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Kurt Gerwig: Was brauchen Große Kinder in Schule, Hort und Elternhaus?

Kurt Gerwig: Was brauchen Große Kinder in Schule, Hort und Elternhaus? AV1 Pädagogik-Filme (Kaufungen) 2013. 31,00 EUR.

DVD 70 Minuten Laufzeit. Zu beziehen über www.av1-shop.de.
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Thema

Der Film nimmt die Kinder in den Blick, die keine Vorschüler/innen mehr, aber auch noch keine Jugendlichen sind, also die Sechs- bis maximal Vierzehnjährigen. Ausgehend von entwicklungspsychologischem Wissen wird im Film aufbereitet, welche Bedürfnisse diese Altersgruppe hat und welche pädagogischen Anforderungen sich aus dieser theoretischen Perspektive für Schule, Hort und Elternhaus als Lebensorte ergeben. Was bedeutet eine bedürfnisorientierte pädagogische Arbeit mit den „Großen Kindern“ für die Fachkräfte von Schule und Hort konkret?

Entstehungshintergrund

Mit Kurt Gerwig konnte das Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg einen Produzenten und Regisseur gewinnen, der im deutschsprachigen Raum viele Filmprojekte zu pädagogischen Themen, vorzugsweise der Kindheit, umgesetzt hat. In der soeben benannten Konstellation wird deutlich, dass der Film nicht allein informative Zwecke verfolgt, sondern mit einem administrativ gesetzten Entwicklungsziel verbunden ist. Die zuständige Ministerin führt im Booklet einleitend aus, dass nicht allein der Frühen Kindheit die Aufmerksamkeit gelten darf, sondern dass das Land Brandenburg es sich nun zur Aufgabe gemacht hat, die pädagogische Arbeit mit den großen Kindern, die eben „nicht nur Schüler“ sind, konzeptionell verstärkt weiterzuentwickeln. Innerhalb dieser Initiative bildet der Film einen Baustein und soll/kann bei einrichtungsinternen Fortbildungen, auf Tagungen oder sogar in Auszügen auf Einrichtungs-Homepages gezeigt werden. Neben Detlef Diskowski als Vertreter des Brandenburger Ministeriums wirkte die bekannte Kinder- und Jugendpsychologin Oggi Enderlein bei der Erstellung der kommentierenden Texte mit.

Aufbau

Die DVD beginnt mit einem einführenden Teil, in dem das Spannungsfeld zwischen den Bedürfnissen der Kinder und den von Elternhaus, Hort und Schule gestellten Anforderungen kurz skizziert wird. Das Thema wird dann in zwei großen thematischen Blöcken bearbeitet. Erstens werden eben diese Bedürfnisse der großen Kinder ausdekliniert. Im zweiten Teil wird dann entsprechend des Titels der Frage nachgegangen, wie Hort, Elternhaus und Schule auf diese Bedürfnisse reagieren bzw. reagieren sollten. Insgesamt arbeitet der Film mit vier Mitteln: Erstens äußern interviewte Kinder ihre Perspektiven. Zweitens kommentieren renommierte Expertinn/en, wie Oggi Enderlein, Lothar Krappmann, Jörg Ramseger sowie Simon Hundmeyer das Thema aus wissenschaftlicher Perspektive. Drittens werden Praxisorte aufgesucht und Lehrkräfte, Erzieherinnen und Eltern kommen zu Wort. Und viertens werden zu Szenen aus Schule, Hort, außerschulischer Bildungseinrichtung oder Familie Texte eingesprochen, in denen fachwissenschaftliche Informationen, wie bspw. aktuelle Forschungsergebnisse eingebracht werden. Die Abschnitte des 70-minütigen Films sind so gestaltet, dass sie auch getrennt voneinander verständlich sind.

Inhalt

Nach den einführenden Szenen widmet sich der Film im ersten Teil zu den Entwicklungsbedürfnissen der Kinder zunächst der Peergroup. Erörtert wird, welche Anforderungen die Kinder an das Zusammensein mit den Gleichaltrigen stellen. Daraus ergibt sich eine andere Perspektive auf Schule als Ort, der für die Kinder einen nicht zu hoch einzuschätzenden Wert als Treffpunkt der Gleichaltrigen hat. Im zweiten Kapitel steht das eigenständige Agieren der Kinder im Zentrum. Welche Anforderungen ergeben sich daraus an die Rolle der Pädagog/innen und Eltern? Besonders im dritten Kapitel zu „Bewegung und Umgang mit Risiken“ wird dabei deutlich, dass Kinder das Bedürfnis haben, zu experimentieren, zu entdecken und erwachsene Personen als begleitende Ratgeber, die einen verlässlichen Rückhalt bieten, agieren sollen. Kinder sollen, so Ramseger im Film, nicht den ganzen Tag „behütet“ und „bedacht“ werden. Pädagogisch begründbare Arrangements, die der Entwicklung von Selbständigkeit etc. dienen sollen, müssen nicht ständig beaufsichtigt werden, da dies dem pädagogischen Inhalt zuwider läuft, und sind laut des Experten Hundmeyer so auch keine Aufsichtspflichtverletzung. Das vierte Kapitel ist mit „Wissen und Können erwerben“ übertitelt. Erläutert wird, dass Kinder sich entwickeln wollen, aber die Interessen der Kinder in der heutigen Schule kaum handlungsleitend sind.

Diese vier inhaltlichen Punkte werden fortwährend kommentierend primär mit der heutigen Schule in Verbindung gesetzt, wobei deren Praxis kritisch hinterfragt wird. Zugleich zeigen die Filmszenen auch, wie sich Kinder an verschiedenen Orten entfalten. Damit benennt der Film verbal oder visuell im ersten Teil bereits die Ansprüche an Schule, Hort und Elternhaus.

Im zweiten Teil werden die so angedeuteten Anforderungen an Elternhaus, Hort und Schule vertiefend ausgearbeitet. Insgesamt kritisch wird hier die bisherige Entwicklung der Ganztagsschule dem Hort gegenübergestellt. Dabei erscheint der Hort als sozialpädagogische Einrichtung, die bestmöglich auf die Bedürfnisse der Kinder aufgrund der eingesetzten sozialpädagogischen Fachkräfte reagieren könnte, wenn erstens diese fachliche Ressource in Kooperation mit Schulen anerkannt und in ein abgesprochenes Angebot integriert würde. Zweitens wird geäußert, dass der Hort im Hinblick auf seine bildende Rolle und seine sozialpädagogische Kompetenz sehr „zurückhaltend“ und sich „selbst erniedrigend“ agiert. Bildungs- und jugendhilfepolitisch wird so die Rolle des Hortes gestärkt.

Diskussion

Gerwig ist es gelungen, einen Film über die Bedürfnisse von älteren Kindern zu produzieren. Es geht nicht um „Schüler“, also um die Anforderungen von Schule, sondern um die Bedarfe der Kinder! Im Sinne eines Lehrfilms wird psychologisches und pädagogisches Wissen auf der Theorie- und Empirie-Ebene verwoben mit authentischen Bildern und Worten aus der Lebenswelt der Kinder präsentiert. Die daraus abgeleitete Kritik bezieht sich auf die methodische Gestaltung besonders der Schule. Sind Schule, Hort und Elternhaus entsprechend der geäußerten Leitgedanken, so „bedürfnisorientiert“ gestaltet, so bilden sie förderliche Umgebungen für die Entwicklung der großen Kinder. Dieser Grundgedanke durchzieht zweckentsprechend den Film. Der im Vergleich dazu radikal wirkende Gedanke, Kinderzeit stärker zu entinstitutionalisieren und damit zu entpädagogisieren, wird in der Weise integriert, dass Schule und Hort die Möglichkeit haben, Zeiten und Orte so zu gestalten, dass Kinder unbeobachtet und unbegleitet sind.

Hervorzuheben ist, dass der Film aufgrund der brandenburger Verhältnisse den Hort als Jugendhilfeeinrichtung explizit neben die Schule stellt. Er wird nicht als nachgeordneter Partner von Schule, der Betreuungsleistungen anbietet, konturiert, sondern als institutioneller Bildungsakteur. Diese Perspektive auf den Hort, gepaart mit der kritischen Betrachtung der bisherigen Praxis, bricht mit dem gegenwärtigen, von Schule dominierten Diskurs zur ganztägigen Bildung und Erziehung von Kindern. Der Hort wird in diesem Film also aus dem Schatten der (Ganztags-)Schule herausgeholt und neben sie gestellt.

Fazit

Der Film eignet sich sowohl in der Weiterbildung an Standorten von Schule und Hort sowie in der Ausbildung von Fachkräften als Problemaufriss und Schaufenster gelingender pädagogischer Praxis. Zugleich ist er auch ein Dokument für die gegenwärtigen Bemühungen um ein abgestimmtes ganztägiges Bildungs- und Erziehungsangebot für sechs bis vierzehnjährige Kinder. Für die Elternarbeit im Sinne des Zielortes „Elternhaus“ ist der Film aufgrund seiner Komplexität nur in Ausschnitten nutzbar.


Rezensent
Dr. Thomas Markert
Technische Universität Dresden Fakultät Erziehungswissenschaften Institut für Sozialpädagogik, Sozialarbeit und Wohlfahrtswissenschaften Professur für Sozialpädagogik
Homepage tu-dresden.de/Members/thomas.markert
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Zitiervorschlag
Thomas Markert. Rezension vom 26.07.2013 zu: Kurt Gerwig: Was brauchen Große Kinder in Schule, Hort und Elternhaus? AV1 Pädagogik-Filme (Kaufungen) 2013. DVD 70 Minuten Laufzeit. Zu beziehen über www.av1-shop.de. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/14805.php, Datum des Zugriffs 28.05.2016.


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