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Günter Stock, Hans Bertram u.a. (Hrsg.): Zukunft mit Kindern

Cover Günter Stock, Hans Bertram, Alexia Fürnkranz-Przskawetz, Wolfgang Holgreve, Martin Kohli, Ursula M. Staudinger (Hrsg.): Zukunft mit Kindern. Fertilität und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Campus Verlag (Frankfurt) 2012. 473 Seiten. ISBN 978-3-593-39753-5. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 41,90 sFr.

Reihe: Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften: Forschungsberichte - Band 29.
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Thema und Autoren

Die Lebenssituation von Familien, von Eltern – insbesondere von Müttern – und Kindern genießt seit Jahren eine anhaltend große Aufmerksamkeit in Politik und Öffentlichkeit. In den Diskussionen der Kinder- und Familienpolitik dominiert dabei eine krisen- und problemorientierte Perspektive, in deren Mittelpunkt die Beobachtung anhaltend niedriger Geburtenraten und damit verbunden ein demographischer Wandel hin zu einer überalterten Gesellschaft steht. Dieses Szenario strahlt auf zentrale Politikfelder wie die Arbeits-, Renten- und Sozialpolitik aus und treibt dort teilweise sehr umstrittene Politikkonzepte voran.

Zu einer kritischen, wissenschaftlichen Überprüfung der Grundlagen dieser Debatte und zur Formulierung eigener Empfehlungen wurde nun von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe aus Fachleuten zusammengesetzt. Unter dem Vorsitz des Mediziners und Wissenschaftsmanagers Günter Stock waren am vorliegenden Forschungsbericht insgesamt 34 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus sehr unterschiedlichen Disziplinen beteiligt. Neben Demographen waren Ökonomen, Historiker, Psychologen, Sozialwissenschaftler und Mediziner eingebunden. Sie waren in vier Arbeitsgruppen organisiert, deren jeweils zusammenfassende Expertisen den Kern des vorliegenden Bandes ausmachen. Untersucht wurde der deutschsprachige Raum mit den drei Ländern Deutschland, Schweiz und Österreich.

Aufbau

Ein erstes Kapitel zu „Mythen und Legenden“ zu Geburtenraten und Fruchtbarkeit erlaubt den schnellen Einstieg in das Thema. 14 Aussagen, die regelmäßig in den Medien und in der Öffentlichkeit auftauchen, werden in einem kurzen Faktencheck auf Basis aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse kommentiert. Hier geht es um Behauptungen wie die niedrige Kinderzahl hochgebildeter Frauen, den Zusammenhang von Frauenerwerbsquote und Geburtenrate, die rückläufige Samenqualität bei Männern oder den fehlenden Einfluss der Familienpolitik auf individuelle Entscheidungen für Kinder.

Es folgen fünf große Kapitel, die die unterschiedlichen Perspektiven und Themen der beteiligten Disziplinen und Wissenschaftler tiefer beleuchten: ein Kapitel zur historischen Perspektive, ein Kapitel zu den aktuellen Theorien der Fertilität, ein Kapitel zur ausführlichen demographischen Analyse des Themenfeld Familie und Kinder, ein großer Abschnitt zur Familienpolitik und abschließend ein Kapitel zu medizinisch-biologischen Aspekten. Den Schlussteil des Buches bildet eine Zusammenfassung mit 38 Kernaussagen aus den Arbeitsgruppen und abschließenden Empfehlungen zu Gesellschafts- und Familienpolitik, zu Medizin, zur Aufklärung, zur Forschung und zur Datenerhebung. Ein Glossar hilft beim Nachschlagen wichtiger Begriffe und fachlich-wissenschaftlicher Konzepte zum Themenfeld.

Ausgewählte Inhalte

Besonders interessant ist Kapitel 4 zu „Fertilität in historischer Perspektive“. Das Autorenteam um Jens Ehrhardt öffnet den Blick in die Geschichte und hilft damit, viele aktuelle Phänomene und Diskussionen besser einzuordnen. Zum einen ist es das vorindustrielle Muster und das damals vorherrschende „Europäische Heiratsmuster“, zum anderen die verschiedenen Phasen seit Beginn der Industrialisierung, die bei der Bewertung und Relativierung heutiger Szenarien in familienpolitischen Diskussionen helfen. So widersprechen die Autoren dem Bild der kinderreichen Familie als Mehrheitsphänomen früherer Jahrhunderte und verweisen auf eine Zahl von zwei bis drei überlebender Nachkommen pro Jahr, was sich nicht stark von der heutigen Situation unterscheidet. Im Mittelpunkt steht dann eine Kritik der Theorie des demographischen Übergangs, dem vorherrschenden Erklärungsmuster zu den Entwicklungen der letzten 200 Jahre. Im Kern stellt die Theorie ein relativ statisches Drei-Phasen-Modell für den gesellschaftlichen Wandel zur Verfügung, das den Übergang von hoher Sterblichkeit und hoher Geburtenrate hin zu niedriger Sterblichkeit und niedriger Geburtenrate beschreibt. Kritisiert werden v.a. die fehlende Differenziertheit und die mangelnde soziale und regionale Varianz. Betont wird auch der Blick auf die Zeit des ersten Geburtenrückgangs zwischen 1870 und 1920, als die sinkende Geburtenrate mit einer Aufwertung von Ehe und Familie und damit des bürgerlichen Familienmodells einher ging.

Im Kapitel 7 zu Familie und Familienpolitik wird für eine „nachhaltige Perspektive für eine Zukunft mit Kindern“ argumentiert. Die unterschiedlichen Instrumente im Kontext der Trias Geld, Zeit und Infrastruktur und ihre verschiedenen Ausprägungen in den drei Untersuchungsländern werden vorgestellt und bezüglich ihrer Wirksamkeit kritisch beleuchtet. Bisherige Wirkungsstudien sind nicht eindeutig, insbesondere kausale Effekte sind schwer nachweisbar. Offenbar herrschen komplexe Erklärungsmuster bei Fertilitätsentscheidungen vor. Die Autoren dieses Kapitels um Martin Bujard empfehlen, andere Politikbereiche wie die Arbeitsmarktpolitik, die Geschlechterpolitik und die Wohnungspolitik in die Analyse mit einzubeziehen. Wissenschaftlich setzen sie auf eine Verbindung von qualitativen und quantitativen Analysen.

Wichtig ist auch die Einbeziehung medizinischer und biologischer Aspekte in die Diskussion. Darin finden sich beispielsweise belastbare und nachvollziehbare Aussagen, die allen Behauptungen von einer sinkenden Fruchtbarkeit in den Industrieländern widersprechen.

Diskussion

In den Kernaussagen und Empfehlungen des Forschungsberichts finden sich zahlreiche, empirisch und wissenschaftlich abgesicherte Aussagen, die sich an unterschiedliche Adressaten richten. Manche Thesen zielen auf die wissenschaftliche Diskussion, deren Datenerhebung und Interpretation. Viele sind aber für den öffentlichen Raum und politische Entscheidungsträger formuliert. Im Kern plädieren die Wissenschaftler für mehr Gelassenheit und weniger Pessimismus bzw. Alarmismus. Viele Probleme relativieren sich in der historischen und vergleichenden Perspektive, viele Zukunftsszenarien stellen sich als eine Alternative unter anderen dar. Alle sind sie von erheblichen Unsicherheiten geprägt und sind nur begrenzt politisch beeinflussbar. Um nur ein abschließendes Beispiel zu nennen: Der Verweis auf die hohe Zahl kinderloser Frauen in unserer Gesellschaft verkennt, dass diese Zahl in früheren Studien oft überschätzt wurde und dass dies keineswegs eine historische Ausnahme darstellt. Ganz im Gegenteil kannten auch frühere Epochen und Gesellschaften eine Quote von 20 bis 30 Prozent Kinderloser. Offenbar sollte man hier mit Schuldzuweisungen oder einfachen Lösungsrezepten vorsichtig sein. Epochenübergreifende Kontinuitäten wie diese verweisen auf Grenzen politischer Steuerbarkeit. Gleichwohl schlagen die Autoren für alle drei Teilbereiche der Trias Zeit-, Geld- und Infrastrukturpolitik ein Bündel an Maßnahmen vor. So plädieren sie für eine Erweiterung bestehender Familienzeitmodelle, für eine Kindergrundsicherung und für die Förderung von Familienzentren.

Fazit

Insgesamt liegt eine sehr gut nutzbare Studie vor, deren Wert darin liegt, viele unterschiedliche Stränge und Diskussionen zur Situation von Familien und Kindern zu bündeln. Sie klopft viele öffentlich kursierende Thesen auf ihre Haltbarkeit ab, nennt offene Themen und Fragen und mischt sich – für Wissenschaftler sogar sehr offensiv – in die politische Diskussion ein.


Rezensent
Dr. Armin Müller
Studiengangsleiter Institut für Pädagogikmanagement, Steinbeis-Hochschule Berlin
Homepage www.steinbeis-ifpm.de
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Zitiervorschlag
Armin Müller. Rezension vom 26.07.2013 zu: Günter Stock, Hans Bertram, Alexia Fürnkranz-Przskawetz, Wolfgang Holgreve, Martin Kohli, Ursula M. Staudinger (Hrsg.): Zukunft mit Kindern. Fertilität und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Campus Verlag (Frankfurt) 2012. ISBN 978-3-593-39753-5. Reihe: Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften: Forschungsberichte - Band 29. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/14776.php, Datum des Zugriffs 01.06.2016.


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