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Rainer Kilb, Jens Weidner: Einführung in die Konfrontative Pädagogik

Cover Rainer Kilb, Jens Weidner: Einführung in die Konfrontative Pädagogik. UTB (Stuttgart) 2013. 160 Seiten. ISBN 978-3-8252-3868-1. D: 19,99 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,50 sFr.
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Thema

Konfrontative Pädagogik ist ein Ansatz, der in den 1980er und 1990er Jahren in erster Linie in der Behandlung von Straftätern angewendet wurde. Mittlerweile wird die Methode allerdings in vielen Feldern der Sozialen Arbeit und Schule eingesetzt. Es gibt zahlreiche Publikationen, die sich theoretisch, wissenschaftlich und praktisch mit der Methode auseinandersetzen. Der Höhepunkt der Publikationen zu diesem Themengebiet war aus Sicht des Rezensenten im Jahre 2011 erreicht, als der Band „Handbuch Konfrontativen Pädagogik: Grundlagen und Handlungsstrategien mit aggressivem und abweichendem Verhalten“ erschien. Dieser Band fasste alle theoretischen und praktischen Grundlagen und Ansätze zusammen. Also, warum jetzt ein Lehrbuch zum Thema Konfrontative Pädagogik?

Für das Autorenpaar sieht die Begründung folgendermaßen aus: „Dieses Lehrbuch zur Konfrontativen Pädagogik bildet den vorläufigen Schlusspunkt einer Reihe von Publikationen zu dieser Thematik. Ihm soll die Aufgabe zukommen, in knapper und prägnanter Art den bisherigen Stand der praxisbezogenen Entwicklungen darzustellen und deren theoretischer Erdung nachzugehen.“ (Kilb/Weidner, S. 11) Eins muss allerdings im Vorfeld hervorgehoben werden: diese Begründung überzeugt nicht, zumal in anderen Werken der Autoren dies bereits mehrmals geschah, wie auch im zitierten Handbuch. Das Buch hat andere Stärken, wie z. B. zügiger Zugang, Übungsaufgaben, keine ermüdenden und komplizierte wissenschaftliche Diskurse: eben ein Lehrbuch für Studierende und Lernende.

Autoren

Rainer Kilb, Professor für Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit an der HAW Mannheim.

Jens Weidner, Professor für Erziehungswissenschaft und Kriminologie an der HAW Hamburg und Gründer des Deutschen Instituts für Konfrontative Pädagogik. Beide Wissenschaftler haben zahlreiche Veröffentlichungen sowohl zusammen als auch alleine zum Thema vorgelegt.

Aufbau und Inhalt

Dieses kompakte Lehrbuch ist in sechs Kapitel aufgeteilt.

Im ersten knapp gehaltenen Abschnitt unter dem Titel „Aktuelle Ausgangssituation“ (vier Seiten) begründen Kilb und Weidner den pädagogischen Ansatz: vor allem betonen die Autoren, dass Gewalt nicht nur destruktiv zu betrachten ist, sondern eine Art Kommunikation darstellt, wenn aktiv mit Jugendlichen gearbeitet wird. Ein weiteres Element, das thematisiert wird, ist die Tatsache, dass Jugendgewalt in der öffentlichen Wahrnehmung, vor allem seitens der Politik, instrumentalisiert wird, obwohl die Zahlen der Jugendgewalt rückläufig sind.

Das zweite Kapitel trägt zwar den sperreigen Titel „Multidisziplinäre fachliche Grundlagen zur Erklärung und zur Systematisierung des Gewaltphänomens“, ist aber gut und übersichtlich geschrieben. Die Autoren gehen nicht nur auf die Formen und Motive von Gewalt (S. 20ff.) ein, sondern thematisieren u.a. die psychologische und naturwissenschaftlichen (S. 24ff), soziologischen und kriminologischen (S. 37ff.) sowie die sozialisationstheoretischen (S. 40ff) Erklärungsmodelle. Das Kapitel wird komplettiert mit den Ansätzen zu diversitätsorientierten, geschlechtsspezifischen und ethnisch-kulturspezifischen Aspekte von Gewalt.

Im dritten Kapitel unter dem Titel „Entstehungszusammenhänge von Gewalttaten“ fassen die Autoren die zentralen Bedingungen zusammen. Hier sei zu betonen, dass ein breites Auslösebündel zusammengetragen wird, in der Annahme, dass diese Bedingungen biografisch begründet sind und in der konkreten Arbeit wirkungsvoll und konfrontativ bearbeitet werden kann. Weidner und Kilb thematisieren nicht nur die „Auslöser und Anlässe“, die aus Sicht der Jugendlichen sich ergeben, sondern auch „Ohnmacht, Missachtung und Demütigung“, um nur einige wenige Themen in diesem Kapitel zu erwähnen.

Im vierten Kapitel werden die Autoren konkreter im Sinne eines Lehrbuches. Hier werden die konfrontierende pädagogische Ansätze und ihre Rahmenbedingungen dargelegt. Neben den theoretischen Implikationen fassen Kilb und Weidner das lerntheoretische Paradigma, auf das die Konfrontative Pädagogik fußt, zusammen. Weitere Methoden sind neben den klassischen Methoden, wie zum Anti-Aggressivitäts- oder Coolness-Training (geeignet für Gruppensettings) oder die Konfrontationen als Rituale im Rahmen der Gesprächsführung mit Einzelnen.

Im fünften Kapitel (S. 125-135) fassen die Autoren die Anwendungsfelder, Verbindung zu anderen Methoden sowie die Evaluationsergebnisse der Methode zusammen. Ein Thema, das oft vernachlässig wurde, wird von Kilb und Weidner detaillierter erwähnt. Welche professionellen Kompetenzen benötigen die konfrontativ arbeitenden Fachkräfte. Die Autoren sind hier eindeutig: Tatverurteilung bei gleichzeitiger persönlicher Anerkennung ist zu verkörpern (S. 129).

Im letzten Kapitel reflektieren die Autoren die historische Entwicklung der Methode seit Ende der 1980er Jahre und verorten die Methode im aktuellen gesellschaftlichen Diskurs.

Zielgruppen

Dieser Band in erster Linie als ein Studien- und Lehrbuch angelegt und als solcher aufgebaut: Zusammenfassungen und Übungsaufgaben sind hierbei prägnant. Für Praktikerinnen und Praktiker (Schule und Jugendhilfe), die mit gewalttätigen und gewaltbereiten Kindern und Jugendlichen arbeiten, ist der Band ebenfalls empfehlenswert. Des Weiteren kann das Buch interessierten Eltern und Bildungspolitikern empfohlen werden.

Diskussion

Die eingangs aufgeworfene Frage, ob eine weitere Publikation zu diesem Thema bedarf, kann wie folgt beantwortet werden. Es müssen weitere Veröffentlichungen zu diesem Thema geben, wenn die Methode sich weiter etablieren möchte. Die Betonung der Autoren, dass das Buch den vorläufigen Schlusspunkt darstellt, kann nur für Kilb und Weidner gelten. Denn einige „Baustellen“ hat die Methode noch zu bieten. Die Frage der Wirksamkeit ist noch nicht zweifelsfrei geklärt, auch wenn Weidner und Kilb auf Evaluationsergebnisse verweisen. Eine großangelegte aktuelle Evaluation, mit Kontrollgruppe und neutralen Wissenschaftlern, würde helfen, die Stärken und Schwächen der Methode besser zu analysieren.

Ein weiterer Aspekt, der immer wieder zu kurz kommt, aber in dieser Publikation etwas mehr in den Fokus genommen wurde, ist die Rolle der Professionellen. Da der konfrontative Ansatz auf die Machtebene setzt, ist die Gefahr groß, dass die Professionellen diese Machtgefälle „missbrauchen“. Eine Veröffentlichung, die die Fachkräfte in den Fokus nimmt, wäre sehr gewinnbringend.

Fazit

Ein Buch, das den aktuellen Stand zu dem Themengebiet auf den Punkt bringt und aufgrund der sprachlichen und methodischen Zugänge eine hervorragende Einführung darstellt. Für die Profis hat das Buch allerdings kaum etwas Neues zu bieten. Vor allem Studentinnen und Studenten sowie Einsteigern ist das Buch wärmstens zu empfehlen.


Rezensent
Prof. Dr. Ahmet Toprak
Professor für Erziehungswissenschaften an der Fachhochschule Dortmund, Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften
Homepage www.soziales.fh-dortmund.de
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Zitiervorschlag
Ahmet Toprak. Rezension vom 14.11.2013 zu: Rainer Kilb, Jens Weidner: Einführung in die Konfrontative Pädagogik. UTB (Stuttgart) 2013. ISBN 978-3-8252-3868-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/14875.php, Datum des Zugriffs 27.08.2016.


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