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Insa Sparrer: Lösungsfokussierte Systemische Strukturaufstellungen (LfSySt)

Cover Insa Sparrer: Lösungsfokussierte Systemische Strukturaufstellungen (LfSySt). FERRARIMEDIA (Aachen) 2012. ISBN 978-3-942131-21-6. 89,95 EUR.

6 DVD, 464 Min.
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Thema

Der Ansatz der Lösungsfokussierung nach Berg, Shazer, Jong und zeichnet sich insbesondere dadurch aus, dass der Adressat als der entscheidende und alleinige Experte für die Generierung von Lösungsideen angesehen wird. Ausgehend von einem radikal konstruktivistischen Modell und einem konse­quent ressourcenorientierten Vorgehen wird nicht das Problem bzw. die problematische Anlasssituation nach mög­lichen Ursachen analysiert, um daran anschließend eine die Ursachen bzw. die dar­aus abzuleitenden Konsequenzen verändernde Intervention zu begründen. Vielmehr geht dieser Ansatz davon aus, dass es zur Entwicklung von Lösungen für eine ver­änderte Zukunft nicht unbedingt notwendig ist, Probleme bezogen auf deren Ursa­chenentstehung zu analysieren sondern davon unabhängig nach einem ‚Stattdessen‘ zu forschen, verbunden mit einem handlungsbezogenen, klar beschriebenen im Sinne von sinnlich wahrnehmbar sowie realisierbar kleinschrittigen Weg. Ein wichtiger und zugleich radikal ressourcenfokussier­ter Baustein ist die Vorannahme, dass es in fast jeder problematischen Situation zu­mindest Momente von Ausnahmen gibt, in welchen der Mensch seine problemati­sche Situation als weniger bedrohlich oder auch ein problematisches Verhalten als weniger stark bzw. bedeutsam erlebt. Das Suchen nach Ausnahmen und den darin liegenden Potenzialen für eine andere, gelingendere Zukunft bringt die Adressaten zugleich wieder in eine kompetente Rolle und Selbst­wahrnehmung. Sie sehen, dass bereits im Bestehen problematischer Situationen ein ‚Stattdessen‘ möglich ist, dass nur sie und eben nicht ein Berater um dieses Wissen verfügt und dass sie selbst zumeist dieses ‚Stattdessen‘ zumindest mitgestalten.

Lösungsfokussierung geht von der Einsicht aus, dass jeder Mensch selbst mehr über sein eigenes Leben und seine gegenwärtige Situation weiß als ein anderer Außen­stehender. In diesem Sinne ist der Blick des Adressaten dafür maßgeblich, welche Ziele und Veränderungen in der Beratung verfolgt werden sollen. Die Betonung der Stärken und Lösungswege, so wie sie der Adressat ent­wickelt, erhöhen zudem die Motivation, die Selbstverantwortlichkeit sowie die Nach­haltigkeit für die Lösungen. Schließlich muss der Adressat mit den Folgen der ge­troffenen Entscheidungen leben. Entsprechend unterscheidet sich die lösungsfokus­sierte Beratung von Beratungsansätzen, die versuchen, auf der Basis ausgefeilter Problemanalysen oder eigener Experteneinschätzungen Lösungen zu entwickeln. Stattdessen[!] wird durch die Art der Gesprächsführung eine lösungsfokussierte Gesprächsarchitektur konstruiert, in welcher letztlich der Adressat selbst Lösungen fin­det und entwickelt statt Probleme zu vertiefen durch die Suche nach Ursachen. Der Berater versucht entsprechend, das Gespräch so zu strukturieren, dass der Adressat ein klares und deutliches Bild einer veränderten Zukunft beschreiben kann, in wel­cher die Probleme und Einschränkungen nicht mehr bzw. nicht mehr so bedeutend bestehen. In diesem und durch diesen Prozess nimmt sich der Adressat in für die Erreichung seiner Lösung als verantwortlich, kompetent und gestaltend wahr.

Jedes Problem ist in seinem spezifischen Kontext einzigartig und jeder Familienzu­sammenhang besitzt eine je eigene Komplexität, die es anzuerkennen gilt. Lö­sungsfokussierte Beratung achtet dies, indem sie die „Fertigkeit des Nichtwissens“ (Jong u.a. 2003:46) als eine professionelle Haltung, verbunden mit einer entspre­chenden methodischen Kommunikationstechnik einsetzt. So werden mit größtem Respekt und tiefer Wertschätzung der Wille, das Wissen und die Ressourcen des Adressaten herausgearbeitet. Statt aus einer Position des Expertenwissens heraus, gelingt es den Beratern durch diese ‚Fertigkeit des Nichtwissens‘ im Bezugsrahmen des Adressa­ten zu bleiben und sehr genau darauf zu achten, was dem Adressaten wichtig ist und wozu er bereit ist und sich fähig hält, um Veränderungen einzuleiten.

Die Dokumentation eines mehrtägigen Seminares von Insa Sparrer thematisiert die Chancen und durchaus auch Herausforderungen in der Verbindung von Systemischen Strukturaufstellungen mit dem Ansatz der Lösungsfokussierung der sogenannten Milwaukee Schule, in diesem Seminar direkt vertreten durch Yvonne Dolan.

Autorin

Insa Sparrer ist diplomierte Psychologin und seit 1989 als Psychotherapeutin in freier Praxis tätig mit einer Approbation. Zudem leitet sie seit vielen Jahren maßgeblich auch im internationalen Kontext Aus- und Fortbildungen. Sie hat verschiedene Bücher herausgegeben. Grundsätzlich versucht sie verschiedene Therapierichtungen in eine gelingende Synthese zu bringen und sich dabei nicht allein auf verbal-basierte Ansätze zu beschränken.

Aufbau und Inhalt

Zunächst werden die durchaus unterschiedlichen Ansätze der Lösungsfokussierung und der Systemischen Strukturaufstellungen ausgeführt und Nutzenperspektiven aus Sicht der Klient_innen dargelegt, maßgeblich für eine Synthese dieser beiden Herangehensweisen.

Im nächsten Schritt referiert Insa Sparrer eingangs im Überblick verschiedene von ihr entwickelte Modelle der Lösungsaufstellung, der Zielannäherungsaufstellung oder auch der 9 bzw. 12 Felder-Aufstellung, um diese im Anschluss detaillierter darzulegen. Dies wird durchaus sehr beispielhaft und nachvollziehbar erläutert, wobei dabei teilweise die im systemischen Arbeiten bestehenden Hypothesen der Therapeut_innen sichtbar werden, die in der Schule der Lösungsfokussierung aufgrund der sogenannten Fertigkeit des Nichtwissens eher als nicht hilfreich beschrieben sind. Gleichzeitig wird deutlich, dass eine allein verbalisierende Beratungsauseinandersetzung zur Generierung von Bildern nicht immer ausreichend kreativ erscheint, was durch externalisierende Aufstellungen durchaus anregender werden kann. Insa Sparrer zeigt dabei die Vorgehensweisen in direkter und beispielhafter Form und arbeitet so eine Reihe an Vorteilen der Aufstellungsarbeit heraus. Dabei entwickeln sich Gesprächsreflexionsschleifen mit Yvonne Dolan, an denen die Vorteile der Synthese der Aufstellungsarbeit mit dem lösungsfokussierten Ansatz expliziert werden. Daneben werden als zentraler Kern der Darlegung über mehrere DVDs hinweg ausführliche Livedemonstrationen durchgeführt, an denen die zuvor herausgearbeiteten Elemente nachvollziehbar werden. Beeindruckend sind dabei zugleich die Rückmeldungen derjenigen, die den jeweiligen Beratungsanlass geben.

Im Anschluss werden Fragen der Seminarteilnehmenden geklärt sowie Reflexionen von Yvonne Dolan eingebracht. Die Qualität der DVD zeigt sich sowohl vom Bild, der Kameraführung als auch dem Ton gut. Ein kleines Booklet mit Fotografien der im Seminarverlauf eingesetzten bzw. entwickelten Flipcharts ist ebenfalls Bestandteil des DVD-Sets.

Diskussion

Es werden maßgeblich durch die Demonstrationen z.T. auch durch die Reflexionen durchaus ergänzende Kombinationen zwischen Systemischen Strukturaufstellungen und Aspekten der Lösungsfokussierung deutlich. Diese finden sich sowohl in der Grundrichtung als auch in bestimmten methodischen Aspekten (Detailtiefe der Lösungsbilder, Skalierungsformen durch Aufstellungen etc.). Zugleich werden stets Elemente deutlich, die einem radikalen Ansatz insbesondere nach Steve de Shazer durchaus nicht konsequent folgen. Dies betrifft insbesondere die Expertise der erklärenden Hypothesen der systemisch geschulten Beratungsexpert_innen, die einer radikalen Umsetzung der Fertigkeit des Nichtwissens zumeist im Wege steht. Dies liegt jedoch eher am Habitus der systemisch geprägten Berater_innen denn an der notwendigen methodischen Erweiterung des Lösungsfokussierten Ansatz hin zu kreativen und nicht ausschließlich sprachgestützten methodischen Umsetzungen. Von daher sind die gezeigten Prozesse und Erfahrungswerte von ausgesprochenem Wert und Güte.

Fazit

Es handelt sich um einen großartigen Einblick in einen Seminarprozess, der sowohl durch die praktischen Bezüge der Livedemonstrationen als auch durch die Impulse wie Reflexionsgespräche insbesondere mit Yvonne Dolan einen tiefen und kleinteilig nachvollziehbaren Einblick in die Synthese der Systemischen Strukturaufstellung mit dem Ansatz der Lösungsfokussierung ermöglicht. Im Ideal empfiehlt sich eine Kombination der DVD mit einem oder mehreren der Bücher von Insa Sparrer bspw. Insa Sparrer: Wunder, Lösungen und System. Lösungsfokussierte Systemische Strukturaufstellungen für Therapie und Organisationsberatung. Carl-Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2004. 3. Auflage (www.socialnet.de/rezensionen/274.php), Insa Sparrer: Systemische Strukturaufstellungen. Theorie und Praxis. Carl-Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2006 (www.socialnet.de/rezensionen/4051.php) oder auch Heiko Kleve: Aufgestellte Unterschiede. Systemische Aufstellung und Tetralemma in der sozialen Arbeit. Carl-Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2011 (www.socialnet.de/rezensionen/12527.php) sowie Peter De Jong, Insoo Kim Berg: Lösungen (er)finden. Das Werkstattbuch der lösungsorientierten Kurztherapie. verlag modernes lernen borgmann publishing (Dortmund) 2008. 6., verb. und erweiterte Auflage (www.socialnet.de/rezensionen/6425.php) oder auch Steve de Shazer: Worte waren ursprünglich Zauber. Von der Problemsprache zur Lösungssprache. Carl-Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2009. 288 Seiten (www.socialnet.de/rezensionen/7605.php) bzw. unbedingt Steve de Shazer, Yvonne Dolan: Mehr als ein Wunder. Die Kunst der lösungsorientierten Kurzzeittherapie. Carl-Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2008. 224 Seiten (www.socialnet.de/rezensionen/6396.php)


Rezensent
Prof. Dr. Stefan Bestmann
Seit 2009 Gastprofessor (halbes Deputat) für Soziale Arbeit an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin und seit 2000 in freier Praxis als Sozialarbeitsforscher, Praxisberater und Trainer tätig. Schwerpunkte: Sozialraumorientierte Soziale Arbeit, Gesundheitsförderung von Kindern und Jugendlichen, Lösungsfokussierter Beratungsansatz, Inklusion, Partizipation, Organisationsentwicklung, Personalentwicklungsmaßnahmen in Organisationen Sozialer Arbeit, Gestaltung von Qualitätsmanagementprozessen, Praxisforschungen und Evaluationen.
Homepage www.eins-berlin.de
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Zitiervorschlag
Stefan Bestmann. Rezension vom 31.12.2013 zu: Insa Sparrer: Lösungsfokussierte Systemische Strukturaufstellungen (LfSySt). FERRARIMEDIA (Aachen) 2012. ISBN 978-3-942131-21-6. 6 DVD, 464 Min. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/14402.php, Datum des Zugriffs 05.12.2016.


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