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Tina Gadow, Christian Peucker u.a.: Wie geht´s der Kinder- und Jugendhilfe?

Cover Tina Gadow, Christian Peucker, Liane Pluto, Eric van Santen, Mike Seckinger: Wie geht´s der Kinder- und Jugendhilfe? Empirische Befunde und Analysen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. 392 Seiten. ISBN 978-3-7799-2887-4. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 38,90 sFr.

Reihe: Beiträge zur Kinder- und Jugendhilfeforschung.
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Thema

Die Kinder- und Jugendhilfe ist konfrontiert mit sich wandelnden Lebenslagen ihrer Adressatinnen und Adressaten, Konkretisierungen und Ergänzungen ihrer rechtlichen Regelungen (die sich z. B. in einer Verdoppelung der Rechtsansprüche seit In-Kraft-Treten des KJHG 1991 vermittelt) und gestiegenen gesellschaftlichen Erwartungen an ihre Dienste, Leistungen und Einrichtungen äußert (die sich, so die Bilanz im jüngsten und 14. Kinder- und Jugendbericht [2013, S. 35] in „eine(r) deutliche(n) Zunahme öffentlicher Verantwortung“ für das Aufwachsen von Kinder und Jugendlichen äußert). Parallel zu dieser „Schärfung des Profils“ ist aber auch eine „zunehmende Entgrenzung“ zu beachten, heißt es weiter im 14. Kinder- und Jugendbericht: Die Kinder- und Jugendhilfe „ist in ihren Außenbezügen immer häufiger an Schnittstellen zu anderen Zuständigkeitsbereichen aktiv. So entwickeln sich etwa an Ganztagsschulen verschiedene Formen der Kooperation mit anderen Akteuren; dies führt zu heterogenen Formen der Finanzierung, der Dienstaufsicht, der fachlichen Begleitung und ähnlichem. In anderen Feldern – etwa bei den Frühen Hilfen, in der Jugendsozialarbeit, in der Jugendberufshilfe und vielen anderen – entstehen ebenfalls immer neue Formen der Kooperation: mit dem Gesundheitswesen, den Arbeitsagenturen, der Kinder- und Jugendpsychiatrie, mit Polizei und Justiz. In all diesen Fällen tritt die Kinder- und Jugendhilfe als Partner auf, der sich an eigenen Standards, Arbeitsformen, institutionellen Settings und rechtlichen Grundlagen orientiert, sich aber zugleich auf die Logik des jeweils anderen Funktionssystems einlassen muss, um kooperieren zu können“ (ebenda, S. 35f).

Und weiter heißt es dort, es sei „zu betonen, dass das vielschichtige Ineinandergreifen von staatlicher, zivilgesellschaftlicher, marktförmiger und privat-familialer Verantwortungsübernahme für das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen kein naturwüchsiger Prozess ist, sondern als eine politische Gestaltungsaufgabe zu begreifen ist: Es bedarf eines aktiven politischen Handelns“. Insofern gehe es „auch um ein Wissen und Handeln, wie dabei jeweils die Verantwortlichkeiten zwischen den beteiligten Akteuren in die eine oder andere Richtung verschoben werden (können), um eine Vorstellung davon, wie dieses Verhältnis zukünftig ausgestaltet werden kann und soll“ (S. 40).

Damit ist der Rahmen der vorliegenden Veröffentlichung grob skizziert, ohne dass sich das Autorenkollektiv Gadow, Peucker, Pluto, von Santen und Seckinger bereits dezidiert auf den Kinder- und Jugendbericht beziehen konnte, sind doch die Aufsätze aus der Bilanz der 5. Erhebungsphase des Projekts „Jugendhilfe und sozialer Wandel“ des Deutschen Jugendinstituts/DJI (2006 bis 2010) nahezu zeitgleich entstanden. Aber das (implizite) Thema ist doch dasselbe: Ist die Kinder- und Jugendhilfe in der Lage, die sich ihr stellenden Anforderungen zu erfüllen? Kurz: Wie geht's der Kinder- und Jugendhilfe (dabei)?

Autorenkollektiv

Dr. Tina Gadow (Dipl.-Pädagogin) und Dr. Liane Pluto (M. A.) sind wissenschaftliche Referentinnen, Christian Peucker (Dipl.-Soziologe) und Dr. Mike Seckinger (Dipl. Psychologie) sind wissenschaftliche Referenten in der Abteilung Jugend und Jugendhilfe am Deutschen Jugendinstitut in München Sie alle arbeiten dort im Projekt „Jugendhilfe und sozialer Wandel – Leistungen und Strukturen“ mit. Dr. Eric van Santen (Dipl.-Soziologe) ist ebenfalls wissenschaftlicher Referent in der Abteilung Jugend und Jugendhilfe am Deutschen Jugendinstitut München und dort Grundsatzreferent für den Bereich „Jugendhilfe“.

Aufbau und Inhalt

Die vorliegende Publikation „geht der Frage nach, wie sich die Kinder- und Jugendhilfe in den letzten Jahren entwickelt hat und vor welchen Herausforderungen sie heute steht. Damit ist auch die Frage angesprochen, inwieweit die Kinder- und Jugendhilfe im Zuge sozialer Wandlungsprozesse und gesellschaftlich-politischer Entwicklungen ihrem fachlichen Selbstverständnis und Standards, wie sie sich im SGB VIII widerspiegeln, treu bleibt und treu bleiben kann“ (S. 15). Eine Antwort versuchen die drei Autoren und zwei Autorinnen in acht – jeweils namentlich nicht einzeln ausgewiesenen – Kapiteln, die dem vorliegenden Band eine Struktur in fünf Abschnitten geben:

  1. Ihre methodischen Rahmungen („Forschungsansatz und Methoden“) stellt das Autorenkollektiv an den Schluss (8. Kapitel, S. 331 – 356).
  2. Unter dem Titel „Situation der Kinder- und Jugendhilfe“ leiten „empirischen Anmerkungen zu Entwicklungen und fachlichen Herausforderungen“ das Buch ein (1. Kapitel, S. 11 – 31).
  3. Die Entwicklung der Trägerlandschaft und der Trägerpluralität (3. Kapitel, S. 84 – 109) sowie der empirische Überblick über die Angebote und die Inanspruchnahme von Diensten und Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe (Offene Jugendarbeit, Jugendsozialarbeit, institutionelle Beratung, Förderung der Erziehung in der Familie, ambulante und teilstationäre Hilfen zur Erziehung, stationäre Unterbringung, Vollzeitpflege und vorläufige Schutzmaßnahmen) als Themen das 4. Kapitels (S. 110 – 193) können als eine Einheit gelesen werden.
  4. „Strategien und Reaktionen im Umgang mit demografischen Entwicklungen“ (5. Kapitel, S. 194 – 249), die „Verwirklichung des Partizipationsgebots in der Kinder- und Jugendhilfe“ (6. Kapitel, S. 250 – 285) und die „Zusammenarbeit mit Eltern“ (7. Kapitel, S. 286 – 330) bilden den substanziellen Schwerpunkt des Bandes, werden doch hier die aktuellen Grundprobleme thematisiert, wie sie sich in den Zuschreibungen – zum Beispiel: wie umgehen mit Prozessen demografischer Individualisierung? – oder den Diskussionen in Profession und Disziplin – zum Beispiel: wie die Beteiligung der Kinder und Jugendlichen im Hilfeprozessen sichern, wie ihre Rechtsstellung garantieren? – abbilden.
  5. Im 2. Kapitel (S. 32 – 83) behandeln die Autorinnen und Autoren die Steuerungsstrategien in der Kinder- und Jugendhilfe, dies im Grunde ein (abschließender) Abschnitt, der eher der (jugendpolitischen) Bündelung der dargelegten Situationsbeschreibung dienen könnte.

18 Seiten Literatur (Literaturstand allerdings überwiegend nur bis 2010, vereinzelt auch 2011) und ein Anhang zu eigenständigen Veröffentlichungen des Autorenkollektivs zu den Teilerhebungen vervollständigen die Publikation.

Diskussion

Mit den Beiträgen des Bandes liegt ein Überblick zu den aktuelleren Entwicklungen in der Kinder- und Jugendhilfe vor. Das dichte empirische Material mit angemessener Datenqualität auf der Grundlage eigener Erhebungen (mit Rücklaufquoten z. B. bei den [Teil-] Erhebungen zwischen 32% [Jugendverbandserhebung] und 38% [stationäre Einrichtungen der Hilfen zur Erziehung] über 50% [Erhebung unter Jugendämtern] und 51% (Kita-Erhebung) bis hin zu 67% [Jugendgerichtshilfe]) und ausgewählten Daten der amtlichen Statistik zur Kinder- und Jugendhilfe stellt einen profunden Fundus dar, das in den Diskussionen über Kinder- und Jugendhilfe und den Diskursen zu deren zeitgemäßer Weiterentwicklung nutzbar sein wird.

Die Ergebnisse der fünften Erhebungsphase des Projekts „Jugendhilfe und sozialer Wandel“ verdeutlichen, „dass die Kinder- und Jugendhilfe vielerorts in vielen Bereichen auf hohem Niveau arbeitet und auch unter schwierigen Rahmenbedingungen und externem Erwartungsdruck in der Lage ist, fachliche anspruchsvolle Leistungen zu erbringen“ (S. 30f).

Teilweise wirkt die Darlegung zwar etwas zu „expertisch“ und der Anschluss an die soziale Praxis in den Handlungsfeldern der Kinder- und Jugendhilfe und ihrer Politik springt dann nicht immer sogleich ins Auge, doch ganz überwiegend ist die Datenpräsentation – bei aller Komplexität – nachvollziehbar, eindeutig und damit für die Praxis anschlussfähig.

Diskutabel sind die Schlussfolgerungen, die das Autorenkollektiv in Bezug auf die spezielleren Entwicklungsprobleme zieht, zum Beispiel zum so genannten „demografische Wandel“: „Die Kinder- und Jugendhilfe ist mit den Auswirkungen demografischer Entwicklungen konfrontiert, aber sie hat auch Einfluss auf demografische Entwicklungen, weil sie als weicher Standortfaktor zur Attraktivität einer Region beiträgt“ (S. 199). So richtig diese Einschätzung – insbesondere mit Verweis auf die Bereithaltung eines quantitativ wie qualitativ niveauvollen Angebots zum Beispiel an Kindertagsstätteneinrichtungen und -plätzen – sein mag, so wenig scheint sich diese „Erkenntnis“ freilich jugendhilfepolitisch praktisch durchzusetzen. Insoweit ist dem Autorenkollektiv zuzustimmen, das einige Sätze weiter einschränkt: „Ob die Kinder- und Jugendhilfe von den Kommunen in dieser Rolle anerkannt wird, ist allerdings eine andere Frage“, was sich zum Beispiel am Einfluss der Jugendhilfeausschüsse (oder der Jugendhilfeplanung) ablesen lässt. Und gerade hier ist die Bilanz alles andere als schmeichelhaft für die Kinder- und Jugendhilfe: Jedenfalls, so die Bilanz an dieser Stelle, hat die Jugendhilfeplanung „vergleichen mit früheren Jahren an Bedeutung verloren. Zudem sei noch nicht ausgemacht, „inwieweit bei der Ausgestaltung der Kinder- und Jugendhilfe noch auf Aushandlungsprozesse gesetzt wird oder ob nicht doch expertenorientierte, auf Kennzahlen aufbauen und Effizienzkritierien betonende Entscheidungsalgorithmen die Oberhand gewinnen“. Hier drängt sich im Befund die Charakterisierung als Steuerungsohnmacht auf, nicht zuletzt doch auch deshalb, weil „manches dafür (spricht), dass versucht wird, Ausgabensteigerungen, die aufgrund gesetzlicher Änderungen (z. B. Ausbau der Kindertagesbetreuung) unabweislich sind, durch eine Verknappung von Ressourcen in anderen Aufgabenbereichen der Kinder- und Jugendhilfe abzumildern“, ja, es werde „eine strukturelle Unterausstattung der Kinder- und Jugendhilfe sichtbar“ (S. 83).

Damit wird deutlich, worin die Chance liegt, „Wie geht's der Kinder- und Jugendhilfe?“ zu nutzen: die Expertise erschöpft sich nicht „nur“ in der Datenpräsentation, sondern in der Option für die Profession (und auch die Disziplin), auf dieser Datenbasis im jugendpolitischen Diskurs sich Raum für fachliche Argumentationen zu nehmen. Gerade mit den speziellen Themen „Steuerungsautonomie, Trägerpluralität, Angebote, Umgang mit demografischen Entwicklungen, Partizipation, Zusammenarbeit mit Eltern und das Verhältnis zur Schule“ (S. 15) wird sicherlich der „Zahn der Zeit“ getroffen.

Andererseits zeigt sich auch, dass eine (erweiterte) Publikation zu selben Thema (und ggfs. vergleichbaren Titels) auf der Grundlage einer späteren, sechsten Erhebungswelle einige Aspekte noch stärker wird integrieren und diskutieren müssen:

  • Die Konkurrenz der Kinder- und Jugendhilfe in freier und öffentlicher Trägerschaft mit freigewerblichen Anbietern von Jugendhilfeleistungen (vor allem im Bereich der erzieherischen Hilfen) wird zwar angesprochen, bedarf aber künftig sicher deutlich größerer Aufmerksamkeit, als dies jetzt noch (vgl. S. 105 – 108) der Fall ist
  • Gleiches wird für die Frage eines (möglichen) Rückzugs des öffentlichen Trägers anzunehmen sein, der in der Diskussion in der vorliegenden Veröffentlichung ebenfalls eher nachgeordnete Relevanz hat (vgl. S. 101 – 104); zu viele praktische Signale deutlichen längst darauf hin, dass dieser Prozess längst grundlegend im Gange ist. Dabei ist durchaus von einer in sich widersprüchlichen Entwicklung die Rede, denn aus Trägerberatungen heraus häufen sich auch Signale, die auf eine Re-Kommunalisierung der Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe hinauslaufen. Diese Gegensätzlichkeit aktueller Entwicklungsprozesse bildet sich in den referierten Daten nur andeutungsweise ab.
  • Und auch das Thema der Nachhaltigkeit von Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe (verkürzend und Blick verstellend oft auch als „Wirkungen“ etikettiert) ist noch deutlicher zu berücksichtigen.

Fazit

Der vorliegende Band ist all jenen dringend zu empfehlen, die in der Kinder- und Jugendhilfe praktisch und unmittelbar Verantwortung tragen (sei es als Jugend- bzw. Sozialdezernent/inn/en oder Jugendamtsleitungen), die in der Jugendhilfeplanung nicht aufgeben, tatsächlich Jugendhilfeplanung betreiben zu wollen, oder die in der Jugendpolitik „unterwegs“ sind. Auch in der Forschung, mehr noch aber in der Lehre tätige Hochschullehrerinnen und -lehrer finden in „Wie geht's der Jugendhilfe?“ zahlreiche wichtige Anregungen, auch wenn die Einschätzung des Autorenkollektiv natürlich richtig ist, dass es eine „allgemeingültige Antwort“ auf die Frage, wie es der Kinder- und Jugendhilfe gehe, nicht geben könne, „weil es die Kinder- und Jugendhilfe nicht gibt und auch gar nicht geben soll“ (S. 30).


Rezensent
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Hochschule Magdeburg/Stendal
Homepage www.PUWendt.de
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Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 26.03.2013 zu: Tina Gadow, Christian Peucker, Liane Pluto, Eric van Santen, Mike Seckinger: Wie geht´s der Kinder- und Jugendhilfe? Empirische Befunde und Analysen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. ISBN 978-3-7799-2887-4. Reihe: Beiträge zur Kinder- und Jugendhilfeforschung. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/14621.php, Datum des Zugriffs 30.05.2016.


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