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Tessa Korber: Ich liebe dich nicht, aber ich möchte es mal können

Cover Tessa Korber: Ich liebe dich nicht, aber ich möchte es mal können. Ullstein Verlag (München) 2012. 312 Seiten. ISBN 978-3-550-08895-7. D: 19,99 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.
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Thema

Wie ergeht es einer Mutter, die mit der Zeit erkennt, dass ihr 2.Sohn anders ist als andere Kinder? Korber beschreibt in diesem Buch Höhen und Tiefen ihres gemeinsamen Lebens- und Entwicklungsweges mit ihrem Sohn Simon. Es ist ein „Dokument einer Mütterliebe, die an ihre Grenzen stößt“ (Klappentext), das aufwühlt und zugleich berührt.

Autorin

Tessa Korber, Jg 66 ist und Autorin zahlreicher Krimis und historischer Romane. Sie hat zwei Söhne. Die erste Ehe wird geschieden, heute lebt sie mit ihrem Lebensgefährten zusammen.

Entstehungshintergrund

Während der Habilitation wird der erste Sohn geboren. Korber bringt Kind und Beruf  unter einen Hut. Als ihr zweiter Sohn Simon geboren wird gestaltet sich diese Doppelaufgabe zunehmend schwierig. Im Laufe der Zeit stellt sie fest, dass Simon anders ist als andere Kinder. Die Diagnosestellung Autismus dauerte zwei Jahre. In ihrem Buch schreibt sie von ihren Erfahrungen im Alltag mit Simon. Der Titel des Buches ist ein Zitat von Simon, der wenig spricht. Manchmal macht er solche Aussagen, die seinen Tiefsinn zeigen.

Aufbau

Auf 311 Seiten findet der Leser 16 Kapitelüberschriften plus Vorwort, Epilog, Danksagung und Literatur. Die Kapitelüberschriften geben Einblicke in das Leben und spiegeln verschiedene Blickwinkel wieder z.B.wie das Leben unter den Bedingungen von Autismus aus Sicht von Simon, von seinem Bruder, seines leiblichen Vaters u.v.m. ist:

  • Alles noch heil oder das Wunschkind
  • Weil nicht sein kann
  • Sprich es aus und es wird wahr
  • Exkurs: Scheiße, Arsch und Hass
  • Meine Jahre in der Niemandsbucht
  • Die stille Kerze neben dem brennenden Topf
  • Ganz unten
  •  „Hier ist eine Mutter“
  • Das Leben und die Bücher – und wiederum das Leben
  • Mein Leben als Hobby
  • Scheidung auf autistisch
  • Gute Tage, schlechte Tage
  • „Bring ihn mir, wenn er Transzendentalphilosophie sagen kann“
  • Non scolae sed vitae…?
  • Vater – Mutter- Kind… Heim?
  • Wofür es gut ist

Inhalt

Wie ist das Leben mit einem autistischen Kind? Vor welche Aufgaben ist eine Mutter, ein Vater, ein Bruder – sprich eine Familie gestellt und welchen Weg geht man miteinander? Korber gewährt dem Leser Einblicke in all diese Fragen. Sie schreibt aus ihrer sehr persönlichen Sicht über Erfahrungen und Erkenntnisse, die langsam reifen. In der Zeit der Orientierungslosigkeit darüber, was mit dem Kind los ist, erlebt sie eine Palette von Gefühlen, die sie mit der Kapitelüberschrift „Scheiße, Arsch und Hass“ zusammenfasst. Sie erlebt „Hass“ auf ihre Umwelt und auf jedem, der die Unterschiede bemerkt. Sie erlebt, dass ihre mütterlichen Reaktionsmuster z.B. jegliche Art von Emotionalität sinnlos bzw. wenig förderlich sind. Mit der Zeit wird ihr zunehmend klar, dass die Mutter eines autistischen Kindes vor die Aufgabe gestellt wird, immer da zu sein, nicht nur physisch, sondern auch mit voller Aufmerksamkeit und Konzentration. Eine unlösbare Aufgabe! Menschen wie Simon bemerken die Unaufmerksamkeit sofort und fordern vehement Aufmerksamkeit ein (S. 85). Simon braucht eine Umgebung, die das Leben übersetzt und Personen, die Fürsprecher für ihn werden. Diese Rollen übernehmen neben der eigentlichen Mutterrolle im Allgemeinen Mütter wie Tessa Korber mit der Folge, eigene Bedürfnisse und Wünsche zurückzustecken und letztendlich das eigene Leben aufzugeben. Im Laufe der Zeit kommt sie zunehmend an Grenzen und am Ende bricht sie völlig zusammen. Erst nach und nach kann sie es sich eingestehen, dass es außerhalb der Familie Schultern, die Verantwortung übernehmen und tragen, für Simon braucht. In der Zeit des Zusammenbruchs fasst sie den Entschluss einen Heimplatz zu suchen. So bekommt Simon einen anderen Lebensort und Korber lernt wieder ein eigenes Leben zu leben.

Diskussion

Korber schreibt offen und teilweise schonungslos. Da gibt es viele anstrengende Erlebnisse, aber zugleich auch intensive, liebevolle und wundersame Momente. Es geht aber nicht nur um Simon, es geht auch darum, wie es einem Geschwisterkind ergeht und einem  Familiensystem, in dem ein Kind mit Autismus aufwächst. Der Focus liegt auf der Beschreibung des Weges einer Mutter, die bereit ist, alles auf sich zu nehmen, rund um die Uhr für ihren Sohn da zu sein und ihn mit allen Mitteln, die in ihrer Kraft stehen, zu fördern und ins Leben zu begleiten. Dabei geht es auch um eine Mutter, die einen ewigen Kampf zum Wohl des autistischen Kindes ausficht. Diese Aufgabe verengt sich zunehmend auf sie. Der Vater erträgt es nicht, dass sein Kind eine Behinderung hat. Er entfernt sich immer weiter von der Familie mit der Folge, dass auch seine Aufgaben von der Mutter übernommen werden müssen. Es ist nicht selten in dieser Konstellation, dass das Netzwerk um die Familie immer kleiner wird und nur die Mutter „übrig“ bleibt, die dann mit Aufbietung ihrer ganzen Kraft um ihr Kind wie eine Löwin kämpft und sich aufopfert. Nicht selten wird sie dafür noch kritisiert z.B. zu symbiotisch zu sein. Dieser Vorwurf lässt die Rolle der abwesenden Väter völlig außer Acht und es wird Zeit, dass hier der Blick auf die gesamte Situation und ihre Akteure gelenkt wird.

Auch wenn Frau Korber es nicht explizit im Sinn hatte, ist das Buch ein Appell, genauer hinzuschauen, Menschen in diesem Lebenslagen nicht alleine zu lassen. Dabei sind wir alle gefragt! Korber schreibt nichts darüber- dennoch wäre es interessant zu wissen, ob die Eltern der Schulkameraden von Simon das Handeln der Lehrkraft auf einem Elternabend hinterfragt haben, weil es ihnen befremdlich vorkam, dass ein Kind von der Gemeinschaft separiert wird und in einen Extraraum weggesperrt ist. An diesem Beispiel drängt sich mir allerdings noch eine ganz andere Frage auf: wie kann es sein, dass eine Lehrkraft so viel Macht über ein Kind hat, dass sie alleine entscheiden kann, ihm die Freiheit zu entziehen? Ist Schule wirklich so ein rechtsfreier Raum oder ist das, was Simon erlebt hat nur ein bedauerlicher Einzelfall?

Fazit

Korber ist Autorin historischer Romane und Krimis. Mit diesem Buch hat sie einen autobiografischen Lebenskrimi geschrieben- in dem Personen und Handlungen nicht frei erfunden sind, sondern ihrer Realität entstammen. Sie beschreibt ihre Gefühle und verschweigt dabei weder Frust noch Hass. Das ist eine Seite. Eine andere Seite beschreibt eine tiefe Verbindung zu ihrem Sohn Simon, die von Liebe und Verbundenheit geprägt ist, obwohl er oder gerade weil er ihr so viel abverlangt. Es ist anrührend zu lesen, dass es auch wundersame Momente gibt – z.B. als er den Satz sagt: „Ich liebe dich nicht- aber ich möchte es mal können“.

Frau Korber beweist Mut, so offen und schonungslos über ihr Leben mit einem Kind wie Simon zu schreiben. Sie tabuisiert nichts. Der Leser hat teil an dem Erleben der Mutter, die in allen Lebenslagen und rund um die Uhr präsent sein muss. Mutter eines autistischen Kindes zu sein heißt zwischen dem Kind und den Anforderungen der Umwelt zu stehen. Sie muss diesem Kind die Welt in besonderem Maß übersetzen und umgekehrt muss sie der Welt die Besonderheiten ihres Sohnes nahe bringen. Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Korber ist es mit diesem Buch gelungen, die Vielschichtigkeit und Schwere zu schildern und gleichzeitig deutlich zu machen, wie sehr sie ihren Sohn, der ihr so viel abverlangt, liebt.

Wie vielen Müttern auch ging die Autorin dabei an ihre Grenzen und darüber hinaus und konnte erst nach einem Zusammenbruch zulassen, Verantwortung zu teilen und den Sohn in andere Hände abzugeben. Wenn der Zusammenbruch dieser Mütter einen Sinn hatte, dann den, das andere Frauen rechtzeitiger erkennen, auf sich so aufzupassen, dass ihre Energie erhalten bleibt.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 24.04.2013 zu: Tessa Korber: Ich liebe dich nicht, aber ich möchte es mal können. Ullstein Verlag (München) 2012. ISBN 978-3-550-08895-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/14715.php, Datum des Zugriffs 28.05.2016.


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