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Eiko Jürgens, Susanne Miller (Hrsg.): Ungleichheit in der Gesellschaft und Ungleichheit in der Schule

Cover Eiko Jürgens, Susanne Miller (Hrsg.): Ungleichheit in der Gesellschaft und Ungleichheit in der Schule. Eine interdisziplinäre Sicht auf Inklusions- und Exklusionsprozesse. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. 281 Seiten. ISBN 978-3-7799-2806-5. D: 34,95 EUR, A: 30,80 EUR.
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Ungleichheit = Ungerechtigkeit / Benachteiligung / Diskriminierung / Ausschluss

Deutschland hält im (westlichen) Vergleich gleich zwei Spitzenpositionen: Wie die neueren Studien zeigen, ist die „Ungleichheit bei der Einkommensverteilung unter deutschen Arbeitnehmern stärker gewachsen als in den meisten anderen OECD-Ländern“, was in der Skala, die das gesellschaftliche Auseinanderdriften von Arm und Reich zeigt, zur ersten Spitzenposition führt; und die zweite ergibt sich durch die Auslesemechanismen, die das dreigegliederte Schulsystem produziert: „Das deutsche Schulsystem (ist) Weltmeister in der sozialen Auslese und Spitzenreiter in der Produktion von Schulscheitern“. Die individuellen und gesellschaftlichen Folgen sind enorm, werden aber bildungs- und gesellschaftspolitisch kaum in Angriff genommen; vielmehr scheint die Mehrheit der deutschen Bevölkerung es stoisch hinzunehmen, wie die gravierende Entwicklung, „dass sich die Menschen höherer Status- und Einkommensgruppen aus der Solidargemeinschaft zurückziehen, um ihre Privilegien zu sichern“, sich schleichend und kaum Aufregung verursachend vollzieht.

Angesichts dieser Entwicklung werden Erinnerungen wach, die in der gesellschaftlichen und politischen Aufbruchstimmung der 1960er Jahre zu Hoffnungen Anlass gegeben haben, dass sich ein demokratisches Bewusstsein entwickeln könnte, wie es in der „globalen Ethik“, der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948 in der Präambel zum Ausdruck kommt: „Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte bildet die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt“. In der revolutionären Stimmung der 68er zur Veränderung der Gesellschaft stand die Erwartung ganz oben, dass Gleichheit der Bildungschancen ein Weg hin zu dieser gesellschaftlichen Vision sei. Den Initiativen zur Gründung von Integrierten Gesamtschulen als eine Schule für alle Kinder und Jugendlichen in der Gesellschaft wohnte deshalb auch die Hoffnung inne, dass durch ein anderes, besseres Schulsystem auch eine andere, bessere und gerechtere Gesellschaft geschaffen werden könne. Dies aber, darin waren sich die Aktiven einig, ließe sich nur ermöglichen, wenn ein Gesamtschulsystem das traditionelle und überholte dreigliedrige ablöse. Dass dies in Deutschland bis heute nicht möglich ist, führt schließlich zu den oben genannten Spitzenpositionen! Dass sich nämlich in Deutschland diesbezüglich sich nichts Grundlegendes verändert hat, zeigen die am 13. März 2015 vorgelegten Ergebnisse einer Studie der Bertelsmann-Stiftung, aus der sich ergibt, dass mehr als 40% der armutsgefährdeten Kinder in Deutschland nach wie vor kaum Zugang zu sozialen und kulturellen Angeboten haben und schulisch in wesentlich höherem Maße scheitern als Kinder aus gut situierten Familien. Armut und Ausgrenzung würden demnach in zunehmendem Maße zu Garantiescheinen für Misserfolge der Lebensgestaltung auch bei Kindern werden.

Entstehungshintergrund und Herausgeberteam

In zahlreichen wissenschaftlichen Untersuchungen und Studien wird eindeutig nachgewiesen, „dass es zwischen der Ungleichheit in der Gesellschaft und der Ungleichheit im Schul- und Bildungssystem einen Zusammenhang gilt“. Der Diskurs darüber vollzieht sich gesellschaftspolitisch eher abgebremst, um so deutlicher und herausfordernder jedoch mit wissenschaftlichen Analysen, Prognosen und Aktivitäten, wie z. B. der Ringvorlesung „Ungleichheit in der Gesellschaft und Ungleichheit in der Schule“, die im Wintersemester 2010/11 an der Universität Bielefeld durchgeführt wurde. In dieser öffentlichen Veranstaltung meldeten sich Sachverständige aus mehreren wissenschaftlichen Fachdisziplinen, aus Kultur, Wirtschaft, Bildungs- und Schulpraxis zu Wort, um „vor dem Hintergrund von Desintegration, Aussonderung und Benachteiligung einerseits und Chancengleichheit, Gerechtigkeit und Humanität andererseits… Fragen nach der Entstehung, Entwicklung und Veränderung bzw. Überwindung sozialer Ungleichheiten“ zu stellen und nach gemeinsamen Wegen aus dem Dilemma zu suchen. Dass dabei das historische Gewordensein der gesellschaftlichen Wirklichkeiten zur Sprache kam, Analysen und Ergebnisse zur Ungleichheitsforschung aus interdisziplinärer Sicht vorgetragen und diskutiert wurden, macht die Veröffentlichung der Referate nicht nur zu einer bemerkenswerten Bestandsaufnahme der Bildungs- und Schulsituation in unserer Gesellschaft, sondern auch zu einer Vision zur Gesellschaftsveränderung, wie sie lokal und global von der Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ bereits 1995 als Denk- und Handlungsauftrag formuliert wurde: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“ (Deutsche UNESCO-Kommission, Unsere kreative Vielfalt, 2. erweit. Ausgabe, Bonn 1997, S. 18).

Die beiden Wissenschaftler von der Universität Bielefeld und Veranstalter der Ringvorlesung, der Schulpädagoge und Didaktiker Eiko Jürgens und die Erziehungswissenschaftlerin Susanne Miller, geben den Sammelband heraus. Daran arbeiten 15 Autorinnen und Autoren mit.

Aufbau und Inhalt

Jürgens und Miller führen in die Thematik ein, indem sie die Problematik von Exklusions- und Inklusionsprozessen in den verschiedenen, individuellen und gesellschaftlichen Zusammenhängen aufzeigen, den wissenschaftlichen Diskurs darüber skizzieren, die Bedeutung des freien und gerechten Zugangs zur Bildung für eine „autonome und freiheitlich-verantwortliche Lebensgestaltung“ aller Gesellschaftsmitglieder hervorheben und auf die nachfolgende Diskussion über „gesellschaftliche und schulische Phänomene der Ungleichheit (verweisen), die zu Ungerechtigkeiten, Benachteiligungen, Diskriminierungen oder Ausschlüssen führen“. Sie gliedern den Sammelband in drei Teile.

  1. Im ersten Teil „Bildung und soziale Ungleichheit in der Gesellschaft“ werden die strukturellen Ursachen benannt und Chancen und Möglichkeiten zu deren Behebung thematisiert;
  2. im zweiten „Schulstrukturelle Analysen der sozialen Ungleichheit“ werden die nationalen und internationalen Befunde für schulstrukturelle Ungleichheiten dargelegt;
  3. und im dritten Teil „Bildung und soziale Ungleichheit. Der Blick auf die Akteure in den Schulen“ werden in besonderer Weise die Lehrkräfte angesprochen.

Das Herausgeberteam leistet mit einer Annotation der einzelnen Beiträge auch eine Lesehilfe. Das ist für ein schnelles Zurechtfinden nützlich und macht neugierig auf die Lektüre und intensive Auseinandersetzung der Expertenmeinungen. Es ermöglicht auch den Rezensenten, sich auf einige ausgewählte Aspekte der Ausführungen zu konzentrieren.

Der Politikwissenschaftler beim Institut für vergleichende Bildungsforschung und Sozialwissenschaften an der Universität Köln, Christoph Butterwegge, richtet mit dem Beitrag „Die soziale Exklusion von Kindern“ seine Aufmerksamkeit auf gesellschaftliche Ausgrenzungsmechanismen und den dabei ablaufenden medialen Diskurs. Dabei setzt er sich mit der missverständlichen und missverstandenen Schublade „Bildungsarmut“ auseinander und klagt an, dass die in der öffentlichen Meinungsbildung lancierten „Begründungen“ eher ein „inneres Ausland der deutschen Marktgesellschaft“ zustande gebracht und eher zu einer „ideologische(n) Entsorgung des Armutsproblems“ geführt haben, denn zu einem verantwortungsbewussten und solidarischen Umdenken.

Der Soziologe von der Goethe-Universität und Mitglied des Kollegiums des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, Sighard Neckel, formuliert mit seinem Beitrag „Leistung und Erfolg“ (wobei er beide Begriffe in Anführungszeichen setzt) eine Zeitdiagnose zum Wandel sozialer Ungleichheit. Er registriert im lokalen und globalen gesellschaftlichen Mainstream veränderte Einstellungen zum „Leistungsprinzip“, bei dem nicht mehr in erster Linie Leistungsanforderungen in Arbeits- und Berufsverhältnissen im Sinne von Menschenwürde und Lebenserfüllung gefragt sind, sondern nur noch in „Markterfolg“ gerechnet wird: „In dem Maße, wie die Marktgesellschaft der Gegenwart eine rein ergebnisorientierte ökonomische Logik zur Grundlage der gesellschaftlichen Güter- und Chancenverteilung verwandelt, gerät die gesellschaftliche Statusverteilung … in Konflikt“.

Der Hannöversche Soziologe und „politische Mensch“ Oskar Negt (vgl. dazu auch: Der politische Mensch. Demokratie als Lebensform, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/11988.php; sowie: ders., Philosophie des aufrechten Gangs. Streitschrift für eine neue Schule, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/10273.php) stellt mit seinem Beitrag „Politische Bildung und Demokratie“ fest, dass „eine demokratisch verfasste Gesellschaft ( ) die einzige Gesellschaftsordnung (ist), die gelernt werden muss“. Er warnt vor den Entwicklungen, die sich zum einen in der ökonomischen, kapitalistischen Verkapitalisierung des individuellen und gesellschaftlichen Lebens der Menschen auftun, und zum anderen vor der, wiederum aus dem Kapitalismus geborenen „allseitigen Verfügbarkeit“ des Menschen: „Dieser allseitig verfügbare Mensch ist … eine sehr gefährliche Figur, nämlich der leistungsbewusste Mitläufer – politisch“.

Der Sonderberater des UN-Generalsekretärs für Sport im Dienst von Entwicklung und Frieden, Willi Lemke, informiert über „die integrative Kraft des Sports aus Sicht der Vereinten Nationen“. Er thematisiert die Aufgaben, Funktionen und Bedeutungen, die der Sport für internationale Verständigung und Zusammenarbeit haben kann und entwirft Vorstellungen und Modelle, wie Sportaktivitäten gestaltet sein müssen, damit sie sozial integrativ wirken. Er hegt die Hoffnung, dass mit der „universalen Sprache“ des Sports es möglich sein könne, eine friedlichere Welt zu schaffen.

Der wissenschaftliche Mitarbeiter beim Institut für Schulentwicklungsforschung an der TU Dortmund, Ernst Rösner, stellt mit seinem Beitrag „Ungleichheit durch demografischen Wandel“ die vielfältigen Prozesse dar, wie sich am Beispiel von Nordrhein-Westfalen die demographischen und gesellschaftlichen Entwicklungen mit Blick auf die Schulen vollziehen. Mit einem Vergleich zu den Situationen und bildungspolitischen Programmen in anderen Bundesländern prognostiziert der Autor durch den Wandel bei den Geburtenzahlen erhebliche Veränderungen im Schulsystem. Er diskutiert die ambivalenten Prozesse, die zum einen dazu führen werden, dass sich längerfristig beim dreigliedrigen Schulsystem Veränderungen (hin zum Gesamtschulsystem!), wie auch neue Aufmerksamkeiten für Bildung und Erziehung der Kinder und Jugendlichen in der Schule ergeben werden. (Diese Prognose hört der Rezensent gerne, ohne dabei den Pessimismus allzu sehr hervorzulocken: Allein mir fehlt der Glaube!).

Andreas Schleicher ist stellvertretender Direktor für Bildung in der OECD und Leiter der PISA.Studie. Sein Beitrag „PISA oder Das Scheitern des deutschen Bildungssystems“. Er setzt sich mit den Zielen, den möglichen Ergebnissen, wie auch mit den Kritiken an der internationalen Bildungs-(system)vergleichsstudie auseinander. Mit Blick auf die Ergebnisse zur Leistungsfähigkeit des deutschen, dreigliedrigen Schulsystems relativiert er die Einschätzung, dass für das bescheidene, eher negative Abschneiden nicht in erster Linie die positiven oder auch negativen Bedingungen in der familiären Bildung und Erziehung verantwortlich wären; vielmehr richtet er sein Augenmerk darauf, „wie der soziale Kontext der Schule mit dem Bildungserfolg der Schüler zusammenhängt“. Und hier zeigt Andreas Schleicher dem deutschen Schulsystem die rote Karte: „Es ist … das aggregierte soziale Umfeld der Schule, das die Leistungsfähigkeit der Schulen beeinflusst und zu diesem starken Zusammenhang führt – nicht die sozialen Kontexte innerhalb der Schule oder die Leistungsfähigkeit der Schüler in der Klasse“.

Der Münchner Volkswirtschaftler und Bildungsökonom Ludger Wößmann fragt: „Beeinflusst Bildungsselektion Bildungsergebnisse und Ungleichheit?“ Dabei zieht er mehrere nationale und internationale Schülerleistungstests heran und schaut sich die Ergebnisse insbesondere unter den Aspekten der Bildungsselektion an. Seine Ergebnisse bestätigen und untermauern bereits vorliegende Analysen, dass nämlich „die Streuung der Bildungsleistungen in mehrgliedrigen Schulsystemen nach der Grundschule wesentlich stärker zunimmt als in eingliedrig bleibenden Schulsystemen“. Ebenso bestätigt er, dass „die Abhängigkeit der individuellen Schülerleistungen vom jeweiligen familiären Hintergrund sowohl im Bundesländer- als auch im internationalen Vergleich … umso geringer (ist), je später die Selektion in unterschiedlichen Schultypen erfolgt“; was auch bedeutet: „Je früher die Kinder aufgeteilt werden, desto stärker hängt der Bildungserfolg vom jeweiligen familiären Hintergrund ab“.

Der Bielefelder (em.) Schulpädagoge und Leiter des Forschungsprojektes zur Schulentwicklungsberatung Klaus-Jürgen Tillmann setzt sich in dem Beitrag „Die Verlängerung der Grundschulzeit“ mit der Frage auseinander, ob diese Veränderung der schulischen Selektionspraxis ein Instrument zum Abbau der schulischen Auslese sein könne. Die 2013 festgestellte Situation, dass in 14 von 16 Bundesländern nach wie vor die Grundschulzeit für Schülerinnen und Schüler mit der vierten Klasse endet, besteht weiterhin. Die zeitweise in einigen Bundesländern getroffenen Regelungen, als Zwischenstufe von der Grundschule zu den weiterführenden Schulen die „Orientierungsstufe“ einzuführen, wurde von den meisten Bundesländern in der Zwischenzeit wieder aufgehoben. Aus den vorliegenden Forschungsergebnissen darüber, ob anstelle der vierjährigen, die sechsjährige Grundschulzeit weniger Selektionseffekte produziert, lassen sich keine eindeutigen Aussagen treffen. Der Autor vermutet, dass es „wenig Hinweise darauf (gibt), dass allein die zeitliche Verlängerung der Grundschule zu einem bemerkbaren Abbau der sozialen Selektivität führen wird“.

Die Bielefelder Schulpädagogin Dagmar Hänsel thematisiert den Zusammenhang von Grund- und Sonderschule, indem sie fragt: „Schule für alle oder besondere Schulen für besondere Kinder“. Mit einem historischen Überblick zeigt sie die Entwicklung der Grund- und Sonderschulen seit der Weimarer Republik auf und verdeutlicht insbesondere die Entwicklung von der „Hilfsschule“ bis zum „Sonderpädagogischen Förderzentrum“, mit den Förderschwerpunkten „Lernen, Sprache und Emotionale und soziale Entwicklung“. In ihrem Beitrag geht die Autorin jedoch nicht auf die 2006 von den Vereinten Nationen beschlossene „Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen“ („Behindertenrechtskonvention“) ein, die 2009 auch von Deutschland ratifiziert wurde.

Dies besorgt der Berliner Erziehungswissenschaftler (em) Ulf Preuss-Lausitz mit dem Beitrag „Inklusive Schul- und Unterrichtsentwicklung“. Die Unterzeichnerstaaten der Behindertenrechtskonvention verpflichten sich, „ein inclusive education system zu errichten, in dem der gemeinsame Unterricht von Schülern mit und ohne Behinderung der Regelfall ist“. Der Autor informiert über die Entstehungsgeschichte dieses Paradigmenwechsels bei der Umsetzung des Menschenrechts auf Bildung für alle und diskutiert insbesondere die nach wie vor zögerliche und widerständige Umsetzung eines inklusiven Unterrichts in einer inklusiv orientierten Schule. Dabei macht er Mut zu diesen pädagogischen Herausforderungen, indem er die Möglichkeiten zur Verwirklichung eines guten inklusiven Unterrichts aufzeigt und mit Forschungsergebnisse nachweist, dass eine inklusive Schule zwar nicht alle gesellschaftlich bedingten Ungleichheiten beseitigen könne, „Unterricht und Schule können aber benachteiligende und diskriminierende Selektionsmechanismen innerhalb der Schule vermeiden und das Selbstvertrauen und die Kompetenzentwicklung auch bei Beeinträchtigungen stärken“.

Im dritten Teil thematisiert die Trierer Schulpädagogin Jutta Standop mit ihrem Beitrag „Menschenbild und Humanität“ erziehungstheoretische Implikationen im Kontext des schulischen Ungleichheitsdiskurses. Sie fragt nach den Wertvorstellungen und Symboliken, die in der schulischen Bildung und Erziehung für didaktisches, curriculares und unterrichtliches Handeln und Lernen bestimmend sind und sich in Verhaltensmodifikationen darstellen. Sie zeigen sich in den Schüler-Schüler-, Lehrer-Schüler-, Eltern-Schüler- und Lehrer-Eltern-Schüler-Beziehungen. „Humanität bedeutet vor diesem Hintergrund, den jeweiligen Heranwachsenden in seinen Bedürfnissen wahrzunehmen und Unterstützungsleistungen optimal auf ihn abzustimmen“.

Eiko Jürgens weist mit seinem Beitrag „Lehrerbewusstsein im selektiven Schulwesen“ auf den falschen Umgang der Lehrkraft mit dem Fehler im Unterricht hin. Dabei geht er von der mittlerweile eher im gesellschaftlichen Bewusstsein anerkannten Erkenntnis aus, dass Lernen „fehlerbehaftet“ und, und Fehler machen nicht Versagen oder Dummheit bedeutet, sondern, lerndiagnostisch betrachtet, als „Fenster (zu) verstehen, durch die man schauen kann, um fremdes oder eigenes Lernen in seiner strukturellen und logischen Verwobenheit zu erkennen und nachzuempfinden“. Er entwirft eine „Fehlerermutigungsdidaktik“, die er mit 19 Thesen ausfüllt, und in deren Mittelpunkt der Schlüssel „Vertrauen“ liegt.

Susanne Miller informiert mit ihrem Beitrag „Die Sicht der Lehrkräfte auf Heterogenität“ über die Ergebnisse einer quantitativen Erhebung in NRW. Es geht dabei um die Forderung, dass das „Schulsystem ( ) sich von seiner Orientierung an die leistungshomogenen Gruppen und damit von seiner gegliederten Struktur verabschieden (müsse)“, was bedeutet, dass die Lehrkräfte den Umgang mit Heterogenität besser bewältigen müssten. In der Untersuchung wird die Diskrepanz erkennbar, dass die Lehrerinnen und Lehrer durch ihre beruflichen Tätigkeiten und Erfahrungen zwar eine Zunahme der Verschiedenheiten in der Gesellschaft wahrnähmen, diese aber nicht als Herausforderung zur Veränderung annehmen würden, sondern als Belastung und Zumutung. In zwei Fallbeispielen von Grundschullehrerinnen zeigt die Autorin die Problematik und die (verfestigten?) Einstellungen von Lehrkräften gegenüber der heterogenen Entwicklung in der Gesellschaft auf. Sie sieht Informations-, Auf klärungs- und Überzeugungsbedarf in der Lehrerausbildung wie bei den Berufsverbänden.

Die beiden letzten Beiträge stellen Beispiele vor, wie heterogene Schulen funktionieren können. Der Schulleiter der Grundschule Berg Fidel in Münster, Reinhard Stähling, berichtet mit seinem Beitrag „Differenzierung lässt sich lernen“ über die Initiativen und Aktivitäten, wie in der Schule mit Heterogenität umgegangen und Aussonderung verhindert werden kann; nicht als „Einzelkämpfertum“ und Alleingelassenwerden der Lehrerinnen und Lehrer, sondern in Teamarbeit, bei der in der (angestrengten) pädagogischen Situation die Lehrkraft nicht die Klassentür hinter sich zumacht, sondern aufgehoben ist in der gemeinschaftlichen, kollegialen Arbeit in der Schule.

Die Schulleiterin der Montessori-Oberschule in Potsdam, Ulrike Kegler, zeigt mit ihrem Beitrag „Die schöne Schule“ auf, wie es konkret möglich sein kann, für eine humanere Zukunft anders zu lernen. Sie zeichnet ein Bild von einer Schule, die von Außen und von Innen anders als sonstige Lernanstalten aussieht, in der Lehrkräfte und SchülerInnen gemeinsam lernen, andere Lernmaterialien benutzen und andere Lernmethoden einsetzen, sich also in der Schule wohlfühlen. Sie benutzt dabei den vom griechischen Philosophen Platon formulierten Satz: „Schönheit ist der Ausdruck von Ordnung“, und sie setzt das Ideal in Beziehung zum ganzheitlichen schulischen Lernen.

Fazit

„Wir leugnen, weil wir Angst haben, dass sich alles ändern wird“, diese Feststellung aus dem Buch von Naomi Klein, Die Entscheidung (2015) könnte auch als Reaktion auf unser Unvermögen verstanden werden, die Ungleichheiten in der Gesellschaft und Schule grundlegend zu ändern. Wir wissen mittlerweile viel darüber, wie Inklusions- und Exklusionsprozesse individuell und kollektiv verlaufen; und es gibt realistische Konzepte, wie soziale Ungerechtigkeiten überwunden werden können. Doch die Schritte vom Wünschen zum Tun sind vielfach allzu sehr eingewurzelt und gefangen in den Fallen von Traditionen, Gewohnheiten und Egoismen. Es ist deshalb immer wieder notwendig, die vom traditionellen Schulsystem ausgehenden und produzierten Bildungsbenachteiligungen, Ungleichheiten, Ungerechtigkeiten, Diskriminierungen und Ausschlüssen zu thematisieren, in das gesellschaftliche Bewusstsein zu bringen und gemeinsam und interdisziplinär nach Lösungswegen aus der Einbahnstraße von Bevorzugungen und Benachteiligungen zu suchen.

Mit der mittlerweile fast fünf Jahre zurückliegenden Ringvorlesung „Ungleichheit in der Gesellschaft und Ungleichheit in der Schule“ haben Expertinnen und Experten aus vielen gesellschaftlichen Lebensbereichen den Zeigefinger erhoben und aufgezeigt, welche individuelle und gesellschaftliche Verantwortung jeder Einzelne in der Gemeinschaft hat, um eine chancengerechtere, sozialere Gesellschaft und Schule zu ermöglichen. Die Tatsache, dass die dort formulierten Defizite und Veränderungsbedürfnisse heute nicht abgehakt werden können, sondern in hohem Maße weiterhin bestehen, sich sogar in einigen Bereichen von Ungleichheit verstärkt haben, macht das Buch weiterhin zu einem Mahner und Herausforderer für soziale Gleichheit und Gerechtigkeit in der Gesellschaft und in der Schule!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 13.04.2015 zu: Eiko Jürgens, Susanne Miller (Hrsg.): Ungleichheit in der Gesellschaft und Ungleichheit in der Schule. Eine interdisziplinäre Sicht auf Inklusions- und Exklusionsprozesse. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. ISBN 978-3-7799-2806-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/14423.php, Datum des Zugriffs 26.07.2016.


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