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Bettina Jenny, Philippe Goetschel u.a.: KOMPASS. Zürcher Kompetenztraining ... (Autismus)

Cover Bettina Jenny, Philippe Goetschel, Martina Isenschmid, Hans-Christoph Steinhausen: KOMPASS. Zürcher Kompetenztraining für Jugendliche mit Autismus-Spektrum-Störungen. Ein Praxishandbuch für Gruppen- und Einzelinterventionen. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2012. 242 Seiten. ISBN 978-3-17-021458-3. 49,90 EUR.

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Thema

Jugendliche aus dem autistischen Spektrum brauchen Unterstützung. Sie sind auf Orientierungshilfen in der sozialen Welt angewiesen. Betroffene wirken kommunikativ unbeholfen und sie erleben häufig Missverständnisse bei der Kontaktgestaltung. In Zürich wurde KOMPASS entwickelt. Ein Kompetenztraining für Gruppen als auch als Einzelintervention.

Autorenteam

Bettina Jenny, Psychologin und Psychotherapeutin an der Autismus-Sprechstunde des Zentrums für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Zürich hat gemeinsam mit Philippe Goetschel, Psychologe und Psychotherapeut, Familien- und Jugendberatungsstelle Allschwil-Basel das Sozialtraining entwickelt. Jenny formulierte als Teil ihrer Dissertation den theoretischen Hintergrund, konzipierte das Praxishandbuch und schrieb dieses Buch auf Grundlage eines Vorentwurfes von Martina Isenschmid, Psychologin im Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst des Kanton Zürich. Hans-Christoph Steinhausen, Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie an den Universitäten Aarhus, Basel, Zürich  förderte das Forschungsprojekt hin zu einem Sozialtraining. Erste Ergebnisse liegen vor und sie zeigen einen im Alltag beobachtbaren Abbau autistischer Symptomatik und einen Zuwachs an sozialen Kompetenzen durch das Training.

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst 242 Seiten, die sich in sieben Kapiteln gliedern. Kernstücke bilden vier Module inkl. eines Verzeichnisses der Übungen. Zur leichteren Orientierung sind die Module am Vorderschnitt des Buches farblich hervorgehoben. Im Fließtext findet man weitere Strukturierungshilfen, die der Übersichtlichkeit und der Lesbarkeit dienen. Texte sind mit Originalzitaten und zahlreichen Bildern von  konkreten Hilfsmitteln angereichert.

Kapitel 1 bildet die theoretische Einführung. Der Theorieteil ist im Rahmen einer Dissertation von Jenny entstanden. Er befasst sich mit der Klassifikation und Diagnostik der Autismus-Spektrum-Störungen, dem klinischen Bild des Asperger-Syndroms, der Komorbidität, der Epidemiologie und dem Verlauf der Autismus-Spektrum-Störungen, der Ätiologie der Autismus-Spektrum-Störungen und mögliche Interventionen. Es endet mit der Darstellung der Entwicklung des Zürcher KOMPASS-Trainings.

Kapitel 2 befasst sich mit der Konzeption des KOMPASS-Sozialtrainings in der Gruppe. Das Konzept wird vorgestellt sowie Aufbau, Indikation, Kontraindikation, Ziele, Rahmenbedingungen und die Elternarbeit. Neben der Trainingsdurchführung erhält man Informationen einen Überblick zum Ablauf der KOMPASS-Gruppensitzungen sowie der verwandten Arbeitsmaterialien.

Kapitel 3 umfasst das Einführungsmodul: Kennenlernen (E). Dazu gehören Informationen zum Administrativen, Protokoll- und Arbeitsblättern sowie Übungen und Spiele.

Kapitel 4 stellt das Modul 1: Emotionen (M 1) vor: Neben einer Einführung geht es um das Benennen von Gefühlen, das Erkennen von mimisch-gestischen Darstellungen von Gefühlen, die mimisch-gestisches Darstellung von Gefühlen, Gefühle und Stimme, das Verbinden von Gefühlen und Situationen, konventionelle und persönliche Verbindungen und typische Reaktionen auf Gefühle.

Kapitel 5 stellt das Modul 2: Small Talk und Telefongespräch (M 2) vor. Dazu gehören eine Einführung, Hintergrund des Small Talks, eine Nähe-Distanz-Skala sowie verschiedene Abläufe von Small Talk (Übersicht, Begrüßung, Einleitungssatz, Antwortsatz, Kommentar und Fortsetzungsfrage, Brückenkommentare, persönliches Erzählen, Abschlusssatz und Verabschieden). Einzelne Bausteine werden zusammengefügt und bilden strukturierte Small Talk-Übungen, Small Talk-Trainingsparcours, Small Talk mit Außenstehenden, Small Talk mit KOMPASS-Gruppenmitgliedern.

Kapitel 6 stellt das Modul 3: Nonverbale Kommunikation (M 3) vor mit den Inhalten: Einführung und Zusammenführung in das Modul (Gestik, Blickkontakt, Mimik, Stimme) sowie die Elemente erster Eindruck, höfliches Verhalten, Körperhaltungen und Nähe-Distanz. 

Kapitel 7 beinhaltet die Evaluation des KOMPASS-Gruppentrainings mit Datenerhebung, Stichprobenbeschreibung, Ergebnisse, Diskussion sowie einen Ausblick auf die Evaluation von KOMPASS.

Das Buch endet mit einem umfangreichen Literaturverzeichnis sowie einer Übersicht (Anhang) der einzelnen Materialien zum Download. Nach Eingabe eines individuellen Codes stehen auf der Internetseite des Kohlhammer Verlags Kopiervorlagen zur Verfügung.

KOMPASS steht für Kompetenztraining für Jugendliche mit Autismus-Spektrum-Störung. Kern bildet ein Training sozialer Kompetenzen. Es richtet sich an Jugendliche im Alter von rund 12 bis18 Jahren aus dem autistischen Spektrum  mit hohem Funktionsniveau. In diesem Alter sind Kontakte und Freundschaft wichtige Themen, betroffene Jugendliche haben allerdings Probleme damit. Sie stehen unter einem wachsenden Leidensdruck und sind auf Orientierungshilfen in der sozialen Welt angewiesen. Betroffene wirken kommunikativ unbeholfen, es kommt häufig zu Missverständnisse. Oft verletzen sie ihre Kommunikationspartner, ohne sich dessen bewusst zu sein. Betroffene erleben dies als anstrengende Aufgabe. Im Training üben sie praktikable Strategien ein und wenden diese in verschiedenen Settings an. Sie lernen in kleinen Schritten, welche Elemente zur Kontaktgestaltung notwendig sind. Als zentrale Bausteine eines erfolgreichen sozialen Kompetenztraining werden Konkretisierung des Abstrakten, Einsatz von Visualisierungshilfen, Struktur und Vorhersehbarkeit, Angebote multipler und unterschiedlicher Lernmöglichkeiten, auf andere gerichtete Aktivitäten, Unterstützung des Selbstwertgefühls, Auswahl relevanter Ziele, sequenzielles und progressives Einüben und Generalisierung genannt (S. 36-37).

Diskussion

Das Thema Autismus erreicht mittlerweile die breite Öffentlichkeit, die Zahl der Veröffentlichungen ist steigend. Das liegt sicher auch daran, dass die Diagnose zunehmend gestellt wird. Noch vor wenigen Jahren fehlte es an Literatur zum Themenkomplex. Dieses Buch enthält Materialien für ein soziales Kompetenztraining für Jugendliche. Betroffene brauchen Unterstützung. Sie erleben ihren Alltag als anstrengend. Gerade in dieser Lebensphase sind soziale Interaktionen wichtig und prägend. Das geht mit der Loslösung vom Elternhaus einher und der Kontakt zu Gleichaltrigen in Peergruppen wird bedeutsamer. Hier stoßen Jugendliche mit hochfunktionalem Autismus an Grenzen und nicht selten scheitern sie, was belastend ist.

Es ist ein erster Schritt, dass Kompetenztrainings entwickelt werden, ein zweiter ist, diese zu installieren. Meines Wissens werden die Kosten für solche Gruppenangebote nicht von den Krankenkassen oder anderen Stellen übernommen, sodass viele Jugendliche allein gelassen werden.

Fazit

Mit der Verbreitung derartiger Trainings steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Betroffene adäquate Unterstützung bekommen. Menschen sind soziale Wesen und brauchen die Interaktion mit anderen Personen. In der Kindheit liegt der Schwerpunkt bei der Familie. In der Pubertät sucht der Jugendliche Kontakte zu Gleichaltrigen. Dabei entstehen für Betroffene mannigfaltige Probleme. Es fehlt an flächendeckenden refinanzierte Angeboten, damit möglichst viele Betroffene davon profitieren können. Gerade bei diesem Personenkreis ist es bedeutsam, dass Interventionen individuell angepasst werden. Auch ist zu beachten, dass Menschen mit Autismus anders denken als sog. Neurotypische (Nichtautisten). Deshalb ist es unabdingbar, dass Begleitpersonen/Lehrer über ein fundiertes Wissen zum Autismus Spektrum und ausreichend Zeit verfügen. In therapeutischen Einzelsitzungen – die bislang den Schwerpunkt möglicher Unterstützungsangebote bilden- können adäquate Verhaltens- und Interaktionsstrategien für Gruppenzusammenhänge nur rudimentär geübt werden. Meine Erfahrung mit diesem Personenkreis ist, dass ein pädagogisches Handeln, welches Umgebungen so gestaltet, dass nachhaltige, erfolgreiche Schlüsselqualifikationen geübt werden.

Menschen aus dem autistischen Spektrum sind auf die „Strukturierung von Erfahrungs- und Lernmöglichkeiten“ (S.44) in einer sich ständig ändernden Umgebung angewiesen, denn „die soziale Umwelt besteht nur aus Veränderung“ (a.a.O.S. 44). Das findet sich auch beim Arbeiten nach TEACCH wieder. Darüber hinaus geht es um ein größtmögliches Maß am Erleben von Selbstständigkeit und Selbstwirksamkeit der Person.

KOMPASS steht für „Kompetenztraining für Jugendliche mit Autismus-Spektrum-Störung“. Der Begriff „Kompetenztraining“ bringt zum Ausdruck, dass Kompetenzen vorhanden sind, die als Ressourcen genutzt werden können, um diese zu intensivieren bzw. weitere Strategien zu erlernen. Es kann in einem Training nicht allein um vom Individuum losgelöste auswendig zu lernende Items, die schematisch angewandt werden sollen, gehen. Im Mittelpunkt muss immer das Verstehen des einzigartigen Menschen und seiner besonderen Lebenslage stehen, um der Person und seiner Entwicklung gerecht zu werden.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 16.04.2013 zu: Bettina Jenny, Philippe Goetschel, Martina Isenschmid, Hans-Christoph Steinhausen: KOMPASS. Zürcher Kompetenztraining für Jugendliche mit Autismus-Spektrum-Störungen. Ein Praxishandbuch für Gruppen- und Einzelinterventionen. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2012. ISBN 978-3-17-021458-3. Reihe: Content plus. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/14737.php, Datum des Zugriffs 27.07.2016.


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