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Christel Manske: Das Down-Syndrom

Cover Christel Manske: Das Down-Syndrom. Begabte Kinder im Unterricht. Lehmanns Media GmbH (Berlin) 2011. 192 Seiten. ISBN 978-3-86541-443-4. 19,95 EUR.
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Thema

In der öffentlichen Meinung gelten Kinder mit Trisomie 21 als nicht bzw. eingeschränkt bildungsfähig mit der Folge, dass sie aus dem Regel-Schulsystem ausgesondert werden, womit es ihnen dann auch verwehrt bleibt, einen Schulabschluss zu erwerben. Das Buch geht der Frage nach, wie es gelingt, Kindern, denen eine Behinderung zugeschrieben wird, adäquat zu unterrichten. „Doch sind alle höheren psychischen Systeme – wie z. B. das Empfinden, Wahrnehmen, Erinnern und Denken – nicht angeboren, sondern entwickeln sich im sozialen Umgang. Dem menschlichen Gehirn ist es möglich, funktionelle Systeme zu bilden. Das ist eine biologische Tatsache. Die Kinder unterscheiden sich in Bezug auf das Chromosom 21, nicht aber in Bezug auf die Fähigkeit ihres Gehirns, in Abhängigkeit ihres kulturellen Umfelds stabile funktionelle Hirnsysteme zu bilden.“ (Klappentext)

Autorin

Dr. Christel Manske ist Leiterin ihres Instituts für die Entwicklung funktioneller Hirnsysteme in Hamburg. Sie arbeitet mit Kindern, die aufgrund ihrer Besonderheiten (u. a. Autismus, Trisomie 21, ADHS, Hochbegabung) in der (Regel-)Schule auffällig wurden oder vom gemeinsamen Lernen in unseren Bildungseinrichtungen ausgeschlossen sind.

Entstehungshintergrund

Frau Manske stellt die Besonderheiten der Kinder in den Mittelpunkt ihrer Betrachtung und erforscht Bedingungen eines adäquaten Unterrichts, der vom Kind und seiner individuellen Situation ausgeht. Seit 30 Jahren arbeitet sie mit Kindern, die aus Systemen fallen. Sie hat eine Reihe von Büchern zum Thema veröffentlicht wie: „Schlechte Schüler gibt es nicht“, „Lernprobleme“, „Ich war behindert an Hand der Ärzte und Lehrer“, „Die Kraft geht von den Kindern aus“, „Lernen können ja alle Leute“, „Entwicklungsorientierter Lese- und Schreibunterricht für alle Kinder“, „Jenseits von Pisa“.

Aufbau

Das Buch umfasst 192 Seiten in 16 Kapiteln (Überschriften in Fettdruck). Zahlreiche Beispiele in Wort und Bild zeigen, wie es gelingt, Kinder die als „nicht bildbar“ gelten oder als „geistig behindert“ bezeichnet werden zu unterrichten und zum Lernen anzuregen, dass Bildung und Entwicklung möglich ist (zum ausführlichen Inhaltsverzeichnis vgl. www.lehmanns.de/shop/sozialwissenschaften).

  1. Bedrohte Kinder
  2. Depression, Autismus, Verhaltensstörung, Psychose sind Schutzmechanismen in einer bio-psycho-soziokulturellen Krise
  3. Schule als Ort der Behinderung
  4. Das Zeichen für unseren eigenen Defekt
  5. Die Entwicklung der Kinder und ihre Bedingungen
  6. Es gibt keine gemeinsam geteilten Bedeutungen ohne gemeinsam geteilten Sinn
  7. Entwicklung ist gemeinsam geteilt -Behinderung ist einsam schutzlos
  8. Die strukturelle Veränderung in der Entwicklung der kindlichen Psyche
  9. Die Schwanenseeschule
  10. Ein Schulabschluss für meine Tochter Sanna Lotte (Autorin Svea Fleißner)
  11. Die Kinder entdecken die Schrift
  12. Die Kinder lernen die Schreibschrift
  13. Der entdeckende Unterricht
  14. Grundsätze eines adäquaten Unterrichts
  15. Was bedeutet für mich wissenschaftliches Arbeiten?

Anhänge

Inhalt

Es ist die Lebensaufgabe der Autorin, Frau Manske, Kinder mit Be-hinderungen aus einer Situation der Aussonderung und der Sprachlosigkeit herauszuholen. Motor ihres Engagements ist eine Grundhaltung, mit der sie heutzutage nicht mehr allein steht: Behinderung ist ein soziales Konstrukt, Behinderung ist nicht biologischer Natur, also nichts Feststehendes, sondern eine Zuschreibung der Gesellschaft, ein Vor-urteil. Schon 1975 schreib Vygowskij, über die soziale Determinierung von Behinderung. „ ‚Es liegt in unseren Händen, ob ein Kind geistig behindert wird oder nicht.‘“ (S. 20)

Diese Erkenntnis rüttelt an den Grundfesten unseres deutschen sehr differenzierten Bildungs-Systems. Eine Veränderung dieses Systems ist längst überfällig, denn zu viele Kinder – nicht nur die sog. geistig behinderten Kinder- scheitern an diesem Vor-urteil. „Ursache für das Schulversagen ist nicht die so genannte ‚geistige Behinderung‘, sondern das Versagen der Schule. Diese Erkenntnis wirft Licht auf die Kinder und stellt ein Schulsystem, das sie zum Scheitern verurteilt in den Schatten.“ (S.23). Es ist höchste Zeit, dass gerade die Einrichtungen, deren Aufgabe es ist, jedem Kind sein Recht auf Bildung zu gewähren, Verantwortung übernehmen, statt diese zu verschieben oder vorschnell nach Gründen des Versagens außerhalb des Systems z.B. beim Individuum und seiner biologisch determinierten Behinderung oder Defizit sowie im Elternhaus zu suchen.

Betroffene Kinder sind ein „Spiegel ihrer sozialen Situation“ (Manske S. 15). Betroffene Kinder befinden sich in einer bio-psycho-soziokulturellen Krise, die lebensbedrohlich ist. Der Mensch sucht Lösungen und reagiert individuell sinnvoll z.B. mit einer autistischen, verhaltensauffälligen oder depressiven Schutzreaktion und dem Effekt einer sozialen Isolation. Diese Kinder bedürfen einer Umgebung, die versteht und kommuniziert. Die professionelle Umgebung ist gefordert, aus dieser Reaktionsweise zu erkennen, sprich aus dem Verhalten zu lesen und davon ausgehend adäquate Hilfestellung zu entwickeln.

Eine gemeinsame Lernsituation beginnt mit der Analyse der „biologischen, psychischen und soziokulturellen Bedingungen“ (S. 49) z.B. der Wahrnehmung. „Wahrnehmung ist ein bio-psycho-soziokulturellen Geschehen, dass die Bewusstseinsinhalte je nach biologischer Struktur, psychischer Befindlichkeit, und soziokultureller Gegebenheit konstruiert. Das gilt für alle Sinnesorgane.“ (S. 52) Kindern mit Trisomie 21 haben Probleme mit der Informationsaufnahme über die Sinnesorgane (Augen, Hände, Ohren, Zunge und Nase). Wenn sie auf unangepasste bio-psycho-soziokulturelle Bedingungen treffen wird ihr Lernen behindert. Zum Beispiel haben Kinder mit Trisomie 21 eine hypotone Augenmuskulatur. Für diese Kinder ist es eine Anstrengung, Informationen vom Tafelbild aufzunehmen, da sie dafür eine Kopfhaltung einnehmen müssen, die ermüdend wirkt und die Konzentrationsspanne reduziert.

Das Buch steht für ein Paradigmenwechsel, der davon ausgeht, dass jedes Kind begabt ist und lernen kann. Christel Manske entwickelte schon vor 30 Jahren den handlungsorientierten Unterricht. Ihre Erkenntnisse (und die vieler anderer auch) hat aber keinen Niederschlag in der deutschen Regelschule gefunden – mögliche Ursachen dafür beschreibt sie in Kapitel 16. In dem von ihr gegründeten Institut tritt sie Kindern mit offenem Herzen, offenen Augen und Verstand gegenüber. „Wir stehen jedem Kind als lernbedürftig gegenüber und dies um so mehr, je abweichender sein Verhalten von der Norm ist“ (S.20).

Lernen ist ein aktiver Prozess. „Zuerst über die Handlungen mit Gegenständen, dann über die Abbildungen und zum Schluss über die laute Sprache, die sich zur inneren Sprache umwandelt. So bilden sich die geistigen Handlungen“ (S.165). Lernen geschieht in einer Atmosphäre einer gemeinsam geteilten Lernsituation, denn „es gibt keine gemeinsam geteilten Bedeutungen ohne gemeinsam geteilten Sinn“ (S. 58). Das Buch dokumentiert zahlreiche konkrete Beispiele, wie das gemeinsame Teilen gelingt, wie sich Lernsituationen gestalten, sodass alle Akteure (Kinder und Pädagogen) lernen können.

An Ende des Buches fasst Frau Manske „Grundsätze eines adäquaten Unterrichts“ und Faktoren, die „der bio-psycho-soziokulturellen Entwicklung“ zusammen:

  • ‚Ein adäquater Unterricht für diese Kinder ist nur mit ihnen gemeinsam zu entwickeln‘
  • ‚Menschliche Entwicklung als Metamorphose‘
  • ‚Lernen findet in der Zone der nächsten Entwicklung statt‘
  • ‚Wir dürfen alles mit einem Kind üben, nur nicht das was es nicht kann‘
  • ‚Es gibt immer einen Weg zur Lösung einer Aufgabe‘
  • ‚Der Unterricht muss harmonisieren‘
  • ‚Im Unterricht bilden sich stabile funktionelle Hirnorgane‘
  • ‚Eine Unterrichtsstunden ist eine gemeinsame Entdeckungsreise‘
  • ‚Das Arbeiten mit parallelen Texten‘“ (S.164-167)

Faktoren und Probleme, die der bio-psycho-soziokulturellen Entwicklung liegen in der körperlichen Entwicklung der Kinder wie „Übergewicht“ und „der Mangel an Muskelpropriozeptoren“ (S.168), in der psychische Entwicklung mit den Dominanten Empfinden, Wahrnehmung (Herausbildung des bewussten Sehens, des bewussten Hörens, des bewussten Tastens, des bewussten Schmeckens und des bewussten Riechens), Gedächtnis, das Denken (S. 169-172) und der sozialen Entwicklung (S. 173-174).

Diskussion

Warum soll es nicht möglich sein, Kinder, die ein Chromosom mehr als andere Menschen haben, so zu unterrichten, dass sie einen Schulabschluss erlangen? Andere Länder machen es vor. In Spanien hat Pablo Pineda sein Abitur und seinen Hochschulabschluss absolviert, in Bayern unterrichtet an einer Montessorischule ein Lehrer mit Trisomie 21, der in den USA ausgebildet wurde.

Die Ursachen liegen darin, dass in Deutschland von der Grundannahme ausgegangen wird, dass Betroffene nicht bildbar seien. Aufgrund dieser feststehenden Vorannahme, dieses Vor-Urteils wird erst gar nicht der Versuch unternommen, einen individuell förderlichen und adäquaten Unterricht zu gestalten. Stattdessen wird in unseren Bildungssystemen viel Geld, Energie und Zeit darauf verwandt, Kinder zu sortieren und in speziellen Sondersystemen zusammenzufassen. Unser differenziertes Schulsystem hält Kategorien bereit, die es in anderen Ländern gar nicht gibt wie z.B. sog. Förderschulen für Lernbehinderte. Trotz einer spezialisierten Ausdifferenzierung gelingt es auch den Sondersystemen nicht, die ihr anvertrauten Kinder so zu bilden, dass sie einen Schulabschluss erreicht können.

Der Bedarf des Kindes wird nicht erkannt und bis heute fehlt es an einer passenden Didaktik, die auf Probleme adäquat eingeht. Häufig wird der Lernstoff „nur“ vereinfacht- in der irrigen Annahme, dass diese Vereinfachung zum Ziel führt. Auch ist es Usus, dass Aufgaben, die das Kind nicht kann, immer wieder geübt werden. Wenn diese Bemühungen dann nicht von Erfolg gekrönt sind werden die Ursachen im Kind und nicht in dem Versagen der Methodik oder des Systems gesucht.

Es ist höchste Zeit, dass die Grundannahmen auf den Prüfstein kommen. Es wird höchste Zeit, dass Verantwortung übernommen wird. Eine geeignete Umgebung schafft Lernsituationen, in denen Gemeinschaft entsteht. Lernen bedeutet, gemeinsam geteilte Aufmerksamkeit an einem gemeinsamen Gegenstand, der Bedeutung erzeugt. In diesen Momenten sind Pädagogen nicht die Wissenden, die über richtig oder falsch urteilen, sondern stützendes Gegenüber, welches dem Kind unvoreingenommen und wohlwollend begegnet, offen und neugierig für Lernwege und Lösungen ist. Durch diese Haltung kann eine gemeinsame lernförderliche Atmosphäre gestaltet werden, in der Bewertung und Verurteilung keinen Platz mehr haben.

Fazit

Be-hinderung ist nicht biologisch determiniert, sondern ein soziales Konstrukt. Aufgabe unserer Bildungseinrichtungen und ihrer Akteure ist die Gestaltung einer offenen und lernförderlichen Umgebung. Die zahlreichen Bilder von wissbegierigen und lernenden Kindern (die in unserer Gesellschaft den Stempel „behindert“ bekommen haben) in diesem Buch haben auf mich eine intensive ergreifende Wirkung. Diese Kinder legen Zeugnis darüber ab, dass Behinderung eine Zuschreibung ist. In ihren Gesichtern ist Neugierde, Konzentration, Lern- und Lebensfreude zu sehen. Bei mir hat das Lesen dieses Buches gemischte Gefühle hinterlassen. Einerseits empfinde ich Scham und Wut darüber, was unser aussonderndes System unschuldigen Kindern antut, wenn sie den Stempel „nicht bildbar“ aufgedrückt bekommen. Andrerseits entsteht ein Gefühl des Aufbruchs und der Zuversicht, dass und wie Lernen gelingen kann. Das Buch ist verständlich und leserfreundliche geschrieben und gibt ausreichend Einblick in die Theorie.

Der erste Schritt ist leicht getan. Es gilt eine Unterscheidung zu treffen: „Diese Unterscheidung ist keine abstrakte Konstruktion, sondern sie ist das Ergebnis von unserem verändertem Empfinden, verändertem Fühlen, verändertem Wahrnehmen und verändertem Denken.“ (S.18)

Es ist zu wünschen, dass dieses Buch Pflichtlektüre in Politik, bei Verantwortlichen/Akteuren unseres Bildungssystems sowie an deren Ausbildungsstätten wird. Im Sinne einer gemeinsam geteilten Lernerfahrung erhält der Leser ein Zugewinn an zahlreichen Anregungen wie Bildungsangebote und eine Unterrichtsumgebung gestaltet werden kann, damit es gelingt, Kinder mit einer erfolgreichen Lernkarriere, an deren Ende selbstbewusste Menschen stehen in das Leben zu entlassen.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 05.03.2013 zu: Christel Manske: Das Down-Syndrom. Begabte Kinder im Unterricht. Lehmanns Media GmbH (Berlin) 2011. ISBN 978-3-86541-443-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/14536.php, Datum des Zugriffs 27.06.2016.


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