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Gisela C. Schulze, Andreas Zieger (Hrsg.): Erworbene Hirnschädigungen

Cover Gisela C. Schulze, Andreas Zieger (Hrsg.): Erworbene Hirnschädigungen. Neue Anforderungen an eine interdisziplinäre Rehabilitationspädagogik. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2012. 221 Seiten. ISBN 978-3-7815-1881-0. D: 18,90 EUR, A: 19,50 EUR.
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Thema

„Es geht immer noch etwas“. Diese hoffnungsfrohe und wissenschaftlich wohlfundierte Botschaft formulierte kürzlich der Neurobiologe Gerald Hüther, gerichtet an die Adresse einer (noch) vorherrschenden Ressourcenverwertungskultur, der er eine sinnstiftende Potenzialentfaltungskultur konstruktiv zur Seite stellte. Den Autoren des vorliegenden Gemeinschaftswerkes geht es offensichtlich in ganz ähnlicher, interdisziplinärer Weise darum, Möglichkeiten und Realitäten der Wiederherstellung früherer Lern- und Lebensprozesse, Fähigkeiten und Hirnleistungen zu verdeutlichen- letztlich mit dem Ziel „…die Beeinträchtigung der Teilhabe von Menschen mit einer erworbenen Hirnschädigung abzuwenden…“(S. 9). Neuronale Plastizität und Neurorehabilitation/Neuropädagogik in all ihren (psycho-sozialen) Facetten greifen dabei nicht „mechanisch“ ineinander wie Zahnräder oder Kettenglieder, sondern bilden sich aufeinander abstimmende (hyper-) zirkuläre Einheiten selbstorganisierter Prozesse, mögen sie nun Person- Umfeld- Analyse (S. 52f.), Sense of Coherence (S 81 f.), oder pädagogische Modulation (S. 113f.), oder auch ganz anders genannt werden.

Aufbau und Inhalt

Wie es im Vorwort der Herausgeber heißt, ist „…ein ausgewogenes Verhältnis zwischen notwendigen theoretischen Bezügen, analytisch- diagnostischen Konzepten und Anregungen zum reflektierten beruflichen Handeln…Kennzeichen dieser Veröffentlichung“(S. 8).

Das Gemeinschaftswerk gliedert sich daher in die vier Hauptkapitel:

1. Theoretische Grundlagen (mit Beiträgen zu den medizinischen Grundlagen (Andreas Engelhardt), der Kooperation von Neurowissenschaften und Rehabilitationspädagogik (Andreas Zieger), der Bedeutung der Rehabilitationspädagogik in der Versorgungsforschung (Gisela Schulze), der Rolle und dem Beitrag der Pflege in der Rehabilitation von Menschen mit erworbener Hirnschädigung (Martina Hasseler);

2. Interdisziplinäre theoretische Zugänge zur Arbeit mit Menschen mit einer erworbenen Hirnschädigung (hier finden sich die Beiträge von Carmen Schmitz- Feldhaus (Rollow-up Studie zur Entwicklung des Sense of Coherence nach erworbener Hirnschädigung), Jana Alber (Die Bedeutung der feldtheoretisch basierten Person- Umfeld- Analyse zur Gestaltung von Rehabilitationsprozessen für Patienten mit Schlaganfall und ihren Partnern), Hilke Nienaber& Thorben Wist (Netzwerktheorien und ihre Bedeutung für die Rehabilitation von Personen mit einer erworbenen Hirnschädigung) und Anna Esclusa Feliu (Pädagogische Modulation bei erworbenen Hirnschädigungen);

3. Rehabilitationspädagogische Arbeitsfelder mit Kindern und Jugendlichen mit einer erworbenen Hirnschädigung (zu diesen zählen: Erfahrungen aus der kinderpsychiatrischen Praxis (Holger Koppe), kindliche Hirnentwicklung unter den Bedingungen von Gewalt und Misshandlung (Menno Baumann), aktivitätsorientierte, funktionale und Motorik basierte Fördermaßnahmen bei Kindern mit Cerebralparesen (Britta Gebhard), Mütter als Mittlerinnen zwischen ICP- Kindern und Medizinprofessionellen in der Orthopädie (Joachim Meyer- Holz);

4. Rehabilitationspädagogische Arbeitsfelder mit Erwachsenen mit einer erworbenen Hirnschädigung (darin enthalten sind die Beiträge von Manfred Hülsken- Giesler (Institutionelle Herausforderungen der Langzeitversorgung von Menschen im Wachcoma/Phase F- eine pflegewissenschaftliche Perspektive), Andrea Erdelyi (Unterstützte Kommunikation bei Patienten mit neurologischen Erkrankungen), Andrea Goll- Kopka (Erworbene Hirnschädigungen und die Familienperspektive) sowie Kerstin Bilda (Neue Modelle der wohnortnahen Versorgung bei Schlaganfall).

Zielgruppen

Das Buch ist wohl zunächst an Studierende der Rehabilitationspädagogik, aber auch kooperierender Berufsgruppen in den Bereichen Medizin, Psychologie, Therapie und Pflege gerichtet.

Diskussion

Wie schon gesagt, das Buch richtet sich vor allem an Studierende der Rehabilitationspädagogik. Wie diese stehen auch Studierende anderer, etwa (heil-, sonder- oder behinderten-) pädagogischer Disziplinen vor der Aufgabe, „Wissenstatbestände“ der Hirnforschung erkennen, benennen und veränderungsorientiert handelnd in den Lebensalltag überführen zu müssen. Doch, wie kann dies gelingen? Eine mögliche Antwort gibt Andreas Zieger in seinem Beitrag unter Verweis auf Reich (vgl. S. 47), nämlich durch „pragmatische Fallarbeit“ unter anderem „mit Patienten mit neurologisch induzierten Aktivitäts- und Teilhabestörungen“. Wird von subjektkonkreten sozialen Entwicklungssituationen ausgegangen, besteht zumindest die Chance, dass Studierende nicht dem Zwang erliegen, die menschliche Bedingung hinter einem „Fall von…“ oder den allein seligmachenden „Krankheitsbildern“ und Diagnoseinventars (DSM, ICD…) verschwinden lassen zu müssen, wobei wirklich nichts gegen eine sachkundige Syndromanalyse etwa im Stile Alexander Lurias spricht.

Fazit

Der aufmerksame Leser findet in diesem Buch zwar nicht berührende „romantische“ Geschichten, wie sie der prominente Neurologe Oliver Sacks in Fülle erzählte, eine nüchtern ermutigende subjektkonkrete Darstellung sozialer Entwicklungssituationen von Menschen nach erworbener Hirnschädigung findet er aber allemal.


Rezensent
Prof. Dr. Manfred Jödecke
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Zitiervorschlag
Manfred Jödecke. Rezension vom 24.05.2013 zu: Gisela C. Schulze, Andreas Zieger (Hrsg.): Erworbene Hirnschädigungen. Neue Anforderungen an eine interdisziplinäre Rehabilitationspädagogik. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2012. ISBN 978-3-7815-1881-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/14429.php, Datum des Zugriffs 01.10.2016.


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