der Universität Genf vorbereitet. Bei der Betrachtung der gesellschaftlichen Rolle von migrationsbasierten Vereinen in Genf blieb ein Aspekt unklar. Warum engagieren sich Migrantinnen und Migranten in diesen Vereinen und nicht etwa in bereits bestehenden Vereinen der autochthonen Bevölkerung? Im Jahr 2011 nahmen Cattacin und Domenig die schriftliche Konkretisierung des vorliegenden Buches in Angriff.

Aufbau und Inhalt

Die Publikation diskutiert aus unterschiedlichen Perspektiven das Thema des freiwilligen Engagements mobiler Menschen in Vereinen in der Schweiz. Die Studie analysiert Motivationen des freiwilligen Engagements von Personen in Vereinen mit einem Mobilitätshintergrund und gliedert sich in folgende Kapitel:

  • Vorwort
  • Einleitung
  • Mobilität und Vereinswesen
  • Objektive Motive: Mobilität und systemische Inklusion
  • Subjektive Motive: Identitäten mobiler Menschen
  • Soziale Motive: Mobilität und Beziehungen
  • Freiwilliges Engagement in einer mobilen Welt
  • Nachwort

In der Einleitung beschreiben Cattacin und Domenig das freiwillige Engagement mobiler Menschen, das Untersuchungsdesign, die Datenlage und den Aufbau der Arbeit.

Im Kapitel Mobilität und Vereinswesen gehen sie der Frage nach, ob es ein spezifisches Engagement mobiler Menschen überhaupt gibt. In einem historischen Überblick zum mobilitätsbasierten Vereinswesen führen sie in das Konzept der Arbeit ein. Darauf aufbauend stellen sie ihre Datenbasis vor und kommentieren diese mit dem Fokus auf Gemeinsamkeiten, die erlauben, von einem spezifischen, durch die Mobilität beeinflussten Engagement zu sprechen.

Nach den objektiven Motiven des Engagements diskutieren sie den Zusammenhang zwischen Identität und Engagement als die subjektiven Motive. Mit den sozialen Motiven können sie das freiwillige Engagement erklären. In den Schlussfolgerungen diskutieren sie deren Bezug zum sozialen Wandel der Gesellschaft hin zu einer mobilen Welt.

Im Kapitel Mobilität und Vereinswesen beschreiben Cattacin und Domenig die organisierte und strukturierte Vereinskultur historisch als wesentliche Grundlage eines demokratischen Systems. Im Weiteren begründen sie die Bedeutung der Vereine mithilfe der Ergebnisse von verschiedenen Forschungen, wie zum Beispiel von Lord Beveridge (Voluntary Action, 1948), der die Herstellung sozialer Bindungen als Grundlage einer Gesellschaft beschreibt. Auch den sozialen Bewegungen wird eine wichtige Rolle innerhalb einer reflexiven, sich ständig erneuernden Gesellschaft zugeschrieben (Cattacin et al. 1997). Seit den 1970er Jahren fokussieren Studien zur gesellschaftlichen Dynamik den Dritten Sektor als moralische Basis der Gesellschaft. Die sozialwissenschaftliche Forschung entdeckt andererseits das durch das Vereinsleben erzeugte sozial Kapital, welches nicht nur mit den politischen und ökonomischen Leistungen einer Gesellschaft (Putnam et al., 1983; Bagnasco, 1977), sondern auch mit den individuellen Chancen und dem beruflichen Erfolg verbunden ist (Granovetter, 1973). Durch zahlreiche Studien ist die Bedeutung der Vereine für die gesellschaftliche Integration, Demokratie, Ökonomie usw. belegt und nur durch wenige relativiert worden. Vereine könnten durch die politische Welt instrumentalisiert werden (Seibel, Mutti, 2000; Battaglini et al., 2001 a; Battaglini et al., 2001b) oder über die individuelle Selbstverwirklichung und soziale Vernetzung zur Ghettoisierung beitragen (Wacquant 2006). Die wissenschaftliche Literatur betrachtet demnach die Vereinigungen von mobilen Menschen multidimensional und ambivalent. Wissenschaftler fordern, den gesellschaftlichen Nutzen der Vereine und deren Wirkungen differenziert zu betrachten. Cattacin und Domenig folgen diesem Weg der Differenzierung und legen die Entwicklung des Vereinslebens von mobilen Menschen im europäischen Raum von den 1950er Jahren an als Momente des Wandels dar.

Vereine mobiler Menschen haben sich mit dem gesellschaftlichen Wandel verändert und sich in ihrer Handlungslogik differenziert. Zwei Dimensionen der Erklärung ziehen Cattacin und Domenig zur Unterscheidung heran (vgl. Cattacin et al. 31): einerseits die zeitliche Dimension, die die Gesellschaft vom Fordismus bis hin zur Flexibilisierung aufzeigt (1945-2000), andererseits die Dimension der Konfiguration, die die Offenheit bzw. die Geschlossenheit der Vereine gegenüber ihrem Umfeld beschreibt.

Cattacin und Domenig stellen fest, dass die Pluralisierung der Vereine zu neuen Organisationsformen geführt hat. Vereine treten durch die dreifache Transformation der Gesellschaften (die ökonomische Flexibilisierung, die Notwendigkeit aktivierenden, staatlichen Handelns sowie die Individualisierungs- und Individuierungsdynamiken) als potenzielle Akteure für die soziale Inklusion mobiler Menschen in Erscheinung (vgl. Cattacin et al. S. 32). Mobile Menschen der früheren Migration im Fordismus sahen ihre Vereine vor allem als Orte der Anerkennung stiftenden Ersatzfamilie. Geschwächte familiäre Netzwerke wurden durch die Vereine erweitert, so dass deren Mitglieder auch als Ersatz für am Ursprungsort zurückgelassene Familienangehörige standen. Gegenseitige Unterstützung und Hilfe waren wichtige Aspekte. Die Vereine konzentrierten sich seit Beginn der 1960er Jahre primär auf die Arbeitsbedingungen in den Zielländern.

Ende der 1960-er Jahre ergibt sich eine neue Ausrichtung, ein Kampf um soziale Anerkennung. Bei der neueren irregulären Mobilität steht der Verein als Drehscheibe für materielle Probleme im Zentrum (Arbeit, Wohnen oder rechtliche Probleme). In Diasporaorganisationen und politischen Vereinen der Asylmigration werden primär politische, das Ursprungsland betreffende Fragen diskutiert. Diese Vereine fungieren ebenfalls als Informationsplattformen für rechtliche Fragestellungen zum Asylverfahren oder als Orte der Verarbeitung traumatischer Erfahrungen.

Bei der neueren regulären Mobilität zeigt sich, dass Vereine als Orte der doppelten Selbstvergewisserung gebraucht werden. Mobile Menschen definieren sich als Expat und kompensieren die Verneinung ihrer Zugehörigkeit am neuen Ort durch die Zugehörigkeit zum Verein.

In den 1970er Jahren zeigen sich in den Vereinen Tendenzen zu Individuierung und Vergemeinschaftung, was volkswirtschaftlich dem Übergang vom Fordismus zur Flexibilisierung entspricht.

Im Folgenden werden die Kapitel zu den objektiven, subjektiven und sozialen Motiven des Engagements zusammenfassend dargestellt. Unabhängig vom Vereinstyp konstatieren Cattacin und Domenig die Gemeinsamkeiten in den Motiven mobiler Menschen. Dabei unterscheiden sie in ihrer Analyse drei Motivgruppen.

Die erste Gruppe von strategischen oder objektiven Motiven umfasst das Engagement aus Nützlichkeitsgründen. Materielle Chancen und bestehende Rechte werden in Anspruch genommen. Im Verein werden wichtige Informationen ausgetauscht, zum Beispiel über offene Arbeitsstellen etc. Soziales Kapital wird erweitert und stabilisiert. Vereine sind auch Orte alternativer Karrieren oder Zwischenstationen bei unterbrochenen Karrieren von nicht berufstätigen Frauen von Expats. Vereine werden oft bereits zu Beginn des Mobilitätsprozesses aufgesucht. Als Partnerorganisationen lokaler und regionaler Behörden helfen sie mit sozialer Inklusion, die Beziehungen zwischen Menschen mit Mobilitätshintergrund und Einheimischen zu verbessern.

Die zweite Gruppe von Motiven bezieht sich auf die Wirkung des Engagements auf die Identität. Das Leitmotiv der Würde treibt mobile Menschen in Vereinen an, für sich selbst zu sorgen. Vereine wirken identitätsstabilisierend, indem sie als Rückzugsräume und Orte der identitären Selbstvergewisserung dienen.

Mobile Menschen engagieren sich auch aus sozialen und parapolitischen Motiven, d. h. aus dem Leitmotiv der Soziabilität heraus. Vereine schaffen durch das Zelebrieren von Gemeinsamkeiten Freundschaft und verbindende Orientierungen, die oft internen Klärungen in Bezug auf anschlussfähige Definitionen der Eigenheit der Gruppe entspringen. Die Definition ihrer Eigenart erlaubt es der Gruppe, sich als Gemeinschaft zu konstituieren, soziale Anerkennung einzufordern und ein soziales Leben aufzubauen. Vereine erhalten dadurch die Legitimität, aktiv auf lokale Behörden etc. zuzugehen, sich in die Politik einzumischen, die Öffentlichkeit auf Rassismus, Diskriminierung und Ungleichbehandlung aufmerksam zu machen.

Zusammenfassend konstatieren Cattacin und Domenig, dass die Motive mobiler Menschen, sich in Vereinen zu engagieren, zwar Unterschiede je nach Vereinstyp aufweisen, letztlich aber die Gemeinsamkeiten überwiegen. Motive unterscheiden sich vor allem individuell, zum Beispiel nach der Dauer des Aufenthaltes im Zielland und dem vorhandenen sozialen Kapital.

Abschließend formulieren Cattacin und Domenig auf der Basis ihrer Untersuchung vier Empfehlungen für die Praxis.

  1. Die Projekte müssen einen klaren Anfang, aber auch ein klares Ende haben. In der mobilen Welt müssen Vereine Angebote formulieren, welche auch Personen anziehen, die sich kurzfristig engagieren möchten.
  2. Im Berufsalter wünschen sich mobile Menschen ein Engagement, welches ihnen erlaubt, berufsrelevante Fähigkeiten zu entwickeln. Den zentralen Anreiz für das Engagement in Vereinen sehen mobile Menschen insbesondere in der Erarbeitung von Kompetenzen, die auch für die Vita relevant werden können. Bescheinigungen scheinen in der Praxis stärker nachgefragt zu werden als der Sozialausweis.
  3. Den Vereinen kommt in der Welt der mobilen Menschen auch eine Rolle der Identitätsstabilisierung zu. Die Thematisierung von Werten, Orientierungen, Sinn und Identitäten in den Vereinen ist für das Engagement relevant.
  4. Die Größe der Vereine spielt für das Engagement eine Rolle. Mobile Menschen engagieren sich gerne in überschaubaren Gruppen, die sich vor allem über eine gemeinsame Sprache vereint haben, was für einen gemeinsamen Ursprung, gemeinsame Traditionen oder gemeinsame Identitäten steht. Größere Vereine stehen vor der Aufgabe, sich intern zu differenzieren, Untergruppen zu gründen, in denen sich Verschiedenheit widerspiegelt.

Diskussion

Die vorliegende Studie gibt einen fundierten Überblick über die Thematik des freiwilligen Engagements mobiler Menschen in Vereinen. Ein großer Verdienst von Cattacin und Domenig ist die historische Einbettung des mobilitätsbasierten Vereinswesens. Sie zeigen auf, dass Vereine ein Spiegel des gesellschaftlichen Wandels sind. Die Stärke der vorliegenden Studie liegt darin, dass die Unterscheidung von Vereinstypen und ihren Aktivitäten aufgezeichnet werden.

Die empirische Datenbasis veranschaulicht auf beindruckende Weise die Motive mobiler Menschen und deren Engagement. Es gelingt den Autoren, ein komplexes Thema verständlich darzustellen und anhand von Interview-Aussagen zu veranschaulichen. Die Publikation regt Verantwortliche aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung an, das Potenzial der Vereine mobiler Menschen gezielter einzubeziehen.

Die vorliegende Studie leistet einen wichtigen Beitrag zur wissenschaftlichen Erforschungen der Vereine mobiler Menschen sowie deren Engagements.

Fazit

Cattacin und Domenig konstatieren, dass die Motive für das freiwillige Engagement mobiler Menschen Anzeichen einer generellen gesellschaftlichen Transformation darstellen. Allgemeine Trends wie Flexibilisierung, Globalisierung, Individualisierung und Individuierung fördern den wirtschaftlichen, politischen Wandel sowie die transnationale Mobilität. Der gesellschaftliche Wandel hat Auswirkungen auf die Motive und Formen des Engagements. Er führt zu einer Trennung von Ort und Identität und pluralisiert Gesellschaften, deren Eigenart in der Komplexität ihrer Verschiedenheiten liegt.


Rezensentin
Dr. rer. pol. Gülcan Akkaya
M.A. Social Work and Human Rights, Diplom-Sozialarbeiterin, Dozentin & Projektleiterin an der Hochschule Luzern-Soziale Arbeit
Homepage www.hslu.ch
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Zitiervorschlag
Gülcan Akkaya. Rezension vom 03.07.2013 zu: Sandro Cattacin, Dagmar Domenig: Inseln transnationaler Mobilität. Freiwilliges Engagement in Vereinen mobiler Menschen in der Schweiz. Seismo-Verlag (Zürich) 2012. ISBN 978-3-03-777120-4. Reihe: Freiwilligkeit. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/14342.php, Datum des Zugriffs 26.03.2017.


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