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Cornelia Schadler: Vater, Mutter, Kind werden

Cover Cornelia Schadler: Vater, Mutter, Kind werden. Eine posthumanistische Ethnographie der Schwangerschaft. transcript (Bielefeld) 2013. 340 Seiten. ISBN 978-3-8376-2275-1. D: 32,80 EUR, A: 33,80 EUR.

Reihe: Kulturen der Gesellschaft - Band 8.
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Thema und Hintergrund

Das Thema Eltern werden, auch in postmodernen Gesellschaften, ist nach wie vor ein sehr reizvoller Untersuchungsgegenstand. Auch unter dem Aspekt der Veränderungen im Laufe der Jahrzehnte. Wie gestaltet sich der Prozess von Wannabe-Elternschaft, Schwangerschaft und Elternwerden in einer postindustriellen Gesellschaft? Die Autorin C. Schadler zeigt sehr akribisch anhand einer Vielzahl von Tätigkeiten von werdenden Eltern, wie der Transformationsprozess von Männern und Frauen zu Vätern und Müttern vonstattengeht. Obwohl der Erhebungsort die Stadt Wien (Österreich) ist, kann gesagt werden, dass die Ergebnisse im erweiterten europäischen Raum verwendbar sind.

Aufbau und Inhalt

Die vorliegende Dissertation von Cornelia Schadler stellt in insgesamt sieben Kapiteln und 26 Unterpunkten eine sehr detaillierte Ausführung über die einzelnen Phasen des Eltern Werdens dar.

Nach der Danksagung und dem Vorwort im ersten Kapitel wird die LeserIn im zweiten Kapitel mit dem Untersuchungsgegenstand konfrontiert. Hier wird unter anderem festgestellt, dass „der Prozess des Elternwerdens […] durch einen Kinderwunsch (angestoßen wird), der langsam entsteht, meist gefolgt von Tätigkeiten, die einen Embryo herstellen sollen, oder durch die Entdeckung einer Schwangerschaft, gefolgt vom Beschluss diese weiter fortzuführen“ [1].

Das dritte Kapitel beschreibt das gemeinsame Eltern werden von Frau und Mann.

Im vierten Kapitel werden die Empirie des Untersuchungsgegenstandes und die vier Hauptfragen, die das Forschungsinteresse der Autorin verdeutlichen, vorgestellt. Die Fragen lauten wie folgt:

  • Teil welcher Praktiken sind Frauen und Männer am Übergang zur Elternschaft?
  • Welche Partizipierenden sind innerhalb dieser Praktiken figuriert und was sind ihre Tätigkeiten?
  • Wie werden spezifische Partizipierende innerhalb dieser Praktiken, die Frauen und Männer, als Mütter und Väter figuriert?
  • Wie werden diese Partizipierenden manifestiert und transformiert?

In den beiden Kapiteln fünf und sechs, die relativ umfangreich gehalten werden, wird der historische Kontext, den Wunsch von Paaren erst schwanger, dann Eltern zu werden, um dann in die postnatale Phase der Eltern ein Einblick zu gewähren, mit dem Ziel, „[…]den Übergang zur Elternschaft aus einem posthumanistischen Forschungsparadigma heraus zu betrachten und in Folge die Praktiken, an denen werdende Eltern teilhaben, und das Werden der Frauen und Männer zu Müttern und Vätern zu beschreiben“ [2], dargestellt. Dieses wird von der Forscherin in Form von sechs durchgeführten Leitfadeninterviews, die mit Paaren [3] durchgeführt worden sind, vorgestellt. Hierbei werden die Wünsche, die Ängste und die Unsicherheiten der betreffenden Paare deutlich. Diese Informationen vermengt die Autorin mit weiteren für sie zu Verfügung stehenden Quellen, wie z.B. Freunden, Büchern und Medien aller Art, um zum einen bereits bekannte Ergebnisse zu formulieren und zum anderen relativ neue Erkenntnisse zu präsentieren. An der Transformation zum Elternwerden, die sowohl körperlich, sozial als auch rechtlich stattfindet, sind nicht nur die werdenden Eltern beteiligt, sondern auch ihr soziales Umfeld.

Das letzte Kapitel beinhaltet Schlussfolgerungen und das Fazit zum Forschungsgegenstand. Unter anderem lässt sich festhalten, dass neben den allgemein bekannten Ergebnissen, dass trotz vieler neuen Errungenschaften im Bereich des Genders und im Zuge der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, betreffend der Elternrollen, doch immer noch vieles sehr traditionell und konservativ betrachtet und gelebt wird. Denn trotz aller Pluralisierungstendenzen zeigt die Autorin aus ihrer Studie heraus, dass das klassische zwei Elternteile + Kind = Familie Modell [4] immer noch am meisten bevorzugte Modell zu sein scheint. Aber auch geht aus den neueren Studien hervor, dass Menschen immer noch an Werten wie einer stabilen Partnerschaft und/oder einer Ehe festhalten [5]. Ebenso die Rollenverteilung und somit die Aufgabenverteilung in den Familien scheinen im Jahre 2013 immer noch relativ traditionell zu sein. Die Veränderungen auf dem Wege zu werdenden Eltern werden und zu Eltern werden, werden allerdings sowohl von den interviewten Paaren als auch seitens der weiteren Quellen in Form einer Verschlechterung beschrieben. Die wirtschaftlichen Komponenten als auch die emotionalen Komponenten (die Beziehung unter den werdenden Eltern/Eltern): „weniger Beziehungsqualität, weniger Freizeit, weniger Sport, weniger Sex und ungleiche Aufteilung der Arbeit“ [6]. Erwähnenswert wäre in diesem Zusammenhang aber auch, dass festgehalten wird, dass bei allen Nachteilen und Verschlechterungen in diesen Phasen des Elternwerdens, in allen möglichen Paarkonstellationen, die es gibt, die biologischen Mütter die meisten Nachteile erleben.

Diskussion

Im historischen Kontext gesehen ist der Zeitpunkt einer gewollten Elternschaft, einerseits durch die Erfindung der Pille für die Frau, planbarer geworden und andererseits durch die Abfolge der neuen erwünschten Biographien, wie folgt als beste Lösung für junge Erwachsene genormt. Nämlich in der Form, dass zuerst die Ausbildung, dann der Beruf und zum Schluss die Kinderplanung anstehen. Feststellen lässt sich, dass Erstschwangerschaften im Durchschnitt mit 29 Jahren erfolgen [7].

Ein interessantes Ergebnis der vorliegenden Studie ist, dass die werdenden Väter sehr wohl in die einzelnen Phasen des Elternwerdens involviert werden sollten, wie z.B. Handauflegen, bei der Ultraschalluntersuchung dabei sein etc., aber die eigentliche intensive Erfahrung während und nach der Schwangerschaft nach wie vor hauptsächlich bei den Müttern stattfindet, die diese Phasen intensiver erlebten, was auch mit ihren eigenen Biographien und Kompetenzen (Fähigkeiten zu Stillen) zusammenhängt. Hierbei fühlten sich Väter ausgeschlossen. „Übereinstimmend wird jedoch eine qualitative eigenständige Beziehung von Vätern zu ihren Kindern nicht mehr wissenschaftlich angezweifelt“ [8]. Die Konstrukte von Männlichkeit und Väterlichkeit sind in der Moderne auch vielfältiger geworden. Außerdem darf in diesem Zusammenhang die Rolle der „neuen Väter“ nicht vernachlässigt werden. Die Handlungen dieser sind bewusster und reflektierter als vorher. Rinken stellt fest, dass nach einer Wiener Studie [9] die Arbeitszeitreduktion nach der Geburt eines Kindes bei den Vätern nach wie vor eine Seltenheit ist und zitiert Becks Diagnose aus den 80ern: „verbale Aufgeschlossenheit bei weitgehender Verhaltensstarre“ [10]. 2004 stellte schon Kahle fest, dass „sowohl bei Alleinerziehenden als auch in Paarhaushalten gilt: Männer sind im größeren Umfang erwerbstätig als Frauen“ [11]. Neuere Studien zeigen auch, dass biologische Mütter weniger am Arbeitsleben partizipieren als biologische Väter. Kinder zu haben beeinträchtigt also die Erwerbsarbeit von Frauen stark, die Erwerbsarbeit von Männern dagegen scheint es noch zu befördern [12].

Selbst Zeitschriften, die sich mit werdenden Eltern und Eltern beschäftigen, stellen die Väter, die zu Hause bleiben und sich um das Kind kümmern, immer noch als Exoten dar. Das klassische Modell wird immer wieder damit begründet, dass der Mann nach wie vor den besser bezahlten Job hat und dergleichen [13]. Die Feststellung der Forscherin, dass einige Männer aus ihrer Untersuchung, als es um die Vorbereitung des Kinderzimmers ging, welches vorher als Arbeitszimmer den werdenden Eltern diente, „[…] ihre Schreibtische oder Arbeitsgeräte in andere Räume transportieren konnten, die Schreibtische oder Geräte der Frauen bei einigen in den Keller (wanderten) oder entsorgt (wurden)“ [14], ist bezeichnend.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass in den umfangreichen Ausführungen Schadlers im Bereich des Eltern Werdens mit all ihren vielfältigen Facetten, die LeserIn wenige wirklich neuen Erkenntnisse erhält. Vielmehr bekommt sie einen enormen Einblick in die einzelnen Phasen des Eltern Werdens und einer an das Interesse der Forscherin geknüpften, familiensoziologischen Forschung zum Übergang zur Elternschaft und hierbei insbesondere der Väterforschung.

Somit kann die vorliegende Arbeit besonders im Hinblick auf die Rolle der Männer in einem relativ langen Prozess des Vater Werdens empfohlen werden. Der Autorin ist der Schritt von werdenden Eltern werden hin zu Eltern werden in vielen Schritten über die Partizipation des Umfeldes der werdenden Eltern bis hin zu medizinisch wichtigen Etappen, als auch über den Weg vom Paar zu Eltern werden u.v.a.m. sehr gut gelungen. Aber auch wie die werdenden Eltern psychisch und physisch in dem ganzen Prozess von bestimmten Parametern beeinflusst werden und ihre individuellen Reaktionen auf diese wurden insgesamt sehr gelungen festgehalten.


[1] Schadler, C. (2013): Vater, Mutter, Kind werden. Eine posthumanistische Ethnographie der Schwangerschaft. Transkript Verlag, Bielefeld, S.15

[2] Schadler 2013, S.14

[3] Hier sind mit Paaren, Wannabe-Eltern gemeint: Menschen mit Kinderwunsch

[4] Schadler 2013, S.32

[5] Vgl. Schadler 2013, S.26ff. (vgl. Zartler 2012, Sharp and Ganong 2007, Hertz 2006)

[6] Schadler 2013, S.31

[7] Statistik Austria (Hrgb.) 2010: Demographisches Jahrbuch 2009. Wien: Statistik Austria

[8] Rinken, B. (2010): Spielräume in der Konstruktion von Geschlecht und Familie? Alleinerziehende Mütter und Väter mit ost- und westdeutscher Herkunft. VS Verlag für Sozialwissenschaften,S.121

[9] Rollert, B./Werneck, H. (1993): Die Bedeutung von Rollenauffassungen junger Eltern für den Übergang zur Elternschaft. Wien: Universität: Institut für Psychologie, Abteilung für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie.

[10] Beck, U. (1986): Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S.169

[11] Kahle, I. (2004): „Alleinerziehende im Spannungsfeld zwischen Beruf und Familie“. Forum der Bundesstatistik 43, S.178

[12] BMFSFJ. Gender Datenreport, S.285-286

[13] Zeitschrift: Eltern

[14] Schadler 2013, S.319


Rezensentin
Bircan Kocabas
Dipl. Sozialpädagogin/ Dipl. Sozialarbeiterin
Soziales Zentrum e.V., Dortmund
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Zitiervorschlag
Bircan Kocabas. Rezension vom 30.10.2013 zu: Cornelia Schadler: Vater, Mutter, Kind werden. Eine posthumanistische Ethnographie der Schwangerschaft. transcript (Bielefeld) 2013. ISBN 978-3-8376-2275-1. Reihe: Kulturen der Gesellschaft - Band 8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/14950.php, Datum des Zugriffs 24.05.2016.


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