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Helmut Lambers: Theorien der Sozialer Arbeit

Cover Helmut Lambers: Theorien der Sozialer Arbeit. Ein Überblick und Vergleich. UTB (Stuttgart) 2013. 375 Seiten. ISBN 978-3-8252-3775-2. D: 24,99 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 24,90 sFr.
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Thema

Wie ist der Stand der Theoriebildung über die Soziale Arbeit einzuschätzen? Ein Überblick und ein Vergleich der zentralen Theorien der Sozialen Arbeit soll Studierenden und Interessierten Orientierungshilfe geben und den Stand der Debatte zusammenfassen.

Autor

Helmut Lambers ist Professor für die Fachwissenschaft Soziale Arbeit am Fachbereich Sozialwesen der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen, Dr. phil., Dipl.-Pädagoge und Dipl. Sozialpädagoge (FH).

Aufbau und Inhalt

In der Einleitung wird das Anliegen dieses Lehrbuches beschrieben, nämlich die unterschiedlichen Theorien der Sozialen Arbeit in ihrem zeitlichen und sachlichen Kontext vorzustellen, einen Theorievergleich zu ermöglichen und sie damit deutlich von den zahlreichen Theorien in der Sozialen Arbeit abzugrenzen, die sich mit den verschiedensten Handlungsproblemen oder bezugswissenschaftlichen Fragestellungen beschäftigen. Der erste Teil des Buches wird durch eine zeitliche Abfolge strukturiert und bietet einen schlüssigen, eigenständigen Überblick (Kap. 1 und 2).

Das 1. Kapitel (5-16) ist den Theorien vom Spätmittelalter (Aquin) bis zur Industrialisierung (Wichern) gewidmet.

Im 2. Kapitel (17-207) wird die Theorieentwicklung zwischen Moderne und Spätmoderne über jeweils einen Autor, die Theorie, ein Diskussionsbeitrag und Literaturhinweise präsentiert. Nach den Klassikern (Natorp, Nohl, Salomon, Richmond, Addams, Klumker, Arlt, Scherpner) wird die neuere sozialpädagogische Theorieentwicklung (Mollenhauer, Khella, Thiersch, Otto/Dewe, Böhnisch und Winkler) vorgestellt. Lambers unterscheidet zwischen sozialpädagogischen und sozialarbeitswissenschaftlichen Theorien, was hilft Zusammenhänge zu klären und Fragestellungen sichtbar zu machen. Auch wenn die Zuordnung „nicht gerade leicht“ (138) ist und kein gemeinsames Verständnis von Sozialarbeitswissenschaft vorliegt, rechnet er zu ihnen: Lowy, Hege/Geißler, Rössner, Pongratz, Germain/Gitterman, Wendt, Bernasconi, Kleve. Im Anschluss gibt es einen Exkurs: Bommes/Scherr legen zwar keine Theorie der Sozialen Arbeit im engeren Sinne vor, ihnen werden aber 17 Seiten eingeräumt. Nachvollziehbar ist die Begründung, dass mit ihrer soziologischen Theorie gewinnbringende Reflexionspotentiale verbunden sind. Missverständlich ist die Gleichsetzung von systemtheoretisch-konstruktivistischer Theorie mit Luhmanns Äußerungen zur Politikferne seiner Theorie, da damit die systemtheoretischen Beiträge zu politischen Handlungsstrategien der Sozialen Arbeit nicht sichtbar und problematisch werden.

Im 3. Kapitel (209-326) steht der Theorienvergleich im Mittelpunkt. Schon in der Einleitung wird die Situation präzise bestimmt: „ Theorieentwicklung Sozialer Arbeit besteht wohl auf Dauer aus dem wissenschaftlichen Diskurs selber“ (209). Zweck des vorgelegten Vergleiches ist es, Unterschiedlichkeiten und Gemeinsamkeiten nachvollziehbar zu machen - was auch überzeugend gelingt. Zunächst werden die Grundlagen der Vergleichsbildung erläutert sowie die Differenzen und Konvergenzen von Sozialpädagogik und Sozialarbeit. Fachpraktisch wird nicht mehr zwischen Sozialarbeit und Sozialpädagogik unterschieden. „Disziplintheoretisch können wir davon ausgehen, dass unter der Bezeichnung Soziale Arbeit die Entfaltung einer Sozialarbeitswissenschaft/Sozialpädagogik verstanden wird.“ (225).

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung um den Gegenstand der Sozialen Arbeit wird mit Hilfe einer Reihe von gut gemachten Übersichten bestimmt und so zusammen gefasst: die einheitsstiftende Begrenzung des Gegenstandes „ist bis heute nicht gegeben“ und disziplintheoretisch ist Soziale Arbeit eine halbkonsolidierte Wissenschaft (242). Lambers lehnt sich an Rauschenbach und Züchner an und sieht Perspektiven für die Theorieentwicklung in drei Kategorien: Soziale Arbeit als Reaktion auf Fragen/Probleme der Erziehung, der sozialen Ungleichheit, der Bewältigung des Lebens (241). Diese sollten im Gesamtzusammenhang gesehen und theoretisch entfaltet werden.

Für einen Theorienvergleich bedeutsam ist, was mit dem Begriff Theorie der Sozialen Arbeit gemeint ist. Hier herrsche Unklarheit. Dezidiert geht Lambers den Fragen nach Merkmalen der Theoriebildung, ihrer Notwendigkeit der Geschlossenheit und der Differenz zwischen Disziplin- und Professionalisierungstheorien nach (243-256). „Bei einem Theorievergleich der Sozialen Arbeit stoßen wir auf einige in sich geschlossene Theoriebildungen sowie in vielen Fällen auf Entwürfe, Ansätze oder Vorarbeiten einer Theorie“ (257). Vor den Typisierungsversuchen werden die „Erkenntniskonzepte“ wie Hermeneutik, Phänomenologie, Kritischer Rationalismus, Dialektischer und Historischer Materialismus, Kritische Theorie, Chicagoer Schule und Systemtheorien kurz vorgestellt (273-310). Der Stand der Typisierungen wird durch eine Reihe von Übersichten (259-268) plausibel nachvollziehbar. Die Schwierigkeiten werden unmittelbar im Anschluss diskutiert und münden in die Reflexion, sich stärker an Ansätzen als an Personen zu orientieren. Durch die Nähe von Ordnungsvorschlag und Reflexion entsteht für die Leser ein hoher Nutzen.

Im Anschluss werden neun wissenschaftstheoretische Verortungen definiert und in einer Gesamtsicht die entsprechenden TheorievertreterInnen zugeordnet. Die Darstellungsform bringt jetzt alles auf eine Ebene, die Hermeneutik, die Kritische Theorie und den Systemismus. Lambers bleibt reflexiv, weist auf neue Typisierungen als topografische Beschreibungen (Thiersch) und „Kernintentionen“ (Thole) hin und gibt zu bedenken: „Zweifelhaft ist, ob Theorieetiketten immer das treffen, was die Theorienbeiträge implizit charakterisiert.“ (316). Zudem moderne Theoriebeiträge sich in der Regel auf unterschiedliche wissenschaftstheoretische Positionen beziehen (316).

Abschließend wird diskutiert ob der Empowerment-Ansatz ein gemeinsamer Nenner sein könnte. Lambers sieht die Chancen dafür skeptisch und weist darauf hin, dass die Ausrichtung auf die Eigenverantwortungskompetenz das Risiko beinhaltet, dass durch die Rückverlagerung der Verantwortung für soziale Problembearbeitung diese bei den Subjekten landet.

Das 4. Kapitel fasst die Fragen des Buches unter dem Titel Theoriedilemma zusammen und kommt zum Schluss, das von einem Theorienpluralismus ausgegangen werden muss, der als Positives mit sich bringt, dass der Nichtkonsens die Kommunikation weiterführt. Als theoretische Wegweisungen werden geboten, die sozialen Tatbestände (wie Erziehung/Bildung, Soziale Probleme/Lebensführung, Partizipation/soziale Gerechtigkeit und Alltags-/Lebensbewältigung) integriert zu sehen und Versuche zu unterstützen, die subjekt- und systembezogenen Theorieperspektiven zu integrieren, ohne die eine aus der anderen abzuleiten (329).

Diskussion

Lambers Theorienüberblick und Vergleich ist verdienstvoll und stellt eine wertvolle Bereicherung der Diskussion dar. Die Teile Theorieentwicklung und Vergleiche bieten jeweils sehr gut lesbare Zugänge und können unabhängig genutzt werden. Dazu tragen die vier prägnanten Zusammenfassungen bei, die im Anschluss an die zentralen Vergleichskapitel stehen. Der große Gewinn des Buches besteht darin, dass Argumentationslinien klar und deutlich sichtbar sind. So werden Differenzen erkennbar und Kontroversen begründbar. Dem Risiko, Gewissheit, durch Wiederholung der Argumente zu schöpfen, kann leichter begegnet werden. Lambers hat für die Auswahl und die Zusammenfassung der Botschaften Verantwortung übernommen, die Inhalte der Botschaften und ihre fragwürdigen Begründungen, sind ihm nicht anzulasten und können hier nicht diskutiert werden.

Die „Theorien der Sozialen Arbeit“ beziehen sich auf veröffentlichte Texte und unterstützen die Bildung eines Kanons. Das ist sinnvoll und erleichtert die Diskussion. Der Effekt ist aber, dass Theorien, die nicht in vergleichbarer Weise dem Muster von Schrift und Veröffentlichung folgen, keine Fachöffentlichkeit bekommen und unscheinbar werden. Das sagt aber nichts über ihre Relevanz in der Praxis und ihre wissenschaftliche Bedeutung aus. Darüber hinaus: Lambers sieht selbst, wie problematisch die Unterscheidung in Professionalisierungs- und Disziplintheorien ist. Letztere genießen einen höheren Stellenwert und wer wie M. Heiner von der Professionsseite her argumentiert hat das Nachsehen. Der feministische Beitrag zur Theoriebildung der Sozialen Arbeit kommt insgesamt nicht vor. Warum die Beiträge von Autorinnen wie Bitzian, Brückner, Maurer, Rose u.a. nicht ins Muster des Buches passen, wird nicht erläutert. Die Theoriebildung in der Sozialen Arbeit, die über Diskurse verläuft, tut sich insgesamt schwer, hätte es angesichts ihrer inhaltlichen Ausrichtungen wie wissenschaftlichen Bedingungen aber verdient, deutlich berücksichtigt zu werden. Dies gilt ebenso für Theorien zum Sozialraum wie für systemisch-konstruktivistischen Theorien, die in der Praxis hohe Akzeptanz genießen und durchaus Beiträge zur Theorie der Sozialen Arbeit leisten.

Relationale Perspektiven sollten mehr Bedeutung bekommen. Zum Beispiel: Wenn Wissenschaft der Name für eine Form des Gespräches über Wahrheit ist, wenn die Produktion von Theorie dem Justieren von Parametern dient und der Gegenstand der Sozialen Arbeit, durch abgrenzbare, auf einander bezogene Kommunikation gebildet wird, lassen sich strukturelle Beschaffenheiten von Praxis im Zusammenhang mit theoretischen Reflexionen (Texturen) beschreiben, die weniger an Personen und ihren Werken ausgerichtet sind. So könnten neue Herausforderungen, Arbeiten zu Entwicklungen und Beiträge zu Auseinandersetzungen als Teil der Theorieproduktion sichtbarer werden. Alles könnte aktueller, weniger am Status und an universitären Bedingungen orientiert, sondern dichter am Geschehen der Sozialen Arbeit verankert werden.

Was ebenso unbedingt diskutiert werden muss, sind die Einheitsvorstellungen, die in diesem Buch transportiert werden und die in vielen Werken eine große Rolle spielen. Getreu dem Spruch: Wir verstecken die Ostereier, um sie dann zu finden, wird über die Definition des „Einheitsgebotes“ festgelegt, welchen disziplinären Status die Theorien der Sozialen Arbeit erlangen können. Wer die Kriterien definiert, definiert die Ergebnisse. Für die wissenschaftliche Disziplinbildung sieht Lambers bisher keine Einheit stiftende Begrenzung des Bezugsproblems der Sozialen Arbeit auf einen Gegenstand (229). Er diskutiert die Frage nach der Geschlossenheit der Theoriebildung auch auf der Ebene der Einzeltheorien und kommt zum Ergebnis: „Dabei kann man nicht sagen, dass die in sich geschlossenen dargestellten Theorien einen höheren Stellenwert oder höhere Wertigkeit besäßen als die kumulativen“ (253). Da könnte man ansetzen.

Das Grundlagenbuch von Lambers bringt die Diskussion zu den Theorien der Sozialen Arbeit weiter. Um diese zu unterstützen, würde ich anregen, auf politische Statements zu verzichten (103), die Zusammenfassungen offener ggf. kontroverser anzulegen und theoretisch relevante Diskurse aufzunehmen. Mit dem Lehrbuch von Lambers besteht eine klare Alternative zur Darstellung von Engelke/Borrmann/Spatscheck.

Fazit

Ein wichtiges Buch, dem eine hohe Verbreitung und eine intensive Diskussion zu wünschen ist. Es stärkt den Diskurs über die Identität der Sozialen Arbeit. Es werden zum einen Hintergründe, wissenschaftliche Entscheidungen und Aufgabenstellungen der Theorieentwicklung und zum anderen notwendige Kontroversen deutlich, z.B. welche/wessen Kriterien für die Gegenstandsbestimmung, den Disziplin- oder Autonomiestatus gelten sollen oder ob die Theorieentwicklung weiter über Personen oder Diskurse voran getrieben werden soll?


Rezensent
Prof. Dr. Wilfried Hosemann
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Zitiervorschlag
Wilfried Hosemann. Rezension vom 02.04.2013 zu: Helmut Lambers: Theorien der Sozialer Arbeit. Ein Überblick und Vergleich. UTB (Stuttgart) 2013. ISBN 978-3-8252-3775-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/14418.php, Datum des Zugriffs 01.09.2016.


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