socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Julian Nida-Rümelin: Philosophie einer humanen Bildung

Cover Julian Nida-Rümelin: Philosophie einer humanen Bildung. edition Körber-Stiftung (Hamburg) 2013. 220 Seiten. ISBN 978-3-89684-096-7. D: 18,00 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 25,90 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Bildungskrise = Lebenskrise

Humanität und Bildung sind von jeher ein Gespann, wenn auch nicht immer ein stimmiges. Denn Humanität bedeutet ja „entfaltete Menschlichkeit“, die darin gipfelt, ein „gutes Leben“ zu führen. Nicht ohne Grund ordnet Aristoteles dem eu zên, dem guten Leben, die gleiche Bedeutung zu wie dem guten Handeln und dem Glück (eudaimonia). Es ist deshalb angebracht, die Frage, was Glück ist, wie es sich darstellt und anfühlt, ja sogar, wie es sich „auszahlt“, in Beziehung zu setzen zu dem Anspruch, wie eine humane Bildung aussieht. Weder Glück im humanen Sinne ist ein Zufallsprodukt, das aus einem wie immer gearteten und entstandenen „glücklichen Umstand“ entsteht, noch ergibt sich Bildung aus dem Nirwana; es bedarf des aktiven, humanen Denkens und Tuns, um beides zu erreichen. Die Definition – „Glückselig ist ein Leben, dass sich durch größtmögliche Stimmigkeit und Konstanz auszeichnet (Martin Gessmann, Hrsg., Philosophisches Wörterbuch, Stuttgart 2009, in: socialnet Rezensionen unter www.socialnet.de/rezensionen/8464.php) – lässt sich auch auf die Frage, was humane Bildung ist, anwenden.

Über die „richtige“ Bildung wird seit Menschengedenken nachgedacht, gestritten und ideologisch festgelegt. Bildungseuphorien und Bildungspaniken (Heinz Bude, Bildungspanik. Was unsere Gesellschaft spaltet, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12103.php) werden auf den Markt getragen. In den Erziehungswissenschaften wird von formaler und informeller Bildung gesprochen und sogar eine „Pädagogik des Glücks“ ausgerufen (Joachim Münch / Irit Wyrobnik, Pädagogik des Glücks. Wann, wo und wie wir das Glück lernen, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11625.php). Die anthropologische Frage, wie Wirklichkeit entsteht (Lawrence LeShan, Das Rätsel der Erkenntnis. Wie Realität entsteht, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13512.php), wird konfrontiert mit der Auffassung, dass der Mensch grundlegend nicht ein weltfremdes, sondern ein welthaftes Wesen sei (Wolfgang Welsch, Homo mundanus. Jenseits der anthropischen Denkform der Moderne, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14323.php).

Entstehungshintergrund und Autor

Der Bildungsdiskurs ist in Bewegung, manche sagen, ins Schlingern geraten; zum einen, dass (scheinbare) Selbstverständlichkeiten, Gewohnheiten und postulierte Wahrheiten durch die sich immer interdependenter, entgrenzender und sich unsicher entwickelnde (Eine?) Welt in Frage gestellt werden (Manfred Lütz, Bluff! Die Fälschung der Welt, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14059.php), zum anderen, dass Identitäten sich verändern (Hermann Mückler / Gerald Faschingeder, Hrsg., Tradition und Traditionalismus. Zur Instrumentalisierung eines Identitätskonzepts, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/12770.php). Es ist nicht zuletzt die (wachsende?) Erkenntnis, dass die Menschheit nicht überleben wird, wenn es nicht gelingt, lokal und global einen Perspektivenwechsel zu vollziehen, wie dies die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ 1995 als Appell formuliert hat: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“. Das ökonomische Immer-Mehr-Denken und Handeln ist mit der Erkenntnis an den Punkt angelangt, dass wir Menschen unsere humane Existenz nur sichern und erweitern können, wenn es gelingt, ungehemmtes wirtschaftliches Wachstum durch eine Bildung für nachhaltige Entwicklung abzulösen. Die intellektuell geführte Diskussion setzt dabei an ganz unterschiedlichen Ansprüchen und Argumentationen an (z. B.: Harald Weinrich, Über das Haben. 33 Ansichten, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14000.php; Tilmann Moser, Geld, Gier & Betrug. Wie unser Vertrauen missbraucht wird – Betrachtungen eines Psychoanalytikers, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13080.php; Frank Schirrmacher, Ego. Das Spiel des Lebens, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/14767.php).

Der an der Universität München lehrende Philosoph Julian Nida-Rümelin hat sich in Theorie und politischer Praxis mehrfach zu Wort gemeldet. Es sind Fragen zur praktischen Vernunft, zur Ethik und zur politischen Philosophie. Mit seinem neuen Buch „Philosophie einer humanen Bildung“ greift er ein in die aktuellen Auseinandersetzungen darüber, was als Bildung in der Moderne zu verstehen ist. Es sind Fragen nach dem Menschenbild, das in unserer Gesellschaft vorherrscht, propagiert, diktiert oder einfach weiter geschleppt wird. Es geht darum, was Bildung ist und welche Rolle dabei die Persönlichkeitsentwicklung spielt. Es sind die Postulate und Gewohnheiten, welches Wissen in welchen Fächern vermittelt werden soll. Und es ist nicht zuletzt die Frage, wie Bildungsgerechtigkeit zu verwirklichen ist. Die Herausgeberschaft der Hamburger Körber-Stiftung (www.edition-koerber-stiftung.de) bietet die Chance, dass das Buch eine öffentliche Aufmerksamkeit findet, in Fachforen und -veranstaltungen diskutiert wird und insbesondere diejenigen anspricht, „die mit Bildung zu tun haben und die bei den aktuellen Bildungsreformen eine überzeugende kulturelle Leitidee vermissen“.

Aufbau und Inhalt

Nida-Rümelin gliedert das Buch in drei Teile.

  1. Im ersten Teil entfaltet er die „Grundlagen humaner Bildung“,
  2. im zweiten geht es um das „Bildungsziel: humane Vernunft“,
  3. und im dritten Teil stellt der Autor das „Bildungsziel: humane Praxis“ dar. Sein Leitgedanke dabei ist, „die ganze Person in den Blick zu nehmen, mit ihren kognitiven, aber auch mit ihren ästhetischen, ethischen und physischen Fähigkeiten und Bedürfnissen“.

Es sind die aus der Anthropologie abgeleiteten und entwickelten Menschenbilder, die im ersten Kapitel historisch und phänomenologisch diskutiert und zur Bildungsrelevanz und -bedeutung befragt werden. Das anthropologische Selbstverständnis gründet dabei auf der Überzeugung, „dass es in jeder gesellschaftlichen Ordnung einen Kernbestand gemeinsamer ‚anthropologischer Wertungen‘ geben muss“ und sich dadurch als normativ darstellen. Im zweiten Kapitel des ersten Teils thematisiert der Autor den „Humanismus“, indem er seine Ursprünge aufzeigt, die Grundlagen humanistischen Denkens – Vernunft, Freiheit, Verantwortung – formuliert und daraus das humanistische Bildungsverständnis gewinnt. Im dritten Kapitel nimmt er die Konzeptionen und Theorien auf, wie sie sich in einem „erneuerten Humanismus“ entwickelt haben und mit den Werten „Rationalität, Freiheit, Verantwortung“ auch im Bildungsdiskurs grundgelegt wurden.

Im zweiten Teil geht es um den Wert der humanen Vernunft. Dabei ist die Auseinandersetzung notwendig, wie sich „Einheit und Grenzen der Vernunft“ im Bildungsprozess ausprägen können, welche „Verständigung“ erforderlich ist, damit Bildung in dem Sinne entstehen kann, dass ein gebildeter Mensch „die Zugehörigkeit zu einer Lebensgemeinschaft (in) einer alltäglichen Praxis der Kooperation und Interaktion“ erkennt und lebt, über das Bewusstsein und die Kompetenz verfügt, Natur als Lebensraum zu bewahren, sich sprachlich verständigen zu können und über das Wissen verfügt und es anzuwenden vermag, dass es existentiell ist, die Welt als Gemeingut zu verstehen (Elinor Ostrom, Was mehr wird, wenn wir teilen. Vom gesellschaftlichen Wert der Gemeingüter, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11224.php) und „Teilen einer Lebenswelt“ anzustreben. Dazu bedarf es eines „empirischen und normativen Orientierungswissens“.

Im dritten Teil wird diese Notwendigkeit als „humane Praxis“ reflektiert. Es muss gesprochen werden über dianoetische, ethische und emotionale Tugenden, und über den Zustand in den Bildungsinstitutionen, die kognitive Anforderungen über emotionale, soziale und ethische stellt. Eine demokratische Gesellschaft gründet auf den Werten „Emanzipation“ und „Inklusion“, und zwar in ihren individuellen und gesellschaftspolitischen Bedeutungen und Wirkungen. Dabei packt Nida-Rümelin so heiße Eisen an wie die Infragestellung von (Besoldungs- und Berufs-)Hierarchien im öffentlichen Dienst, die mit der prekären Abwertung von Ausbildungs- und der übermäßigen Aufwertung von akademischen Berufen einhergehen. Sein Plädoyer für die Gleichbewertung von Tätigkeiten zu Diensten und zum Wohl der Gemeinschaft sollte im lokal- und globalgesellschaftlichen Diskurs endlich eine Chance bekommen, gehört und umgesetzt zu werden.

Fazit

Die auf den drei Prinzipien einer humanen Bildungstheorie und -Praxis beruhenden Pfeiler – Einheit der Person, Einheit des Wissens, Einheit der Gesellschaft – sind es wert, bedacht und im gesellschaftlichen Diskurs etabliert zu werden. Dazu gehört nicht nur, dass in der deutschen Pädagogik und Erziehungswissenschaft die Trennung von Bildung und Erziehung aufgehoben wird, sondern auch, dass es gelingen möge, Ausbildung als einen Akt der Identitätsfindung (und nicht zuvorderst als Traditions- und Karriere-Kalkulation) zu verstehen und in der beruflichen Tätigkeit das Streben hin zu einem „guten Leben“, im Sinne einer bewusst leitenden Motivation zum Humanum und nicht zum Spekulativum, zu gestalten, weil der Bildungsweg des Menschen die eigene Identität formen und weiter entwickeln sollte.

Es ist gut, dass die Reflexionen von Julian Nida-Rümelin zur „Philosophie einer humanen Bildung“ nicht mit dem erhobenen pädagogischen Zeigefinger daher kommen, auch nicht per Ex Cathedra, sondern mit argumentativer, verständlicher Sprache formuliert werden. Dazu passen auch die Ratschläge des Hamburger Philosophen Herbert Schnädelbach: „Was Philosophen wissen und was man von ihnen lernen kann“ (2012, www.socialnet.de/rezensionen/13290.php), wie auch die kritischen Einwände des Berliner Wissenschaftsjournalisten Eberhard Straub: „Zur Tyrannei der Werte“ (2010, www.socialnet.de/rezensionen/10807.php). Denn das könnte ein Rat sein, der auch von Nida-Rümelin kommen könnte: „Wer mit dem Zustand der Welt und mit sich selbst nicht zufrieden ist, muss philosophieren“, wer damit zufrieden ist oder sich auf die Suche nach einem „guten Leben“ befindet, erst recht!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
E-Mail Mailformular


Alle 1149 Rezensionen von Jos Schnurer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 27.03.2013 zu: Julian Nida-Rümelin: Philosophie einer humanen Bildung. edition Körber-Stiftung (Hamburg) 2013. ISBN 978-3-89684-096-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/14556.php, Datum des Zugriffs 05.12.2016.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 12.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!