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Swantje Köbsell: Wegweiser Behindertenbewegung

Cover Swantje Köbsell: Wegweiser Behindertenbewegung. AG SPAK Bücher (Neu Ulm) 2012. 102 Seiten. ISBN 978-3-940865-35-9. 10,00 EUR.
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Thema

Es handelt sich bei der zu besprechenden Veröffentlichung um einen Wegweiser, der die bunte Vielfalt der Behindertenbewegung darstellt.

Autorin

Die 1958 geborene Autorin ist selbst seit 1980 in der emanzipatorischen Behindertenbewegung aktiv. Im August 2010 wurde sie an der Universität Bremen mit einer Arbeit zum Thema „Besondere Körper – Geschlecht und Körper im Diskurs der deutschen Behindertenbewegung“ promoviert. Swantje Köbsell ist Lektorin im Studiengebiet Inklusive Pädagogik an der Universität Bremen.

Aufbau

  1. Die (west-)deutsche Behindertenbewegung: Geschichte und Auswirkungen eines neuen (Selbst-)Verständnisses von Behinderung
  2. Aus der Behindertenbewegung entstandene Organisationen.

Inhalt

Im ersten Teil ihrer Publikation nimmt Swantje Köbsell die Historie der – noch nicht so alten – Behindertenbewegung in den Blick. Öffentlichkeitswirksam war hier ein Bericht in der Tagesschau vom 08. Mai 1980. Hier wurde über den Widerstand behinderter Menschen gegen Ausgrenzung und Diskriminierung berichtet.

Die Autorin fragt danach warum es eine Behindertenbewegung braucht und sie berichtet von einem beginnenden Aufbruch, wie:

  • der Gründung des Clubs 68;
  • der ersten Krüppelgruppe, die in Bremen gegründet wurde;
  • der sich durch die Krüppelgruppen provoziert fühlenden Behindertenarbeit, die für Franz Christoph eine Unterdrückung darstellt.

Dem Gerichtsurteil vom 25. Februar 1980, nach dem das Frankfurter Landgericht eine Minderung des Reisepreises für legitim befunden hat, sofern die Anwesenheit von Behinderten den Urlaubsgenuss Nichtbehinderter beeinträchtigen, folgte die Geburtsstunde der Behindertenbewegung. So bildeten sich:

  • die Aktionsgruppe gegen das UNO-Jahr der Behinderten 1981;
  • Proteste gegen die Eröffnungsveranstaltung zum UNO-Jahr der Behinderten in der Dortmunder Westfalenhalle
  • Proteste gegen den Altbundespräsidenten Karl Carstens auf der Reha-Messe: „Bei deren Eröffnung stürzte sich Franz Christoph auf den Bundespräsidenten mit den Worten ‚Du Partner! Hast Du aus Dortmund nichts gelernt?‘ und versetzte ihm zwei leichte Schläge mit der Krücke“ (S. 15).

Die Entwicklung der Behindertenbewegung führt z. B zu den. seit 2001 in Deutschland etablierten disability studies.

In der Folge kommt es zu einem selbstbestimmten Leben, das mit und ohne Assistenz gestaltet werden kann. „Assistenz hat nichts mit dem klassischen, bevormundenden Prinzip von ‚Betreuung‘ zu tun, sondern mit Unterstützung einer selbstbestimmten Lebensführung“ (S. 20).

Auf das Jahr 1983 ist das Engagement für die rechtliche Gleichstellung zu datieren. Hier waren die Grünen eine nützliche Partei.So kam es zur Gründung der Bundesarbeitsgemeinschaft Behindertenpolitik bei den Grünen. 1994 wurde das Benachteiligungsverbot in Artikel 3 Absatz 3 Satz 2 des Grundgesetzes eingeführt.

In einem Exkurs beschäftigt sich Köbsell mit dem Lieblingsfeind der Behindertenbewegung, nämlich mit der Aktion Sorgenkind.

Den langen Weg zur rechtlichen Gleichstellung beschreitet die Verfasserin nach diesem Exkurs mit der Erarbeitung des Behindertengleichstellungsgesetzes, welches 2002 in Kraft getreten ist. Weiter wird ein Blick auf die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen geworfen. Hier merkt sie an, dass gegenwärtig der Fokus auf den Artikel 24 geworfen wird, der sich mit der Bildung behinderter Menschen befasst, „andere dort festgeschriebene Menschenrechte wi[…](e – CR) die auf Leben, Familie und das Leben in einer selbstgewählten Umgebung kommen derzeit in der öffentlichen Diskussion noch kaum vor“ (S. 31).

Die Diskussion in der Behindertenbewegung haben auch die Eugenik bzw. Bioethik eingenommen. Hier hinein spielen z. B.:

  • das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses;
  • die Legalisierung der aktiven Sterbehilfe;
  • Peter Singer;
  • die Bioethikkonvention des Europarates;
  • der selektive Schwangerschaftsabbruch nach pränataler Diagnostik.

Die von den Männern initiierte Frauenbewegung in der Behindertenbewegung führte zur Bildung von Krüppelfrauengruppen und dann zur wissenschaftlichen Beschäftigung mit dieser Thematik.

Im zweiten Teil des Buches werden Organisationen vorgestellt, die sich aus der Behindertenbewegung entwickelt haben. Die Autorin hat diese Organisationen nach Themenbereichen gegliedert, die sich:

  • mit der Veränderung der Lebensbedingungen behinderter Menschen befassen;
  • mit der politischen Selbstvertretung befassen;
  • in der internationalen Selbstvertretung organisiert sind.

Diskussion

Auf Seite 54 erläutert Swantje Köbsell in einer Fußnote warum sie die Bezeichnung ‚Menschen mit Behinderungen‘ vermeidet: „Sieht man Behinderung als Ergebnis eines Wechselprozesses zwischen Menschen mit Beeinträchtigungen und Barrieren in der Umwelt, die zur Behinderung führen, erscheint die inzwischen überwiegend verwendete Bezeichnung ‚Menschen mit Behinderungen‘ als wenig simnvoll. Behinderung ist nicht etwas, was man ‚hat‘, sondern das Ergebnis eines Prozesses, der an der Beeinträchtigung ansetzt - behindert ist man nicht, vielmehr wird man behindert.“ Diese Einsicht verdient Anerkennung und Verbreitung in der Bevölkerung (vgl. zur Begriffswahl auch http://awan.awan.de [Download: 05.12.2012]).

Fazit

Bei der besprochenen Publikation handelt es sich um eine bis in die Gegenwart, also bis Spätsommer 2012, hineinreichende historische Darstellung der Behindertenbewegung. Sie dient als Einführung in diese Bewegung für all jene, die sich mit der Behindertenbewegung befassen und in ihr tätig sein wollen.


Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 13.12.2012 zu: Swantje Köbsell: Wegweiser Behindertenbewegung. AG SPAK Bücher (Neu Ulm) 2012. ISBN 978-3-940865-35-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/14419.php, Datum des Zugriffs 01.10.2016.


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