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Thorsten Benkel, Matthias Meitzler: Sinnbilder und Abschiedsgesten

Cover Thorsten Benkel, Matthias Meitzler: Sinnbilder und Abschiedsgesten. Soziale Elemente der Bestattungskultur. Verlag Dr. Kovač (Hamburg) 2013. 336 Seiten. ISBN 978-3-8300-6177-9. D: 89,80 EUR, A: 92,40 EUR, CH: 119,00 sFr.

Reihe: Schriften zur Kulturwissenschaft - 97.
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Thema und Entstehungshintergrund

Wie so vieles im Bereich sozialer Belange unterliegen auch Sterben, Tod und Trauer gesellschaftlichen Veränderungsprozessen. Das zeigt sich insbesondere an Veränderungen, den ehemals öffentlichen Tod und das Trauerverhalten durch Individualisierungs- und Privatisierungstendenzen zu überformen; es zeigt sich aber auch an Abschiedsritualen, Gedenkformen und Bestattungspraktiken, an sinn-, stabilitäts- und ordnungsstiftenden Orientierungshilfen, um den Tod für den Einzelnen erträglicher zu machen. Wie wir im Spiegel gesellschaftlicher Säkularisierungs- und Pluralisierungstendenzen gegenwärtig damit umzugehen pflegen, wird am stärksten an einem Spaziergang über Friedhofslandschaften sichtbar. Der Betrachter wird Zeuge verschiedenster individueller, expressiver Ausdrucks- und Gestaltungsformen und damit Zeuge der Vielfalt heutiger Friedhofs- und Bestattungskultur im Spannungsfeld zwischen (einem konstatierten) Verfall und (einer möglichen) Neuorientierung. Thorsten Benkel und Matthias Meitzler veranschaulichen nicht nur anhand zahlreicher Beispielfotographien von Grabsteinen, Inschriften und Erinnerungsgegenständen diesen Wandel visuell, sondern wagen damit auch den Versuch einer Einordnung möglicher Einflussfaktoren auf die Gegenwärtigkeit der Bestattungs- und Friedhofskultur. Darüber hinaus richten die beiden Autoren ihren Blick auf die, wie sie meinen, ambivalente Rolle des toten Körpers beim Übergang von Leben in den Tod und seiner sinnstiftenden Bedeutung danach. Nach ‚Die Verwaltung des Todes‘ (2012) ist vorliegendes Buch ‚Sinnbilder und Abschiedsgesten‘ ein weiteres Werk der beiden Autoren, das aus einer mehrjährigen sozialwissenschaftlichen Forschungsarbeit an der Universität Frankfurt resultiert und den Wandel der Bestattungskultur sowie Veränderungen der Friedhofskultur zum Thema hatte.

Autoren

Thorsten Benkel ist seit 2006 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Geschichte und Systematik sozialwissenschaftlicher Theoriebildung im Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Goethe Universität Frankfurt am Main. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die Wissenssoziologie, Mikrosoziologie, Empirische Sozialforschung, Rechtssoziologie, Soziologie der Sexualität und Soziologie der Kunst. Benkel ist Autor und Herausgeber mehrerer Bücher, in denen er wesentliche Erkenntnisse vor allem aus Forschungsprojekten einer Leserschaft näherbringt. Derzeit schreibt er seine Habilitation zum Thema ‚Beobachten und beobachtet werden – Zur sozialen Relevanz von Visualität.

Matthias Meitzler ist als wissenschaftlicher Mitarbeiter von Thorsten Benkel an der Goethe Universität Frankfurt am Main an diversen Forschungsprojekten beteiligt. Zu seinen jüngsten Veröffentlichungen in Buchform zählt unter anderem auch das Werk ‚Soziologie der Vergänglichkeit. Zeit, Altern, Tod und Erinnern im gesellschaftlichen Kontext‘, erschienen 2011.

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht nach einer Einleitung aus mehreren Hauptteilen:

  1. der erste Teil gibt Einblicke in ‚Das Schweigen des toten Körpers‘ aus der Feder von Thorsten Benkel,
  2. der zweite Teil umfasst einen anschaulichen, literarisch untermalten Bildteil,
  3. der dritte und letzte Teil von Matthias Meitzler legt die ‚Bestattungskultur im sozialen Wandel. ‘ dar.

Es gibt kein Leben ohne Tod, entsprechend scheint uns Lebenden nichts gewisser als der Tod zu sein. Leben und Sterben, Tod und Trauer existieren nebeneinander und durch einander; in dem wir leben, sterben wir auch, der Tod ist das unabwendbare Ende unserer Existenz. Aber ist damit auch wirklich das Ende aller sozialen Verhältnisse eingeleitet? Sich dem Tod zu nähern ist schwierig, gedanklich und in der Zuschreibung von Sinnhaftigkeitskonstruktionen, da wir ja die Erfahrungen des Todes nicht selbst gemacht haben, werden unsere Erfahrungen zu Erfahrungen der Kommunikation über den Tod. Ein allgemein gültiges Bewusstsein über den Tod kann es so nicht geben, lediglich viele Sichtweisen auf den Tod. Was wir allerdings sehen können, ist der tote Körper und unsere Auffassung davon als ‚empfindungslos‘. Benkel versucht in seiner Darstellung über den toten Körper (Teil I) zu zeigen, dass gegenwärtig und aufgrund von Entstandardisierung und Individualisierung von Friedhöfen die Tendenz besteht, Körper nicht nur als Restprodukte zu entwerten, die beliebig eingeäschert oder vergraben werden können. Vielmehr zeigt sich eine Aufwertung als „Symbol und ‚Objekt‘ erinnerter Lebensweltlichkeit“ (S. 11). Der Körper bleibt zunächst, auch wenn der Mensch nicht mehr ist. Das wirft die Frage nach der Funktion dieses Überrestes auf, und wird je nach Disziplin unterschiedlich zu beantworten versucht. Für die Soziologie insbesondere interessant ist die Frage, ob eine Person auch dann noch eine Person bleibt, wenn sie den Status tot zugewiesen bekommt. Der Körper mag zwar als Rest gelten, doch es ist immer noch die Essenz der Person, die durch Erinnerungen unterschiedlichster Ausdrucksformen als Zielsubjekt adressiert wird. Zu beobachten jedenfalls ist, dass die individuellen Lebenswelten der Toten zunehmend in den Vordergrund rücken und damit die Tendenz, die Persönlichkeit des Toten zurückgewandt in den Blick zu nehmen. Es gibt also zwei Körper des Toten, wie Benkel resümiert und es ist der lebendige Leib, der aktive Körper, an dessen Aktionen und Berührungen sich Angehörige erinnern, der sich dem gedanklichen Rückblick offenbart, „anwesend in Abwesenheit“ (S. 79). Dieser Körper stirbt nicht, da er ja erst post mortem entstanden ist, wenn der tatsächliche erste Körper im Laufe der Zeit altert und dem Verfall ausgeliefert ist. So gesehen ist der tote Körper „das Resultat einer Art erkenntnislogischer Festlegung, die ihn als ‚gewesenen‘ Menschen definiert, denn der leblose Körper verliert offenbar qua Zuschreibung das Recht, ein vollwertiger Mensch zu sein.“ (S. 71).

Im Bildteil (Teil II) beschreibt Benkel zunächst die ‚doppelte Distanz der Bilder‘, daran anschließend folgt ein Sammelsurium an Bildmaterialen von Grabinschriften und Erinnerungsgegenständen nach unterschiedlichen Kategorisierungen, wie etwa Adressierungen, Familienverhältnisse und Partnerschaften, Kindergräber oder Gesichter des Lebens, Bebilderungen mit Darstellungen von Verstorbenen, deren Lebenswelt damit auch visuell am Friedhof Einzug hält (S. 199).

Im abschließenden Teil (Teil III) schreibt Matthias Meitzler über den Wandel innerhalb der Sepulkralkultur, denn auch die Art und Weise, wie wir unsere Toten bestatten, ist Ausdruck eines sozialen Wandels und unserer Umgangsformen mit Sterben, Tod und Trauer insgesamt. Die traditionelle Erdbestattung ist heute nur mehr eine von vielen Möglichkeiten und seit Jahren rückläufig. Die gegenwärtigen Veränderungen zeigen sich auch in alternativen Bestattungsformen wie Aschenverstreuungen oder Beisetzungen in der freien Natur und können dementsprechend noch viele neue Gesichter annehmen. Denn das Bestattungsangebot ändert sich heute vergleichsweise schnell und bietet zudem einen Ausbruch aus teilweise streng reglementierten, wenn auch etablierten Konventionen, die der Individualisierungsthese zuwider zu laufen scheinen. Wenn auch die neu gewonnene Gestaltungs- und Sinnfreiheit einen Autonomiezuwachs für Angehörige bedeutet, konstatieren Gegner den Verfall der Friedhofskultur, auch wenn darunter mehr ein Kulturwandel verstanden werden muss (S. 271). Damit können Friedhöfe beides sein, sowohl Orte der Erinnerung als auch Orte einer lediglichen Entsorgung. Als Teil des sozialen Wandels muss auch die Entlokalisierung von Trauern und Gendenken verstanden werden, ein teilweises auseinander driften von Bestattungsort und Erinnerungsort, wie beispielsweise das Aufstellen von Kreuzen an Unfallorten oder das Einrichten von Gedenkseiten im Word Wide Web. Das alles und viel mehr können Zeugen dieses Veränderungsprozesses sein.

Diskussion

Dieses Buch ist als Fortsetzung und Vertiefung bisheriger Forschungserkenntnisse über den Wandel der Bestattungskultur und den Veränderungen der Friedhofslandschaft im Tenor westlich geprägter Vorstellungen über Sterben, Tod und Trauer zu verstehen. Damit wird ein speziell und ganz spezifischer soziologischer Blick auf den toten Körper geworfen, eine Perspektive eröffnet, die man so sicherlich noch nicht gelesen hat. Mit der visuellen Soziologie, einem relativ neuem Forschungsfeld, verknüpft mit Elementen einer Sozialtheorie, gelingt es den Autoren, die Einflussfaktoren für den Wandel der Bestattungskultur eindrucksvoll zu belegen. Hängen bleiben wird man wahrscheinlich an dem umfangreichen Bildmaterial, das die empirischen Befunde in beeindruckender Weise untermauert. Die vielen unzähligen Toten bekommen stellvertretend nicht nur ein Gesicht, es macht auch in vielerlei Hinsicht betroffen und still, die eigene Sterblichkeit im Blick. Trotz des hohen wissenschaftlichen Anspruchs gelingt es den beiden Autoren, die komplexen Sachverhalte für eine breite Leserschaft verständlich darzustellen und einen Blick auf ein Forschungsfeld zu werfen, dass so gänzlich anders und skurril anmutet, jedoch in der Auseinandersetzung damit einen neuen Blick auf den Themenkomplex Sterben, Tod und Trauer eröffnet.

Fazit

Dieses Buch hat sicherlich Aufmerksamkeit und Anerkennung verdient, nicht zuletzt aufgrund seiner Originalität und Eröffnung neuer Blickwinkel auf bislang wenig beachtete soziale Phänomene innerhalb der Sozial- und Kulturwissenschaften.


Rezensentin
Dr. Doris Lindner
Homepage www.kphvie.ac.at
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Zitiervorschlag
Doris Lindner. Rezension vom 05.03.2013 zu: Thorsten Benkel, Matthias Meitzler: Sinnbilder und Abschiedsgesten. Soziale Elemente der Bestattungskultur. Verlag Dr. Kovač (Hamburg) 2013. ISBN 978-3-8300-6177-9. Reihe: Schriften zur Kulturwissenschaft - 97. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/14550.php, Datum des Zugriffs 23.07.2016.


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