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Klaus-Jürgen Bruder, Christoph Bialluch u.a.: Sozialpsychologie des Kapitalismus – heute

Cover Klaus-Jürgen Bruder, Christoph Bialluch, Benjamin Lemke: Sozialpsychologie des Kapitalismus – heute. Zur Aktualität Peter Brückners. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2013. 400 Seiten. ISBN 978-3-8379-2226-4. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 53,90 sFr.

Reihe: Forschung psychosozial.
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Thema

Kritische Diskurse bzw. wissenschaftliche und theoretische Einmischungen auf dem Hintergrund kritischen Denkens nehmen in letzter Zeit wieder zu. Nach postmodernen Kommentaren und systemtheoretischen Beschreibungen der aktuellen Gesellschaft der Spätmoderne darf wieder über Herrschaftsverhältnisse, Ausbeutung, gesellschaftliche Subjekte, Klassenkampf, Kapitalismus und Marx gesprochen werden. Das hat zum einen damit zu tun, dass die intellektuelle Linke nach einer gewissen Latenzzeit (oder auch Schockstarre) nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus ihre (eine) Sprache wieder findet und sich theoretisch hörbarer einmischt. Zum anderen hat es mit den sichtbaren und unsichtbaren Formen einer Durchkapitalisierung der Gesellschaft der Spätmoderne zu tun. Hier greift die ökonomische Logik der Verwertung, des Wachstums und der Geldvermehrung auch in gesellschaftliche Sphären über und in Institutionen ein, die bislang im staatlichen oder im sog. dritten Sektor (Gesundheit, Soziales, Kultur) der Daseinsvorsorge oder Gemeinwohlorientierung als Errungenschaften in der westdeutschen Demokratieentwicklung nach 1945 gelten konnten (z.B. die Institutionen des Wohlfahrtstaates). Aber vor allem haben sich auch die Bedingungen – gelabelt durch so unterschiedliche Zeitdiagnosen wie Postmoderne, Postdemokratie, Posthistorie oder Postfordismus – für die Herausbildung von Subjektivität geändert. Der globalisierte und flexible Netzwerkkapitalismus bedarf eines Subjektes, welches weniger selbstbestimmt als selbstreguliert, -gesteuert, -gemanagt und selbstinszenierend durch das lebens- und arbeitsweltliche Reich der multioptionalen Freiheiten manövriert. Entfremdung und Selbstbestimmung fallen auf fast paradoxe Weise im Subjekt zusammen und kehren die Hoffnung und auch Projektionen eines marxistischen, kritisch-theoretisch formierten resp. emanzipierten Subjektes fast in ihr Gegenteil um. Das starke, mündige, autonome und nicht das angepasste, unterworfene wie außengeleitete Ich ist das heutige Leitbild in der Lebens- und Arbeitswelt. Die Brüchigkeit und das ideologische Trugbild dieser Konstruktion gilt es sichtbarer zu machen.

Insofern ist es nicht nur folgerichtig, die Theoriebestände einer Marxschen resp. kritischen Theorietradition zu reaktivieren und bezüglich ihrer heutigen Beschreibungs- und Erklärungspotenz und -schärfe zu überprüfen oder schlicht die „Klassiker“ (Marx, Gramsci, Adorno etc.) neu zu befragen.

Darüber hinaus ist es durchaus notwendig, auch an die selbst erlebte oder generativ noch präsente (aber auch dem Vergessen anheimfallende) Zeitgeschichte anzuknüpfen, die in Form der „Nach-68er-Politisierung“ für die bundesrepublikanische Gesellschaft bis heute präsent ist – oder, anlässlich der Würdigung zentraler Akteure dieser Zeit, wie dem Psychologieprofessor Peter Brückner (1922-1982), eine erinnernde Selbst-Befragung und Neuauslotung „eingreifender“ und gelebter Kritik zu unternehmen.

Gerade das Werk von Peter Brückner ist dafür prädestiniert, da es bereits als kritische Weiterentwicklung linken kritischen Denkens verstanden werden kann und schon gesellschaftliche Veränderungen aufgriff, die sich erst in den 80er und 90er Jahren voll entfalten sollten.

Entstehungshintergrund

Der vorliegende Sammelband nimmt so den achtzigsten Geburtstag, den dreißigsten Todestag von Peter Brückner und den fast vierzigsten Jahrestages des Erscheinens seines Hauptwerkes, „Sozialpsychologie des Kapitalismus“, zum Anlass, nach der „Sozialpsychologie des Kapitalismus – heute“ zu fragen. Dabei geht es den Herausgebern des Bandes – Klaus-Jürgen Bruder, Christoph Bialluch und Benjamin Lemke – darum „den gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang von Ökonomie, Politik, Kultur, Sozialem und Psyche zu denken“ (S. 10). Dabei soll auf eine Gesellschaftsanalyse und -kritik gesetzt werden, die „reflexives Durchdringen von Herrschaftsstrukturen und gesellschaftlichen Konfliktlagen“ mit einer auf Emanzipation gerichteten Perspektive verbindet, die an die Soziale Frage und die Realität von sozialen Klassen gebunden ist (ebd.).

Dafür scheint sich die zeit-historische Gestalt Brückners deshalb so zu eignen, da er zum einen als Psychologe seine universitäre Disziplin immer in einem gesellschaftlichen Raum verortet und Subjektives so als Gesellschaftliches gedacht hat, zum zweiten, da er als kritischer linker Intellektueller sich nicht nur eingemischt hat, sondern, wie man heute sagen würde, seine persönliche Komfortzone deutlich verließ und die Konsequenzen des Berufsverbotes (im universitären Kontext) als Disziplinierung des bundesrepublikanischen Staates (als „innerstaatliche Feinderklärung“ (Brückner)) leibhaftig erlebt hat.

Der Band vereint 23 Beiträge von 25 Autor_innen (davon nur fünf Autorinnen), die anlässlich des Kongresses der Neuen Gesellschaft für Psychologie (NGfP) im März 2012 in Berlin gehalten wurden.

Herausgeber

Klaus-Jürgen Bruder ist Psychoanalytiker und hat ein Professur für Psychologie an der FU Berlin inne, derzeit ist er erster Vorsitzender der Neuen Gesellschaft für Psychologie (NGfP).

Christoph Bialluch ist promovierter Psychologe und zweiter Vorsitzender der NGfP, er unterrichtet Psychologie an diversen Berliner Berufs-, Fach- und Hochschulen.

Benjamin Lemke ist diplomierter Psychologe und derzeit in psychotherapeutischer (tiefenpsychologischer) Ausbildung.

Aufbau

Die Beträge thematisieren Subjektivität im heutigen Kapitalismus unter zwei Perspektiven:

  1. als Sozialpsychologie des Kapitalismus, indem nach gesellschaftlichen resp. politischen (Regierungs-)Praktiken gefragt wird, die Subjektivität als inneres Movens (als Bewusst- und Unbewusstsein) kapitalistischer Verwertung und Loyalitätserzeugung an ein politisches und wirtschaftliches System ermöglichen, die aber auch Räume für Widerstand, Subversion, Emanzipation und lebenspraktische Gegenentwürfe zum Mainstream marktkonformer Selbstunterwerfung zulassen.
  2. fragt der Band, allerdings eher subkutan, nach der Sozialpsychologie im Kapitalismus. Zwar geht es um eine gesellschaftswissenschaftliche Reflexion, die das „Ganze denkt“ aber eben auch um die Frage, mit welcher „Psychologie“ hier Subjektbildungs-, Sozialisations- und Aneignungsprozesse abgebildet werden können. Peter Brückner als politischer (und politisierter) Psychologe war von Haus aus Psychoanalytiker. Das ist eine Position, die nicht von allen Autor_innen unbedingt geteilt wird. So darf der/die Leser_in auch hierzu kritische Kommentierungen und Auseinandersetzungen erwarten (zumal es sich bei den Beiträgen um Wortmeldungen auf einem Psychologiekongress handelt).

Die Beiträge sind unter vier inhaltlichen Clustern zusammengefasst. Denen geht zunächst ein eröffnender Beitrag von Klaus-Jürgen Bruder voran, in welchem er sich kritisch wie rhetorisch mit der Frage beschäftigt, ob und inwieweit „uns“ eine „kulturelle Kluft“ von der Zeit von 68 trennt. Das sei eine Zeit, die Fragen anders, auch in einem anderen Vokabular, gestellt und anders beantworten habe und er fragt rhetorisch, ob man nicht durch einen unvermittelten Aufgriff dieser in den Verdacht gerate, ein „altideologischer … ein heillos verbohrter Ewiggestriger“ zu sein (S. 19/20). Gleichwohl macht Bruder deutlich, dass hier eher Denkverbote und Loyalitätszwänge am Werke sind, und dass es mehr als geboten ist, den Faden zu Brückner wieder aufzunehmen, etwa um dessen Konzept der Herstellung von „Massenloyalität“ neu zu denken und den heutigen Verhältnissen „einer Brutalisierung des ‚Klassenkampfes von oben‘“ analytisch entgegen zu halten. Freilich hieße das Brückner zu aktualisieren und nicht zu historisieren. Almuth Bruder-Bezel versorgt den Leser in einer kurzen und informativen Skizze mit dem notwendigen biografischen Wissen zu Peter Brückner.

Zu 1 „Transformation der Demokratie – Postdemokratie“

Des erste Abschnitt versammelt dann Beiträge unter der Überschrift „Transformation der Demokratie – Postdemokratie“. Beim Lesen dieser zeigt sich freilich, dass es sich hier eher um eine allgemeine Perspektive der Transformation der Gesellschaft (nicht allein die der Demokratie) handelt.

So greift Gernot Böhme das Horkheimer-Adornosche Verdikt der Trivialisierung und Depravierung der Kunst resp. Hochkultur zur Massenkultur in der Kulturindustrie auf. Böhme kann zeigen, dass die Kritiklinien heute eher verschoben werden müssen, will man die Ästhetisierung des gegenwärtigen spätkapitalistischen Alltags und modernen Formen der „ästhetischen Ökonomie“ in angemessener Form begreifen. Diese setzt weniger auf die Verwertung von Bedürfnissen (über deren Ästhetisierung) als auf die Erzeugung und Befriedigung von „Begehrnissen“ nach „Gesehen-Werden, nach Ausstattung, nach Selbstinszenierung“ etc., die „durch ihre Befriedigung nicht gestillt sondern gesteigert werden“ (S. 57). Der Autor greift hiermit eher post-moderne (als post-demokratische) Formen der durch Medialisierung und Popkultur vorangetriebenen Ästhetisierung des Alltags auf, die die realen Herrschaftsverhältnisse verdecken und die Funktion von Massenlenkung haben.

Der Text von Markus Brunner greift auch eine klassische Marxsche (Denk-)Figur auf – die des Klassensubjekts (die Arbeiterklasse), welches revolutionäre Veränderungsimpulse und Klassenbewusstsein verkörpert. Dies geschieht, um die diesbezüglich artikulierten Erfahrungen, Zweifel und begrifflichen Erweiterungen, die Brückner bereits unter dem Begriff der „Posthistorie“ als einer Geschichte nach der Geschichte des klassisch formierten, „organisierten“ Kapitalismus verarbeitet hatte, weiterzuspinnen. Neben dem klassischen Revolutionsparadigma müsse weiterhin nicht in Konkurrenz eher in Ergänzung zu diesem sein „Aneignungsparadigma“ der bürgerlichen Demokratie (als Wieder-Aneignung) analytisch genutzt werden. Die Ausgeschlossenen, heute würde man sagen Exkludierten der Gesellschaft, wären als „Revolutionäre“ wahr- und deren Veränderungsimpulse ernst zu nehmen.

Der Beitrag von Claudia Barth lotet die Subjektivierungsmechanismen der neuen Religion „Esoterik“ aus, nicht um sie einfach als „falsches Bewusstsein“ zu markieren (oder auch zu denunzieren). Sie kann eher die subjektiven Anstrengungen und die Arbeit nachvollziehbar machen, die in einer von Entgrenzung und Subjektivierungsphänomenen gekennzeichneten postfordistischen Gesellschaft gerade für die sog. „Leistungsträger“ nötig ist, um die neuen Formen der Selbst-Entfremdung „aufzuheben“. Der subjektive Kurzschluss zwischen eigenen Entfremdungserfahrungen und deren Aufhebung in einer trans-gesellschaftlichen Welt verweist freilich auch darauf, dass politische Erklärungsmodelle von Gesellschaft und deren utopischer Gehalt ausgedient haben oder nicht mehr sinnbildend scheinen. Esoterik ist dabei weniger eine Form der Abkehr von der realen Welt als eine psychoaktive Substanz der Selbstberuhigung und -stimulierung in ihr.

Ein ähnliches sozialpsychologisches Phänomen des medialisierten Kapitalismus, in dem Identitätsauflösung und -findung, narzisstische Kränkung und kollektiver Narzissmus, soziale Aus- und Einschlusspraxen sich schneiden und zusammen fallen, ist der Fußball bzw. Fußballpatriotismus, den Dagmar Schediwy scharfsinnig analysiert.

Der Text von Bernd Nitschke schließlich ist eine luzide historiografische Analyse „über Machtstrukturen und Machtverhältnisse in psychoanalytischen Institutionen“. Anhand der Geschichte der „Deutschen psychoanalytischen Gesellschaft“ und deren Transformation in der NS-Zeit zum sog. „Göring-Institut“ kann nicht nur die Beteiligung führender Psychoanalytiker am Gleichschaltungsprozess nachgezeichnet werden, sondern auch die Geschichtsklitterungen nach dem zweiten Weltkrieg, die die eigene Institutsgeschichte entweder als „Liquidierung“ der Psychoanalyse durch das NS-Regime oder als „Rettung“ vor Hitler ausgaben. Wenn der Beitrag auch keinen direkten Bezug zu Peter Brückner zu haben scheint (und Nitzschke diesen explizit auch nicht herstellt), so wirft er gerade einen Blick auf die westdeutsche Nachkriegsgesellschaft mit ihren spezifischen Aufarbeitungshemmungen, die ja auch ein Treibstoff für die Politisierung Peter Brückners und seiner Generation gewesen ist.

Der einzige nichtdeutsche oder die westdeutschen Verhältnisse betreffende Beitrag stammt von einem albanischen Kollegen, der plastisch Auskunft über die subjektive Verarbeitung einer Übergansgesellschaft zwischen Kommunismus und Kapitalismus (am Beispiel Albaniens) gibt.

Zu 2 „Überflüssige Bevölkerung – Rassismus der Eliten“

Unter der Überschrift: „Überflüssige Bevölkerung – Rassismus der Eliten“ werden im zweiten Cluster vor allem einzelne Phänomene besprochen bzw. rekonstruiert, die als Abweichung, Des-Integration, Devianz, Extremismus etc., als Formen des „rohen“ Nicht-Sozialisierten einer bürgerlichen Normalität erscheinen. Dieser Abschnitt ist insofern der Ergiebigste, da sich hier anhand „fehlgeleiteter“ Subjektivität eine psychologische und gesellschaftskritische (soziologische) Analyse analytisch plastisch verschränken. Hier kann immer wieder produktiv auf Brückner zurückgegriffen werden, dessen Grundkonzepte der „Integration“ oder „Aneignung“ unter kapitalistischen Herrschaftsverhältnissen an den aktuellen Anforderungen und Zumutungen einer postfordistischen Subjektkonstitution fortgeschrieben werden. So werden etwa School Shooting (Amok - der Beitrag von Sebastian Winter) und Gehorsam wie Verweigerung (in der geschlossenen Unterbringung – der Beitrag von Siegie Piwowar und Benjamin Lemke) als subjektive und biografisch sinnfällige Verarbeitung gesellschaftlicher Handlungs-(un-)möglichkeiten und aber auch als Ausdruck eines narzisstisch aufgestachelten, im Aktivierungsmodus rotierenden und überforderten Subjekts sicht- und lesbar.

Der hier einleitende Beitrag von Martin Kronauer schärft dabei den Begriff der „Inklusion“ als einen kritischen Begriff zur exkludierenden Gesellschaft, der nicht auf eine Totalaufhebung der kapitalistischen Produktionsweise setzt, aber auch Integration in die Gesellschaft nicht einfach als platte Anpassung an diese diskreditiert; er ist kritisch und „konformistisch“ zugleich als er den notwendigen „Selbstschutz der Gesellschaft“, als Schutz vor sozialer Ausgrenzung und Marginalisierung, betreibe und aktiviere.

Dass solche kritischen Konzepte als Denken über die Verhältnisse auch eine handlungsermächtigende Praxis in den Verhältnissen verheißen können, zeigt der Beitrag von Kerstin Sischka. Auf der Ebene eines konkreten Modellprojekts (gegen Rechtsextremismus) ergänzt sie die allgemeine gesellschaftsanalytische und demokratiekritische Perspektive durch die konkreten Möglichkeiten und Herausforderungen einer Regionalforschung vor Ort.

Zu 3 „Selbstsozialisation – Unterdrückung in eigener Regie“

Das nächste Cluster unter der Überschrift „Selbstsozialisation – Unterdrückung in eigener Regie“ kehrt im gewissen Sinn die Perspektive des zweiten um oder treibt diese weiter. Er fragt nach den subjektiven Kosten und Voraussetzungen des angepassten Lebens zwischen verdinglichter Selbstverwirklichung (der Beitrag von Bernd Ternes) und den Möglichkeiten das eigene Leben zwischen Macht und Ethos zu finden (der Beitrag von Timo Werkhofer). Oder es reflektiert, im Beitrag von Gerd Dembowski, wie Identitätssuche als „organisierte Selbstfreigabe“ sich in der imaginierten Gemeinschaft einer Fußballfangruppe verlieren kann.

Die beiden Beiträge von Uwe Findeisen und Josef Berghold loten noch einmal aus, welcher subjektiven Konstruktionen resp. „Denknotwendigkeiten“ die kapitalistische Produktionsweise auch heute noch bedarf, damit sie sich als scheinbare Selbstverständlichkeit vor den Augen der Beteiligten vollziehen kann. Die Autoren machen deutlich, welcher Formen des falschen Bewusstseins oder des „Aberglaubens“ es bedarf, um sich „selbstverständlich“ an ihr zu beteiligen, um die Dynamik zwischen „objektivem Zwang und subjektivem Wahn in der kapitalistischen Geldvermehrungsspirale“ (Berghold) in Gang zu halten.

Zu 4 Quellen der „Empörung“ und „Selbstfreisetzung“, des Widerstandes und der Veränderung

Schließlich scheint alles auf die Frage zuzulaufen, wo denn jenseits von Massenloyalitäten, jenseits der egalisierenden Formen der medialisierten Massenlenkung, des sich autonom dünkenden Subjekts überhaupt noch Quellen der „Empörung“ und „Selbstfreisetzung“, des Widerstandes und der Veränderung liegen – so das Thema des letzen Themenclusters.

Es ist die klassische linke Frage nach der Entstehung von kritischem Bewusstsein: Inwieweit über einen bloßen Leidbefund (etwa das „erschöpfte Selbst“) hinaus Selbstaufklärung entstehen kann und sich diese wiederum mit der Aufklärung über die Verhältnisse paart, wie ein Aufgeklärtsein wiederum in ein Movens (Empörung) zur Veränderung selbst mündet, was das für den Einzelnen heißt und welche kollektive Formen dazu notwendig sind etc.

Hier würde eine Sozialpsychologie des Kapitalismus zu einer „Befreiungspsychologie“ werden (der Beitrag von Klaus Weber), die auch die Rolle von (kritischer) Wissenschaft und die Rolle des (kritischen) Wissenschaftlers und Intellektuellen thematisiert. Dies wird von mehreren Beiträgen, immer wieder in Bezug zu Peter Brückner als „organischem Intellektuellem“ im Sinne Gramscis, aufgenommen. Die Frage ist, wie sich Wissenschaft (die Wissenschaftler) zwischen Affirmation und /oder der Teilnahme an Widerstandsformen positionieren und „im Handgemenge mit der Wirklichkeit bleiben“ (der Beitrag von Christoph Jünke).

So fällt der Blick auch auf aktuelle und neue Formen des Protestes, welche Individualisierung und Solidarität zusammen zu bringen scheinen, etwa in der Occupy-Bewegung, die weniger der klassischen Form (revolutionärer) Bewegungen sondern einer „Multitude“ entspricht (der Beitrag von Juliko Lefelmann und Tom Uhlig). Es geht aber auch jenseits der großen revolutionären Perspektive darum, die subversive und kritische Aus-Nutzung demokratischer Möglichkeiten – etwa Beteilungsformen direkter Demokratie – zu nutzen (Thomas Rudek).

Zudem ist die Frage nicht allein, welche Widerstandsformen sich etwa „gegen“ konsumistische Vereinnahmungen sondern welche alternativen Lebensformen sich finden und praktizieren lassen, die an der klassischen Trias von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ansetzen und diese in eine „Ethik der Zuwendung“ transformieren oder den Konsumenten zu einen Citoyen werden lassen könnten (der Beitrag von Burkhard Bierhoff).

Dahinter gilt es aber noch Grundsätzlicheres zu klären, ob die kapitalistische Lebensform trotz ihrer subjektiven Kosten (des produzierten Leids) nicht auf ideale wie ausweglose Weise das Subjekt produziert und voraussetzt, das diese Lebensform am Laufen hält. Ist die menschliche Natur nicht eigentlich kapitalismus-, wettbewerbs-, konkurrenz-, eigennutzaffin? Morus Markard pointiert dies, indem er fragt, ob Sozialismus mit „‚real existierenden Menschen‘ möglich ist?“. Die Antwort fiele negativ aus, so Markard, wenn man dem „anti-utopischen Gehalt psychologischer Konzepte“ glauben würde.

Dieser Abschnitt ist freilich der heikelste des gesamten Buches, weil Utopie, das dürfte oder sollte eine bittere wie heilende Erfahrung der Linken sein, entweder schnell in Illusion oder in Bevormundung und auch Diskreditierung verfällt. Nicht unkritisch in diesem Zusammenhang sind die paternalistischen Impulse etwa im Beitrag von Thomas Rudek, einen „sozialpsychologischen Schutzschirm“ über die Bevölkerung aufzuspannen, der diese vor „rassistisch elitären Feldzügen (bewahrt)“ (S. 328).

Hier könnten die selbstkritischen Auslassungen von Christoph Jünke heilsam sein, dass „an der Vergangenheit der Neuen Linken“ nicht bruchlos anzuknüpfen sei, weil z.B. anzuerkennen ist, dass „die alten politischen Strategien des antiautoritären Radikaldemokratismus und eines emanzipativen Neo-Sozialismus … in einer nachhaltigen Krise (stecken)“ (S. 418/419). Das hieße, zu sehen, dass sich einige heilige Kühe der Linken indessen auch in ihrem ideologischen Gehalt gezeigt haben und /oder entmystifiziert werden müssen. So gälte es vielmehr die „Dialektik von Demokratie und Sozialismus“ neu zu erfinden.

Diskussion

Der Band ist der lesbare Beweis dafür, dass es einer Psychologie bedarf, die den „gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang von Ökonomie, Politik, Kultur, Sozialem und Psyche“ (Vorwort S. 10) denkt bzw. zusammen denkt. Die Befürchtung von Klaus Weber, dass es das oder die „Art und Weise“, wie Peter Brückner dies tat, nicht mehr gäbe, scheint mit dem Band ein wenig relativiert, gleichwohl ist sie weniger gegeben als aufgegeben. Dabei wäre Brückner gewiss zu folgen, wenn es darum geht, eine gesellschaftswissenschaftlich (soziologisch) „geläuterte“ Sozialpsychologie des Subjekts im Kapitalismus zu betreiben. Offen bleibt freilich – und da lassen die Beiträge bis auf Ausnahmen eine merkwürdige Leerstelle im Diskurs – , mit welcher Art von Psychologie das geschehen soll. Brückner als Psychoanalytiker entwickelte hier naturgemäß einen spezifischen Blick auf die Genese von Subjektivität und damit, wie Klaus Weber meint, eine „psychologisierende und personalisierende“ Sicht auf die gesellschaftlichen Verhältnisse , was seinem sonstigen Blick ja gerade entgegen liefe.

Wie man produktiv aus dem Hiatus zwischen objektiver (gesellschaftlicher) Bestimmtheit und subjektiver Bestimmung psychologisch (also mit den diskursiven Mitteln der Psychologie) herausfinde, kann der Band freilich auch nicht beantworten. Nur: Diese notwendige Auseinandersetzung wird durch die Beträge eher hindurch gereicht als wirklich geführt. Warum kann man/ sollte man hier nicht auf Bestände der Mainstream-Sozialpsychologie kritisch zurückgreifen? Eine Frage, die sich die Kritische Psychologie sonst (in dem Beitrag von Morus Markard gerade nicht) stellt.

Eine weitere Merkwürdigkeit des Bandes ist m.E. noch anzumerken: Das Nachdenken über gesellschaftliche Utopien lenkt oder muss den Blick auch auf das Scheitern lenken, z.B. auf die DDR, als deutsche Variante einer gescheiterten realsozialistischen Utopie. Sie taucht entweder unter der nicht falschen, aber groben Diagnose „Stalinismus“ auf oder es wird im Eingangstext von Klaus-Jürgen Bruder mahnend vor der „Verurteilung der DDR … (als dem) ersten sozialistischen Staat auf deutschem Boden“ gewarnt (S. 19). Dieser Schutzreflex ist respektabel, kann aber nicht wirklich ernst genommen werden, weil er vor allem alles analytische und kritische Selbst-Befragen verhindert und in die problematische Nähe postsozialistischer Schönrederei gerät. Dass außer dem albanischen Kollegen keiner anwesend war, der hier aus dem gelebten Scheitern einer linken Utopie hätte seine Perspektiven entwickeln können, ist schade und mag Zufall sein. So sind die Texte (vielleicht nur diese) ein stückweit auch ein Selbstgespräch einer westdeutschen (und i.W. männlichen) Linken, die sich eines ihrer wichtigen Protagonisten besinnt und erinnert hat.

Fazit

Trotz einiger Einwände: Das Buch ist durch-lesenswert, weil alle Beiträge anregende, wieder-erinnernde und verstörende Impulse setzen, sich immer wieder die eigene Verfangenheit in den Selbstverständlichkeiten real-kapitalistischer Wirklichkeit klar zu machen, sich als Wissenschaftler die Selbstbezüglichkeit seines (auch kritischen) Denkens zu vergegenwärtigen und/oder der Frage nach der eigenen Position im „Handgemenge der Wirklichkeit“ zu stellen und als Psychologe nicht nur auf das gesellschaftslose Subjekt zu starren.


Rezensent
Prof. Dr. Stefan Busse
Dipl. Psychologe, Fakultät Soziale Arbeit der Hochschule Mittweida, Studiengangsleiter des Zertifikatsstudienganges „Supervision und Coaching“ und „Training für Kommunikation und Lernen in Gruppen“ an der Hochschule Mittweida, Direktor des Institutes für Soziale Kompetenz, Kommunikation und Wissen (KOMMIT)


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Zitiervorschlag
Stefan Busse. Rezension vom 18.11.2013 zu: Klaus-Jürgen Bruder, Christoph Bialluch, Benjamin Lemke: Sozialpsychologie des Kapitalismus – heute. Zur Aktualität Peter Brückners. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2013. ISBN 978-3-8379-2226-4. Reihe: Forschung psychosozial. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/14836.php, Datum des Zugriffs 25.08.2016.


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