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Claus Leggewie, Darius Zifonun u.a. (Hrsg.): Schlüsselwerke der Kulturwissenschaften

Cover Claus Leggewie, Darius Zifonun, Anne Lang, Marcel Siepmann, Johanne Hoppen (Hrsg.): Schlüsselwerke der Kulturwissenschaften. transcript (Bielefeld) 2011. 344 Seiten. ISBN 978-3-8376-1327-8. 25,80 EUR, CH: 44,00 sFr.

Reihe: Kultur- und Medientheorie.
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Thema

2004 wurde vom Kulturwissenschaftlichen Institut Essen das vielgelobte „Handbuch der Kulturwissenschaften“ in drei Bänden herausgegeben; jetzt folgen „Schlüsselwerke der Kulturwissenschaft“ – eine Sammlung von insgesamt 107 Kurzcharakteristiken (von 0 bis 106) auf 320 Seiten – also knapp 3 Seiten pro Schlüsselwerk.

„Der Anspruch dieses Buches ist es, eine Hilfestellung für Studierende und NachwuchswissenschaftlerInnen bei der Orientierung in den kulturwissenschaftlichen Disziplinen zu leisten, aber auch eine Reflexionsbasis für etablierte ForscherInnen zu liefern“ (14). Ausgewählt wurde, was „eine bestimmte Form oder Methode, Kulturwissenschaft zu betreiben bzw. zu schreiben, begründet oder nachhaltig prägt …; eine ‚Großtheorie‘ der Kulturwissenschaften begründet oder nachhaltig prägt …; einen entscheidenden Beitrag zur (Re-)Formulierung eines Schlüsselbegriffs der Kulturwissenschaften leistet …; ein zentrales gesellschaftliches Phänomen … für die kulturwissenschaftliche Analyse zugänglich macht …“ (15). So die HerausgeberInnen in ihrer Einleitung.

Dort zitieren sie zudem eine Ausdeutung von Webers Kulturbegriffs durch Clifford Geertz (1983:9), „dass der Mensch ein Wesen ist, das in selbstgesponnene Bedeutungsgewebe verstrickt ist, wobei ich Kultur als dieses Gewebe ansehe“, und formulieren zustimmend: „Kultur als Gewebe von Bedeutungen, die es zu interpretieren gilt – dieser Definition schließen wir uns an“ (13). Das ist, wenn auch nicht unbedingt eine „Definition“, so doch ein schönes Beispiel für ein von Geertz und Weber gesponnenes, zu interpretierendes Bedeutungsgewebe, an dem in den „Schlüsselwerken der Kulturwissenschaft“ kenntnisreich und intelligent weiter gesponnen wird. Kürzer und negativ formuliert: Kulturwissenschaft ist nicht einfach ein „Sammelbegriff für alle Geistes- und Sozialwissenschaften“ (14).

Aufbau 1 (Leitbegriffe)

Aufgeteilt sind die„Schlüsselwerke“ in acht Kapitel, die ersten drei davon werden noch unterteilt. Jeweils etwa zehn Arbeiten sind also (locker und zwanglos) Leitbegriffen zugeordnet, die noch einmal die Reichhaltigkeit von Kultur und Kulturwissenschaft deutlich machen:

  • Formen des Kulturellen,
  • Ethnowissen,
  • Sprachen,
  • Symbolische Formen,
  • Urbanität,
  • Stratifikation und Herrschaft,
  • Das Heilige,
  • Gender,
  • Geschichte / Gedächtnis / Zeit,
  • Wege zum Wissen,
  • Handeln / Begründen / Erleiden,
  • Die Natur des Menschen,
  • Vom Geist der Zeit.

Dazu kommt die knappe „Einleitung der HerausgeberInnen“ (S. 13-16) und ein besonderer Artikel „Statt eines Nachwortes: Orientalistik als Kulturwissenschaft“ (321-327).

Aufbau 2 (Einzelne Beiträge)

Die einzelnen Beiträge „folgen einem einfachen Grundschema“, zunächst knappste Lebensdaten und bibliographische Angaben, dazu inhaltliche Stichworte; dann „benennt jeder Text die ‚Pointe‘ des jeweiligen Schlüsselwerkes“ (1), „gefolgt von einer knappen Wiedergabe des Werkinhalts“ (2) – das ist meist der längste Teil. Als (3) folgen eine „Einschätzung von Rezeption und Wirkung des Werkes“ und Hinweise „auf spätere Ausarbeitungen, Kritiken und Anschlussmöglichkeiten“ (S. 15).

Inhalt 1 (Leitbegriffe)

Wenn schon die Leitbegriffe (s.o.) die Breite einer Kulturwissenschaft ahnen ließen, so wird sie noch einmal verdeutlicht durch die begeisternd undogmatische und überraschende Auswahl der „Schlüsselwerke“. Sie stammen nicht nur von ‚Fachleuten‘ (u.a. Cassirer, Bourdieu, Max Weber, Rudolf Otto, Mannheim, Gadamer, Dewey, Luhman, Simmel - er ist als einziger mit zwei Arbeiten vertreten: Streit, Exkurs über den Fremden), sondern auch von Journalisten (Gorz, Naomi Klein), Politikern (Gramsci), Naturwissenschaftlern (Darwin, Paul Crutzen), Kultur- und Kunsthistorikern (Burckhardt, Panofsky), Künstlern (Musil, Beuys, Homer, Hamilton, Havel - mit seinem Manifest; Goethe fehlt), Filmemachern (Stanley Kubrick), Nationalökonomen (wenn man Marx und Adam Smith so bezeichnen darf), Philosophen (Rousseau, Hegel); die Auswahl reicht zeitlich weit zurück (über Herder, Voltaire, Vico bis zu Hesiod, Homer und Aristoteles); sie ist nicht eurozentrisch; schon die erste Kapitelüberschrift formuliert programmatisch: „Wir sind nie monokulturell gewesen“ und das erste „Schlüsselwerk“ stammt aus dem arabischen Kulturraum: Ibn Khaldun mit einer „der frühesten Ausformulierungen einer zyklischen und anthropozentrischen Geschichtsauffassung“ (18), der – ausgezeichnet durch einen „kritischen und nüchternen Blick auf die menschlichen Verhältnisse, der von keinerlei religiöser oder weltanschaulicher Voreingenommenheit getrübt wird“ (19) – des „Aristoteles' Politeia … ganz selbstverständlich als Vorbild erwähnt“. -

Ähnlich programmatisch der „Statt eines Nachwortes“ aufgenommene Artikel von Navid Kermani „Orientalistik als Kulturwissenschaft“ (321 ff). Kermani will das Thema aus dem ‚Ghetto‘ politischer Konfrontationen herausführen in den sachlich gebotenen Kontext. Islamwissenschaft, so Kermani, das „Fach, das sich der Erforschung der islamischen Welt widmet, ist ein Ungetüm“, weil „sich das religiös-theologische Vorzeichen, unter dem das Fach betrieben wird, auf das öffentliche Bild der vom Islam mitgeprägten Kulturen“ fatal „ausgewirkt hat“ und weiter auswirkt (321). Das Fach sollte also neutral als Regionalwissenschaft „des Nahen und Mittleren Ostens“ angesehen werden, „als Regionalstudium“ (322); es könnte dann auch zu den „entsprechenden Hauptdisziplinen“ unvoreingenommen Kontakt aufnehmen (die Literatur z.B. zur allgemeinen Literaturwissenschaft). Eine solche Entkrampfung wäre auch für die Hauptdisziplinen vorteilhaft, weil sie durch „die Einbeziehung einer reichen, mit Europa immer schon in enger Wechselbeziehung stehenden und auch in Europa zunehmend bedeutsamen Kultur nur bereichert werden“ könnten (323)1 . „Analog wäre die Geschichte der arabischen Welt, würde man sie endlich säkularisieren, ein ureigenes Thema der Geschichtswissenschaft und dann erst der Islamforschung“; ein Ende also mit der „Obsession des Westens, den Orient durch seine Religion zu verstehen“ (324). -

Ähnlich Edward W. Said in ‚Orientalismus‘ (New York 1978; dt. erst 2009!): „Der orientalistische Diskurs, so Said, bündelt ein Wissen über den Orient, das weniger Wahrheitsaussagen … umfasst, als vielmehr ein Herrschaftswissen konstituiert … Der Orient ist damit weniger ein gegebener geographischer oder sozialer Raum als vielmehr ein Produkt des westlichen Orientalismus“ (190 f)2 .

Kleine Zwischenbemerkung

Da es unmöglich ist, in einer Rezension alle 107 Beiträge zu charakterisieren und kritisch zu würdigen, werde ich im Folgenden nur einige mir besonders interessant erscheinende Themen, Zusammenhänge und Vorgehensweisen herausgreifen, anderes in Fußnoten wenigstens andeuten.

Inhalt 2 (Ausgewählte Beiträge)

Gleich anfangs gelingt es den HerausgeberInnen (am Beispiel der Musik), Gegenwart durch Verknüpfung mit der Vergangenheit und Vergleich deutlich zu machen: 1570 erscheint ‚L'Historie d'un voyage en la terre du Brésil‘ des hugenottischen Missionars Jean de Léry; beeindruckt war er „auch von den Gesängen der Tupinambá, die er sorgfältig transkribierte“ (21). Seinen Bericht verknüpfen die ‚Schlüsselwerke‘ mit der Frage, „ob Musik überhaupt einen geographischen Ort hat bzw. haben soll, oder selbst einen ‚dritten Ort‘ bildet, den Josh Kun (2005) ‚audiotopia‘ genannt hat“ (22); sie kontrastieren den Bericht mit Burkhalter und dem Begriff der „Weltmusik 2.0“, der Musik „der interaktiven Internetplattformen. … Weltmusik 2.0“, so Burkhalter 2011, „ist das Produkt von raumzeitlich entgrenzter Kommunikation jenseits territorialer Grenzen. Sie stellt überkommene Vorstellungen von Kultur, Identität und Gemeinschaft in Frage … Sie ist die Musik der weltweiten Urbanisierung. Die Slums wachsen heute schneller als die Innenstädte – und genau so wächst auch die neue Variante der Weltmusik schneller als die Weltmusik 1.0, die immer für ein westliches Mittelklasse-Ohr gestylt war“ (23). -

Vielfach gibt es Dialoge von Schlüsselwerk zu Schlüsselwerk. „Menschen“ so heißt es zu Herders ‚Von deutscher Art und Kunst‘, „Menschen drücken sich auf ganz verschiedene, oftmals unvereinbar wirkende Weise aus, können ihre Auffassungen aber wechselseitig übersetzen und plausibel machen, voneinander lernen, Solidarität üben und damit, wie Herder es ausdrückt, Beiträge zur Humanität leisten“ (24). Hegel antwortet gleichsam in seiner ‚Phänomenologie des Geistes‘ in dem „Abschnitt über das Herr-Knecht-Verhältnis, … in dem auf wenigen Seiten dargelegten Kampf um Anerkennung. … Denn das Selbstbewusstsein eines jeden hängt von der reziproken Wertschätzung aller anderen ab, vom“, wie Hegel formuliert, „Sein beim Anderen“ (27). Wiederum der Bezug zur Gegenwart: „Im Begriff der Anerkennung werden heute eher Facetten der Interdependenz wie Würdigung und Bejahung des Anderen identifiziert, die auch zu Verpflichtung und Kooperation führen können. Spiegelbildlich werden versagte Formen der Anerkennung benannt (wie Kränkung, Beleidigung und Erniedrigung). Als Arenen des Kampfes um Anerkennung, Muster von Intersubjektivität und Grundlagen moderner Sittlichkeit hat Honneth (1992) exemplarisch Liebe, Recht und Fürsorge herausgestellt (wieder spiegelbildlich: Vergewaltigung, Entrechtung und Entwürdigung)“ (28). – Dazu dann Schütz/Luckmann mit ihrer „Annahme, dass es eine universal menschliche Grundlage für Handeln und Verstehen gibt“ (34); dazu George H. Mead und seine „konsequente Fundierung menschlichen Handelns in der Interaktion“ (36), für den die

„Welt, in der sich der Mensch bewegt, … eine durch gesellschaftlich vermittelte Bedeutungen geschaffene und geordnete Welt“ ist. „Dieser Schaffensprozess wird jedoch niemals abgeschlossen, der Sinn bleibt nie derselbe“ (38). Spezifische Beispiele bei Marcel Mauss (die Gabe „Träger einer Art bindenden Kraft“ und seine Befürchtung, „dass Gabe-Strukturen in der Moderne ihre integrative Kraft weitgehend verloren haben“, 48); spöttisch-unterhaltsame Analyse von Interaktionsordnungen bei Erving Goffman (84). Beenden wir diese Umkreisung des Phänomens von Dialog/Interaktion3 mitGiambattista Vico und seinen ‚Principi di una scienza nouva d'intorno alla commune natura delle nazioni‘ von 1725. Er formuliert als „Wahrheit, die man in keiner Weise in Zweifel ziehen kann, dass diese politische Welt sicherlich von den Menschen gemacht worden ist; deswegen können (denn sie müssen) ihre Prinzipien innerhalb der Modifikationen unseres eigenen menschlichen Geistes gefunden werden“ (139). Überdies, so Vico, hat der Mensch „die Geschichte der Geschichte geschaffen und in eins damit auch ‚erzählt‘, was er gedanklich erfasst hat“ (140). Insofern darf Vico als „der eigentliche Vater des modernen Kulturbegriffs“ gelten (Isaiah Berlin, 1992, 85): „Sein, das verstanden werden kann, ist Sprache“, so Hans-Georg Gadamer (199).

Wenn Menschen ihre Geschichte nicht nur schaffen, sondern auch erzählen, wird Sprache in doppelter Weise wichtig: zunächst die Sprache selbst als Schöpfung, dann Sprache als Werkzeug (Organon – so schon bei Platon im ‚Kratylos‘). Ausgearbeitet hat dies Karl Bühler in seiner ‚Sprachtheorie‘ als Organon-Modell: „Die Gestaltung der sozialen Welt mittels Verständigung wird … als wesentliche Aufgabe der Sprache betrachtet“ (66 – zu Bühler vergl. Fußnote 4). Zur Gestaltung der Welt gehört jedoch auch die ebenfalls sprachgebundene persönliche wie historische Vergewisserung. Hier setzt die Gedächtnisforschung ein. „Spätestens seit Beginn der 1990er Jahre ist“ sie „ein vielfach rezipierter Forschungsgegenstand, … als Begründer der kulturwissenschaftlichen Gedächtnisforschung“ (153) gilt Maurice Halbwachs4 . Er arbeitete heraus, wie „ein kollektiver Erfahrungsrahmen die Erinnerungen des Einzelnen umgreift und verknüpft und somit das entstehende Bild maßgeblich beeinflusst. … Deutungen der Vergangenheit und Konzepte der Gegenwart einer sozialen Gruppe verdichten sich laut Halbwachs so zu einem spezifischen System der Weltsicht einer sozialen Gruppe und deren Mitglieder, die von der zwischenmenschlichen Kommunikation getragen wird“ (154).

Sprache ist jedoch nicht unschuldig. Worte, Benennungen wirken, schaffen Tatsachen; das wurde schon bei Kermani deutlich und wird von Ian Hacking in ‚The Social Construction of What?‘ problematisiert. „Aufbauend auf den Arbeiten Foucaults ist Hacking in seinen wissenschaftlichen Untersuchungen daran interessiert, wie der soziale Prozess des Bezeichnens (eines Gegenstands) auf das Bezeichnete selbst zurückwirkt. … versucht zu ergründen, ‚what comes into experience with the historical dynamics of naming and the subsequent use of the name‘“ (42). Hacking spricht von „making up people“; er wirkt auf Appiahs Essay ‚Race, Culture, Identity: Missunderstood Connections (1996); darin ist es Appiah „möglich zu zeigen, wie im Verlaufe des ‚making up‘ kategoriale Zuschreibungen in Bezug auf Menschengruppen nicht rein ‚äußerlich‘ bleiben, sondern die Zuschreibungen auch die Handlungsspielräume der Menschen formen und auf ihren Habitus rückwirken: ‚We expect people of a certain race to behave a certain way not simply because they are conforming to the script of that identity, performing that role, but because they have certain antecedent properties that are consequences of the label's properly applying to them‘“ (43). Das ist nicht weit entfernt von Margaret Mead und ihrer „allgemeinen theoretischen Idee einer ‚Culture in mind‘ … Sie betrachtet Personen frühzeitig und konsequent als Folgen der Internalisierung kultureller Wissensordnungen und Praktiken“ (53). Auch Malinowski „war sich seiner Macht als Autor wohl bewusst: ‚Feeling of Ownership: It is I who will describe them or create them‘ (1967, 140)“ (56).

Mehrfach gibt es frappierende Beispiele, wie einzelne Wissenschaftler bzw. Künstler Veränderungen/Erweiterungen in Kultur und Kulturwissenschaft hervorrufen. Dazu gehört auch der viel zitierte Satz Robert Musils vom „Möglichkeitssinn“ aus ‚Der Mann ohne Eigenschaften‘: „alles, was ebenso gut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist“ (173)5 .

Das gilt auch für Richard Hamiltons Bild ‚Hommage à Chrysler Corp.‘ „Besonderes Augenmerk hat dieses spezielle Werk auch deswegen gefunden, weil Hamilton selbst es in einem Brief programmatisch gedeutet und mit elf Eigenschaften der Pop-Kunst kommentiert hat: ‚Popular (designed for a mass audience)/Transient (short-term solution)/Expendable (easily forgotten)/Low cost/Mass produced/Young (aimed at youth)/Witty/Sexy/Gimmicky/Big Business‘ (nach Hecken 2009)“ (44). „Pop-Kultur trägt somit zum Design der Gesellschaft bei und ist zugleich eine Art Selbstbeschreibung sozialer Trends und Prozesse“ (45). Damit erweitern sich „Quellenkorpus und Erfahrungsfeld der Kulturwissenschaften. … ein zwischen Wissenschaft, Kritik und Journalismus fluktuierendes Genre der Pop-Theorie“ hat sich etabliert (46), wobei die Werke überdies selbst kulturwissenschaftliche Analyse sind oder zumindest an ihr teilhaben. Das gilt wohl auch noch für ein paar andere grenz-kulturwissenschaftliche Werke. Territoriumserweiterung jedenfalls auch dann, wenn Margaret Mead z.B. die Pubertät nicht als „universales (biologisches), sondern als kulturspezifisches und variantenreiches Phänomen“ (52) aufweist. Es gilt in gewisser Weise auch für Pierre Noraund ‚Les lieux de mémoire‘: „‚Erinnerungsorte‘ haben Konjunktur auf dem Gebiet der Kulturgeschichtsschreibung; für die kulturwissenschaftliche Theoriebildung hingegen hat Noras Projekt einige problematische Fährten gelegt und wurde daher kritisch hinterfragt“ (158).

„Problematisch an Noras Ansatz ist nicht nur seine zivilisationskritisch-naive Version einer Verfallsgeschichte des kollektiven Gedächtnisses, sondern auch die strikte Trennung von Geschichte und Gedächtnis, durch welche die memorialen Funktionen der Geschichtswissenschaft ausgeblendet werden. … Problematisch …, dass Erinnerungsorte durch die gleichnamigen, oft recht populären Publikationen nicht in erster Linie kritisch-distanziert beobachtet, sondern aktiv konstruiert werden. Bislang erscheinen sie daher eher als Instrument der Intervention in erinnerungskulturelle Prozesse denn als Methode der kulturwissenschaftlichen Gedächtnisforschung“ (159).

Im Gegensatz dazu deutlich vielfältige und positive Wirkungen auf Kultur wie auf Kulturwissenschaft durch Sigmund Freuds ‚Traumdeutung‘, „Klassiker und Jahrhundertbuch“ (160). „Ab Mitte 1897 studierte Freud sein eigenes Seelenleben und die Manifestationen des Unbewussten, er analysierte seine Träume und Fehlleistungen in der Selbstanalyse (Anzieu 1990). Mit der Psychoanalyse begründete Freud auch eine Kultur der Selbstbeobachtung“ (161) wie eine „eine auf Beobachtung und Erfahrung aufgebaute Wissenschaft. Als ein an der Krankheit orientiertes Heilverfahren eines niedergelassenen Nervenarztes konzipiert, wurde die Psychoanalyse zunehmend als Forschungsinstrument und neue Deutungskultur in der Literatur, Kunst, Religion und Kultur erprobt“ (162).6

Beenden wir unsere flüchtigen Einblicke in die ‚Schlüsselwerke‘ – zunächst mit Ernst Cassirer, dann mit Paul Joseph Crutzen. Cassirers „‚Philosophie der symbolischen Formen‘ ist ein zentraler Text der Kulturwissenschaften … Alle ‚symbolischen Formen‘ (Mythos, Religion, Kunst, Technik, Wissenschaft, Politik usw.) schaffen je eine Weltsicht mit ihrer eigenen Raum-, Zahl- und Zeitauffassung, ihrer eigenen Logik, ihrem eigenen Subjektverständnis. … Für Cassirer (und für uns, die wir von ihm geprägt sind) ist Kultur die Art und Weise, in der der Mensch sich je seine ‚Welt‘ und sein ‚Selbst‘ schafft“ (76). Dabei drückt das Symbolische „nichts aus, was vorher bereits existiert; es kopiert nichts aus dem Bereich des Wirklichen in das des Erkannten. Vielmehr schafft sich der Mensch mittels seiner Fähigkeit, etwas symbolisch zu nehmen, je verschiedene Wirklichkeiten. Und er kommt nicht darum herum: Alles hat für ihn eine ‚symbolische Prägnanz‘, er ist das animal symbolicum, das keine vorgegebene Umwelt hat“ (77)7. – Crutzens „The ‚Anthropocene‘“ ist ein Alarmsignal, das Jetztzeit wie Kulturwissenschaft auf einen neuen Begriff bringt, hinweisend auf die globale Umweltkrise der Gegenwart. Der Begriff ist „angelehnt an die Benennung erdgeschichtlicher Zeitabschnitte wie Pliozän“; er „soll hervorheben, dass wir das nacheiszeitliche, relativ umweltstabile Holozän etwa seit Ende des 18. Jahrhunderts verlassen haben, da der Mensch seither nicht nur zum biologischen Faktor – das war er als Lebewesen immer –, sondern zu einem wesentlichen, das Erdsystem weithin dominierenden geologischen Faktor geworden ist. … Für die Kulturwissenschaften ist dies insofern bedeutsam, als sich der Unterschied zwischen Natur, Kultur und Technik im Anthropozän auflöst und alle Gebiete zu einem systemischen, in Wechselwirkung stehenden Ganzen konvergieren“ (257).Das Anthropozänkonzept verblieb einige Jahre innerhalb kleinerer Wissenschaftskreise, seit einigen Jahren breitet sich die Idee jedoch rasant aus“ (258); es bedeutetinsbesondere die umfassende Verschränkung von Natur-, Kultur-, Gesellschafts- und Geisteswissenschaften, um gemeinsam die Interaktion zwischen belebter und unbelebter sowie zwischen natürlicher, kulturell-technischer und sozialer Umwelt zu erforschen“ (259). Und es versteckt, so ist zu hoffen, die Gefährdung unserer Gegenwart nicht hinter einem Fachterminus, sondern hält den Schrecken wach – wie ihn Levi-Strauss in ‚Tristes Tropiques‘, seinem brasilianischen Reiseroman, festhält: „Was uns die Reisen zuallererst zeigen, ist daher der Schmutz, mit dem wir das Antlitz der Erde besudelt haben“ (62).

Diskussion

Dass alles mit allem zusammenhängt, wird, so scheint mir, von den Kulturwissenschaftlern unter dem vornehmen Begriff der Anschlussfähigkeit gelegentlich überstrapaziert. Das jedenfalls ist bei beiden antiken „Schlüsselwerken“ der Fall: der ‚Odyssee‘ und der Figur des Prometheus (bei Hesiod, Aischylos und Platon). Zunächst die Odyssee. „Zwei große Motive kennzeichnen das Werk und machen es für die Gegenwart interessant: Das Thema der Migration und das Verhältnis von Vater und Sohn“ (285), so Claus Leggewie, der als Herausgeber und Hauptautor eine Fülle vorzüglicher Beiträge beisteuert, sich aber hier, bei Homer, gründlich verrennt. Migration? – Odysseus wandert nicht aus, sondern kommt nach Hause. Der Sohn erkennt seinen Vater nicht? („Der ‚abwesende Vater‘ ist heute eine Massenerscheinung“, 286) – Telemach war gerade geboren, als Odysseus aufbrechen musste. Penelope erkennt ihren eigenen Mann nicht? – die Göttin Athene hatte Odysseus zum Schutz in einen alten Bettler verwandelt. Odysseus selbst erkennt seine Heimat nicht? – das Phäakenschiff, das ihn zurückbringt, hatte ihn nachts schlafend am Strand ausgesetzt; als Odysseus früh erwacht, herrscht Nebel. „1945, um einen letzten modernen Anschluss aufzugreifen, war Odysseus der heimgekehrte Soldat, ein Überlebender ohne Hoffnung“ (287), so Leggewie – und verweist auf Wolfgang Borchert, die Kriegsheimkehr eines Geschlagenen und ‚Draußen vor der Tür‘; Odysseus allerdings kehrte als Sieger aus dem trojanischen Krieg zurück, kam in sein Haus und tötete die unverschämten Freier (Homer, Gesang 13). Unerfindlich ist mir, warum die Odyssee als Schlüsselwerk über fragwürdige Anschlüsse an die Gegenwart legitimiert werden muss; sie hat kulturhistorischen Rang eigenen Rechts: „In der bunten Welt der Odyssee ist, wie dies K. Reinhardt überzeugend darlegte, Märchenhaftes und Volkstümliches, die heroische Weltanschauung der Ilias und manche soziale und kulturelle Vorstellung der jüngsten Vergangenheit zu einem ‚Weltganzen‘ vereinigt“ (Herbert Hunger, Lexikon der griechischen und römischen Mythologie, 1974: 280).

Ähnlich unglücklich empfinde ich die allzu flotten Übergänge von Prometheus8 zum „Machtspiel um Zugänge zur Energie und die Verteilung von Ressourcen“ (247), zu Bachelard und seiner ‚Psychanalyse du feu‘, zu den „Versprechen von Energiewirtschaft und Zukunftsforschung“ (248). Als Kulturbringer sollte er einen selbstverständlichen Rang in einer kulturwissenschaftlichen Sammlung einnehmen dürfen, auch wenn die antiken Erklärungen als Mythos und nicht als Logos erfolgen. Zum Verständnis wichtig dabei, dass das griechische Wort Τέχνη (techne) nicht zwischen Handwerk, Kunst, Wissenschaft unterscheidet9 - sodass Aischylos lediglich exemplifiziert, welche (für uns sehr unterschiedlichen) Fähigkeiten die Menschen von Prometheus erhalten haben.

Schließlich noch ein Monitum: Zitate aus den Schlüsselwerken erfolgen häufig ohne Angabe der Seitenzahlen; das macht eine Kontrolle schwierig; es ist auch nicht einzusehen, weshalb die ‚Schlüsselwerke‘ selbst schlechter behandelt werden als die präzise zitierte Sekundärliteratur (vergl. Fußnote 6).

Fazit

‚Schlüsselwerke der Kulturwissenschaft‘ ist ein faszinierendes Kompendium: eine überzeugende, weit ausholende, undogmatische Auswahl; so gut wie alle 107 Einzelartikel klar und informativ; viele Querverweise, noch unterstützt von der Auflistung der „Stichworte“ bei jedem Schlüsselwerk. Dazu viele nützliche Hinweise auf Weiterführungen bis in die unmittelbare Gegenwart – wahrlich „Kultur als Gewebe von Bedeutungen, die es zu interpretieren gilt“ (13) und die Lust machen, weiter zu weben und zu interpretieren.

1 Ein Beispiel für den noch fehlenden Zugriff einer Fachwissenschaft (hier der Pädagogik) auf kulturwissenschaftliche Arbeiten ist Paul Willis mit seinem ‚Learning to Labour. How Working Class Kids Get Working Class Jobs‘ von 1977; dt. 1979 unter dem missverständlichen Titel ‚Spaß am Widerstand. Gegenkultur in der Arbeitsschule‘. Willis arbeitet die besondere Bedeutung des Spaßes heraus, „mit dem der in der Schule empfundenen Langeweile Aufregung entgegengesetzt werden soll. … schließt auch gewaltförmige, rassistische, sexistische und vandalisierende Akte ein“. In der Arbeitswelt, der „Fabrikkultur … werden aber wiederum von den ‚lads‘ selbst irreversible Bedingungen ihres Daseins reproduziert … und dann“, so Willis, „fühlen sie sich doppelt gefangen in einem Gefängnis, das jetzt nicht mehr die Schule ist, sondern der Betrieb“ (113). Non scholae, sed vitae …

2 Hier könnte also doch Goethe helfen: „Herrlich ist der Orient/ Übers Mittelmeer gedrungen;/ Nur wer Hafis liebt und kennt,/ Weiß, was Calderon gesungen“ (West-östlicher Divan)). Auch sein Insistieren auf dem Begriff der Weltliteratur gehört in die Kulturwissenschaft.

3 Ein weiterer Dialogpartner könnte Georg Simmel sein mit ‚Der Streit‘: „Konflikte … eine empirisch beobachtbare Form sozialer Interaktionen. Dabei sind sie keine quasi-natürliche Gegebenheit, sondern eine Kulturerscheinung. … Grundsätzlich stiftet der Konflikt unabhängig von seiner Form einen gemeinsamen sozialen Kreis – eine Art Interaktionsgemeinschaft –, in dem die Konfliktparteien wechselseitige Anerkennung erfahren“ (30). Dabei hatte Simmel „die Moderne als diejenige Epoche charakterisiert, in der das Grundmotiv kultureller Entwicklung deutlich geworden ist: der Konflikt zwischen den mehr oder weniger festen, unveränderbar scheinenden Formen der Kultur und dem steten Drang, sich von diesen Formen zu befreien“ (32).

4 „Der mit einer Jüdin verheiratete, mit Kontakten zur Résistance ausgestattete und bekennende Sozialist Halbwachs wurde … von der Gestapo verhaftet und 1945 im Konzentrationslager Buchenwald ermordet. Die von vielen als sein zweites Hauptwerk betrachtete Abhandlung Das kollektive Gedächtnis (1950) erschien in Fragmenten posthum“ (153). – Karl Bühler „emigrierte mit seiner aus einer jüdischen Familie stammenden Frau, der Kinderpsychologin Charlotte Bühler, im Herbst 1938 über die Zwischenstation Oslo in die USA“ (67).

5 In den „Schlüsselwerken“ führt das zu der hübschen aktuell-zeitkritischen Anmerkung:„Das befreit das Politische aus dem von Maggie Thatcher bis Angela Merkel behaupteten Dogma der Alternativlosigkeit“ (175).

6 Mit der ‚Traumdeutung‘ verband Freud noch weitere Hoffnungen. Bei diesem Thema macht sich freilich der Verzicht auf genaue Zitatangaben bei den ‚Schlüsselwerken‘ störend bemerkbar. Ich zitiere: „In der achten Auflage schreibt Freud: ‚Das Träumen sei im ganzen ein Stück Regression zu den frühesten Verhältnissen des Träumers … Wir ahnen, wie treffend die Worte Fr. Nietzsches sind, dass sich im Trauma“ – nach meinem Verständnis müsste hier das Wort ‚Traum‘ stehen; das kann ich wegen der fehlenden Angaben jedoch nicht überprüfen – „dass sich im Trauma ‚ein uraltes Stück Menschtum fortübt, zu dem man auf direktem Wege kaum mehr gelangen kann‘, und werden zur Erwartung veranlasst, durch die Analyse der Träume zur Kenntnis der archaischen Erbschaft des Menschen zu kommen, das seelisch Angeborene in ihm zu erkennen.“ (162)

7 So benennt etwa Paul Gilroy mit ‚The Black Atlantic‘ einen symbolisch-metaphorischen ‚Zwischen‘-Raum und erfasst „unter Anspielung auf die middle passage sowohl die vielfältigen historischen Bewegungen von Sklaven, Musikern und Intellektuellen als auch den Austausch von Ideen im atlantischen Raum“ (104). Dabei zeigt er nicht nur, wie „rassistisch begründete Sklaverei … die Grundlage für einen Großteil des Wohlstands der westlichen Welt im 18. und 19. Jahrhundert“ bildete, sondern entwickelt „eine Perspektive, die über das verdinglichende Verständnis von Kultur und Multikulturalismus hinausgeht und ein ‚more satisfactory set of … arguments‘ begründet“ (105).

8 Sein Name wird seltsamerweise aus dem Lateinischen (providentia, praevidentia) erklärt statt aus dem Griechischen (prometheia: 1. Vorsicht, Klugheit, 2. Fürsorge).

9 Erst mit der Renaissance wird unterschieden zwischen den „schönen Künsten“ und dem Handwerk; „in der Aufklärung wird Wissenschaft Bezeichnung einer gelehrten Disziplin“ (Pfeifer, Etymologisches Wörterbuch).


Rezensent
Prof. Dr. Hans Wolfgang Nickel
Institut für Spiel- und Theaterpädagogik der Universität der Künste Berlin
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Zitiervorschlag
Hans Wolfgang Nickel. Rezension vom 22.02.2013 zu: Claus Leggewie, Darius Zifonun, Anne Lang, Marcel Siepmann, Johanne Hoppen (Hrsg.): Schlüsselwerke der Kulturwissenschaften. transcript (Bielefeld) 2011. ISBN 978-3-8376-1327-8. Reihe: Kultur- und Medientheorie. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/14464.php, Datum des Zugriffs 05.12.2016.


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