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Ullrich Bauer, Martin Driessen u.a.: Psychische Erkrankungen in der Familie

Cover Ullrich Bauer, Martin Driessen, Michael Leggemann, Dieter Heitmann: Psychische Erkrankungen in der Familie. Das Kanu-Manual für die Präventionsarbeit. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2013. 160 Seiten. ISBN 978-3-88414-561-6. D: 34,95 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 46,90 sFr.

Reihe: Psychosoziale Arbeitshilfen - 29.
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Thema

Ziel des Buches ist es, psychische Erkrankungen in der Familie zum Thema zu machen und ein präventives Angebot für die Kinder betroffener Eltern vorzustellen. Wie im Untertitel angegeben wird in der vorliegenden Publikation ein Manual vorgestellt, welches in der Reihe Psychosoziale Arbeitshilfen vorliegt. Es wird daher nicht nur der Hintergrund für die Arbeit mit betroffenen Familien dargestellt, sondern eine praktische Anleitung zu ihrer Durchführung gegeben.

Autoren

Bei den AutorInnen handelt es sich um ein multiprofessionelles Team mit unterschiedlichem beruflichen Hintergrund, u.a. Soziologie, Medizin, Psychologie, Pflegemanagement, Sozialpädagogik und Gesundheitswissenschaften. Das hat den Vorteil, dass unterschiedliche Perspektiven auf die Thematik möglich sind und im gemeinsamen Projekt zusammenkommen.

Entstehungshintergrund

Die Publikation basiert auf der Konzeption und den Erfahrungen aus dem Projekt „Kanu – gemeinsam weiterkommen“, welches von 2008 bis 2012 durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert wurde. Dieses wurde von der Fakultät für Bildungswissenschaften der Universität Duisburg-Essen und der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Bielefeld/Bethel durchgeführt und in die regionale klinische Versorgung in Bethel aufgenommen und evaluiert. Es handelt sich um ein modulares Konzept zur Prävention von psychischen Störungen bei Kindern und Jugendlichen psychisch erkrankter Eltern mit dem Ziel der Reduktion von Entwicklungsrisiken und der Verbesserung familiärer Ressourcen (S. 8). Zielgruppe sind im Sinne der Primärprävention (bisher) unauffällige Kinder und Jugendliche.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in folgende Bereiche:

  1. eine Einführung,
  2. die Vorstellung der Eltern-, Kind- und Familiengespräche,
  3. Patenschaften,
  4. Manual zur Durchführung der Elterngruppe,
  5. Manual zur Durchführung der Kindergruppe,
  6. Evaluation und
  7. Anhang mit Literatur und Arbeitsmaterialien sowie einer Übersicht von Materialien zum Download.

Inhalt

Im Einführungsteil des Buches („warum ein Präventionsprojekt“) wird auf ca. 30 Seiten eine Übersicht über das Problemfeld gegeben. Es wird darauf hingewiesen, dass psychische Erkrankungen die Belastung durch Infektionskrankheiten ablösten und Familien durch die langwierigen Behandlungsverläufe immer mehr in den Fokus gerieten. Nachfolgend werden Zahlen referiert, welche die Dringlichkeit des Problems unterstreichen. Dabei werden u.a. folgende Argumente angeführt:

(a) Es muss von ca. 3 Millionen betroffenen Kindern ausgegangen werden, die darüber hinaus selbst ein erhöhtes Risiko haben, an psychischen Störungen zu erkranken. Von besonderer Bedeutung ist der Umgang mit der Erkrankung, der über „kindzentrierte Formen der Psychoedukation“ hinausgehen sollte.

(b) Weiterhin werden auf Gefahren von kumulierenden Risiken für die Kinder wie schwierige Lebensbedingungen, soziale Isolation, Ängste, Verlusterfahrungen, Stigmatisierung und Schamgefühle hingewiesen.

(c) Die betroffenen Eltern haben häufig Erziehungsschwierigkeiten, zeigen Interaktionsstörungen und erkennen mögliche psychische Auffälligkeiten ihrer Kinder selbst kaum. Faktoren auf der Elternebene und der Kinderebene werden als „krankheitsinduzierende Belastungen“ zusammengefasst.

(d) Weiterhin wird kritisch diskutiert, dass psychische Störungen in „ressourcenschwachen Bevölkerungsgruppen“ häufiger sind und es kaum Forschung zu Kontextfaktoren gibt, die damit eine weitere Gruppe von Belastungsfaktoren darstellen.

(e) Schließlich wird darauf hingewiesen, dass es sich bei der Gruppe der Kinder psychisch kranker Eltern um eine große Gruppe z.B. im Kontext von Hilfen zur Erziehung handelt und unterschiedliche Systeme aktiv sind, ohne sich ausreichend aufeinander zu beziehen (genannt sind Kinder- und Jugendhilfe, Erwachsenenpsychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Sozialpädiatrie und gesetzliche Betreuung). Hindernisse sektorenübergreifender Versorgungsmodelle werden diskutiert.

In einem zweiten Einführungsthema werden „Wege in die Praxis“ vorgestellt, d.h. am konkreten Projekt nachgezeichnet, wie die Beteiligten trotz der Schnittstellenproblematik zusammenkamen, um das Projekt zu planen und zu realisieren. Dabei werden zur Untermauerung

(a) der Bericht an die Gesundheitsministerkonferenz (GMK) der AG Psychiatrie der Arbeitsgemeinschaft der Obersten Landesgesundheitsbehörden (AOLG) und

(b) die S3 Versorgungsleitlinie Depression herangezogen.

Zwei weitere Faktoren waren ausschlaggebend für die Umsetzung des Projektes:

(c) die kostengünstigere Prävention verglichen mit späteren Hilfen und

(d) die Bedeutung der wissenschaftlichen Begleitung und Evaluation.

Schließlich werden die Rahmenbedingungen für die Durchführung vorgestellt: die Bausteine, aus denen sich das Präventionsprogramm zusammensetzt, die Grundhaltung, Methoden der Gesprächsführung und Möglichkeiten der Teilnehmergewinnung.

Die vier Bausteine des Manuals:

  1. Eltern-, Kind- und Familiengespräche,
  2. Patenschaften,
  3. Elterngruppe und
  4. Kindergruppe

werden in den nachfolgenden vier Kapiteln ausführlich dargestellt, bevor erste Ergebnisse der Evaluation referiert werden.

Für die Gestaltung der Gespräche werden konkrete Formulierungsvorschläge gemacht und Leitfäden bereitgestellt. Die Gesprächsführung wird als „lösungsorientiert, systemisch und verhaltenstherapeutisch“ gekennzeichnet. Einverständniserklärungen und Informationsbögen, die direkt ausgegeben werden können, stehen im Download bereit.

Patenschaften werden aus der Erkenntnis heraus initiiert, dass eine stabile und emotional präsente erwachsene Bezugsperson einen Schutzfaktor für die Entwicklung eigener psychischer Störungen der Kinder und Jugendlichen darstellt. Hier folgt eine Auflistung von Risikokonstellationen: alleinerziehend, Einzelkind, zwei psychisch kranke Elternteile, für welche Patenschaften für die Kinder besonders angezeigt sein können. Eine Checkliste für die Auswahl potenzieller Paten /Patinnen sowie Informationen für ihre Schulung und Begleitung werden vorgelegt.

Die beiden Manuale zur Durchführung der Elterngruppe und zur Durchführung der Kindergruppe werden sehr ausführlich vorgestellt. Sie bestehen aus jeweils 11 Gruppensitzungen, die möglichst parallel angeboten werden sollten, um den organisatorischen Aufwand für die Familien zu reduzieren. Jede Gruppensitzung von 90 Minuten Dauer wird durch Präsentationsfolien begleitet, die im Download zur Verfügung stehen. Bei den Elternsitzungen stehen in jeweils einer Sitzung folgende Themen im Vordergrund: Einführung, Erziehungsstile, Perspektive verändern, Aktives Zuhören, Ermutigung, Ich-Botschaften, Verantwortung, Konsequenzen im Alltag, Familienkonferenzen, Auswertung (Film), Refreshing. Bei den Kindergruppen stehen in jeweils einer Sitzung folgende Themen im Vordergrund: Einführung, Normalität und Vertrauen schaffen, eigene und fremde Gefühle, Selbstreflexion, Quellen des Selbstvertrauens, Fähigkeiten haben, Anerkennung bekommen, Verantwortung übernehmen, gemeinsame Unternehmung, Film und Feedback, Refreshing. Für beide Gruppenmanuale werden weiterhin Gesprächsanregungen und Interventionen unabhängig von der einzelnen Themensitzung vorgestellt, z.B. Beispiele für Eingangs- und Abschlussrunden, Blitzlichter, Rollenspiele, Achtsamkeitsübungen für Erwachsene und Rituale für Kinder.

Eine kurze Zusammenfassung der Evaluation, Arbeitsmaterialien und eine umfangreiche Liste mit Literaturempfehlungen für unterschiedliche Altersgruppen runden das Buch ab.

Diskussion

Mit dem Kanu-Manual liegt ein präventives Angebot für Kinder und Jugendliche vor, deren Familien von psychischer Krankheit betroffen sind. Der Ausgangspunkt ist die Beschreibung einer Risikogruppe, deren Entwicklungs(risiken) möglichst frühzeitig erkannt werden sollen. Damit folgt das Manual einem deutlich defizitorientierten medizinischen Blick und geht von belastungsinduzierten Krankheitsentwicklungen aus, denen möglichst frühzeitig vorgebeugt werden soll. Diese Expertensicht auf die Familien zeigt sich auch in den Methoden der Gesprächsführung, die als „lösungsorientiert, systemisch und verhaltenstherapeutisch“ charakterisiert werden. Obwohl eine klientenzentrierte Gesprächsführung und Haltung in den jeweiligen Ausbildungen vermittelt wird (und hier auch Bestandteil des Manuals für die Eltern ist), setzt sie sich in der konkreten Arbeit in der Praxis – wie in dieser Charakterisierung der Gesprächsführung erneut deutlich wird – dann wenig durch.

Während die Risiken sehr ausführlich und zum Teil krankheitsbezogen dargestellt werden, finden Schutzfaktoren in der Einführung nur relativ kurz und unspezifisch Erwähnung. Es ist dargestellt, dass die Schutzfaktoren „unabhängig davon (sind), ob das Kind nun mit der Scheidung der Eltern, Vernachlässigung oder einer psychischen Erkrankung der Eltern konfrontiert war“ (S. 17). So gibt es in dem Manual für Kindergruppen dann auch Bezüge zum allgemeineren „Life Skills Programm für Schülerinnen und Schüler“, u.a. zum Aufbau von Selbstvertrauen als Schutzfaktor.

Schließlich ist die Formulierung: „Wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihre Kinder psychologische oder psychotherapeutische Hilfe benötigen, können wir Sie gerne an einen unserer entsprechenden Kooperationspartner vermitteln“ (S. 40) m.E. kritisch zu hinterfragen. Es besteht die Gefahr geschlossener Systeme und einer Medikalisierung von Verhaltensproblemen. Spätestens seit der Diskussion um den möglicherweise inflationären Gebrauch von Diagnosen mit der Einführung des DSM V sollten aber medizinische Zuschreibungen durchaus auch prüfend angesehen werden. Und wenn man davon ausgeht, „…dass die erhöhte Vulnerabilität der Kinder psychisch erkrankter Eltern mit der Prekarität ihrer Lebensumstände und der Fragilität möglicher Unterstützungspotenziale durchaus in Verbindung stehen kann“ (S. 22), dann sind Diagnosen und Behandlungen der Kinder und Jugendlichen eine verkürzte Antwort auf die Gesamtsituation.

Die wissenschaftliche Begleitung bezieht sich vor allem auf die Akzeptanz des Angebots und die Bewertung der einzelnen Module des Programms. Insgesamt wurde das Programm gut angenommen. Es zeigte sich die bereits erwähnte Spannung zwischen Spezifität der Belastungen und Unspezifität des Präventionsangebots. So kritisierten die ersten Elterngruppen, die das Programm durchliefen, dass die Inhalte zu wenig auf die psychische Erkrankung abgestimmt waren. Hier lassen sich – z.T. bereits umgesetzte – Modifikationen des Manuals erkennen. Eine große Streuung in den Zufriedenheitswerten zeigte außerdem, dass das Angebot für einige sehr gut, für andere gar nicht geeignet war. Eine differenziertere Indikation ist daher ebenfalls notwendig.

Die besondere Stärke dieser psychosozialen Arbeitshilfe liegt in der Übersichtlichkeit und Strukturiertheit, die es besonders Berufsanfängerinnen und Berufsanfängern erleichtern wird, mit betroffenen Familien zu arbeiten. Formulierungsvorschläge, die Vorgabe von Themen und Planung der Gruppen und eine Fülle an flexibel einzusetzenden Anregungen für die Gruppenarbeit zeigen eine didaktische Klarheit. Besonders hervorzuheben ist die Gestaltung der sektorenübergreifenden Zusammenarbeit, die ein überzeugendes Beispiel für andere Anbieter sein kann. Schließlich kann man die Metapher des Kanus (alle sitzen in einem Boot und kommen nur gemeinsam voran), nicht nur auf die Familien, sondern auch auf die Versorgungslandschaft selbst übertragen. In diesem Sinne ist dem Manual eine weite Verbreitung zu wünschen.

Fazit

Das Buch gibt eine sehr klare Übersicht über die Problemsituation und ist sehr gut geeignet, die beteiligten Akteure für Problemlagen zu sensibilisieren und neue Kooperationsstrukturen zu schaffen. Auch weil Primärprävention kostengünstiger ist als die Versorgung oder im schlimmsten Falle Inobhutnahme der Kinder, ist dem Programm eine breite Umsetzung zu wünschen. Bereits bestehende Selbsthilfestrukturen, Ressourcen der Kinder und Jugendlichen und ihre Sichtweisen sollten dabei stärker als bisher berücksichtigt werden.


Rezensentin
Prof. Dr. Jeannette Bischkopf
Fachhochschule Kiel, Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit
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Zitiervorschlag
Jeannette Bischkopf. Rezension vom 27.09.2013 zu: Ullrich Bauer, Martin Driessen, Michael Leggemann, Dieter Heitmann: Psychische Erkrankungen in der Familie. Das Kanu-Manual für die Präventionsarbeit. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2013. ISBN 978-3-88414-561-6. Reihe: Psychosoziale Arbeitshilfen - 29. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/14916.php, Datum des Zugriffs 01.10.2016.


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