socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Michael Schratz, Hans Anand Pant u.a. (Hrsg.): Was für Schulen!

Cover Michael Schratz, Hans Anand Pant, Beate Wischer (Hrsg.): Was für Schulen! Vom Umgang mit Vielfalt ? Beispiele guter Praxis. Klett-Kallmeyer (Seelze/Velber) 2012. 160 Seiten. ISBN 978-3-7800-4956-8. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Der Titel des Buches „Was für Schulen!“ ist mit einem Ausrufe- und keinem Fragezeichen versehen. Die Herausgeber/innen wollen damit sagen, dass die in der Veröffentlichung vorgestellten Schulen als Träger des Deutschen Schulpreises „Beispiele guter Praxis im Umgang mit Vielfalt“ darstellen. Die soziale und kulturelle Vielfalt der Schülerschaft an deutschen Schulen wird von diesen Schulen als Herausforderung, Stärke und Ressource betrachtet.

Herausgeber und Herausgeberin

  • Prof. Dr. Michael Schratz lehrt am Institut für LehrerInnenbildung und Schulforschung der Universität Innsbruck. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Bildung, Gesellschaft und Lernen, Leadership und Qualitätsentwicklung. Er ist Mitglied zahlreicher internationaler Kommissionen, darunter auch Jurymitglied des Deutschen Schulpreises.
  • Prof. Dr. Hans Anandt Pant ist Direktor des Instituts zur Qualitätssicherung im Bildungswesen und lehrt an der Humboldt-Universität zu Berlin.
  • Prof. Dr. Beate Wischer ist Professorin für Schulpädagogik mit dem Schwerpunkt Schultheorie und Schulforschung an der Universität Osnabrück.

Entstehungshintergrund

Es handelt sich um den sechsten Band zum Deutschen Schulpreis, den die Robert Bosch Stiftung und die Heidehof Stiftung im Jahr 2006 ins Leben gerufen haben und der durch die Medienpartner stern und ARD begleitet wird. „Mit dem Preis wollen die Initiatoren pädagogische Leistung würdigen und für die Schulentwicklung in Deutschland insgesamt nutzbar machen. Grundlage des Wettbewerbs ist ein umfassendes Bildungsverständnis, das in sechs Qualitätsbereichen zum Ausdruck kommt: Leistung, Umgang mit Vielfalt, Unterrichtsqualität, Verantwortung, Schulleben und Schule als lernende Institution. Schulen, die sich um den Deutschen Schulpreis bewerben, müssen in allen Bereichen gut und in einem Bereich weit überdurchschnittlich sein. Der Hauptpreis ist mit 100.000 Euro ausgestattet, vier weitere Schulen erhalten Preise in Höhe von jeweils 25.000 Euro. Darüber hinaus wird der „Preis der Jury“ in Höhe von ebenfalls 25.000 Euro verliehen. Der „Preis der Jury“ geht an eine Schule, die unter ungewöhnlichen, häufig ungünstigen Bedingungen hervorragende Leistung erbringt und damit beispielgebend wirkt.“ (http://schulpreis.bosch-stiftung.de)

Aufbau

  • Vorwort
  • Bundespräsident a. D. Roman Herzog zum Deutschen Schulpreis 2012
  • Porträts der nominierten Schulen
  • Materialseiten der nominierten Schulen
  • Die Bewerberschulen im Überblick
  • Der Deutsche Schulpreis
  • Die Jury des Deutschen Schulpreises 2012 / Die Autorinnen und Autoren

Inhalte

Mit diesem Buch wird erstmals eine „Schwerpunktsetzung“ auf einen der Qualitätsbereiche des Deutschen Schulpreises vorgenommen. (S. 7) Das Thema lautet: „Umgang mit Vielfalt“. In der Einführung der Herausgeber „Vielfalt – Blick auf einen schillernden Begriff“ werden zunächst die Kontroversen um die Begriffe „Vielfalt und Diversität“ rekonstruiert. Moderne Gesellschaften sind differenziert, individualisiert, keine großen Gemeinschaften mehr, die alle Mitglieder durch übergreifende soziale Normen integrieren könnten, denn dafür sind die alltäglichen Lebenswelten in Deutschland einfach zu verschieden. Deshalb spielt die gegenseitige Anerkennung von Unterschieden und Toleranz gegenüber anderen eine immer wichtigere Rolle als Bindungselement moderner Gesellschaften. Eine Kultur der Anerkennung von Unterschieden ist besonders an Schulen, die sich ja zunehmend aus Mitgliedern mit ganz unterschiedlichen kulturellen Hintergründen zusammensetzen, wichtig. Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund z.B. müssen einerseits durch Bildung Aufstiegschancen erhalten. Dafür müssen sie viel über Deutschland wissen. Gleichzeitig ist es aber auch wichtig, dass sie Bindungen an vielfältige partikulare Herkunftsgemeinschaften und Kulturen bewahren, damit sie ein authentisches Selbstbild formen können. Dazu benötigen sie die Anerkennung ihrer partikularen Überzeugungen durch andere und durch die Institution Schule. Wenn dies gelingt, kann kulturelle Diversität als Ressource und kulturelles Kapital an Schulen Wirkung entfalten.

Im Unterschied zu anderen Beiträgen zu dieser Thematik, machen die Herausgeber in ihrer Einführung aber deutlich, dass mit dem Begriff „Vielfalt“ nicht nur positive Konnotationen verbunden ist: „Vielfalt, dahinter steckt (…) nicht nur Verschiedenes, sondern auch problematisches Ungleiches,“ (.S.7) denn „hinter der ‚bunten Vielfalt‘ verbergen sich schließlich auch soziale erzeugte Ungleichheiten und Benachteiligungen. Gerade im organisatorischen Kontext der Schule wäre es illusorisch davon auszugehen, dass bei der Wahrnehmung von Differenz auf überindividuelle Musterbildungen, Kategorisierungen und Klassifizierungen verzichtet werden könnte.“ (S. 10) Kulturelle Partikularismen und Praktiken – gleich welcher kulturellen Gruppe – müssen mit Ansprüchen allgemeiner oder universaler Gerechtigkeit verbunden werden können. Gerechtigkeit ist ein komplexes Gut. Sie ist nicht immer durch gleiche Bedingungen zu erreichen, sondern von individuellen und sozialen Voraussetzungen abhängig und muss deshalb hergestellt werden. Gemacht werden gerechte Urteile im Rahmen demokratischer Praktiken und Verfahren. An Schulen lernen Schüler und Schülerinnen durch transparente Verfahren der Notengebung aber vor allem durch Praktiken der Schuldemokratie Urteilsfähigkeit, also die kommunikative oder diskursive Kompetenzen Urteile zu begründen und diese dann als faire Entscheidungen zu akzeptieren und sich daran zu halten, weil sie als gerecht ausgewiesen wurden. Schulstrukturen stehen jedoch bislang „einer heterogenitätssensiblen Schul- und Unterrichtskultur gleichsam diametral entgegen.“ (S. 11) Heute stehen Schulen vor der Aufgabe, universale und vergleichbare Gerechtigkeitsurteile durch eine differenzierte Förderung und Anerkennung einzelner Schüler oder Schülergruppen hervorzubringen. Die Ansprüche allgemeiner sozialer Mobilität (Gerechtigkeit) und partikularer Unterschiede (Diversität und Vielfalt) müssen von Schulen in produktiver Spannung miteinander verbunden werden. Diese oft als paradoxe empfundene Situation kann nicht allein durch allgemeine Richtlinien erfolgreich bewältigt, sondern muss von Schulen – Fall zu Fall – bearbeitet werden. Die in dem Buch vorgestellten Porträts ganz unterschiedlicher Schulen gehen diesen Spagat. Hier einige Beispiele:

  • Die Evangelische Schule Neuruppin (kombinierte Schulform) fördert die Leistungsfähigkeit und die Vielfalt an Begabungen ihrer Schülerinnen und Schüler durch ein „ausdifferenziertes Spektrum an interessenbezogenen Angeboten“ und „individuellen Lerngelegenheiten“. Dafür wurden die Unterrichtsgestaltung und der -rhythmus konsequent umgestellt. Schülerinnen und Schüler lernen so ihre „eigenen Stärken und Schwächen“ einzuschätzen und danach die Planung ihrer Schularbeiten auszurichten.
  • An der Erich Kästner-Schule, Bochum (integrierte Gesamtschule) steht „Einzigartigkeit nicht im Widerspruch zu einer gelungenen Schulgemeinschaft“. Dies gelingt durch die konsequente Umstellung des Schulalltags auf Teamarbeit. „Vom Jahrgangsteam über das Fachteam und das Klassenlehrerteam sind alle in Teamstrukturen eingebunden.“ Zusammenlernen ermöglicht so die Realisierung individueller Lernziele.
  • Das Hauptaugenmerk der August-Claas-Schule (Hauptschule) liegt darauf, „für die unterschiedlichen Begabungen und Leistungs-fähigkeiten ihrer Schülerinnen und Schüler einen adäquaten Berufseinstieg zu finden.“ Oft haben Hauptschulabgänger/innen Probleme auf dem Arbeitsmarkt. Nicht so die Schülerinnen und Schüler der August-Claas-Schule. „Die Schule zeigt (…), dass Jugendarbeitslosigkeit kein Schicksal sein muss, wenn dafür gesorgt wird, dass praktische Kompetenzen gelernt werden, die nach der Schulzeit anschlussfähig sind.“ Dafür wurden eine ganze Reihe innovativer Wege gegangen, wie eine konsequente Vernetzung mit lokalen Arbeitgebern oder einer starken Verzahnung von Allgemein- und Berufsbildung.
  • An der Klosterschule Hamburg (Gymnasium) gibt es 40 verschiedene Erstsprachen und 60 Nationalitäten. Es werden Kinder unterschiedlicher sozialer Herkunft aufgenommen. Es gelingt der Schule „die Leistungsentwicklung der Jugendlichen in bemerkenswerter Weise von der sozialen Lage und ethnischer Herkunft zu entkoppeln.“ Soziale Mobilität und die Bewahrung partikularer kultureller Bindungen und Orientierungen können zusammen einhergehen, wenn gute Lerngelegenheiten durch pädagogische Reformanstrengungen geschaffen werde: „Lernen braucht Vielfalt, Beziehung, sozialstärkende sowie individualisierende Lernformen und Gelegenheit für Selbstwirksamkeitserfahrung.“

Diskussion

Der „Umgang mit Vielfalt“ stellt an Schulen eine große Herausforderung dar. Oft stehen Ansprüche partikularer Diversität einerseits und universaler Gerechtigkeit andererseits in einem Spannungsverhältnis zueinander. Schulen sollen die individuellen Stärken und Kompetenzen ihrer Schülerinnen und Schüler anerkennen und fördern, aber gleichzeitig müssen sie Schülerinnen und Schüler auf Grundlage allgemeiner Maßstäbe in eine Rangfolge bringen. Individuelle Leistungen müssen verglichen und mit Hilfe allgemeingültiger Kriterien z.B. in Noten überführt werden. Universal gerechtfertigte Leistungsdifferenzen entscheiden über den Zugang zu Arbeits-, Ausbildungs- und Studienplätze. Die porträtierten Schulen bewältigen vielfältige Problemstellungen, die sich aufgrund der Spannung zwischen Partikularismus und Universalismus öffnen. Vor allem Schulpraktiker finden in dem Buch viele Anregungen für die eigene Arbeit. Für Schulforscher stellt sich die Frage nach theoretischen Beschreibungen von Konfliktsituationen an Schulen, die sich zwischen der Anerkennung von Vielfalt und universalen Gerechtigkeitsansprüchen bewegen. Dafür werden Diskussionsanstöße geboten.

Fazit

„Nichts ist überzeugender als das gute Beispiel. Davon kann es nie genug geben“ schreibt Roman Herzog in seiner Einführung zu dem Buch. Die Träger des Deutschen Schulpreises überzeugen durch ihre „gute Praxis“ im „Umgang mit Vielfalt“. Es werden in dem Buch keine strikten Programme, Leitlinien oder Regeln für den Umgang mit Vielfalt geboten, sondern gute Beispiele vorgestellt, die andere Schulen dazu anregen können, ihre jeweiligen Problemstellungen zu bearbeiten und eigenständig eine gute Schulpraxis zu entwickeln. Die Vielfalt der Konflikte und Kompetenzen erfordert, dass jede Schule ihren Weg finden muss. Dies kann natürlich nur gelingen, wenn Schulen mit den dafür notwendigen räumlichen und personalen Ressourcen ausgestattet werden.


Rezensent
Prof. Dr. Hans-Joachim Schubert
E-Mail Mailformular


Alle 1 Rezensionen von Hans-Joachim Schubert anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Hans-Joachim Schubert. Rezension vom 05.08.2013 zu: Michael Schratz, Hans Anand Pant, Beate Wischer (Hrsg.): Was für Schulen! Vom Umgang mit Vielfalt ? Beispiele guter Praxis. Klett-Kallmeyer (Seelze/Velber) 2012. ISBN 978-3-7800-4956-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/14448.php, Datum des Zugriffs 31.05.2016.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt

Hinweise für RezensentInnen, Verlage, AutorInnen oder LeserInnen sowie zur Verlinkung bitte lesen, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 12.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!