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Andre Schüller-Zwierlein, Nicole Zillien (Hrsg.): Informationsgerechtigkeit

Cover Andre Schüller-Zwierlein, Nicole Zillien (Hrsg.): Informationsgerechtigkeit. Theorie und Praxis der gesellschaftlichen Informationsversorgung. Walter de Gruyter (Berlin) 2013. 218 Seiten. ISBN 978-3-11-025884-4. D: 59,95 EUR, A: 61,70 EUR.

Reihe: Age of access? - Grundfragen der Informationsgesellschaft - Band 1.
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Entstehungshintergrund und Thema

Der Band möchte eine Reihe initiieren, die sich Problemen und Grundfragen der Informationsgesellschaft widmet. Das „Vorwort zur Reihe“ rechtfertigt dies damit, dass der Terminus (aber auch das Problem) ebenso facettenreich wie unterdefiniert ist und dass die Informationsgesellschaft, weil sie eine Reihe von Problemen mit sich bringt (Zugänglichkeit von Informationen, Informationsgerechtigkeit, Überlieferungspraktiken, Techniken der Zugänglichmachung, Simulation von Information), einer intensiven Beschäftigung ihrer Grundlagen bedarf.

Aufbau und ausgewählte Inhalte

Der Band vereint neun sehr verschiedene Aufsätze, die hier nicht alle gleich-intensiv erörtert werden können.

Zunächst bietet die Einleitung eine kurze Geschichte der Erweiterung von medialer Informationsversorgung und problematisiert, dass die wachsende Verfügbarkeit von Wissen gesellschaftliche Wissensunterschiede nicht abbaut, sondern häufig sogar vergrößert und diese Entwicklung auch soziale Unterschiede betrifft. Deshalb muss es auch darum gehen, dieser Tendenz entgegenzuwirken.

Der Band gliedert sich in drei Abschnitte,

  1. die auf die Verteilung von Wissen („Prinzipien einer gerechten Informationsverteilung“),
  2. auf die Unterschiede der Zugänglichkeit („Unterschiede in der Verfügbarkeit und Nutzung von Information“) und
  3. auf den Abbau dieser Ungleichheit („Maßnahmen zur gerechten Informationsverteilung“) zielen.

Der erste Teil versteht sich als normativer Beitrag zur Begründung des Rechtes auf Information („Prinzipien einer gerechten Informationsverteilung“).

André Schüller-Zwierlein („Grundfragen der Informationsgerechtigkeit: interdisziplinärer Überblick“, S. 15-45) bietet einen Überblick über die Verschiedenheit der Fragestellung in verschiedenen Disziplinen und versucht daraus einen zusammenhängenden Forschungsgegenstand herauszuarbeiten. Dabei geht es entlang dreier Fragestellungen, nämlich weshalb Informationsgerechtigkeit relevant ist, wie sie zu messen ist, und wie sie realisiert werden kann. Das Recht auf Information wird dabei in verschiedenen praktischen Feldern verfolgt (als Grundlage für Partizipation oder als Moment der Entwicklungspolitik) und behauptet, dass die Ungleichheit von Informationszugang benachteiligende Effekte mit sich führt (S 21). Zum Problem der Messbarkeit wird die Frage formuliert, ob gerechte Informationsverteilung gleichen Zugang oder gleiche Verwertungsmöglichkeiten einschließt. Im Gefolge von Rawls wird dabei Information als ein weiteres Basisgut, im Gefolge von Sen wird die Freiheit im Umgang mit ihr betont („Informationskompetenz“, „Informationsdesign“, „Informationsverhalten“).

Rainer Kuhlen („In Richtung eines gerechten, inklusiven, nachhaltigen Umgangs mit dem Gemeingut (Commons) Wissen“, S. 46-68). Der Titel deutet an, dass es hier um die ethischen Aspekte der Informationsfülle geht. Der Autor tritt dafür ein, dass Information als eine bestimmte – näher zu definierende – Art „Gemeingut“ aufgefasst werden sollten und möchte zeigen, dass der aus der Ökologie stammende Imperativ der Nachhaltigkeit auch für das Wissen zu reklamieren sei („Ökologie des Wissens, S 47). Er soll als eine Art offener Raum aufgefasst werden, der seine freie Nutzung ermöglicht. Denn Wissen als nicht-materieller Rohstoff wird durch Nutzung nicht vermindert, sondern vermehrt. Der gewöhnliche Eigentumsbegriff ist also auf Wissen nicht anwendbar. Der Aufsatz diskutiert, was dies für die Balance von Autoren und Verwertern bedeutet.

Wolfgang Benedek („Menschenrechte in der Informationsgesellschaft“, S. 69-88) bettet den Informationszugang in den Diskurs über Meinungsfreiheit und dessen rechtliche Bedeutung ein. Der Aufsatz bietet einen Überblick über die internationalen Regelungen, diskutiert die Möglichkeit der Einschränkung des Informationsrechtes und die Gefahren, die von diesen Regelungen ausgehen (problematische Inhalte).

Teil zwei ist empirisch angelegt. Er behandelt die Unterschiede zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen in Hinblick auf den Zugang und die Verwertung von Wissen.

Anke Grotlüschen, Wibke Riekmann, Klaus Buddeberg („Literalität als Element der Ungleichheitsreproduktion“, S. 91-107) behandeln die Schreib- und Lesefähigkeit der Deutschen. In diesem Text geht es um die Rolle der sogenannten Illiteraten (Analphabeten). Er bietet eine Fülle von Zahlen und Statistiken, diskutiert die Probleme ihrer Bewertung und vergleicht die Daten mit anderen europäischen Situationen.

Jan A.G.M. van Dijk („Digitale Spaltung und digitale Kompetenzen“, S. 108-133) thematisiert die Unterschiede der Internetnutzung und die Statusabhängigkeit dieses Mediums. Dabei wird versucht, von einer neuen methodischen Prämisse auszugehen. Statt die Unterschiede im Internetzugang durch Merkmale von Individuen zu erklären, präferiert der Autor eine sogenannten „relationale Sicht“, die nicht individuelle Merkmale, sondern Beziehungsparameter, also die Positionen und Ressourcen der Menschen und ihre sozial zugeschriebenen Rollen und Funktionen heranzieht.

Jan-Hinrik Schmidt („Social Media – Verbreitung, Praktiken und Folgen“, S. 134-150) widmet sich den Folgen der Informations- und Kommunikationspraktiken. Insbesondere richtet er seinen Blick auf dabei sich etablierende Ungleichheiten und Machtunterschiede und folgert, dass das Recht auf informationelle Selbstbestimmung gestärkt werden muss. Um dies zu belegen, diskutiert er den „Strukturwandel von Öffentlichkeit“ (S. 144).

Der abschließende dritte Teil versucht, Lösungen zu bieten, die die Ungleichverteilung von Information und deren institutionelle Hintergründe ausgleichen.

Jan-Pieter Barbian (Öffentliche Bibliotheken als gesellschaftliche Orte der Information und des Wissens“, S. 153-172) betont die Bedeutung öffentlicher Bibliotheken für den Erwerb von Qualifikationen („Lesen als Schlüsselqualifikation“; „Kompetenz im Umgang mit Medien“), für die Teilhabe an der Kultur („Kultur und Bildung als Lebensmittel“) und die Integration von Migranten („Wie funktioniert ‚Integration‘“). Abschließend wird ein Ausblick in die Zukunft der Mediennutzung gewagt.

Karsten Weber („Informationsgerechtigkeit umsetzen“, S. 173-193) zeigt die Probleme bei der Umsetzung von gerechter Informationsverteilung. Als Ausgangspunkt wird das Phänomen der „digitalen Spaltung“ der Gesellschaft genommen. Der Autor zeigt am Beispiel Indiens, dass es mit der daran sich entzündende Forderung, jedem Bürger freien Internetzugang („Ein Laptop für jedes Kind“) zu garantieren, nicht getan ist, weil diese Spaltung nur eine „Facette einer umfassenden Ungleichheit“ (S. 185) darstellt. Im Anschluss daran werden weitere praktische Probleme erörtert.

Dorothea Kleine („Informations- und Kommunikationstechnologie in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit (ICT4D)“, S. 194-214) analysiert und bewertet den Diskurs zur Informationsgerechtigkeit. Informations- und Kommunikationstechnologien werden als Werkzeuge der Entwicklungszusammenarbeit in vielen Bereichen angesehen (Bildung – E-Learning, Wirtschaftswachstum – E-Business, Gesundheit – E-Health …). Andererseits wird die Gefahr diskutiert, dass ärmere Länder von der Entwicklungsdynamik abgekoppelt werden und zurückbleiben. An Hand dreier Beispiele wird diskutiert, wo in der internationalen Entwicklungsarbeit sich Debatten über Informationsgerechtigkeit entzünden (Digitale Spaltung, der Einsatz von Kommunikationstechnologien in der Entwicklungszusammenarbeit und über die Rolle der Individualautonomie im Kontext einer vernetzten Gesellschaft). Während überwiegend davon ausgegangen wird, dass der Einsatz von Informationstechnologien Vorteile bringt („Modernisierungsglaube“), wird eventuell übersehen, dass es auch Gefahren für den Freiheit mit sich bringt (S. 209f.).

Das Fazit lautet, dass der Einsatz von Informationstechnologien nicht allein effizient, sondern auch unter Einbeziehung des Nutzers erfolgen sollte.

Diskussion und Fazit

Der Band behandelt sehr umfassend und auf viele Daten und Fakten gestützt ein immer wichtigeres Feld: die Frage des Umgang mit Information und den dazu nötigen Geräten und Technologien. Das ist insbesondere auch deshalb wichtig, weil es hier gelungen ist sehr verstreut vorhandene Informationen und Diskussionen zu bündeln. Insbesondere das Recht auf Informationszugang wird breit diskutiert und Information als ein „Gut“ im Sinne ihrer Knappheit angesehen. Auch der dem widersprechende Gedanke wird hier und da diskutiert: dass Information eben auch ein inflationäres, lästiges und sich ungefragt aufdrängendes „Gut“ ist und dementsprechend ein Recht ausgearbeitet werden müsste, dass im Dienste informationeller Selbstbestimmung ein Recht auf Verschonung von Information gestärkt werden muss.

Es ist verständlich, dass ein erster Band thematisch auswählen muss, sodass man sich für die Zukunft vorstellen kann, dass auch diskutiert wird, was die Gleichheit von Informationszugang überhaupt bedeutet. Weil Information potentiell unendlich ist, ist die Frage nach dem Mehr oder Weniger an Information nicht das einzige Problem, sondern die Fülle der Information ist eben immer nur auf Kosten ihrer Verarbeitung zu haben. D.h. je mehr Information zugänglich ist, desto weniger wird sie verstanden. Die Zeit ist die eigentliche Maßeinheit der Information.


Rezensent
Prof. Dr. Karsten Laudien
Lehrstuhl für Ethik an der Evangelischen Fachhochschule Berlin
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Zitiervorschlag
Karsten Laudien. Rezension vom 19.04.2013 zu: Andre Schüller-Zwierlein, Nicole Zillien (Hrsg.): Informationsgerechtigkeit. Theorie und Praxis der gesellschaftlichen Informationsversorgung. Walter de Gruyter (Berlin) 2013. ISBN 978-3-11-025884-4. Reihe: Age of access? - Grundfragen der Informationsgesellschaft - Band 1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/14693.php, Datum des Zugriffs 30.09.2016.


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