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Britta Sievers: Migrationssensibler Kinderschutz

Cover Britta Sievers: Migrationssensibler Kinderschutz. Anregungen aus Großbritannien. Internationale Gesellschaft für erzieherische Hilfen (IGfH) (Frankfurt am Main) 2013. 72 Seiten. ISBN 978-3-925146-82-4. D: 10,00 EUR, A: 10,30 EUR, CH: 14,90 sFr.

Internationale Aspekte 4.
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Thema

Das vorliegende Buch widmet sich dem Thema Kinderschutz in Großbritannien. Die Autorin geht der Frage nach, welchen Einfluss ein Migrationshintergrund bei Familien auf die Vorgehensweise innerhalb des Allgemeinen Sozialen Dienstes des Jugendamtes hat. Hierzu werden Entwicklungen und Erkenntnisse aus Großbritannien skizziert und Anknüpfungspunkte für die Auseinandersetzung in Deutschland formuliert.

Autorin

Britta Sievers ist Diplom-Sozialarbeiterin (Fh) und M.A. Vergleichende Europäische Sozialforschung. Derzeit ist sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der IGfH e.V. im dem Projekt „Was kommt nach der stationären Erziehungshilfe? – Gelungene Unterstützungsmodelle für ‚Care Leaver‘“ beschäftigt.

Entstehungshintergrund

Im Rahmen des Projektes „Migrationssensibler Kinderschutz“ erfolgte die Auseinandersetzung damit, inwieweit sich das Handeln des Allgemeinen Sozialen Dienstes des Jugendamtes im Kinderschutzkontext dahingehend unterscheidet, ob die beteiligten Familien über einen Migrationshintergrund verfügen oder nicht. Ziel war es, solche professionellen Herausforderungen zu identifizieren, die sich „unabhängig von einem Migrationshintergrund gleichen“ (5), und solche aufzuzeigen, die eine besondere Zugangsweise erfordern (vgl. Jagusch, Sievers & Teupe 2012). Im Zuge einer Auslandsrecherche wurden Erfahrungen und Forschungsergebnisse aus Großbritannien herangezogen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch „Migrationssensibler Kinderschutz“ besteht aus einem Inhaltsverzeichnis, einer Einleitung, den drei Schwerpunktkapiteln

  • „Ethnische Minderheiten in Großbritannien“,
  • „Kinderschutz in Großbritannien“ und
  • „Ethnische Minderheiten im Kinderschutz“,

einer Schlussbemerkung und einem umfangreichen Literaturverzeichnis. Das Buch umfasst insgesamt 71 Seiten.

Im Rahmen der Einleitung zeigt die Autorin zunächst den Kontext ihrer Recherchearbeit auf, verdeutlicht das Anliegen des von der Stiftung Aktion Mensch, dem Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend sowie einer Privatstiftung geförderten Projektes „Migrationssensibler Kinderschutz“ und zeigt den Zusammenhang zwischen diesem Projekt und dem vorliegenden Buch auf. Hieran anschließend führt sie in das Thema ein und skizziert Aufbau und Inhalt des Buches.

Das erste Kapitel widmet sich der Einführung in die Lebenssituation ethnischer Minderheiten in Großbritannien. Zunächst beschreibt die Autorin Eckpunkte der Zuwanderung in Großbritannien im 20. Jahrhundert. Sie skizziert weiter die Zusammensetzung der britischen Bevölkerung und verdeutlicht, dass sich hierin nach wie vor die britische Kolonial-Geschichte widerspiegelt. Hierdurch ergeben sich gravierende Unterschiede zur Situation in Deutschland.

Weiter zeigt sie auf, dass die multiethnische Zusammensetzung der britischen Gesellschaft weitgehend eine hohe Akzeptanz erfährt. Im Zuge einer gewachsenen Islamophobie sind zahlreiche dialogfördernde Projekte und Initiativen zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen und Glaubensrichtungen entstanden. Hierbei sind ähnliche Fragestellungen wie in Deutschland, nämlich z.B. die Frage nach einer stärkeren Anpassung an die jeweils prägenden Werte der Mehrheitsgesellschaft, präsent.

Die Autorin umreißt weiter die Entwicklung der Antidiskriminierungsgesetzgebung und der Integrationspolitik in Großbritannien seit den 1960-er Jahren. In Zusammenhang hiermit zeigt sie auf, dass sich aus dem Personenkreis der Einwanderinnen und Einwanderer in den vergangenen beiden Jahrzehnten eine akademisch gebildete Mittelschicht entwickelt hat. Obgleich Bestrebungen vorliegen, auch innerhalb der behördlichen Strukturen die multiethnische Zusammensetzung der Bevölkerung widerzuspiegeln, lässt sich nach wie vor das Phänomen des „class ceiling“ (14) beobachten.

Zum Abschluss des ersten Kapitels zeigt die Autorin auf, dass die Erfassung der ethnischen Zugehörigkeit einen hohen Stellenwert in Großbritannien einnimmt, wodurch relativ detaillierte Informationen dazu vorliegen, wie die einzelnen ethnischen Gruppen in den verschiedenen Hilfs- und Unterstützungsangeboten repräsentiert sind.

Das zweite Kapitel widmet sich dem zentralen Thema „Kinderschutz in Großbritannien“. Die Autorin zeigt zunächst die Entwicklung und Prägung der Rechtsgrundlagen im Kinderschutz in Großbritannien auf. Sie führt weiter an, dass auch in Großbritannien tragisch verlaufende Kinderschutzfälle die Diskussion um die Qualität der Jugendamtsarbeit im Kinderschutzkontext ausgelöst hat. In diesem Zusammenhang werden die Reformvorschläge der britischen Universitätsprofessorin Eileen Munro aufgezeigt. Diese basieren auf einer Analyse des britischen Kinderschutzsystems, welche im Auftrag der britischen Regierung erfolgte. In der Ausarbeitung von Munro wird vor allem die Überbürokratisierung der Arbeit im Kinderschutzkontext kritisiert und eine Erweiterung professioneller Handlungs- und Entscheidungsfreiräume gefordert. Neben dem Abbau von Bürokratie, der Stärkung professioneller Fallverantwortung und der Überarbeitung des im Kinderschutzkontext vorhandenen Kontrollsystems enthalten diese Reformvorschläge auch Anregungen für die Ausbildung von Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern. Einige der in diesem Kontext benannten Veränderungsbedarfe wurden in Großbritannien in den vergangenen Jahren verwirklicht – weitere befinden sich noch im Prozess.

Die Autorin schildert darüber hinaus die stärkere Fokussierung auf präventive und frühe Hilfen und skizziert Reformen innerhalb der Kindertagesbetreuung und der Schulen. In diesem Zusammenhang zeigt sie sowohl die Ausweitung der Betreuungszeiten und der Beratungsangebote als auch die Entwicklung konkreter Handlungsabläufe und Verhaltensstandards auf. In einem weiteren Unterkapitel widmet sie sich dem Umgang mit Fehlern in Kinderschutzfällen. Abschließend werden statistische Informationen zur Häufigkeit von Kinderschutzfällen aufgezeigt: Auch in Großbritannien ist ein Anstieg von Gefährdungsfällen zu beachten, der neben der Verdichtung sozialer Problemlagen auch auf eine stärkere Aufmerksamkeit innerhalb der Gesellschaft und der beteiligten Fachkräfte zurückgeführt werden kann.

Im dritten Kapitel werden schließlich „ethnische Minderheiten im Kinderschutz“ in den Blick genommen. Bereits seit Ende der 1990-er Jahre stellt der „anti-rassistische Ansatz“ einen wesentlichen (und verpflichtenden) Inhalt in der Ausbildung von Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern dar. In der Kinder- und Jugendhilfe werden die „spezifischen Anforderungen eines ethnisch sensiblen Kinderschutzes“ (41) bereits seit vielen Jahren systematisch untersucht und diskutiert. Diversity wird hier als Querschnittsthema für die Soziale Arbeit verstanden, dass vor allem auch im Kinderschutzkontext Berücksichtigung finden muss. Hierauf aufbauend zeigt die Autorin Leitlinien und Grundsätze für die Arbeit in diesem Kontext auf. Hinsichtlich der Fremdplatzierung von Kindern und Jugendlichen zeigt sie weiter Anforderungen einer ethnisch und kulturell sensiblen Arbeit auf: eine Fremdplatzierung erfolgt in aller Regel bei Pflegefamilien der gleichen ethnischen Gruppe. Zur Verdeutlichung dieser grundsätzlichen Ausführungen erfolgt die Darstellung eines Praxisbeispiels. Anhand dieses zeigt die Autorin differenziert auf, „inwieweit und wann Ethnizität in der britischen Kinderschutzpraxis eine Rolle spielt.“ (51) Die Auseinandersetzung hiermit verdeutlicht den Bedarf der Selbstreflexion der Professionellen hinsichtlich ihrer eigenen Position, Haltungen und Einstellungen zum Aspekt der Ethnizität.

Im Rahmen der Schlussbemerkung führt die Autorin die dargestellten Aspekte mit der Situation in Deutschland zusammen. Sie zeigt auf, dass sich zahlreiche Parallelen zu den Entwicklungen in Deutschland erkennen lassen: Dies vor allem hinsichtlich der Hinzunahme und Überbetonung von Einschätzungs- und Dokumentationssystemen und der hiermit verbundenen Frage, ob diese tatsächlich die Handlungssicherheit der Professionellen erhöhen. Weiter resümiert die Autorin, dass „Soziale Arbeit in einer ethnisch, kulturell und religiös diversen Gesellschaft keiner spezifischen Instrumente für die Gefährdungseinschätzung für Kinder aus verschiedenen ethnischen Gruppen bedarf.“ (65) Weiter seien die bestehenden Verfahren und Standards ausreichend – verlangen jedoch einen entsprechend sensiblen Blick. Sie regt zudem eine stärkere Auseinandersetzung mit der kulturellen Zugehörigkeit und hierauf basierenden Identitätsentwicklung von Kindern und Jugendlichen und den hieraus resultierenden Anforderungen an eine professionelle Hilfegestaltung an. Sie schließt damit, dass vor allem eine interkulturelle Öffnung und eine stärkere Präsenz von Professionellen mit Migrationshintergrund innerhalb der Sozialen Arbeit einen wichtigen Beitrag für die Weiterentwicklung der Kinderschutzarbeit bieten könnte.

Diskussion

Das Buch bietet einen kurzen und übersichtlich strukturierten Einblick in das Thema Kinderschutz und Migration in Großbritannien. Der Fokus der Betrachtung liegt hierbei auf den Entwicklungen in Großbritannien und dort zu beobachtenden Herausforderungen. Insgesamt ist die Art der Darstellung ansprechend und auch komplexe Zusammenhänge sind gut nachzuvollziehen. Die Ausführungen der Autorin zur ethischen Zusammensetzung der britischen Gesellschaft und hieraus resultierenden gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen, zum Kinderschutz in Großbritannien und schließlich vor allem zum Umgang mit ethnischen Minderheiten im Kinderschutzkontext bietet einen eindrucksvollen Ein- und Überblick. Schade ist jedoch, dass Unterschiede und Gemeinsamkeiten, z.B. hinsichtlich wohlfahrtsstaatlicher Entwicklungen, Veränderungen im Kinderschutzkontext zwischen Großbritannien und Deutschland erst in der Schlussbemerkung dargestellt und nur im Ansatz diskutiert werden. Bereits innerhalb der ersten drei Kapitel ergeben sich viele geeignete Anknüpfungspunkte, die jedoch nicht aufgegriffen werden.

Fazit

Insgesamt bietet das vorliegende Buch einen guten Einblick in die Kinderschutzarbeit in Großbritannien allgemein sowie in den spezifischen Umgang mit ethnischen Minderheiten.


Rezensentin
Prof. Dr. phil. Verena Klomann
Diplom-Sozialpädagogin/Master of arts in social services administration/Supervisorin (DGSv)
Professur für Theorien und Konzepte Sozialer Arbeit an der KatHO NRW, Abteilung Aachen
Homepage www.katho-nrw.de/aachen/studium-lehre/lehrende/haup ...
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Zitiervorschlag
Verena Klomann. Rezension vom 03.03.2014 zu: Britta Sievers: Migrationssensibler Kinderschutz. Anregungen aus Großbritannien. Internationale Gesellschaft für erzieherische Hilfen (IGfH) (Frankfurt am Main) 2013. ISBN 978-3-925146-82-4. Internationale Aspekte 4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/14763.php, Datum des Zugriffs 30.06.2016.


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