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Dominique Grisard, Ulle Jäger u.a. (Hrsg.): Verschieden sein

Cover Dominique Grisard, Ulle Jäger, Tomke König (Hrsg.): Verschieden sein. Nachdenken über Geschlecht und Differenz. Ulrike Helmer Verlag (Sulzbach/Taunus) 2013. 400 Seiten. ISBN 978-3-89741-350-4. D: 32,95 EUR, A: 33,90 EUR, CH: 44,90 sFr.
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Wie ist es möglich, ohne Angst verschieden zu sein?

Festschriften entstehen aus unterschiedlichen Motiven. Sie können „Pflichtübungen“ sein oder „Bedürfnisse“. Letzteres dürfte zutreffen, wenn wir den Sammelband „Verschieden sein“ betrachten, der von Wegbegleiter_innen, Kolleg_innen und Freund_innen der Basler Philosophin und Genderforscherin Andrea Maihofer zu ihrem 60. Geburtstag zugeeignet wird. In den Zeiten, in denen Begriffe wie „Heterogenität“ ganz oben auf der Agenda eines Weltgeschehens stehen, dass sich immer interdependenter, entgrenzender, verunsichernder und ungerechter gestaltet und Differenzerfahrungen als Irritation der eigenen kulturellen Anschauungen schafft (vgl. dazu auch: Sylke Bartmann / Oliver Immel, Hg., Das Vertraute und das Fremde. Differenzerfahrung und Fremdverstehen im Interkulturalitätsdiskurs, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/12833.php), in denen „Verletzlichkeiten“ sogar gekonnt filmisch dargestellt werden und der Wunsch nach individuellen und gesellschaftlichen Veränderungen in der Luft liegt (Philippe Pozzo di Borgo / Laurent de Cherisey / Jean Vanier, Ziemlich verletzlich, ziemlich stark. Wege zu einer solidarischen Gesellschaft, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14430.php), in denen die „Commons-Community“ zum Perspektivenwechsel gegen das ökonomische und existentiell-gefährdende Immer-Mehr-Immer-Schneller-Immer-Höher aufruft und als Alternative gegen den Wachstumswahn in der Welt „Teilen ist Mehr wert“ stellt (Silke Helfrich / Heinrich-Böll-Stiftung, Hrsg., Commons. Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13482.php), in denen die Mahnungen nicht fehlen, die fortschreitenden Prekarisierungen begünstige nationalistisch-ausgrenzende Orientierungen (Thomas Lühr,: Prekarisierung und ?Rechtspopulismus?. Lohnarbeit und Klassensubjektivität in der Krise, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11297.php), in denen Anklagen gegen die vielfältigen Unmenschlichkeiten in der Welt zuhauf zu hören sind (Ronald Lutz / Corinna Frey, Hrsg., Poverty and poverty reduction. Strategies in a global and regional context, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/13380.php), in denen die Berichte zur Lage der Welt sich von Jahr zu Jahr katastrophaler anhören (vgl. dazu die jährlich erscheinenden Berichte des New Yorker World Watch Institute, in: socialnet.rezensionen), in denen die Fragen nach den Ordnungen in der Welt immer drängender werden (Ian Morris, Wer regiert die Welt? Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12186.php ), in denen die Ausbreitung von Fundamentalismen, Nationalismen und Traditionalismen Thema in der Gesellschafts- und Politikanalyse ist ( Hermann Mückler / Gerald Faschingeder, Hrsg., Tradition und Traditionalismus. Zur Instrumentalisierung eines Identitätskonzepts, 2012, http://www.socialnet.de/rezensionen/12770.php ), in denen Macht neu definiert wird ( Joseph Nye, Macht im 21. Jahrhundert. Politische Strategien für ein neues Zeitalter, 2011, http://www.socialnet.de/rezensionen/13126.php ), in denen der Kontrollverlust als Alltagserfahrung testiert wird ( Bernhard Pörksen / Hanne Detel, Der entfesselte Skandal. Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13302.php ) und das „große Vermeiden“ in der Politik angesagt ist ( Bernhard Pörksen / Wolfgang Krischke, Hrsg., Die gehetzte Politik. Die neue Macht der Medien und Märkte, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/14641.php), in denen es darum geht, Ängste und Ideologien beim Wort zu nehmen, um sie zu durchschauen (Doug Saunders, Mythos Überfremdung. Eine Abrechnung, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14487.php) und humanes Verhalten zu realisieren (Siegfried Schumann, Individuelles Verhalten. Möglichkeiten der Erforschung durch Einstellungen, Werte und Persönlichkeit, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/12920.php), nicht zuletzt, um ermöglichende und behindernde Formen des Lernens als pädagogisches Ziel zu entwickeln (Joachim Schwohl / Tanja Sturm, Hrsg., Inklusion als Herausforderung schulischer Entwicklung. Widersprüche und Perspektiven eines erziehungswissenschaftlichen Diskurses, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10651.php), und menschliche Vitalität als Lebenskraft zu begreifen (Daniel N. Stern, Ausdrucksformen der Vitalität, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11513.php) – sind Fragen nach der Verschiedenheit der Menschen in der Einheit der Menschheit von Bedeutung.

Entstehungshintergrund und Herausgeberteam

Menschliche Erwartungshaltungen und Perspektiven gründen ja entweder auf den pessimistischen, naturrechtlichen Auffassungen, dass der Mensch des Menschen Wolf sei (Titus Maccius Plautus / Thomas Hobbes), oder darauf, dass er ein zôon politikon, ein politisches Lebewesen sei, das mit Verstand und dem Willen zu einem „guten Leben“ ausgestattet und darauf angewiesen ist, in Gemeinschaft mit Menschen zu leben (Aristoteles). Die Fragen, die sich zu den jeweiligen Positionen stellen, orientieren sich dabei in gleicher Weise daran, wie die Verschiedenheiten der Menschen betrachtet und philosophisch und praktisch ausgelegt werden.

Die Philosophin und Gesellschaftsforscherin Andrea Maihofer ist Leiterin des Zentrums Gender Studies an der Universität Basel. Ihr Forschungsinteresse liegt in den Bereichen Geschlechtertheorie, Gesellschaftstheorie und Geschlechterforschung. Sie geht dabei der Frage nach: „Wie ist es möglich, ohne Angst verschieden zu sein?“. Darin zeigen sich sowohl utopische Vorstellungen, als auch realistische, in den jeweiligen Gesellschaften, Kulturen und Gemeinschaften „gemachte“ Entwicklungen. Ihr Ziel ist es herauszuarbeiten, die Anerkennung der Differenz nicht nur durch die Verwirklichung eines gleichberechtigten Lebens von Frauen und Männern zu erreichen, sondern eine Reformulierung des bestehenden Gleichheitsverständnisses vorzunehmen, „als normative Anforderung, sich unablässig geschlechtlich zu differenzieren, kurz: eine niemals abgeschlossene vergeschlechtlichende und vergesellschaftlichte Sozialisation, die zur Inkorporierung von Geschlechterdifferenz und damit der Herausbildung eines weiblichen oder männlichen Habitus führt“ (vgl. dazu auch: Florian von Rosenberg, Bildung und Habitustransformation. Empirische Rekonstruktionen und bildungstheoretische Reflexionen, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12015.php; sowie: Sophia Könemann / Anne Stähr, Hrsg., Das Geschlecht der Anderen. Figuren der Alterität: Kriminologie, Psychiatrie, Ethnologie und Zoologie, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12399.php).

Schülerinnen und Mitarbeiterinnen von Andrea Maihofer, Dominique Grisard, derzeit Gastwissenschaftlerin an der Columbia University, Ulle Jäger, Supervisorin/Coach für Nachwuchswissenschaftler_innen in Deutschland und der Schweiz und Tomke König, Professorin für Geschlechtersoziologie an der Universität Bielefeld, geben den Sammelband heraus, in Anerkennung und Würdigung ihrer wissenschaftlichen Arbeit und ihres Anspruchs, „gesellschaftskritisches Wissen jenseits disziplinärer Eingrenzung zu produzieren und in die Praxis zu übersetzen sowie ihre(r) Utopie einer Gesellschaft, in der es sich ohne Angst verschieden sein lässt“.

Aufbau und Inhalt

Neben der Einleitung und dem Abdruck des für die Laudator_innen wegweisenden Aufsatzes von Andrea Maihofer – „Geschlechterdifferenz – eine obsolete Kategorie? (2001) – wird der Sammelband in vier Kapitel gegliedert und mit einem Epilog von Andrea Maihofer abgeschlossen.

Im ersten Kapitel „Gleichheit in der Differenz – Differenz in der Gleichheit“ setzt sich der Lehrbeauftragte an der Basler Universität, Stephan Meyer, mit seinem Beitrag in englischer Sprache „Narrative Identity and the Recognition of Difference“ mit der Bedeutung von (auto-)biografischen Bekenntnissen für die Selbstfindung und Identifizierung von individuellen und gesellschaftlichen Narrativen auseinander. Die theoretische Grundlegung der dreidimensionalen „Theory of Narrative Identity Practices“ verbindet er mit einer Interpretation der von Andrea Maihofer in ihrem Einleitungsbeitrag vorangestellten kurzen biographischen Bemerkungen. Und er stellt, auch unter Einbeziehung von Forschungsarbeiten von Seyla Benhabib und Nancy Fraser, fest: „According to such a multivalent account we are encouraged to see narrative identity practices as an amalgam constituting discourses of power, subjectivation and emancipation…“ (vgl. auch: Seyla Benhabib, Die Rechte der Anderen. Ausländer, Migranten, Bürger, 2008, www.socialnet.de/rezensionen/7276.php).

Die Hamburger Philosophin Antke Engel nimmt in ihrem Beitrag „Trans_Androgynie“ die Maihoferschen Positionen zur Geschlechterdifferenz auf, stimmt ihnen auch unter Berücksichtigung von Denkprozessen zu, wie sie sich bei Antonio Gramsci, Michel Foucault, Ernesto Laclau, Chantal Mouffe und Judith Butler finden, nimmt aber auch gleichzeitig gesellschaftskritische Korrekturen vor, indem sie hegemonietheoretisch auf Ambiguität, Paradoxie und Antagonismus verweist und mit der „Trans_Antrogynie“ als einer „queer-feministischen Politik der Geschlechterdifferenz“ den Versuch unternimmt, „die dichotome Geschlechterunterscheidung zwar von Zeit zu Zeit in den Vordergrund zu rücken, um darauf begründete Hierarchien, Normalisierungen und Herrschaftsverhältnisse anfechten zu können, gleichzeitig jedoch einer Vervielfältigung und prinzipiellen Unbestimmbarkeit der Geschlechterdifferenzen das Wort zu reden, um die Legitimation von heteronormativen Zurichtungen und Ausschlüssen zu untergraben“.

Die Basler Politikwissenschaftlerin Isabell Lorey reflektiert „Das Differente und das Prekäre“. Im Spannungsverhältnis von Gleichheit und Differenz haben prekäre Situationen und Befindlichkeiten, nicht nur in ökonomischen Zusammenhängen, sondern auch als „Präkärsein als Geteiltes und Teilendes“ eine existentielle Bedeutung: „Das Prekärsein als prekäres Mit-Sein ist eine Bedingung jeden Lebens“. Die Autorin kann deshalb feststellen: „Alle Menschen sind gleich, weil alle grundlegend prekär sind“. Diese Einsicht ist erst einmal nicht im aufgeklärten Bewusstsein grundgelegt, sondern muss kritisch befragt und politisch hergestellt werden; etwa durch die Erkenntnis, dass „Prekarität als hierarchisierte Differenz … durch … Klassifizierung des Geteilten ( ) Ungleichheit (produziert)“.

Die Basler Philosophin Katrin Meyer positioniert sich mit ihrem Beitrag „Die Macht der Verschleierung“ zur Wahrheitsfrage in der feministischen Kritik an Ideologie, Macht und Hegemonie. Die Paradoxie von Ideologien und Ideologiekritik besteht ja darin, dass sie, im Sinne Adornos, wahr und falsch zugleich sind, was zur Folge hat, dass das Nachdenken über die Würde des Menschen niemals autoritativ oder hegemonial erfolgen kann, sondern „wenn sich Menschen über Wahrheit und Falschheit verständigen und davon ausgehen, dass sich diese nur gemeinsam finden lassen“. Es ist somit der „normative Wille zur gemeinsam geteilten Wahrheit“, der Verständnis und Verständigung ermöglicht, wie er gleichzeitig die Forderung erhebt, Handlungsmacht und Teilhaberechte einzufordern (siehe dazu auch: Peter Brüger / Jörg Lau, Hrsg., Sag die Wahrheit! Warum jeder ein Nonkonformist sein will, aber nur wenige es sind, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12494.php; sowie: Heinz von Foerster / Bernhard Pörksen, Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners. Gespräche für Skeptiker, http://www.socialnet.de/rezensionen/13980.php).

Die an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg lehrende Philosophin und Gesellschaftstheoretikerin Elisabeth Conradi diskutiert in ihrem Beitrag „Gesellschaftlicher Wandel durch Andershandeln und die politische Strategie der Differenz“. In Anlehnung, gleichzeitig aber den Versuch einer Weiterentwicklung der Maihoferschen Theoriebildungen, reflektiert die Autorin die Kategorien „Achtsamkeit und gelebte Akzeptanz“ als Strategien der Differenz einer „Care-Ethik“. Mit zivilgesellschaftlichem Andershandeln lässt sich eine Transformation von bestehenden und dominanten Formen und Normen vollziehen. Die Handlungsstrategien – Reflektieren, Erinnern, Übersetzen – können dazu beitragen, „Diskriminierung zu verringern und Inklusion zu bewirken“.

Die Philosophin und Sozialwissenschaftlerin Katharina Pühl ist als Referentin für feministische Gesellschafts- und Kapitalismusanalyse bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin tätig. Mit ihrem Beitrag „Auf dem Weg zum dynamischen historischen Tableau“ entwirft sie eine kritische Gesellschaftstheorie des Geschlechts, indem sie die vielfältigen Arbeitszusammenhänge und Vernetzungen der feministischen Theoriediskussionen zusammenführt und ein „Tableau“ erstellt, um im „Sinne einer Zeitdiagnose die (Un-)Gleichzeitigkeiten von Wandel und Persistenz der Geschlechter und Geschlechterverhältnisse vielschichtig zu beschreiben“. Sie zeigt Perspektiven und Herausforderungen auf, wie eine künftige, kritische Gesellschaftstheorie des Geschlechts konstituiert werden kann, angesichts der „drohende(n) oder vielmehr (der) real schon weitgehend vollzogene(n) Enteignung, Marginalisierung, Delegitimierung und politische(n) Entmächtigung der gesellschaftlichen Mitwirkungsmechanismen“, eine notwendige Herausforderung.

Das zweite Kapitel „Geschlechterverhältnisse ‚in‘ den Individuen“ eröffnet die Frankfurter Soziologin und Sozialpädagogin Alexandra Rau mit dem Beitrag „Geschlecht und Psychopolitik“, indem sie über das Verhältnis von Subjektivierung und Macht nachdenkt. Sie greift dabei die Maihofersche Prämisse auf, dass sich Geschlechterverhältnisse ( )… nicht nur in den gesellschaftlichen Strukturen (reproduzieren), sondern auch ‚in‘ den Individuen“. Die Bedeutung, die psychische Phänomene in (westlichen) Gesellschaften einnehmen, haben dazu geführt, „dass Individuen in einem längeren historischen Prozess … gelernt haben, psychische Wesen zu sein und ihr Verhältnis zu sich selbst wie auch zu anderen in Begriffen eines psycho-logischen Wissens zu deuten und zu praktizieren“. Diese Entwicklung verdeutlicht sich in der „Psychopolitik“, die sich im individuellen wie im Erwerbs- und gesellschaftlichen Leben: „Subjekt zu sein heißt demzufolge immer schon, vergeschtlechtlichtes wie auch psycho-logisches Subjekt zu sein“.

Die Psychologin Anelies Kaiser, die die Professur „Kognitionswissenschaft und Genderforschung“ an der Universität Freiburg im Breisgau vertritt, nimmt in ihrem Text „Zum (An)Erkennen von Gleichheit und Differenz in Geschlechterforschung und Neurowissenschaft“ einen kritischen Vergleich vor. Das Verständnis von Unterschied und Differenz im neurowissenschaftlichen Kontext wird in der Forschung kontrovers diskutiert, was zu ganz unterschiedlichen Auffassungen und Bewertungsmaßstäben führt (David Eagleman, Inkognito. Die geheimen Eigenleben unseres Gehirns, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13120.php, contra: Ulrich Salaschek, Der Mensch als neuronale Maschine? Hirnbilder, Menschenbilder, Bildungsperspektiven, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13257.php).

Die Basler Biologin und Kulturwissenschaftlerin Kerstin Palm reflektiert „Biologische Dimensionen emanzipativer Körperkonzepte“. Sie weist darauf hin, dass biologische Kategorisierungen zur Geschlechterdifferenz abgelöst werden durch rigorose ökonomisch-strukturale Differenzperspektiven, die durch den sozialwissenschaftlichen Blick in den Vordergrund rücken, während sich der biologische Blick auf die Körperkonstitution richtet. Sie plädiert für eine intensivere Kooperation zwischen Biologie und Sozialwissenschaft: „Das Innere des Körpers wird damit kenntlich gemacht als Teil der materiellen Bedingungen individueller sozialer Existenz, das nicht in den sozialen Inszenierungen aufgeht, sondern darüber hinausgehend spezifisch biologisch mit dem sozialen Kontext korrespondiert“.

Die wissenschaftliche Mitarbeiterin an der AG Geschlechterforschung der Universität Göttingen, Uta Schirmer, setzt sich mit der „Wirklichkeit trans*-queerer Existenzweisen“ auseinander. Sie fragt nach der Gültigkeit und Logik einer auf zwei Geschlechter fokussierten Geschlechterdifferenz, zeigt alternative Existenzweisen auf und fordert zur „Anerkennung einer geschlechtlichen Differenz beziehungsweise einer Differenz des Geschlechtlichseins (auf), die nicht in ‚der‘ Geschlechterdifferenz aufgeht, sondern sich erst in ihrer Differenz zur Zweigeschlechtlichkeit selbst als spezifisch artikuliert“.

Im dritten Kapitel „Geschlechterdifferenz: Weiblichkeit(en) und Männlichkeit(en)“ thematisiert die Basler Dramaturgin und Theologin Andrea Zimmermann anhand der historischen Praxis der Mimesis, der (theatralen und spielerischen) Nachahmung, Fragen zu Ähnlichkeiten und Unterschieden. Am Beispiel der Schriften der französischen Philosophin und Psychoanalytikerin Luce Irigaray sucht die Autorin nach Möglichkeiten, „das kritische Nachdenken über die Effekte der hegemonialen Geschlechterordnung (mit der) Suche nach neuen sprachlichen Strukturen und Formen (zu verbinden), um diese Ordnung auf utopische Räume hin zu überschreiten“. Es geht um das „Sich-ähnlich-Machen“, sowohl im Sinne des Verhältnisses zwischen Ich und Anderem, als auch als ästhetische Praxis. Die Metapher „Eine bewegt sich nicht ohne die andere“ symbolisiert die Notwendigkeit, die Utopie „eines neuen Verhältnisses zwischen Subjektivitäten (zu denken), der Raum lässt für Differenz“.

Die Sozialwissenschaftlerin Jana Häberlein stellt in ihrem Beitrag „Heil Dir Helvetia – zieh jetz e Burka aa“ Betrachtungen an, wie der „Schweizer Okzident“ auf Gewohnheiten und Mentalitäten von gesellschaftlichen Minderheiten und Fremden im Land reagiert. Als Beispiel dient ihr der „Badistreit“. Im separaten Bereich des Basler Eglisee-Freibades entstanden Auseinandersetzungen darüber, ob muslimische Badegäste des Frauenschwimmbades sich mit Kopftuch im Bad aufhalten und verlangen dürften, dass in dem Bereich nur weibliche Bademeisterinnen und Sicherheitspersonal tätig sein können. Bei der traditionellen Aufstellung von sogenannten Laternen, mehrere Meter hohe, trapezförmige Holzgerüste, zur Basler Fasnacht 2011 auf dem Münsterplatz, wurde von einer Fasnachts-Clique eine „Laterne“ präsentiert, die sich mit dem Streit im Frauenbad befasste. Die überzeichneten Stilisierungen der muslimischen Frau als „verhüllte“, fremde Person, die angestammte Sitten und Gebräuche missachtet und sich damit als ein Angriff auf kulturelle Gewohnheiten darstellt, werden im Verlauf des öffentlichen Streits mit Stereotypen vermischt und korrespondieren mit der Aufforderung der Autorin, kulturalisierte Dominanzverhältnisse und rassistische Differenzvorstellungen zu überdenken.

Die Basler Kulturwissenschaftlerin Christa Binswanger denkt über „(Re-)Figurierungen von Angst in sexuellen Begegnungen“ nach, indem sie die Entwicklung und die Diskurse bei den sozialen Bewegungen des Feminismus reflektiert und feststellt: „Phänomene der Angst im Zusammenhang mit Sexualität sind vielschichtig und lassen sich unterschiedlich deuten“. In der Gegenüberstellung der von Adorno und Horkheimer (1973) formulierten „Angstfreiheit“ auf der einen und von Sara Ahmed (2004) postulierten „Anhaftung“ auf der anderen Seite sieht die Autorin jedoch eine Ähnlichkeit, die sich in der „Verknüpfung von Politik und Emotion“ darstellt.

Die Zürcher Sozialgeografin Karin Schwiter berichtet über ihre Untersuchungen zu „Selbstkonzepte(n) junger Erwachsener“ in der deutschsprachigen Schweiz. Mit ihren Forschungsfragen ermittelt sie, „wie junge Erwachsene heute Gleich- und Verschiedenheit sowie insbesondere Geschlechterdifferenz denken“. Ihre Befunde weichen dabei von bisherigen Annahmen und Thesenbildungen ab, indem sie eine „neoliberale Gouvernementalität“ feststellt, die in „eine (r) hegemoniale(n) Denkweise (besteht), welche die Autonomie und die Wahlfreiheit der Einzelnen betont und dabei gleichzeitig die kollektive Verantwortung für gesellschaftliche Probleme zurückweist“.

Das vierte Kapitel „Geschlechterdordnung(en): Väter, Mütter, Familien“ beginnt die Basler Archäologin und Ethnologin Brigitte Röder mit ihrem Beitrag über „Urmenschliche Bürger – bürgerliche Urmenschen“. Sie weist auf vielfältige Aspekte und Befunde „zur Archaisierung des bürgerlichen Geschlechter- und Familienmodells über die Urgeschichte“ hin und verdeutlicht Formen der Reproduktion der bürgerlichen Gesellschafts- und Geschlechterordnung. Sie kritisiert dabei, dass in der Forschung und Tradierung des traditionellen Geschlechtermodells die Begriffe „Urzustand“ und „Naturzustand“ synonym verwendet werden und schlägt vor, die „Lehre von den Anfängen“ dahingehend zu korrigieren, das Rekurrieren auf einen vermeintlichen „Urzustand“ als „Archaisierung“ und den Rückgriff auf einen postulierten „Naturzustand“ als „Naturalisierung“ zu bezeichnen. Damit nämlich würden Spekulationen verhindert und Selbstvergewisserungen ermöglicht.

Der Basler Soziologe Karsten Kassner und die Soziologinnen Nina Wehner und Diana Baumgarten berichten über das von 2007 bis 2010 durchgeführte Forschungsprojekt „Warum werden manche Männer Väter, andere nicht? Bedingungen von Vaterschaft heute“. Sie titeln ihren Beitrag: „Vater sein: Fast genauso gut wie Mütter oder anders?“. Dabei zeigen sich sowohl, dass individuelle Vorstellungen Vaterschaft und väterlichen Kompetenzen im Privaten sowohl den öffentlichen und gesellschaftlichen Erwartungen entsprechen, als auch von diesen abweichen, dass es also „für Männer schwierig ist, sich von den gesellschaftlichen Erwartungen abzugrenzen, die Mütterlichkeit zum Inbegriff von Fürsorglichkeit machen und väterliche Fürsorge nicht als Bestandteil von Männlichkeit anerkennen“.

Die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut Beratung, Coaching und Sozialmanagement der Fachhochschule Nordwestschweiz, Marianne Hänseler und die Philosophin und Kulturwissenschaftlerin von der ETH Zürich, Patricia Purtschert führen in ihrem Beitrag „Mutter werden. Befreiende Vielfalt?“ ein fragmentarisch-anekdotisches queer-philosophisches Gespräch. Im Dialog werden Frustrationen, Ärgernisse, Unverschämtheiten, Unverständlichkeiten und Missverständnisse deutlich, genau so wie Selbstbewusstsein und gleichberechtigte Anforderungen bei der Erziehung von Mädchen, die von der Umgebung als Jungen und umgekehrt angesehen werden.

Eveline Y. Nay, die derzeit als visiting scholar an der Columbia University in New York tätig ist und bei Andrea Maihofer zu „Queeren Familien“ promoviert, erörtert in ihrem Beitrag „Feeling Differently“ affektive Politiken der Gleichheit in Differenz. Dabei fokussiert sie ihre Ausführungen auf die Bedeutung von Gefühlen bei so genannten „Regenbogenfamilien“. Sie zeigt affektive Dimensionen von Politik auf, die ein alternatives Verständnis von Gleichheit und Differenz aufweisen und sich in dem Motto „We Who Feel Differently“ ausdrücken.

Die Büroleiterin des Referats Genderforschung an der Universität Wien, Sushila Mesquita, referiert am Beispiel des Schweizer Partnerschaftsgesetzes über die „Problematik rechtlicher Gleichstellungspolitik“. Sie rekurriert dabei einerseits auf die Rechtsnorm: „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich“ und bezieht sich andererseits auf die Maihofersche Analyse von der „ambivalente(n) Dynamik des modernen Gleichheitsdiskurses“. Das Dilemma zeigt sich darin, „dass nicht nur Gleiches nicht ungleich behandelt werden darf, sondern das wesentlich Ungleiches ungleich behandelt werden muss“. Eine zufriedenstellende Lösung ist noch nicht gefunden; jedoch eine zukünftige Perspektive, wie sie von Christina Schenk (2005) vorgeschlagen wird: „Gleiche Lebenslagen müssen gleich behandelt werden – unabhängig davon, welche Gruppenzugehörigkeit oder Identität die Betroffenen haben“.

Fazit

Wenn Andrea Maihofer in ihrem an 12. Februar 2012 im Rahmen eines studentisch organisierten Workshops an der Humboldt-Universität in Berlin gehaltenen Vortrag über „Feministische Philosophie?!“, der als Epilog im Sammelband abgedruckt wird, äußert, dass „Philosophie als eine spezifische Haltung zur Welt…für mich aus meinem Leben nicht wegzudenken (ist)“, will sie deutlich machen, dass Philosophieren für sie „überhaupt in kritisches Denken und bestimmt auch mein Verständnis von feministischer Philosophie“ darstellt (vgl. auch: Herbert Schnädelbach, Was Philosophen wissen und was man von ihnen lernen kann, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13290.php).

Die Beiträge, wie sie im Sammelband, der zu Ehren von Andrea Maihofer von ihren Schüler_innen und Kooperationspartner_innen geschrieben werden, fokussieren auf der Maihoferschen Frage: „Wie kann der Mensch ohne Angst verschieden sein“. Die Antworten darauf sind eindeutig: Wenn es gelingt zu erkennen, dass „unser Denken, Wahrnehmen, Fühlen und Handeln immer schon ein vergesellschaftlichtes und vergeschlechtlichendes ist und welche Bedeutung dies hat“. Es dürfte gelungen sein, die unterschiedlichen Reflexionen, Fragestellungen und Weiterführungen der von Andrea Maihofer und ihren Apologeten entwickelten gesellschaftskritischen Theorien und Modellbildungen aufzufächern und weiter zu entwickeln.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 26.03.2013 zu: Dominique Grisard, Ulle Jäger, Tomke König (Hrsg.): Verschieden sein. Nachdenken über Geschlecht und Differenz. Ulrike Helmer Verlag (Sulzbach/Taunus) 2013. ISBN 978-3-89741-350-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/14555.php, Datum des Zugriffs 08.12.2016.


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