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Mirjam S. Paschke-Müller, Monica Biscaldi u.a.: TOMTASS - Theory of Mind Training bei Autismus Spektrum Störungen

Cover Mirjam S. Paschke-Müller, Monica Biscaldi, Reinhold Rauh, Christian Fleischhaker, Eberhard Schulz: TOMTASS - Theory of Mind Training bei Autismus Spektrum Störungen. Freiburger Therapiemanual für Kinder und Jugendliche. Springer-Verlag (Berlin, Heidelberg, New York, Hongkong, London, Mailand, Paris, Tokio, Wien) 2013. 171 Seiten. ISBN 978-3-642-20063-2. 39,95 EUR, CH: 54,00 sFr.
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Thema

TOMTASS ist ein Therapieprogramm zur Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Autismusspektrumstörung auf hohem Funktionsniveau. Es steht für „Theory-of-Mind-Training bei Autismusspektrumstörung“.

Autismus ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung . Heutzutage benutzt man den Begriff Spektrumstörung, um deutlich zu machen, dass die Ausprägung weit gefasst ist. Sie ist nicht immer leicht zu diagnostizieren. Dieses Manual (Therapieprogramm) ist Handwerkzeug und Leitfaden für die Durchführung von Therapiesitzungen. Es beinhaltet eine Vielzahl von Materialien und Arbeitsblättern, die der Durchführung sowie Vor- und Nachbereitung der Therapiestunden dienen.

Autoren

Alle Autoren sind am Universitätsklinikum Freiburg, Abt. Psychiatrie und Psychotherapie tätig.

Entstehungshintergrund

In Freiburg beschäftigt man sich intensiv mit dem Thema Autismusspektrumstörung (ASS). Neben dem TOMTASS wurde auch FASTER entwickelt und 2013 herausgebracht. Dies hängt sicher mit der explosionsartig zunehmenden Aufmerksamkeit in Bezug auf das Thema Autismus und der damit einhergehenden zunehmenden Anfrage nach geeigneten Unterstützungsmöglichkeiten zusammen.

Aufbau und Inhalt

Im Teil I Grundlagen und Theorie werden der gegenwärtige Forschungsstand (Definition und Ätiologie, Diagnostik, Theory of Mind, therapeutische Interventionen) und die Evaluation des Therapieprogramms TOMTASS vorgestellt. Hier liegt der Fokus auf der Beschreibung der Gesamtstichprobe, dem Ablauf der Evaluation, den Evaluationsmaßen, den Ergebnissen mit Diskussion und Ausblick.

Im Teil II wird ein Überblick über das Therapieprogramm TOMTASS gegeben. Dieser Teil enthält allgemeine Hinweise und eine Einführung, den Aufbau der Therapiemodule, Hinweise zur Durchführung, Rolle der Therapeuten und feste Bestandteile. Jedes Unterkapitel endet mit einem Anhang mit Materialien.

Kapitel 1-2 umfassen den Theorieteil (I). Es werden die theoretischen Grundlagen des Autismus kurz und verständlich beschrieben. Die Kapitel 3-8 (Praxisteil II) bestehen aus einheitlich aufgebauten Einheiten, die sich in acht "Module", die für die Gruppentherapie mit autistischen Kindern und Jugendlichen einsetzbar sind, untergliedern. Jedes Modul hat folgenden Aufbau: Einführung und Theorie, Themen und Bausteine, Spiele, Hausaufgaben sowie ein Anhang mit Materialien.

  • Modul 1: Kennenlernen und Einfinden in die Gruppe
  • Modul 2: Psychoedukation
  • Modul 3: Theory of Mind – Gefühle
  • Modul 4: Theory of Mind – Gedanken
  • Modul 5: Theory of Mind – Sprache
  • Modul 6: Kontaktaufnahme und Freundschaft
  • Modul 7: Konflikte und Kritik
  • Modul 8: Körperübungen, Entspannung und Stresstoleranz

Es folgen sechs weitere Kapitel: Kapitel 13 Special Events (konkret geht es z.B. um besondere Erlebnisse im Gruppenrahmen wie eine Weihnachtsfeier oder die Gestaltung eines Abschieds). Kapitel 14 gibt Anregungen für weitere Spiele. Es wird empfohlen nach der Hälfte der Gruppensitzungen eine (Zwischen-)Evaluation im Rahmen der Gruppenstunden (Kapitel 15) durchzuführen. Kapitel 16 widmet sich einer wichtigen Komponente: der Einbeziehung der Eltern z.B. durch Elternabende. Die Autoren empfehlen drei Abende (zu Beginn, in der Mitte- nach Sitzung 12 – sowie am Ende – nach Stunde 23). Kapitel 17 widmet sich der Vor- und Nachbereitung von Einzelgesprächen mit dem Blick auf Rahmenbedingungen des Trainings, Sinn und Zweck, Ziele sowie Verträge. Im Kapitel 18 Dokumentation findet man eine Vorlage für Stundenprotokolle sowie die Anregung Videoaufnahmen bzw. ein Stichwortprotokoll herzustellen. Empfohlen wird Supervision oder Intervision (für Anfänger in der Arbeit nach TOMTASS nach jeder zweiten Sitzung). Der Serviceteil am Ende des Buches enthält ein Literatur- und Stichwortverzeichnis

Die einzelnen Kapitel im Buch sind farblich abgesetzt, was die Übersichtlichkeit erleichtert. Die inhaltlichen Erläuterungen sind kurz gehalten und verständlich erklärt. Überschriften und Querhinweise auf andere Kapitel erleichtern die Lesbarkeit und Orientierung im Buch, zentrale Aussagen sind in farblich hervorgehoben. Viele Seiten sind kindgerecht illustriert.

Entscheidend bei der Konzeptentwicklung von TOMTASS waren verhaltenstherapeutische Interventionen wie z.B. der TEACCH Ansatz. TEACCH wurde 1966 von Eric Schopler entwickelt. „Es bedient sich praktischer Methoden und Hilfestellungen als Strategie der Förderung“ und ist geeignet für Menschen mit autistischen Störungen „aller Entwicklungsstufen, von geistiger Behinderung bis überdurchschnittlicher Intelligenz, von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter und kann in jedem Setting durchgeführt werden (z.B. Klinik, Schule).“(S.11). Auf diesem Hintergrund entwickelten die Autoren geeignete Rahmenbedingungen und Prinzipien.

Ziel des vorgestellten TOMTASS Manual ist ein soziales Kompetenztraining anzubieten. Dabei werden drei hierarchische Ziele angestrebt: 1. Verbesserung der Kommunikation und Interaktion innerhalb der Gruppe, 2. Verbesserung von unangemessenen Verhaltensweisen, 3. Verbesserung der Interaktionsfähigkeit im Alltag (S. 27-28). Durch gezieltes Training der ToM Fähigkeiten soll die Übertragung in den Alltag der Kinder und Jugendlichen erleichtert werden. ToM steht für Theory of Mind. In diesem Zusammenhang wird auch von „intuitiver Psychologie“ gesprochen. Damit meint man ein „Verständnis für soziale Kausalität. ToM bezeichnet die Fähigkeit sich selbst und dem Gegenüber ein Innenleben bzw. mentale Zustände zuzuordnen, diese mentalen Zustände zu erfassen und die damit verbundenen Informationen zu nutzen“ (S. 8). Diese Fähigkeit ist zudem vom Entwicklungsniveau und von der intellektuellen Leistungsfähigkeit beeinflusst. (S. 9). Es gibt Überlegungen, dass die Ursache für mangelnde ToM in der Dysfunktion der Spiegelneuronen begründet liegt. „Laut dieser Theorie entstehe der Mangel an ToM Fähigkeiten bei autistischen Störungen vor allem durch eine Unfähigkeit, Zustände zu simulieren, was als Grundlage für das Nachfühlen und sich-in-andere-Hineinversetzen verstanden werden kann.“ (S. 9).

Diskussion

Im Mittelpunkt von TOMTASS steht die Theory of Mind (ToM), deren Fehlen bzw. schwache Entwicklung scheint Ursache für viele Probleme im Leben von Menschen aus dem Autismusspektrum. Es ist zu begrüßen, dass Therapeuten zunehmend ihre Behandlungszimmer öffnen, denn dadurch können andere von den Erfahrungen profitieren und diese weiter entwickeln.

Aufgrund der Probleme mit ToM Fähigkeit fällt es Betroffenen schwer, Zusammenhänge und Regeln des sozialen Miteinanders zu verstehen. Nur wer versteht kann adäquat handeln und lernen. Das TOMTASS Training will relevante Fähigkeiten gezielt üben. In den Modulen 3, 4und 5 bezieht sich das Training auf Gefühle, Gedanken und Sprache. Lerneinheiten werden mit Bildern und Comics unterstützt. Visualisierungshilfen berücksichtigen, dass Menschen aus dem autistischen Spektrum visuelle Lerner sind.

Dieses Manual zeigt sehr konkret, wie komplex Anforderungen in Kontakt und Interaktion mit anderen Personen sind. Neurotypische Menschen erfassen solche Anforderungen meist intuitiv. Es reicht nicht, sich einseitig Regeln anzueignen, da soziales Geschehen immer in einen Kontext eingebettet ist, der mit erkannt werden muss, um adäquat zu handeln.

Neben den vielen wertvollen Informationen möchte ich das Kapitel 17 hervorheben. Es befasst sich mit Methoden im Umgang mit Stress. Menschen mit Autismus erleben im Alltag oft ein enormes Maß an Anspannung und Stress mit der möglichen Folge, dass mit Rückzug, Autoaggressivität und Wutanfällen reagiert wird. Die Kursteilnehmer sollen lernen eigene Körperempfindungen besser wahrzunehmen und angemessen darauf zu reagieren sowie Körperkontakt zu anderen auszuhalten. Manche können zudem nicht gut abschätzen, wie nah sie anderen kommen können oder sollen.

Neben Körperübungen wird an der eigenen Achtsamkeit gearbeitet z.B. durch Einsatz der Progressiven Muskelrelaxation nach Jacobsen (S. 126). Diese hilft sehr gut, zu erfahren wie sich Anspannung bzw. Entspannung anfühlen. Bei Übungen wie der Wettermassage wird mit einem anderen Gruppenmitglied gearbeitet. Je nach Wetterlage wie Regen, Blitz, Donner etc wird massiert, wodurch in spielerischer Form am Thema Sozialverhalten geübt werden kann, sodass der Spaß nicht zu kurz kommt. In den Baustein „Umgang mit Stress„ fließen Handlungsweisen der Dialektisch-Behaviorale Therapie für Jugendliche (DBT -A)“ (S. 127) mit ein,um einen individuell passenden Umgang mit Stress herauszufinden und unangenehme Gefühlen zu erkennen. Es werden passende Strategien gesucht wie 1.sich ablenken, 2. sich beruhigen mit fünf Sinnen und 3. den Augenblick verbessern. Als Hausaufgabe werden Aktivitäten zu allen drei Punkten gesammelt und in der Gruppe vorgestellt.

Die hier vorgestellten Methoden zeigen auf, wie wichtig es ist für sich passgenaue Strategien zu entdecken bzw. erhalten. Diese Erkenntnis deckt sich mit meinen Erfahrungen in der Arbeit mit Menschen mit sog. herausfordernden Verhaltensweisen. Je passender die Strategien für das Individuum sind desto höher ist das Erleben der eigenen Selbstwirksamkeit. Statt Erfahrungen von Ohnmacht kann erlebt werden Regie über das eigene Leben und Handeln zu erlernen. Erfolgreiche Strategien sind nachhaltiger als allgemeine Trainings. Sie werden von den Betroffenen als sinnvoll erlebt, sodass sie im Alltag darauf zugreifen. Bewährt hat sich der Einsatz von Erinnerungshilfen, vor allem, wenn sie neben dem bevorzugten Sinneskanal auch über den haptischen Kanal aufgenommen werden können z.B. in Form von Karteikarten in der Hosentasche. Darüber hinaus kann man je nach Situation einen Antistress-Koffer erfinden und Utensilien daraus unauffällig bereit halten oder einen Wohlfühlkorb packen. Diese Hilfsmittel sollten so organisiert sein, dass einfach (im Sinne von aufwandsarm) darauf zurückgegriffen werden kann. Viele Probleme entstehen beim Eintritt in die Schule, also dann, wenn soziale Anforderungen steigen. Solche Strategien haben den positiven Nebeneffekt, dass sie einüben, sich Hilfe in der schwierig erlebten Situation zu holen/zu nehmen. d.h. die Person verbleibt in der Situation, statt sie zu vermeiden, was letztendlich oft in einem totalen Rückzug münden kann und Folgeprobleme anderer Art nach sich zieht. Die einseitige Rücknahme von Anforderungen wird oft unbedarft wohlmeinend eingesetzt. Langfristig kann sie aber allzuoft in Sackgassen münden, da wir Menschen soziale Wesen sind und in sozialen Zusammenhängen leben. Eine andere einseitige Strategie ist der Person eine enge Begleitung an die Seite zu stellen, die reguliert. Wird diese ausschließlich angewandt kann sie abhängig und hilflos machen. Auch hier sollte von Anfang an überlegt werden, individuell passende Lösungswege zu suchen, die die Handlungsmöglichkeiten der Person stärken und somit die Entwicklung des Selbstwertgefühls unterstützen.

Fazit

Das Buch enthält Handlungsanleitungen und zahlreiche Arbeitsmaterialien. Leser finden eine Fülle an Vordrucken, die Dank der beigefügten CD einfach kopiert und für den eigenen Bestimmungszweck bearbeiten können (was ausdrücklich erwünscht ist!). So können Erkenntnisse und Erfahrungen unkompliziert in die eigene Alltagspraxis adaptiert werden, was eine enorme Arbeitserleichterung darstellt.Viele Seiten sind altersgerecht und ansprechend illustriert. Bilder haben einen hohen Aufforderungscharakter und sagen oft mehr als 1000 Worte.

Eine der Autoren (Biscali) hat schon am Manual FASTER mitgewirkt, welches ebenso in Freiburg, allerdings für die Zielgruppe der Erwachsenen entwickelt wurde. TOMTASS (für die Zielgruppe Kinder und Jugendliche mit hohem Funktionsniveau) weist eine gewisse Ähnlichkeit auf.

Es ist den Autoren gelungen ein Therapiemanual zu entwickeln, dass als Handwerkzeug und Leitfaden für die Durchführung von Therapiesitzungen dient. Die Inhalte sind so aufbereitet, dass auch Fachleute in anderen Bereichen z.B. in pädagogischen Arbeitsfeldern in Bildung, Förderung und Arbeitsleben von den Erklärungen der Hintergründe der Autismusspektrumsstörung sowie der praxiserprobten Unterstützungsansätze profitieren können. Vor allem die Psychoedukation hilft bei der Suche nach Möglichkeiten und Selbsthilfekompetenzen, indem konkret dargestellt wird, wie sich geeignete Strategien entdecken lassen.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 05.08.2013 zu: Mirjam S. Paschke-Müller, Monica Biscaldi, Reinhold Rauh, Christian Fleischhaker, Eberhard Schulz: TOMTASS - Theory of Mind Training bei Autismus Spektrum Störungen. Freiburger Therapiemanual für Kinder und Jugendliche. Springer-Verlag (Berlin, Heidelberg, New York, Hongkong, London, Mailand, Paris, Tokio, Wien) 2013. ISBN 978-3-642-20063-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/14738.php, Datum des Zugriffs 27.09.2016.


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