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Birgit Jagusch, Britta Sievers u.a. (Hrsg.): Migrationssensibler Kinderschutz

Cover Birgit Jagusch, Britta Sievers, Ursula Teupe (Hrsg.): Migrationssensibler Kinderschutz. Ein Werkbuch. Internationale Gesellschaft für erzieherische Hilfen (IGfH) (Frankfurt am Main) 2012. 464 Seiten. ISBN 978-3-925146-84-8. 22,90 EUR.

Reihe: Grundsatzfragen - 49.
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Thema

Sind Kinder aus Migrantenfamilien besonders gefährdet? Oder sind sie besonders vor Kindeswohlgefährdung geschützt? Sind besondere kulturspezifische Kenntnisse notwendig, um mit Kindeswohlgefährdung in Migrantenfamilien umzugehen? Alle diese und noch viel mehr Fragen behandelt dieses Werkbuch „Migrationssensibler Kinderschutz“, das in keinem Jugendamt, in keiner sozialpädagogischen Einrichtung und in keiner Fachhochschulbibliothek fehlen dürfte. Zu dem Thema Migration und Kinderschutz bzw. inter- oder transkulturelle Kompetenz im Kinderschutz gibt es auffallend wenig Literatur, obwohl das Thema spätestens seit der Verstärkung des Kindesschutzes durch den § 8a des SGB VIII in den für den Kinderschutz letztlich zuständigen Behörden, den Jugendämtern bzw. dem ASD, sehr aktuell ist.

Entstehungshintergrund und Herausgeberinnen

Das Werkbuch geht auf ein Forschungsprojekt „Migrationssensibler Kinderschutz“ des Instituts für Sozialpädagogische Foschung Mainz e.V. und der Internationalen Gesellschaft für erzieherische Hilfen zurück, das von 2008-2011 durchgeführt wurde. Dieses Projekt umfasste einen großen Forschungsteil mit methodisch vielfältigen quantitativen und qualitativen Untersuchungen an drei Modellstandorten, bei dem vor allem die Dynamik zwischen Fachkräften und Migrantenfamilien sowie die Verteilung der Verdachtsmeldungen und der erzieherischen Hilfen sowie die Fachkräfte selbst bei Verdachtsfällen im Kinderschutz untersucht wurden. Parallel bzw. anschließend daran wurden verschiedene Praxisinterventionen vor allem im Weiterbildungsbereich entwickelt und getestet, um die in den Untersuchungen benannten Defizite abzubauen. Aus den Ergebnissen dieses Projekts – sowohl der Forschung als auch der Praxisempfehlungen – lebt das Werkbuch, es wird aber sinnvoll ergänzt um einige rechtliche und auch theoretische Teile.

Die Herausgeberinnen sind alle am Projekt beteiligt gewesen, die Autorinnen der Beiträge in dem Band sind entweder die Herausgeberinnen oder andere Mitarbeiterinnen aus dem Bereich Kinderschutz.

Aufbau

Das Buch ist differenziert angelegt aber übersichtlich aufgebaut, im Grunde genommen geht es vom Allgemeinen zum Besonderen und wieder zurück, wird also immer konkreter und praxisbezogener und ist mit vielen Fällen und Praxisempfehlungen angereichert, Fälle und Beispiele sind aber von Anfang an zu finden, auch die Ergebnisse des Projekts gehen von Anfang an in jedes Kapitel ein.

Der erste Teil bringt eine „Fachliche Rahmung“, also theoretische Grundlagen, einmal in Bezug auf die konzeptionelle und fachliche Entwicklung zum Kinderschutz, zum anderen in Bezug auf aktuelle Diskussionen in der Migrationsforschung. Im ersten Teil finden sich auch erste Ergebnisse des Forschungsprojektes auf einer allgemeinen Ebene: Vergleichszahlen der Kinderschutzverdachte und Bestätigungen, Einschätzungen der Fachkräfte, Interventionen und eingeleitete Hilfen etc.

Der zweite Teil ist sehr konkret – hier werden Forschungsergebnisse, Theorie und Praxisempfehlungen vermischt. Der gesamte Interventionsprozess wird in einzelnen Schritten analysiert, verglichen und intepretiert. Es geht um die Schritte Verdachtsmeldung, Kontaktanbahnung, erste Kontaktaufnahme (Falleingangsphase), Diagnostik und Planung, hier wird immer das Vorgehen bei Familien mit und ohne Migrationshintergrund verglichen, Unterschiede werden diskutiert, Schwachstellen benannt und Alternativen entwickelt .

Ein eigener Teil zu Verstehen und Kommunikation, in dem die Sprache und das Übersetzen im Fokus steht, rundet den Teil ab.

Der vierte Teil ist ein sehr umfassender Rechtsteil, in dem alle wichtigen ausländerechtlichen Aspekte und Fragen des internationalen Rechts diskutiert werden. Im vierten Teil (Schnittstrellen und Verankerung) geht es um Interventionen – zum Einen wird die Netzwerkarbeit, das heißt die Zusammenarbeit mit möglichen Kooperationspartnern wie beispielsweise Migrantenorganisationen untersucht. Abschließend wird das Konzept des migrationsensiblen Kinderschutzes konkret ausgeführt und am Beispiel einer Fortbildungsreihe erläutert.

In allen Teilen des Buches, vor allem in den praxisbezogenen, finden sich viele Beispiele, Zusammenfassungen und Empfehlungen für die Praxis. Das macht das Buch zusammen mit einem ausführlichen anhang mit vielen Adressen und Links wirklich zu einem Werkbuch.

Inhalt

Das zentrale Ziel des Werkbuches besteht darin, aus Gründen der Gleichheit und auf der Basis der Menschenrechte allen Kindern mit Migrationshintergund den gleichen Schutz vor Kindeswohlgefährdung zukommen zu lassen, wie anderen Kindern auch, ohne sie zu „Anderen“ zu machen. Der Begriff „migrationssensibel“ impliziert, dass es bei Migrantenfamilien eher um Fragen der Migrationsdynamik oder Migrationssituation, um soziale Ausgrenzung bzw. Benachteiligung und um Diskriminierung geht und nicht um imaginäre kulturspezifische Fragen. Der Begriff des migrationssensiblen Kinderschutzes wird zwar nicht groß theoretisch hergeleitet aber konsequent durchgehalten. Das Buch kommt ohne Stereotrypen oder kulturellen Klischees aus, was wirklich eine besondere Leistung darstellt. Das Werkbuch handelt von der Zielgruppe MigrantInnen, vermeidet aber konsequent Kulturalisierung und Ethnisierung, Besonderheiten der Migrationsfamilien ergeben sich aus der Migrationssitiuation, das bedeutet aus dem rechtlichen Status, der neuen Sprache bzw. schlechten Deutschkenntnisse, dem Nebeneinanderbestehen verschiedener rechtlicher Systeme (bei binationalen Familien), sie resultieren aus sozialer Benachteiligung und aus Erfahrungen von Ausgrenzung, Konfrontation mit Stereotypen, Diskriminierung und Rassismus.

Eine der zentralen Erkentnisse des Forschungsprojektes bestand darin, dass Fachkräfte im Jugendschutz Migrantenfamilien gegenüber ausgesprochen unsicher sind und keine klaren Diagnosen fällen können. Gerade in Bezug auf Familien mit Migrationshintergrund ist nach einer Verdachtsmeldung die Einschätzung, Kindeswohlgefährdung könne nicht nachgewiesen.könne aber auch nicht ausgeschlossen werden, viel eher zu finden. Die Familien erhalten auch definitiv weniger Hilfen zur Erziehung. Dies betrachten die AutorInnen als klare Benachteiligung und hier setzen sie an – ihr Ziel ist, Instrumente zu entwickeln, um Fachkräften eine bessere Einschätzung und den Familien bessere Schutzmaßnahmen zu ermöglichen. Dies wird am Beispiel von Interventionen konkret durchgespielt, es werden Untersuchungsergebnisse des Projekts zu Gestaltung der Falleingangsphase, der Diagnostik und der Intervention entwickelt. Die zentrale Kategorie des migrationssensibblen Ansatzes ist die Fähigkeit zur Differenzierung und Selbstreflexion.

Diskussion und Fazit

Wie bereits eingangs erwähnt, handelt es sich um eine gut gestaltete und überzeugende Arbeit, bei der Forschungsergebnisse, theoretische Erkenntnisse und Handlungsempehlungen geschickt miteinander verwoben werden. Der Fokus des Forschungsprojekts lag auf den Verdachtsfällen und die Dynamik bei den Fachkräften, von der Wahrnehmungn der Migrantenfamilien ist wenig zu erfahren. Wie bereits eingangs erwähnt, ist das Buch für Theoretiker und Arbeiter geeignet und dürfte nirgendwo in der Praxis fehlen.


Rezensentin
Prof. Dr. Nausikaa Schirilla


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Zitiervorschlag
Nausikaa Schirilla. Rezension vom 24.01.2014 zu: Birgit Jagusch, Britta Sievers, Ursula Teupe (Hrsg.): Migrationssensibler Kinderschutz. Ein Werkbuch. Internationale Gesellschaft für erzieherische Hilfen (IGfH) (Frankfurt am Main) 2012. ISBN 978-3-925146-84-8. Reihe: Grundsatzfragen - 49. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/14660.php, Datum des Zugriffs 30.05.2016.


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