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Reinhard Stähling, Barbara Wenders: "Das können wir hier nicht leisten"

Cover Reinhard Stähling, Barbara Wenders: "Das können wir hier nicht leisten". Wie Grundschulen doch die Inklusion schaffen können ; ein Praxisbuch zum Umbau des Unterrichts. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2012. 274 Seiten. ISBN 978-3-8340-1087-2. D: 19,80 EUR, A: 20,40 EUR.

Reihe: Basiswissen Grundschule - Band 28. Mit Fotos von Donata Wenders.
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Thema

Inklusion in der Grundschule kann doch gelingen. Das Buch eröffnet diese andere Perspektive. Vor allem macht es deutlich, welche Mechanismen zur Aussonderung führen und wie diese überwunden werden können. An konkreten Beispielen aus dem Schulalltag werden Einblicke in die Praxis gegeben und gezeigt, wie der Umbau zum gemeinsamen Lernen und Unterrichten gelingen kann. Die Erfahrung der Autoren sowie das Wissen namhafter Fachleute, die sich seit Jahren mit dem Thema auseinandersetzen, unterstreichen deutlich, dass Inklusion nicht nur in der Grundschule gelingen kann!

Autor und Autorin

Reinhard Stähling (Jg 56) ist Leiter der Grundschule Berg Fidel Münster. Barbara Wenders (Jg 52) ist Lehrerin (Grund- und Hauptschule sowie Sonderpädagogin) an der Grundschule Berg Fidel in Münster.

Aufbau und Inhalt

Das Buch enthält drei Teile.

  1. Teil 1 befasst sich damit, wie Aussonderungsmechanismen erkannt und verhindert werden. Es werden zentrale Elemente des gemeinsamen Unterrichts in der Schule Berg Fidel wie das „freie Arbeiten“, den „Freien Forscher Club“ und die regelmäßigen Exkursionen in den Wald vorgestellt.
  2. Teil 2 beschäftigt sich mit Zweifeln und Barrieren, an denen die Inklusion scheitern kann sowie „Gehhilfen“ auf dem Weg zur Inklusion. Die Kapitelüberschriften bestehen teilweise aus Zitaten und orientieren sich damit eng an der Kritik von Zweiflern.
  3. Teil 3 enthält 6 Interviews inklusionserfahrener Expert_innen (mit Lebenslauf und Foto) aus Deutschland, Europa und Amerika. Das Buch hält zahlreiche Fotos und Schaubilder, die die Arbeit an der Schule Berg Fidel in Münster dokumentieren, bereit. Das Medium Foto 3. (Donata Wenders) lockert das Buch auf (fast auf jeder dritten Seite findet sich ein Foto). Tabellen und Übersichten machen Theorie und Praxis anschaulich.

1. Wie verhindern wir Aussonderung? Beobachtungen und Gedanken aus der Praxis einer Schulklasse

  1. Offene Geheimnisse der Grundschule Berg Fidel
  2. Praxis des freien Arbeitens 
  3. Pädagogische Aufgabenverteilung beim freien Arbeiten
  4. Freier Forscher Club „FFC“
  5. Regelmäßig in den Wald
  6. Die Schule Berg Fidel in Münster. Eine Schule für alle bis Klasse 13

Einstieg bilden die sechs offenen Geheimnisse:

1.Keine Einzelkämpfer in der inklusiven Grundschule Berg Fidel“. Hier teilt sich ein Team die Verantwortung für eine Klasse und bespricht sich wöchentlich. “Wie bei einer Schiffsreise sind alle aufeinander angewiesen, kein Kind geht über Bord“ (a.a.O.S.12).

2. Unterstützerring für Klassenlehrerinnen der Grundschule Berg Fidel“. Statt, dass Kinder unkoordinierte Hilfen an verschiedenen Stellen bekommen bündelt die Schule knowhow und bildet einen sog. Unterstützer-Ring. In diesem System ist es nicht mehr möglich, sich der Verantwortung zu entziehen, in dem man Probleme an andere Stellen wegdelegiert.

3. Verteilung der SchülerInnen in allen Klassen“. Alle Klassen sind altersgemischt. Immer 6 Kinder einer Klasse wechseln in die weiterführende Schule und 6 werden neu eingeschult. Es wird darauf geachtet, dass die Struktur der Klasse ausgeglichen ist.

4. Kein Sitzen bleiben in Berg Fidel“

5. Pädagogen geben Halt – Kinder lernen Verantwortung zu übernehmen“. Im Amerikanischen hat sich der Begriff „Caring Education“ mit dem Inklusionsgedanken verbunden. Es geht darum den Kindern zu zeigen, dass man Sorge für sie trägt, was in 20 Regeln in der Schule Berg Fidel nieder geschrieben ist (S. 15). Sie sind teilweise deckungsgleich mit dem Index für Inklusion, der von Booth in Cambridge entwickelt wurde.

6. Freies Arbeiten als zentrale inklusive Unterrichtsform“ Gelingende Bildungsprozesse brauchen verlässliche Bindung. Getragen von „dem sicheren Gefühl des Miteinanders“ (S.16) wenden sich die Kinder wie Feuser es ausdrückt „einem gemeinsamen Gegenstand“ (S.16) zu und lernen miteinander. Wie das funktioniert wird am Beispiel der Mathematik erklärt. Wocken spricht von „gemeinsamen Lernsituationen“.

Das freie Arbeiten wird in den Unterkapiteln 2 und 3 beschrieben. Lernprozesse werden im Lernklassenrat reflektiert und das Lerntagebuch dient neben der Reflektion auch der Vergewisserung des Gelernten. Fast täglich findet eine Projektphase(4.) der sog. FreieForscherClub (FFC) statt. Unterkapitel 5 widmet sich dem wöchentlichen Gang in den Wald. Diese Elemente bilden ein wichtiges Rückrad des Lernens an der Schule Berg Fidel. Der Leser nimmt am Schulalltag in Wort und Bild teil, der Unterricht wird greifbar und nachvollziehbar. Der erste Teil endet mit der Vision (Unterkapitel 6), der Fortentwicklung des bisherigen Grundschulkonzeptes der Jahrgänge 1-4 hin zu einer Schule der Jahrgänge 1-13. Schule wird als Haus des Lernens verstanden, in dem alle willkommen sind, Halt und Orientierung bekommen (S. 83).

2. Woran scheitert Inklusion noch? Zweifel, Barrieren und Gehhilfen auf dem Weg zur Inklusion

  1. „…aber diese Kinder haben keine Chance“ – der soziale Kredit
  2. „…aber wenn die Lehrpläne das doch vorschreiben?“ – Vom Gehorsam zur Verantwortung für alle – Inklusive Didaktik als Beitrag zur Lösung der Schlüsselprobleme
  3. Eine Klassenfahrt ohne Serkan - Betriebswirtschaftliche Win-Win-Lösungen und ihre Gefahren
  4. „…einige lassen sich nun mal nicht integrieren“ – die sozialhygienische Legitimation der „guten Mischung“ – Ein historischer Exkurs
  5. Das Märchen von der guten Mischung – Fehlende Kompetenzen und Erfahrungen im Umgang mit heterogenen Lerngruppen

Diese fünf Unterkapitel befassen sich aus verschiedenen Blickwinkeln mit „Zweifeln“ und „Barrieren“ aber auch mit „Gehilfen auf dem Weg zu Inklusion“. Es ist eine „Empowrementperspektive“, die einen „soziale Kredit“ gewährt (S. 99). Am Beispiel eines Jungen werden Faktoren beschrieben, die das gemeinsame Unterrichten gelingen lässt. Der Vertrauensvorschuss eines sozialen Kredites unterstützt präventives Handeln (S. 99ff), schafft „Resilienzbedingungen“ (S. 105) durch 1. Zugehörigkeit, 2. Achtung vor der Würde des Kindes, 3.Verlässlichkeit, 4. Begleitung und bereitet den Boden für „innere Differenzierung“ und Altersmischung 1-4 sowie offenen Unterricht. Auf 30 Seiten beschreibt Stähling eine inklusive Didaktik, die er in 5 Thesen erläutert. Am Ende des Kapitels hat man erfahren, welche Kräfte zusammenwirken, damit inklusive Schulen entstehen.

3. Wer stärkt uns den Rücken? Fragen an Experten

  1. Georg Feuser (Zürich): Der angesägte Baum – Treibe einen Keil hinein!
  2. Hans Wocken (Hamburg): Über den pädagogischen Wert der PauseTony Booth (Cambridge): Come on: If not now, when?
  3. Ines Boban (Halle): Mikrokosmen revolutionieren
  4. Vicky Branco (Toronto): Dienstleistungsschule im Brennpunkt
  5. Simone Seitz (Bremen): Warum sind keine Gymnasiasten dabei?

Bekannte Inklusionspädagogen geben dem Leser Perspektiven und Anregungen, sich mit dem Thema kritisch auseinander zu setzen. Die Interviews beherbergen eine Fülle von Fachwissen und Erfahrung und runden die Darstellung des Lernens und Arbeitens an der Schule Berg Fidel ab. Es gibt einige Schulen, die sich auf den Weg gemacht haben, Boban verweist auf eine Schule in Hamburg - die Stadtteilschule Winterhude, an der sie vor 25 Jahren als Sonderpädagogin gearbeitet hat. Diese Schule hat sich zur Reformschule entwickelt und zeigt, wie es gelingen kann, alle Kinder von 0-13 gemeinsam inklusiv erfolgreich zu beschulen.

Diskussion

Deutschland hat kein Erkenntnisdefizit, wie eine inklusive Schule gelingt, sondern ein Handlungsdefizit. Was sind die Gründe? Vielen Lehrer fällt es schwer, den eigenen Unterricht zu verändern, weil sie keine Erfahrungen im Umgang mit Verschiedenheit haben. Ein weiterer Grund ist die Haltung, die das Handeln leitet. Leider ist unser Schulsystem in Deutschland veraltert und folgt dem Mythos der homogenen Gruppen und daraus wird gefolgert, dass Kinder in Begabungs-„schubladen“ zu sortieren sind.

Die Inklusion trifft auf diese Situation und stößt damit auf eine Fülle von Themen und Problemen. Inklusion meint Toleranz gegenüber Verschiedenheit und umfasst nicht nur die gemeinsame Beschulung behinderter und nicht behinderter Kinder. Gemeint ist allen Kindern den Zugang in die Regelschule zu ermöglichen. Auch ohne die Ratifizierung der UN Konvention kann ein Land wie Deutschland es sich schon lange nicht mehr leisten, in veralterten Kategorien zu denken, die Aussonderungsmechanismen befördern und Kinder zu Verlierern machen. Unser Land ist darauf angewiesen, dass alle Kinder bestmögliche Bildungschancen bekommen. Ein aussonderndes System ist teuer und unsozial. Das vehemente Festhalten am gegliederten System ist veraltert und damit auch seine Methoden wie z.B. der Frontalunterricht, der vom Lehrer ausgeht und auf die Mittelköpfe ausgerichtet ist. Was in Deutschland fehlt sind Erfahrungen im Umgang mit Heterogenität, mit geeigneten Unterrichtsformen und einer dazugehörigen Didaktik. Beim Fokus auf die Mittelköpfe haben die Schüler an den „Rändern“ das Nachsehen. Davon betroffen sind auch immer öfter hochintelligente Kinder. Das deutsche Schulsystem hat Kategorien von Sonderschulen geschaffen, die es in anderen Ländern (z.B. Skandinavien) gar nicht gibt wie z.B. die Kategorie „Lernbehinderung“. Die Sortierung, die oft mit dem Wohl des Kindes und der besseren Förderung in homogenen Gruppen begründet wird, hält nicht, was sie verspricht. Aussonderungsmechanismen verschärfen die soziale Ungleichheit und unsere Schulen entlassen zig Schüler ohne Abschluss ins Leben. Sie wird damit ihrem gesellschaftliche Auftrag nicht gerecht. Das geht uns alle an: die Politik, Ausbildungsorte, die Ämter, die Kräfte in den Schulen vor Ort.

Das traditionelle System Schule darf sich nicht länger vor seiner Verantwortung drücken und an andere sonderschulische und außerschulische Stellen verweisen. Es darf nicht länger Probleme als die des Kindes individualisieren, ihm eine Krankheit/Behinderung/Versagen zuschreiben. In einem Interview am Ende des Buches bringt es ein ehemaliger Förderschüler auf den Punkt: statt das dem Schüler eine Rechenschwäche und damit ein Förderbedarf zugeschrieben wird sollte der Lehrer einen Bedarf anmelden, nämlich, dass es ihm nicht gelingt, dem Schüler die Mathematik so nahe zu bringen, dass dieser verstehen und lernen kann. Es ist nicht das Versagen des Schülers, sondern das Versagen einer Lehrkraft und eines Systems. Die darin Handelnden werden ihrem gesellschaftlichen Arbeitsauftrag nicht gerecht.

Fazit

Es ist höchste Zeit, dass Inklusion gelingt und sie kann gelingen! Dieses Buch ist eines von vielen, die in den letzen Jahren erschienen sind. Es dokumentiert konkrete Anwendungsbeispiele aus der Praxis. Neben dem praktischen Teil werden zugrunde liegende Aussonderungsmechanismen entlarvt und praxiserprobte Alternativen vorgestellt. Es braucht andere Perspektiven und die Übernahme von Verantwortung der Institution und der darin arbeitenden Menschen. In Teamarbeit kann inklusiver Unterricht gelingen. Das Buch eröffnet Wege und macht Lust auf eine inklusive Schule für alle Kinder. Es regt an, die Aufmerksamkeit und Energie dahin zu lenken, was geht, statt nur darauf zu schielen, was nicht geht. Das Buch macht Mut, Schule zu verändern. Es gewährt Einblicke in lebendige erprobte Praxis und unterfüttert diese mit einem theoretischen Fundament. Reinhard Stähling und Barbara Wenders haben sich mit zentralen Fragen des inklusiven Unterrichtens befasst, was sich in dem umfangreichen Literaturverzeichnis und den Hinweisen auf Forschungsergebnisse nieder schlägt.

Mittlerweile ist auch ein Film über die Schule Berg Fidel erschienen, der für den deutschen Filmpreis 2013 nominiert wurde und somit dazu beiträgt, das Thema an sich und die vielen Erfolgsgeschichten einer inklusiven Schule einem breiterem Publikum nahe zu bringen.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 08.02.2013 zu: Reinhard Stähling, Barbara Wenders: "Das können wir hier nicht leisten". Wie Grundschulen doch die Inklusion schaffen können ; ein Praxisbuch zum Umbau des Unterrichts. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2012. ISBN 978-3-8340-1087-2. Reihe: Basiswissen Grundschule - Band 28. Mit Fotos von Donata Wenders. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/14405.php, Datum des Zugriffs 29.07.2016.


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