Erich Schützendorf: Das Recht der Alten auf Eigensinn
Erich Schützendorf: Das Recht der Alten auf Eigensinn. Ein notwendiges Lesebuch für Angehörige und Pflegende. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2008. 4. Auflage. 228 Seiten. ISBN 978-3-497-01662-4. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 34,70 sFr.
Siehe auch Replik oder Kommentar am Ende der Rezension.
Der Autor
Der Autor des Buches, Erich Schützendorf, ist Dipl. Pädagoge. Er lehrt seit vielen Jahren an Fachseminaren für Altenpflege, ist Fachbereichsleiter für Fragen des Älterswerdens der VHS Kreis Viersen und Lehrbeauftragter der Hochschule Niederrhein.
Zur Thematik des Buches
Der Autor beschreibt und analysiert aus pädagogischer Perspektive Strategien des Umgangs mit älteren Menschen. Ziel des Buches ist, reglementierendes, einschränkendes und bedürfnisnegierendes Verhalten von Pflegenden / Angehörigen gegenüber Älteren und Pflegebedürftigen zu demaskieren. Der Autor begreift diese Maßnahmen als verdeckte , häufig unreflektierte Erziehung. Anhand von Beispielen deckt er dieses alltägliche Geschehen auf. Er beschreibt ausführlich Situationen die zu "erzieherischem Handeln" führen und mögliche Motivationen von Pflegenden und Angehörigen für dieses Handeln. Im weiteren folgen Vorschläge zum Umgang mit den dargestellten Situationen, die sowohl den Bedürfnissen der Älteren als auch der Pflegenden / Angehörigen gerechter werden.
Inhalt
Das Buch ist in zwei Abschnitte mit Unterkapiteln gegliedert.
- Abschnitt I: Die alltägliche Erziehung, die niemand will. In Abschnitt I beschäftigt sich der Autor mit den Hintergründen zur "Erziehung" von älteren Menschen. Er spricht Fürsorgepflicht, gesellschaftliche Normen, Belastungssituationen, Sozialisation, Erfahrungshandeln, Hilflosigkeit und Zielkonflikte an. In diesem Abschnitt geht es vorrangig um die Aufdeckung von Situationen, Handlungsmustern und Motivationen die zu reglementierendem, bedürfnisnegierendem Verhalten und Handeln führen. Schonungslos zeigt der Autor hier eine Welt des Altwerdens und der Pflege die abstoßend und trotzdem verstehbar ist.
- Abschnitt II: Die Verhinderung von Erziehung, an der alle leiden. In diesem Abschnitt versucht der Autor menschenwürdige Lösungsmöglichkeiten für eine bedürfnisorientierte Begegnung von Pflegebedürftigen und Pflegenden anzubieten. "Widersprüchlichkeiten ertragen lernen. Wenn die Alten wie die Kinder werden", so lautet das erste Unterkapitel. Es ist ein Plädoyer für die Akzeptanz nicht rationalen Handelns, das wir z.B. auch Kindern zugestehen. Der Autor schlägt den "normalen Erwachsenen" vor sich von der Erwartungshaltung, der gesellschaftlich angemessenen Rationalität des Handelns, bei älteren, pflegebedürftigen Menschen zu verabschieden. In den folgenden Kapiteln werden Möglichkeiten zum Schaffen von Begegnungsräumen, trotz "Ver-Rücktheit" des Gegenübers, eruiert. Grundlegend für ihn ist, dass Wirklichkeit durch Gedanken und Empfindungen entsteht. Die Annäherung an die Wirklichkeit des Anderen ermöglicht Begegnung. Damit der Perspektivenwechsel gelingen kann, schlägt der Autor in den nachfolgenden Kapiteln konkrete Strategien, die den Wechsel zwischen den Welten erleichtern, vor.
Kritische Würdigung
Das vorliegende Buch stimmt ambivalent. Es behandelt ein zentrales Thema der Pflege, nämlich wie kann pflegerisches Handeln für Pflegebedürftige und Pflegende bedürfnisorientiert gestaltet werden. Hier liegt der Mehrwert des Buches. Es ist trotz seiner schonungslosen Darstellung von Ausschnitten pflegerischen Handelns keine Anklage gegen den Berufsstand. Vielmehr versucht der Autor Handlungsmuster und Belastungen sichtbar und verstehbar zu machen sowie konkrete Anregungen zur Reflektion und Veränderung dieser Situationen anzubieten. Kritisch zu bewerten ist, dass der Autor weder ein differenziertes Alters-, noch Pflegebild zeichnet.
- Zum Altersbild: Der Eindruck entsteht, alle alten Menschen werden gebrechlich und eigensinnig, das ist der Lauf der Zeit. Unreflektiert betrachtet könnte das Buch eine Aufforderung zur bedürfnisorientierten Entmündigung darstellen.
- Zur Pflege: Diese wird von Schützendorf als belastende Beruf mit ekelerregenden, unlösbaren Aufgaben dargestellt. Nur wer die beschriebenen Situationen aus der eigenen Berufspraxis kennt, weiß wie diese einzuordnen sind. Dem pflegepraxisfremden Leser, der auf eigene Erfahrungen nicht zurückgreifen kann, könnten die Schilderungen zum Aufbau von Vorurteilen dienen.
Die Vorschläge zur Lösung des Bedürfnisdilemmas können nur als Anregungen verstanden werden. Umsetzungen in die Praxis bedürfen nach Ansicht der Rezensentin der Supervision. Der Leser muss sich, wie in einem der letzten Kapitel vorgeschlagen, schon beim Lesen als "Afrikaforscher" betätigen.
Fazit
Leser, die bereits empfänglich für die Thematik sind, werden durch dieses Buch weiter sensibilisiert. Bei Lesern, die keinen Zugang zu der beschriebenen Problematik haben, wird es Widerstand erzeugen. Das Verdienst von Schützendorf ist, dass dieses Buch den Leser nicht mit der letzten gelesenen Seite entlässt. Es wirkt nach! Er macht deutlich: einfache Lösungen für die aufgezeigte Problematik gibt es nicht.
Rezensentin
Dipl. Pflegewirtin Anne Gebert
Deutsches Institut für angewandte Pflegeforschung
Kommentare
Anmerkung der Redaktion: Die Rezension basiert auf der 3. Auflage aus dem Jahr 2004.
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Zitiervorschlag
Anne Gebert. Rezension vom 13.07.2004 zu: Erich Schützendorf: Das Recht der Alten auf Eigensinn. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2008. 4. Auflage. 228 Seiten. ISBN 978-3-497-01662-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/1469.php, Datum des Zugriffs 04.02.2012.
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