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Norbert Schermann: Gerechter, nicht gerecht

Cover Norbert Schermann: Gerechter, nicht gerecht. Organisationale Gerechtigkeit als Zumutung an Führung und Management. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2012. 319 Seiten. ISBN 978-3-89670-959-2. D: 26,95 EUR, A: 27,80 EUR.

Reihe: Management, Organisationsberatung, Führung.
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Autor

Norbert Schermann, Dr. phil., Mag., MSc, ist Geschäftsführer der ATELIER Unternehmensberatung in Wien. Er studierte Bildungswissenschaften und Psychologie, Qualitätsmanagement und Organisationswissenschaften und promovierte in Organisationsethik. Als Ausbildungsleiter ist er an der Akademie für Sozialmanagement in Wien sowie als Lehrbeauftragter im universitären und außeruniversitären Bereich tätig.

Thema und Entstehungshintergrund

Im Zuge der Globalisierung und vor dem Hintergrund steigender Prekarisierungstendenzen wird die Frage der (und der Ruf nach) Gerechtigkeit immer deutlicher und gewinnt zunehmend an gesellschaftlicher – und damit organisationaler – Relevanz und Brisanz. Norbert Schermann unterzieht Gerechtigkeit als Thema der Organisationsethik einer grundlegenden Reflexion und gewinnt neue Orientierungsmöglichkeiten und Ansätze für Organisation, Management und Führung. Er argumentiert nicht nur als interdisziplinär forschender Wissenschaftler, sondern auch aus der Perspektive der Organisationsentwicklung und -beratung und spricht sowohl ein organisationswissenschaftlich als auch ein organisationspraktisch interessiertes Publikum an.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in drei Hauptabschnitte und umfasst insgesamt 19 Kapitel. Voran gehen ein Vorwort von Andreas Heller und ein Vorgespräch mit Matthias Varga von Kibéd.

Im ersten Teil (Teil I) stellt Schermann die zentralen Denkfiguren der Systemtheorie (Niklas Luhmann), des Konstruktivismus (Heinz von Foerster, Ernst von Glasersfeld) sowie George Spencer Browns Kalkül als Grundlagen seiner Argumentation vor und spannt den ethischen Bezugsrahmen des Themas auf. Er unterscheidet Ethik von Moral und folgt Luhmanns Bestimmung der Ethik als Reflexionstheorie der Moral. Schließlich kann er zeigen, dass sich Wittgensteins Ethikverständnis (auf das schon Heinz von Foerster immer wieder Bezug genommen hat) mit der Luhmannschen Systemtheorie als kompatibel erweist.

Im zweiten Abschnitt (Teil II) geht es um den zentralen Begriff des Buches – Gerechtigkeit. Auf Höhe des State of the Art diskutiert der Autor ausgewählte Gerechtigkeitskonzeptionen und lotet Möglichkeiten und Grenzen einer Begriffsbestimmung aus, wobei es systemtheoretische Perspektiven und die sprachphilosophische Sicht sind, die deutlich machen, dass jeder Versuch einer Bestimmung der Gerechtigkeit an eine Grenze stößt. Obwohl er jeglichen Absolutheitsanspruch des Gerechtigkeitsbegriffes dekonstruiert, gelingt ihm – mit besonderem Bezug auf Chaim Perelman, der Gerechtigkeit als normative Form der Gleichheit betrachtet – eine relationale Rekonstruktion des Gerechtigkeitsbegriffs und die Entwicklung eines dynamischen Strukturmodells, das er in der Diktion Spencer-Browns einführt. Es folgt eine ausführliche Reflexion der Theoriemodule Wert(e), Regel(n) und Prozess(e): Werte werden aus philosophischer, erkenntnistheoretischer, interdisziplinärer und systemtheoretischer Sicht besprochen, Regel(n) im Kontext organisationaler Gerechtigkeitsprozesse untersucht und organisationale Prozesse als Umsetzung von Wert und Regel dargestellt. Schermann diskutiert Entscheidung, Macht und Führung und stellt um auf eine Ebene zweiter Ordnung, auf der es nicht mehr um Organisation, sondern um Selbstorganisation, nicht mehr um Steuerung, sondern um Selbststeuerung, nicht mehr um Führung, sondern um Selbstführung – um ein Management zweiter Ordnung – geht .

Auf dieser Grundlage und in Bezug zu organisationstheoretischer Forschung sowie zu Ergebnissen aus der Organisationsentwicklung vermittelt Schermann im letzten Teil (Teil III) konkrete anwendungsbezogene Perspektiven und praktische Ansätze für Organisation und Organisationsentwicklung, für Management und Führung. Fokussiert wird hier auf eine Ethik der Veränderung, das heißt auf die Gestaltung gerechtigkeitsrelevanter Prozesse durch Management und Führung, sowie auf die Verantwortung und entsprechende Kompetenz, die dazu erforderlich ist. Das Buch kommt zu einem Zwischenresümee und bietet schließlich exemplarische Zugänge und konkrete Anwendungsmöglichkeiten wie etwa das Tetralemma, das der Autor als „Prozessschema zur Vorbereitung strategischer Perspektiven auf Gendergerechtigkeit“ (S.268) vorstellt.

Diskussion

Heinz von Foerster hätte wohl gemeint, Norbert Schermann sei dazu angetreten, nichts Geringeres als ein unlösbares Problem zu lösen, eine unbeantwortbare Frage zu beantworten. Bereits die Wahl des Titels „Gerechter, nicht gerecht“ lässt die systemtheoretische und konstruktivistische Position und Grundhaltung des Autors zum Ausdruck kommen: Gerechtigkeit fungiert, analog Luhmanns „Kontingenzformel der Entscheidung“, als etwas, was zwar die Aufmerksamkeit orientiert, das selbst jedoch nicht möglich ist. Oder wie Matthias Varga von Kibéd im Vorgespräch meint, als etwas, das „im Prinzip unerreichbar ist, aber dadurch, dass es uns sozusagen vor die Nase gehalten wird, unsere Nase in eine günstige Richtung lenkt.“ (S. 10) Mit anderen Worten: Gerechtigkeit ist nicht möglich, aber sie wirkt. Gerechtigkeit entzieht sich jeder expliziten Repräsentation und Bestimmung, kann nicht gesagt, nicht bestimmt werden, soll und kann aber, das beweist Schermann, gezeigt werden. Die entsprechende Prozesslogik und die idealen operationalen Möglichkeiten dazu findet er in Spender-Browns Kalkül. So verlässt er methodisch den Bereich der klassischen aristotelischen Logik und operiert mit paradoxen Denkfiguren, die er entfaltet, immer in dem Bewusstsein, dass die Unterscheidung von Paradox und Entfaltung ihrerseits paradox ist. Auf exzellente Weise bringt er es fertig, eine Verbindung zwischen der modernen Systemtheorie und dem Konzept der Gerechtigkeit als normativer Kategorie herzustellen, um auf dieser Grundlage ein praxisbezogenes „Implementierungsdesign“ organisationaler Gerechtigkeit, die selbst unmöglich ist, die man niemals „haben“ kann, zu entwickeln. Damit gelingt es ihm, zu zeigen, was nicht gesagt werden kann. Oder anders: zu operationalisieren, was nicht möglich ist, aber wirkt. Und zwar als Management zweiter Ordnung, als permanent latenter Führungskontext, der organisationale Wirklichkeit gestaltet.

Das Buch überzeugt nicht nur durch theoretische Akkuratesse, methodische Eleganz und Originalität, sondern besticht darüber hinaus durch ein stilistisch kreatives (aber auch didaktisches) Element, das, im Leser eine zusätzliche Wahrnehmungsebene ansprechend, dazu einlädt, unterschiedliche Räume, Ebenen und Perspektiven der Beobachtung und Reflexion zu explorieren. In den an Gregory Batesons Metaloge erinnernden Dialogen (Dialoge eins bis sechs als Kapitel 3, 7, 12, 14, 17, 19) kommen Bewohner unterschiedlich dimensionierter Welten wie etwa Punkt, Kreis, Quadrat, Kugel, aber auch Space und Time (was an Edwin A. Abbotts mathematische Satire Flatland erinnern lässt) zu Wort, unterziehen die Argumentation des Autors einer kritischen (Meta-)Betrachtung, akzentuieren und reflektieren zentrale Momente, decken blinde Flecken auf und stellen Zusammenhänge und metaphorische Vergleiche her. Dieser, die Lektüre umrahmende und strukturierende Metadiskurs dient aber nicht nur der Reflexion der Reflexion (Selbstreflexion) und der mehrperspektivischen Durchdringung des Themas, sondern lässt schließlich auch eine, dem Leser zunächst verborgene und implizite Lesart des Buches deutlich werden, in der sich das Tetralemma als geeignetes strategisches Instrument für das Lösen unlösbarer Probleme und das Entscheiden unentscheidbarer Fragen abzeichnet. Analog zur Struktur des Tetralemmas führt auch die Lektüre zur reflexiven Musterunterbrechung und zum kreativen Sprung „in so eine fünfte Position“ (S. 285). In der Sprache Spencer-Browns wird hier zum Re-entry aufgefordert – der letzte Dialog schließt an den ersten an. Die fünfte Position ist immer zugleich auch eine erste Position, jedoch auf einer neuen Ebene – ähnlich einer sich drehenden Spirale, die prinzipiell immer weiter gedreht werden kann: Gerechter eben, nicht gerecht.

Fazit

Empfohlen sei dieses anspruchsvolle, gleichzeitig sympathische Buch allen, die an der Frage systemischer Ethik im Kontext von Organisation und Gesellschaft interessiert sind. Es leistet nicht nur einen exzellenten interdisziplinären Beitrag zum Grundlagendiskurs der Organisationsethik, sondern zeichnet sich insbesondere durch seine Praxisnähe aus. Vor allem Fach- und Führungskräfte mit leitender, beratender oder organisierender Tätigkeit wie Manager, Personal- und Organisationsentwickler sowie Unternehmensberater, Supervisoren, Coaches, Organisationsberater, aber auch Lehrende und Studierende dieser Fachbereiche, finden darin einen hervorragenden und wertvollen Ansatz angewandter Organisationsethik – und werden darüber hinaus zu „systemischem Querdenken“ ermutigt.


Rezensentin
Dr. Ramita Blume
MSc, MSc, Medien- und Kommunikationswissenschaftlerin, Pädagogin, Systemische Therapeutin, Supervisorin und Organisationsentwicklerin.
Pädagogische Leitung des Instituts für Integrative Bildung Sympaideia Wien, Innsbruck. Publikationen im Bereich Systemische Ethik und Erziehung.
Homepage www.sympaideia.com
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Zitiervorschlag
Ramita Blume. Rezension vom 04.05.2013 zu: Norbert Schermann: Gerechter, nicht gerecht. Organisationale Gerechtigkeit als Zumutung an Führung und Management. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2012. ISBN 978-3-89670-959-2. Reihe: Management, Organisationsberatung, Führung. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/14931.php, Datum des Zugriffs 29.08.2016.


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