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Rita Braches-Chyrek: Jane Addams, Mary Richmond und Alice Salomon

Cover Rita Braches-Chyrek: Jane Addams, Mary Richmond und Alice Salomon. Professionalisierung und Disziplinbildung Sozialer Arbeit. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2013. 340 Seiten. ISBN 978-3-8474-0015-8. D: 36,00 EUR, A: 37,10 EUR.
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Thema

Rita Braches-Chyrek verfolgt mit Ihrem Buch – vor der Hintergrund vermeintlicher Interessenfreiheit, Altruismus, Gleichheit und weitreichender Demokratieabsichten der Sozialen Arbeit – das Anliegen, zu klären, „in welcher Weise charakteristische historische Bedingungen, Interessenverflechtungen und internationale Verschränkungen zu der heutigen Widersprüchlichkeit und der Suche nach immer wieder neuen Funktionsbestimmungen Sozialer Arbeit geführt haben“? (S. 9) Sie möchte dies dadurch einsichtig machen, indem sie auf die Biografien, das Werk, die Aktivitäten sowie die Beziehungen dreier früher Repräsentantinnen der Disziplin und Profession Sozialer Arbeit darstellt.

Rita Braches-Chyrek studierte an der Bergischen Universität Wuppertal und ist seit 2013 Professorin für Sozialpädagogik an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg.

Aufbau

Ihre Arbeit folgt u.a. folgenden Fragestellungen:

  • Aufgrund welcher Gesellschaftssituation und -analyse haben Jane Addams, Mary Richmond und Alice Salomon die Professionalisierung Sozialer Arbeit begonnen?
  • Welchen Beitrag leisteten sie zur Formung einer eigenständigen Disziplin?
  • Wie ist die Soziale Praxis, insbesondere sind ihre sozialpolitischen Ideen im beschriebenen Kontext verwirklicht worden?
  • Welche Konsequenzen ergeben sich für das professionelle und fachpolitische Selbstverständnis Sozialer Arbeit aus historischer und aktueller Sicht?

Theoretisch wegleitend ist das Bourdieu´sche Konzept des „sozialen Raumes, der Öffentlichkeit und der Macht“ (S. 17ff.), das sich für die Darstellung und Reflexion der „theoretischen Gedankenfolgen“ der drei Frauen eigne, „weil es ihnen gelungen sei – im Kontext disziplinärer Diskurse – dank der Herausbildung zentraler Begriffe, Methoden und Institutionen – wichtige Felder im sozialen Raum neu zu erschliessen und Entscheidungspositionen machtvoll zu besetzen.“

Inhalt

Mit den Titeln „Armut, Karitas und die Herausbildung der Sozialen Frage in Deutschland“ (Kapitel 3 und 4) und „Herausbildung der Armenfürsorge in den Vereinigten Staaten“ (Kapitel 5 bis 7) wird nun der unterschiedliche gesellschaftliche und kulturelle Kontext, in welchem die Theoretikerinnen tätig waren, sehr ausführlich beschrieben. Hier kann es sich nur um Stichworte handeln. Für Deutschland geht es um kulturelle Ursprünge von Hilfsvorstellungen aus dem Juden- und Christentum und deren Konfrontation mit der Sozialen Frage im Frühkapitalismus, die aufziehende Gefahr einer sozialen Revolution, die von Bismarck anhand der „Sozialistengesetze“ (1878) durch Willkür und Repression unterdrückt wurde. Eine Antwort darauf war die Entwicklung „evangelischer Liebestätigkeit der Inneren Mission“ mit dem Ziel der Re-Christianisierung der Gesellschaft. Parallel dazu entwickelte sich ab 1840 die von Frauen geprägte private Wohltätigkeit – begründet als Korrelat zur Militärpflicht der Männer. Sie ermöglichte den Ausbruch aus dem engen bürgerlichen Familienkontext in den öffentlichen und politischen Raum. Da aber nach wie vor die Männer in vielen Gremien und Leitungsposten sassen, versuchten die Frauen, sich mit der Strategie der sozialen Differenzierung innerhalb der Frauenberufe einen Freiraum für ihre gesellschaftliche Anerkennung zu verschaffen.

Für die USA waren ebenfalls religiös-kulturelle Quellen für die Entstehung von „Philantropy“ (als „Menschenliebe, Geschwisterlichkeit und Mitmenschlichkeit“) und „Charity“ (Barmherzigkeit) im Umgang mit Armen, Witwen und Waisen verantwortlich, wobei gleichzeitig Kindermord und Sklaverei keine moralischen Probleme aufwarfen. Eine erste Einwanderungswelle wollte sich dank eigenem Besitz an Boden von den europäischen Feudalherren sowie Kirchenfürsten lossagen, aber gleichzeitig Mission in eigener Regie betreiben. Die entstehenden Gemeinschaften unterstützten sich gegenseitig bei der Einwanderung, Eroberung, Vertreibung und Missionierung indianischer Ureinwohner. Harte Arbeit als Voraussetzung für positive Charaktereigenschaften und sozialen Aufstieg schuf die Voraussetzung für den Aufstieg der kapitalistischen Produktions- und Gesellschaftsform sowie eine geschlechtsspezifische Kultur des „self-made-man“ und der „true womanhood“. In einer ersten Phase ab 1848 konnten sich die Frauen an kirchlichen Aktivitäten und in den ersten Sozialreformbewegungen beteiligen. Der Bürgerkrieg von 1861-1865 öffnete den Frauen im Lehrbereich und der Krankenpflege ganz neue Beschäftigungsmöglichkeiten, so dass der Ruf nach Bildung entstand, was den Zugang zur Hochschulbildung öffnete. Die Gründung des International Council of Women (ICW) 1888 in Washington war ein weiterer Schritt zur Frauenemanzipation, was zur Plattform der zunehmend international organisierten Frauenbewegung wurde, die sich nicht nur der Gleichberechtigung, sondern auch Sozialreformen annahm. Liberale wie radikale sozialreformerische und mithin die Settlement-Bewegung entwickelten sich als Reaktion auf den ungebändigten Kapitalismus.

Jane Addams (1860-1935): Soziales Lernen und Bildungstheorie (S. 131-169)

Historisch betrachtet fällt das Lebenswerk von Jane Addams in die Zeiten grosser Einwanderungswellen, die Entstehungsgeschichte der Arbeiterbewegungen und Gewerkschaften, begleitet von grossen Streiks (Eisenbahnerstreik von 1877; Pullmannstreik von 1894: Haymarket Riot von 1886) sowie in die Zeit des politischen Siegeszugs des Progressismus mit der Präsidentschaft von Theodore Roosevelt (1901-1909). Vor diesem gesellschaftlichen Hintergrund kam es 1889 zur Gründung von Hull House in Chicago durch Jane Addams und ihre Freundin Ellen Gates Starr. Dabei entwickelte sich eine professionelle Soziale Arbeit, die zuerst nachbarschaftlich, kommunalpolitisch und national eingebunden war und sowohl soziale Reformen in der Sozialgesetzgebung in Bezug auf die Stadt- und Wohnungsbau-, Bildungs-, Frauen-, Kinder-, Verbraucherschutz wie auch die Unterstützung von Gewerkschaften einleitete. Dadurch eröffneten sich für die Frauen neue Betätigungsfelder. Jane Addams‘ Grundlage für die angestrebten Veränderungsprozesse war u.a. ihre Analyse des Verhältnisses zwischen dem organisierten Kapital und der organisierten Arbeiterschaft, das sie als „employer‘s tyranny“ und „trade-union-tyranny“ kennzeichnet, was zu Dauerkonflikten zwischen beiden führen müsse. Ihr schwebte eine solidarische Gesellschaft, basierend auf integraler Demokratie in der Sozialen Arbeit, Familie, Schule, Wirtschaft und Politik vor.

Rita Braches-Chyrek geht davon aus, dass für Addams „Bildung und Erziehung die Schlüsselressourcen sind, die soziale Integration und politische Aktivität erst ermöglichen“. (S. 164) Entsprechend legt sie grosses Gewicht auf Bildungsaktivitäten: Es gab eine ganze Palette für Kinder, Jugendliche und Erwachsene sowie Projekte interkultureller Bildung. Eingeführt wurden auch College Extension Courses, die von Universitätsdozenten bestritten wurden; gegründet wurde ferner ein Working People‘s Social Science Club – eine lose organisierte Gruppe von Arbeitern, die sich einmal pro Woche mit etwa 40 bis 100 Teilnehmern zu einem Vortrag und dessen Diskussion über ein selbst gewähltes Thema trafen. Die Gesprächsleiter wurden jedes Mal neu gewählt. Da viele Vortragende aus der linksradikalen politischen Szene stammten (Kropotkin, Trotzky u.a. waren beispielsweise Gastredner), wurden die Aktivitäten von Hull House oft Gegenstand polarisierender, politischer Auseinandersetzungen. Wichtig für die Weiterentwicklung einer wissenschaftsbasierten Profession waren die engen Verbindungen zwischen den Hull House Residents, deren viele empirisch forschten, und Soziologen, Psychologen, Philosophen der Chicago University (u.a. Dewey, James, Mead, Du Bois, Burgess). Aus diesem Kontext ging denn auch die Gründung der bis heute bestehenden Chicago School of Social Service Administration an der University of Chicago hervor.

Mary Richmond (1861-1928): Professionalisierung und Management (S. 171-211)

Mary Richmonds Biographie ist eng mit der 1877 gegründeten Charity Organization Society (COS) verknüpft. Sie war die amerikanische Ausführung einer englischen Variante der kirchlichen Fürsorge des „friendly visiting“ von Thomas Chalmers in Glasgow. In einer Zeit des kulturellen Umbruchs und Widerstreits zwischen christlichen, liberalen und progressiven Strömungen spielte sie im Transformationsprozess von der Philantropie zur professionellen Sozialen Arbeit eine zentrale Rolle. „Not alms, but a friend“ (Octavia Hill) war ihr Leitmotiv. Dabei hofften ihre Mitglieder, mit ihren verschiedensten Aktivitäten, die Klassengegensätze zu überwinden. Richmonds Perspektive war stark (bürgerlich) familien- und einzelfallorientiert, unterstützt durch die klassische Geschlechterrollenteilung. In der direkten Sozialen Arbeit sah sie die Umsetzung mütterlicher Ideale. Ihre Arbeit war so erfolgreich, dass sie 1891 als erste Frau zur Generalsekretärin und Behördenleiterin der COS Baltimore gewählt wurde. Dies war der Beginn einer umfangreichen Publikationstätigkeit, in welcher sie zunächst darlegte, dass Musik, Kunst und Literatur für ein würdevolles Leben ebenso wichtig seien wie Hygiene und Wirtschaftlichkeit. Der gesellschaftliche Antagonismus sollte durch die Tätigkeit professionell ausgebildeter Sozialarbeiterinnen, die wissenschaftliche Methoden anwenden und sich christlicher Ethik verpflichtet fühlen, entschärft werden. Dabei forderte sie, was sie als „civic courage“ (verantwortliche Gemeinschaft zum Schutz und zur Hilfe an Bedürftige) und „personal courage“ (als persönliche Verantwortlichkeit für das Wohlergehen des jeweils anderen) bezeichnete. Es ging ihr sowohl um „individual betterment“ als auch um „mass-betterment“. Die COS war allerdings eine Clearingstelle, die individuelle Hilfesuchende registrierte und an private und kommunale Hilfsorganisationen weiter verwies. Richmond veröffentlichte Listen sämtlicher Wohlfahrtsorganisationen, führte Controllinginstrumente ein und erstellte Bedürfnishierarchien. Ein Committee on Professional Organization (1918) entwickelte einheitliche methodische Standards, Lehrbücher, sowie ein „code of ethics“. 1898 wurde aufgrund Richmonds Initiative die Summer School of Philantropy gegründet, aus welcher die heutige School of Social Work als Fakultät der Columbia University in New York hervorging. Dem zunehmenden Einfluss von Psychologie und Soziologie stand sie skeptisch gegenüber. Ihr Gegenmodell war vom „Self-Reliance-“ und Reziprozitätsprinzip – Hilfeleistung und Gegenleistung – geprägt. Ihr Hauptwerk ist „Social Diagnosis“ (1917 – in 17 Auflagen) auf der Basis von 2800 Fürsorgeakten, das die amerikanische Ausbildung bis in die 70er Jahre beeinflusste. Sie gilt als Begründerin des sozialdiagnostisch basierten, methodisch angeleiteten „Social Casework“. Wie Rita Braches-Chyrek kritisch anmerkt, war dieses mit keiner Theorie verbunden. Zudem fehlte ihr das Bewusstsein dafür, dass ihr diagnostischer Ermittlungsprozess Soziale Arbeit „zu einer Institution sozialer Kontrolle machen könnte“.

Theoretische und politische Differenzen zwischen Addams und Richmond (S. 196-204). Charity Workers wurden von Addams als konservativ, kontrollierend und bevormundend kritisiert. Richmond unterstellte den Settlements Weltverbesserertum, naive Sympathie und sentimentale Neigungen, die in der Praxis zur willkürlichen Verteilung von Almosen und Hilfsangeboten führen. Sie sprach sich auch gegen die wissenschaftlich orientierte Ausbildung der Chicagoer School School of Civics and Philantropy aus, da ihre Fächer fast ausschliesslich sozialpolitisch und nicht auf die direkte Arbeit mit Individuen ausgerichtet waren. Mit der Zeit nahm Richmond die Kritik ernst und versuchte aufzuzeigen, dass keine der beiden Exponentinnen sozialer Reform die Erfahrung der andern ignorieren könne. Allerdings behielt sie ihre zentralen Wertvorstellungen, die keine Autonomie und demokratischen Praktiken Sozialer Arbeit vorsahen.

Alice Salomon (1872-1948): Herausbildung Sozialer Arbeit als Profession und Disziplin (S. 213-277)

Der Einstieg Alice Salomons in die „Soziale Arbeit“ erfolgte durch einen Aufruf des Vereins für soziale Hilfsarbeit, sich ehrenamtlich zu engagieren. Das Wort „sozial“ hatte sie noch nie gehört. Was sie lockte war, dass sie gebraucht wurde. Hier lernte sie die bereits vielfach sozial- und frauenpolitisch engagierte Jeannette Schwerin kennen, die zu einer wichtigen Mentorin wurde. Schwerin fand die systematische Benachteiligung armer Menschen durch das System der Armenpflege unerträglich, weshalb sie sich für die Schulung von Fachkräften einsetzte. Inspiriert war sie von den Vorbildern der Charity Organization Societies. Ihre zentralen Anliegen, Wohlfahrtsarbeit mit Feminismus zu verbinden und Verständigung zwischen der bürgerlichen und weiblichen Arbeiterbewegung zu ermöglichen, prägten auch Alice Salomon. Dank Jeannette Schwerin knüpfte sie auch ihre ersten Kontakte zur internationalen Frauenbewegung. Ihre Vorstellungen zur Sozialpolitik und zur Diskriminierung von Frauen vertiefte sie als Gasthörerin in den Fächern Nationalökonomie an der Universität Berlin. Die Gründung der Sozialen Frauenschule (1908) verfolgte das Ziel, die Soziale Arbeit zu professionalisieren und Frauen den Zugang zu den Ämtern der Wohlfahrtspflege zu ermöglichen. „Es gab keine verkaufsfertige Wissenschaft der sozialen Arbeit, …. Der Lehrkörper musste sie selbst entwickeln. Es gab keine Lehrbücher – wir mussten sie schreiben“ (Salomon 2008, S. 126) (S. 230) Die weiteren Ausführungen zeigen, dass die Geschichte der Professionalisierung in Deutschland sehr eng mit den Geschicken und Mitgliedern des Vereins für soziale Hilfsarbeit verknüpft ist. Auf seiner Grundlage entwickelten sich der Verband der Berufsarbeiterinnen der Inneren Mission, später der Verband der evangelischen Wohlfahrtspflegerinnen, ferner der Deutsche Verband der Sozialbeamtinnen. M.a.W waren die Professionalisierungsbestrebungen stark in ein bereits bestehendes, organisationelles und bürokratisches Geflecht eingebunden. Dennoch forderte Salomon soziale Reform und soziale Politik, die sich in neuen Gesetzen und on der Alltagsarbeit niederschlagen sollten. (S. 233) Oberste Leitidee wurde und blieb für sie „Soziale Gerechtigkeit“, begleitet von religiösen und altruistischen Motiven, welche die Verpflichtung enthielten, das Gemeinwohl zu steigern. Dabei sollten die exklusiven weiblichen Fähigkeiten als „unausgeschöpftes gesellschaftliches Potential betrachtet werden. (S. 235) Und dieses Potenzial sollte durch “Erziehung zur gesellschaftlichen Tüchtigkeit und … Erziehung zum Beruf“ und später durch die Gründung einer Akademie (1926) für die wissenschaftliche Schulung von Leitungskräften fruchtbar gemacht werden. Ein wichtiger Beitrag zur Professionalisierung leistete sie mit ihrer international vergleichenden Analyse der Ausbildungen in Sozialer Arbeit (1937). In zwei speziellen Abschnitten stellt Braches-Chyrek den „Einfluss internationaler Beziehungen auf die Soziale Arbeit“ sowie die „Verschmelzung nationaler und internationaler Frauenpolitik“ dar. Ihre Ausführungen zu Salomon schliessen mit den Themen „soziale Mütterlichkeit“ „Kultureinfluss der Frauen“ als Thema „bürgerlicher Ideologien“. Dabei begreift sie beides als Mittel, um die „höherwertigen sittlichen Qualitäten“, die „in der weiblichen Natur angelegt seien“, gesellschaftlich geltend zu machen und den Anspruch auf berufliche Emanzipation zu legitimieren. Dabei wurde dieser Anspruch immer mit Verantwortlichkeit und Pflichten gekoppelt.

Diskussion und Fazit

Wenn in neuen theoretischen Arbeiten zur Disziplin und Profession Sozialer Arbeit auf die in diesem Werk dargestellten drei Frauen – Addams, Richmond und Salomon – Bezug genommen wird, wirkt dies eher wie eine ritualistisch anmutende, kaum inhaltsbezogene Ehrerbietung, um dann relativ übergangslos „zur Sache“ zu kommen. Das Buch von Rita Braches-Chyrek geht den umgekehrten Weg. Ihre Vorstellungen über Disziplin und Profession klärt sie erst im letzten Kapitel (vgl. Abb. 14, S. 287), wobei sie – vor dem Hintergrund ihrer historischen Ausführungen – erstaunlicherweise „Profession“ und „Politik“ kategorial trennt, das heisst fachlich begründete politische Aktivitäten nicht zur Profession zählt. Ihr sehr breites, teilweise unkonventionelles Verständnis von Disziplin und Profession ohne scharfe Konturen bietet ihr die Freiheit, die drei Theoretikerinnen in ihren Gemeinsamkeiten und unterschiedlichen Facetten zu portraitieren und sie zugleich vor dem Hintergrund des deutschen und amerikanischen Gesellschaftskontextes zu verstehen und einzuordnen. Besonders wertvoll ist das Zusammentragen des aktuellen Forschungsstandes in deutscher Sprache über die drei „ProtagonistInnen“. (S. 25-34). Wer glaubt, die gesellschaftlichen Hintergründe einigermaßen zu kennen, entdeckt erfreulicherweise immer wieder Neues und Erklärendes in Bezug auf die biografische Entwicklung der drei Frauen sowie ihrer Mitdenker und Mitstreiterinnen. Dem „roten Faden“, der die detail- und kenntnisreichen Schilderungen durchzieht und ihre Gemeinsamkeiten hervorhebt, können in etwa folgende Themen zugeordnet werden:

  • die biographische Erfahrung von gesellschaftlicher Diskriminierung als Frau und daraus folgend das erweiterte Interesse an der Sozialen Frage;
  • die Suche nach Erklärungen für soziales Unrecht über die Klassenschranken hinweg im Lichte eines Gerechtigkeitsdiskurses und die sich daraus ergebende Frage nach der Umsetzung dieser abstrakten Idee in Forschungs- und soziale bzw. sozialpolitische Praxis auf unterschiedlichen sozialen Ebenen.
  • Dazu kam die Konzeption methodischer Verfahren einer versuchsweise nicht stigmatisierenden, soziale Aspekte erfassenden Problemdiagnose sowie
  • die Entwicklung von Bildungsaktivitäten für die und mit den AdressatInnen Sozialer Arbeit und Sozialpädagogik und ihre Fortsetzung in der Etablierung von Kursen, Lehrgängen, Weiterbildungen und schließlich eines umfassenden, eigenen Studiums der Sozialen Arbeit an zwei Universitäten in den USA und eines im außeruniversitären Bereich in Berlin.

Der Reichtum an Details sowie Zitaten der Protagonistinnen, aber auch vieler InterpretInnen - teilweise auch unter Bezugnahme auf aktuelle Diskurse – birgt zuweilen die Gefahr, sich im Text zu verlieren. Damit dürfte auch zusammenhängen, dass die teilweise doch beträchtlichen Unterschiede zwischen den drei Theoriepionierinnen etwas weniger prägnant dargestellt wurden. Damit meine ich

  • die Einstellung zur Barmherzigkeit (Charity – radikale Kritik und Ablehnung von Addams versus Reformversuch von Richmond);
  • die Idee der „sozialen Mütterlichkeit“ und des „Kulturfeminismus (dominant beschrieben bei Salomon, meines Wissens abwesend bei Addams);
  • das unterschiedliche Theorie- und Wissenschaftsverständnis (Addams, Salomon versus Richmond);
  • die unterschiedliche Gewichtung von Erziehung/Bildung versus gemeinwesenbezogenen, kollektiven Gewerkschafts-/sozialen Mobilisierungs- und Bewegungsaktivitäten in ihrer Relevanz für sozialen Wandel (Richmond versus Addams);
  • der unterschiedliche Stellenwert von Demokratie (Addams versus Richmond); die unterschiedliche Gewichtung von demokratischen Partizipationsrechten (Addams) und demokratischen Pflichten gegenüber der Gesellschaft (Salomon);
  • die unterschiedliche Ausarbeitung methodischer Verfahren der Problemdiagnostik (zwischen Richmond und Salomon);
  • der unterschiedliche Einbezug sozialer Niveaus (Individuum, Familie, Gemeinwesen, Gesellschaft, bis hin zur Weltgesellschaft) als Handlungsfeld Sozialer Arbeit und Sozialpädagogik und schliesslich hoch relevant
  • die unterschiedliche „soziale Einbettung“ in bereits bestehende wohlfahrtsstaatliche und bürokratische Strukturen versus soziale Bewegungen und eigens gegründeten, auf Sponsoren angewiesene Einrichtungen sowie internationale (Frauen)Vereinigungen.

Auch wenn zugegebenermassen all diese Themen vorkommen, wäre es erhellend und weiterführend gewesen, wenn man – trotz gemeinsamer Anliegen – die erheblichen Unterschiede zwischen den Theoriepionierinnen nicht nur im Zusammenhang mit den unterschiedlichen nationalgesellschaftlichen Hintergründen diskutiert hätte, sondern auch in einen theoriesystematischen Zusammenhang mit ihrer unterschiedlichen biografisch-sozialstrukturellen, familiären, bildungsbezogenen, interaktionellen und (sub)kulturellen Position und ihren sozialen Mitgliedschaften (soziale Bewegungen versus Wohlfahrtsbürokratie) gebracht hätte. Daraus hätte man vermutlich doch wesentliche Erkenntnisse für die Beantwortung der Fragestellung nach der aktuellen und zukünftigen Relevanz der historischen Ausführungen gewonnen.

Die klarste Unterscheidung trifft Rita Braches-Chyrek dadurch, dass sie schwerpunktmässig Jane Addams und die Hull House Residents der „Erziehung und Bildung“ sowie dem sozialreformerischen „Radical Social Work“, Mary Richmond dem „Management“ und Alice Salomon dem Anliegen „Frauenemanzipation“ und „sozialer Gerechtigkeit“ zuordnet. (S. 166) Dass bis heute alle drei theoretischen und professionellen Zugänge in alter wie neuer Form weiter bestehen, ist unschwer zu erkennen. Ja, es drängt sich sogar auf, sie sinnvoll miteinander zu verknüpfen. Wer aus heutiger Sicht allerdings meint, die Naivität dieser Frauen in Bezug auf die Überwindung der Klassengegensätze kritisieren zu müssen, sei an die teilweise hilflose, vor allem aber völlig wirkungslose Kapitalismuskritik aus den 68er Jahren, aber auch an aktuelle Verlautbarungen von „Arbeitskreisen Kritischer Sozialer Arbeit“ erinnert. Ebenso müsste berücksichtigt werden, dass in Deutschland seit einigen Jahren mehrheitlich Fallmanager die Erwerbslosen und Armen unter Preisgabe jeden professionellen Vorgehens „neoliberal bewirtschaften“. Dass die Autorin für ihr Werk die durchgängige Formulierung „Soziale Arbeit (social work) und Sozialpädagogik“ gewählt hat, verbinde ich mit dem höchst sinnvollen Anliegen, die beiden „transkontinentalen“ historischen Theorielinien nicht mehr weiter gegeneinander auszuspielen. Dafür leistet die vergleichende Darstellung der drei Zugänge einen höchst wertvollen Beitrag. Sie lässt überdies verdienstvollerweise die Frage offen, welcher Ansatz nun der „richtige“ ist, auch wenn nicht schwer zu erraten ist, für welchen ihr Herz schlägt. Aber gerade diese Einschätzung soll – auf der Basis der eindrucksvollen Fülle zusammengetragener Fakten und Zitate – dem Urteil der Leserin/dem Leser überlassen bleiben.


Rezensentin
Prof.emer. Dr. Silvia Staub-Bernasconi
Technische Universität Berlin, Institut für Sozialpädagogik
Homepage www.indosow.net
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Zitiervorschlag
Silvia Staub-Bernasconi. Rezension vom 05.03.2014 zu: Rita Braches-Chyrek: Jane Addams, Mary Richmond und Alice Salomon. Professionalisierung und Disziplinbildung Sozialer Arbeit. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2013. ISBN 978-3-8474-0015-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/14673.php, Datum des Zugriffs 30.06.2016.


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